Das Begraben einer Illusion #literatur #leben

Der gute E., der eigentlich R. ist, hatte es die letzte Woche längst geahnt, dass sich da etwas in ihm zusammenbraut. Natürlich handelt es sich um eine zwischenmenschliche Befindlichkeit, die durch A., die eigentlich P. ist, ausgelöst wurde. Wobei, so einfach mag es nicht sein. Sagen wir, es ist kompliziert. Besser noch: Einer macht aus dem Einerlei zweier Menschen eine dialoglastige Tragikomödie, die sich zu einer veritablen Farce auswächst, während die andere gar nicht bemerkt, dass sie in einem Theaterstück mitspielt. Sie tut, was sie immer getan hat, nämlich ihrer Laune freies Geleit geben, gerade wenn es um E. geht. Der nimmt sich zu viel heraus. Denkt sie. Sagt sie. Und gibt E. zu verstehen, dass es nun mal enge Grenzen in einer Freundschaft gibt. Da liegt auch schon der Hase im biologisch angebauten Pfeffer.

E. musste nämlich bemerken, dass er seit geraumer Weile in einer Illusion gelebt hat. Sie war wohlig angenehm. Das haben Illusionen und Phantastareien, genauso wie Tagträume so an sich. Sie sind bunt und lustig, fröhlich und optimistisch und immer völlig unrealistisch und weltfremd. E. glaubte sich der guten A. tief verbunden. So verbunden, dass er – ohne es bewusst zu wollen – eine partnerschaftliche Beziehung mit A. führte, während A. nur eine gute freundschaftliche Beziehung mit E. pflegte. Gewiss, in seltenen Momenten, da konnte frau schon mal Kopf und Verstand verlieren, aber das waren Ausnahmen von der Regel, die A. mit sich, nicht mit E. ausmachte.

Somit waren Konflikte vorprogrammiert. E. forderte bewusst unbewusst von A. ebenfalls eine partnerschaftliche Herangehensweise. Aber davon wusste sie nichts. In ihren Augen überspannte E. immer wieder den freundschaftlichen Bogen, was sie ihm auf ihre Weise anzeigte: Sie ging auf Distanz und ließ den berühmt-berüchtigten Rollladen herunter. E. blieb nichts anderes übrig, als gute Miene zu machen und vorsichtig auf A. einzuwirken. Am Ende einigten sie sich auf Unentschieden, der Rollladen wurde wieder hochgezogen und die freundschaftliche Normalität hergestellt. Nur E. kippte alsbald erneut in seine Illusion und, wie kann es auch anders sein, überspannte den freundschaftlichen Bogen ein weiteres Mal. Die Folge von alldem war ein Kreislauf aus Anziehung und Abstoßung. Diese Achterbahnfahrt hatte R., der eigentlich E. ist, oft gute literarische Dienste erwiesen, die E. freilich mit vielen Seelenqualen bezahlen musste. Der eine schrieb, der andere litt. Und umgekehrt. Ja, nichts wird einem geschenkt, alles hat seinen Preis. In der Literatur wie im Leben.

Doch nun reifte – endlich, möchte man als Zuschauer sagen – in E. die unangenehme Erkenntnis, dass er einem toten Pferd die Peitsche gegeben hatte und diese für ihn so besondere Beziehung nur seiner Einbildung entsprungen war. Es wogte und wallte grauenhaft in Brust und Kopf von E., der sich mit einem schlimmen Trennungsschmerz auseinanderzusetzen hatte. Er wird sich von seiner Illusion, die ihm lieb und teuer war, endgültig verabschieden müssen, will er nicht zu einem albernen Hanswurst des Herzens werden, der pfeifend und lachend in jene tiefe dunkle Grube fällt – wir nennen sie Realität – die seine Illusion für ihn gegraben hat.

Jetzt ist die Frage, wie es mit E. weitergeht. Für A. wird sich vorerst nicht viel ändern. Sie lebt die freundschaftliche Beziehung, die weder Versprechen noch Verpflichtung kennt und mit einem „Schau ma mal“ vage in die Zukunft greift und immer ein „Vielleicht“ vor jeder Möglichkeit voranstellt. Für E. hingegen ändert sich alles. Er ist wieder auf sich allein gestellt. Mutterseelenallein muss er nun der unbarmherzigen Welt trotzen. Niemand, der ihm beisteht, niemand, der seine zittrige Hand hält. Bei diesen Gedanken fröstelt und friert er – und in Zeiten von Erdgas- und Ölknappheit kann das zu einer bösen Verstimmung führen.

R. versucht deshalb Humor und Leichtigkeit nicht gänzlich zu verlieren, will er nicht vollends eine deprimierende Farce aus der Geschichte zwischen E. und A. machen. Aber er merkt nur allzu deutlich, dass der Verlust dieser Illusion, die ihm Sicherheit und Geborgenheit vorgaukelte, eine große schmerzhafte Wunde hinterlassen wird. Die Zeit, heißt es, sei die beste Heilerin. Das gilt für Knochenbrüche genauso wie für gebrochene Herzen. So mag viel Wasser die Donau hinunterfließen müssen, bis E. von seinem Lug und Trug geheilt ist und R. die Illusion begraben kann.

„Es könnt‘ so einfach sein“, singt A., die eigentlich P. ist und fügt noch halb scherzend, halb bestimmend hinzu: „Ist es aber nicht!“
E., der eigentlich R. ist, nickt.
Seufzend.
Wissend.

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