Alle Beiträge von Richard K. Breuer

Schriftsteller & Verleger

Brechen wir eine Lanze für den Frauenfussball #WM2019

Jetzt, wo die FIFA Frauenfußballweltmeisterschaft in Frankreich in die K.O.-Phase übergegangen ist, dürfte die Zeit reif sein, eine Lanze für den Sport zu brechen. Es war das Achtelfinalspiel zwischen Norwegen und Australien, das mich schlussendlich dazu veranlasst hat, die Lanze zwischen den Arm zu klemmen und anzureiten. Als schreibender Ritter voller Gnaden ist es mir ein Anliegen, das schwache Geschlecht zu verteidigen. Falls Sie mir jetzt einen bösen Blick zuwerfen, von wegen ’schwach‘, dann verweise ich auf die Ausschüsse der Torfrauen bei dieser Weltmeisterschaft und Sie werden bemerken, verglichen mit ihren männlichen Kollegen, dass es Unterschiede gibt. Aber ist es wirklich so schlimm, auf physiologische Unterschiede hinzuweisen und sie nicht, wie es leider oft in den Medien gemacht wird, unter den Rasen zu kehren? Es ist wie es ist. Punktum. Konzentrieren wir uns besser auf das Wesentliche.

Hier die teilnehmenden Nationalmannschaften der diesjährigen WM – von Argentinien bis Thailand. Und hier meine Gedanken zur dramatischen Frauenfußball-WM 2011 in Deutschland.

Also, warum gucken wir Fußball? Geht es darum, den perfekten Spielaufbau, die begnadetsten Dribblanskis oder die augenbetörendsten Flanken zu sehen? Nicht wirklich. Es geht um das Spiel an sich, um das Hin und Her, um das Biegen und das Brechen. Kurzum, es geht um die Dramatik. Als der Höhepunkt des perfekten Fußballs in Barcelona zelebriert wurde, winkte ich ab und verzichtete darauf, diesem Tiki-Taka-Herumgeschiebe ganze 90 Minuten zusehen zu müssen. Auch wenn die Leistung der Spanier unter Trainer Pep Guardiola sicherlich sehr beeindruckend war, die Technik, die Taktik, die Ballbeherrschung, das Pressing, alles war nahezu in Perfektion auf den Rasen gebracht worden – und doch fehlte dem Ganzen die Würze, vielleicht sogar die Seele des (Fußball)Spiels.

Das diesjährige Championsleague-Finale zwischen Liverpool und Tottenham – auf dem Papier war es die Spitze des europäischen Profifußballs – packte mich nicht. Ich döste vor mich hin. Weil das Feuer fehlte und die Bereitschaft Tottenhams, die Brechstange auszupacken und „Hollywood“ zu spielen, einfach nicht vorhanden war und Liverpool – ganz untypisch unter Trainer Klopp – den Vorsprung verwaltete. So plätscherte das Spiel dahin, ja, es war einfach nur zum Gähnen. Wechseln wir nun zum zuvor erwähnten Duell zwischen Australien vs. Norwegen. K.O.-Phase. Beide Mannschaften wollten es wissen, man spürte es, ja, man konnte sehen, wie beide Teams das gegnerische Tore suchten. Selten wurde abgewartet, selten quer, oftmals tief gespielt. Dadurch, dass es den Spielerinnen an technischer Perfektion fehlte, wurden viele Fehler gemacht, die dem Ganzen eine Unberechenbarkeit gaben, die man im heutigen Profifußball nur noch selten sieht – und wenn die „Aussetzer“ tatsächlich einmal geschehen, sind sie Gesprächsstoff für viele Stammtische (beispielsweise hatte im CL-Finale 2018 der Torhüter von Liverpool zwei famose Blackouts).

Das Achtelfinalspiel zwischen Australien und Norwegen hatte alles, was das Fußballerherz höher schlagen lässt: früher Führungstreffer, später Ausgleich, Stangen- und Lattenschüsse, Verlängerung, Aufopferung bis zum letzten Wadenkrampf, Torraub und rote Karte, Elfmeterschießen und ungehemmter Siegestaumel.

Ja, das ist es, was wir sehen wollen. Während der Männerfußball bereits in eine Zweiklassengesellschaft zerbrochen ist: da die CL-Platzhirschen mit ihren Trillionenbudgets, dort die Underdogs, die sich mit Müh und Not über Wasser halten können. Ausnahmen bestätigen hier nur die Regel, wie beispielsweise das junge Team von Ajax Amsterdam, das in dieser CL-Saison einen erfrischenden Angriffsfußball mit großem Erfolg spielte und nur mit Pech nicht ins Finale kam. Wir können davon ausgehen, dass nun ein Ausverkauf der Spieler stattfinden wird und in der nächsten CL-Saison die Rangordnung wieder hergestellt ist.

Während also der Männerfußball nur noch selten überraschen kann, zeigt der Frauenfußball, welch Potenzial in diesem Sport steckt. Vielleicht war es in den Anfängen nicht unähnlich, damals, als sich der männliche Körper und sein Geist langsam, aber zielstrebig weiterentwickelte. Vom Angriffsfußball zur WM-Aufstellung und zum Catenaccio und wieder zurück. Die Fußballkinder wurden in der Straße groß, man spielte für ein Butterbrot und träumte von einem Paar richtiger lederner Fußballschuhe. Bald rückte das Training in den Vordergrund. Der Amateur wurde zum Halbprofi, dann zum Profi und schließlich zum Geschäftsmann, der seine Zukunft abzusichern hatte. Fußball wurde populär, weil die Burschen den Anreiz in die Wiege gelegt bekamen und zu Helden avancieren konnten – egal aus welcher Schicht einer stammte, egal mit welchem IQ einer gesegnet war. Heute zählt der Frauenfußball in den USA bereits zum Volkssport, weshalb es nicht wundert, wenn die Nationalmannschaft Sieg um Sieg einfährt und dadurch noch mehr Mädchen anzieht. Je größer der Pool, aus dem gefischt werden kann, umso besser für den Sport, der nach Talenten giert.

Noch ist der Frauenfußball recht unbefangen, sozusagen jungfräulich unbefleckt, der Erfolg heiligt nicht alle defensiv-taktischen Mittel, die zu einem veritablen Schnarchnasenkick führen. Einen Schwalbenkönig wie Arjen Robben, der Spiele auf die ungerechteste Art und Weise entscheiden kann, gibt es gottlob nicht (vielleicht auch dank des virtuellen Schiedsrichterassistenten VAR), brutales Einsteigen nur dann, wenn die Nerven aufs Äußerste gespannt sind; überhaupt wird das Spiel der Damen fair geführt, was dem Spielfluss sehr zugute kommt und es geschieht wahrlich selten, dass die Gefoulte lamentiert. Ganz anders der Männerfußball. Was vermutlich dem generell harten Einsteigen der Mannsbilder geschuldet ist, die oftmals keine Gefangenen machen möchten. Die Fußballerinnen wirken auf mich, als würden sie nicht mit vollem Risiko in die Zweikämpfe gehen. Gut möglich, dass sich das einmal ändern wird, je mehr sie trainiert, besser: gedrillt, werden. Schlag nach beim Militärdienst.

Ja, Frauenfußball tritt langsam aus dem Schatten ihres großen Bruders. Ich denke, dass der Sport in den nächsten Generationen zum Mainstream gehören wird. Familien können sicher sein, im Stadion eine angenehme Zeit zu verbringen, ohne von Hooligans bedrängt oder von besoffenen Randalierern belästigt zu werden. Das Budget der Klubs ist noch verhältnismäßig bescheiden, aber auch das wird sich bestimmt ändern, je populärer der ganze Zirkus wird. Es bleibt zu hoffen, dass der Sport von (erfolglosen) Ex-Männleins verschont bleibt – frei nach dem Motto: heute ein erfolgloser Provinzfußballer, morgen eine erfolgreiche SpitzenfußballerIN – Hormontherapie hin oder her.

Wie erfrischend und anders der Frauenfußball sein kann, zeigte das Spiel England vs. Kamerun. Die Afrikanerinnen fühlten sich durch Schiedsrichterentscheidungen ungerecht behandelt und waren für eine kurze Zeit nicht zum Weiterspielen bereit. Erst das gute Zureden ihrer Kapitänin und des Trainers brachte die Revolte zum Erliegen. Man musste schon Mitleid haben, mit den Spielerinnen aus Kamerun, die dem englischen Goliath beherzt die Stirn boten, aber am Ende unglücklich – zugegeben, auch tollpatschig – den Ball aus dem eigenen Tor holen mussten. Wäre den Afrikanerinnen der Anschlusstreffer gelungen, sie hätten ein emotionales Feuerwerk auf dem Rasen gezündet, das wohl heute noch brennen würde. Aber es sollte nicht sein. Schad drum.

Übrigens, wenn Sie meinen, in der Abwehr von Kamerun würden nur „g’standene Madln“ spielen, dann haben Sie noch nicht Estelle Johnson gesehen. Die gebürtige Amerikanerin mit afrikanischen Wurzeln hat mehr Ähnlichkeiten mit einem Model als mit einer Abwehrspielerin – und trotzdem steht sie ihre Frau im Abwehrzentrum. Respekt.

Frauenfußball ist durchaus schön zum Anschauen. Selbstverständlich soll es das auch. Die Brasilianerin Marta trug dem Rechnung und Lippenstift im Spiel gegen Französinnen, die gleich im Pyjama aufgelaufen sind. Süß. Apropos Fußballdressen. Der Ausstatter Nike versteht es, die Damen passend einzukleiden, während andere Textilschneider keinen Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Anatomie machen. So liefen und laufen die Norwegerinnen und Australierinnen mit übergroßen Zeltplanen auf und der grässliche Farbverlauf des norwegischen oder die abstrakte Kunst des australischen Trikots lässt einen an Augenkrebs denken. Das haben die Damen und vor allem die Zuschauer nicht verdient. Da lobe ich mir beispielsweise das englische „weiße Ballett“ – simpel, eng anliegend, ein wenig tailliert, kurz, knapp und damit ein Hingucker. Ob die Trikots der 1970er Jahre ein Revival feiern, wäre beinahe wünschenswert. Das war jene Epoche als die Fußballer mit zwei Nummern zu kleinen Shirts aufliefen. Vor allem bei den schlaksigen langen Brasilianern wirkte das Ganze ein wenig befremdlich. Aber so war das, damals, in einer Epoche, als WM-Spiele und WM-Siege mit politischen Tricks erzwungen werden konnten. Don’t cry for me Argentina, sozusagen.

Lange Haare sind noch nicht gänzlich den sportlich kurzen gewichen. So freue ich mich wie ein kleiner Junge, wenn bei einem Sprint oder Kopfball die Zöpfe der Spielerinnen fliegen. Haarvergehen konnte ich bis dato keines ausmachen. Im Gegensatz dazu erinnere ich mich an Peter Crouch, der sich am langen Rasta-Zopf eines Verteidigers von Trinidad & Tobago zum Kopfball förmlich hochzog und so das Tor machte. Ich hoffe, dem guten Crouch ist das noch heute unangenehm.

Tätowierungen, die den Körper regelrecht entstellen, sozusagen verhässlichen – im Männerfußball lange Zeit im Trend, dank eines David Backham – sind bei den Frauen noch selten anzutreffen. Ich hoffe, das bleibt so. Die Spanierin Maria Leon dürfte das sicherlich anders sehen, aber als Verteidigerin muss man vermutlich zeigen, wie tough frau sein kann. Nebenbei hatte sie im Spiel gegen die USA ihr Shirt in der Hose – hatte ich bis dato bei keiner Spielerin sonst gesehen. Glück hat es ihr und ihren Kolleginnen freilich nicht gebracht. Mit 1:2 ausgeschieden – aber ordentlich dagegen gehalten.

Also, noch ist die Frauenfußball-WM im vollen Gange, noch kann man(n) sich davon überzeugen, dass es keinen Unterschied macht, welche Gene auf dem Rasen den Ball treten, will man Spannung und Dramatik, Leidenschaft und Emotion erleben. Während sich die Fußballspiele der Männer oftmals im höchstmöglichen Mittelmaß auspendeln, schlagen die Damen nach oben und unten extrem aus. Das eine Mal werden lange Flanken geschlagen und der Ball perfekt angenommen, das andere Mal verhungert ein Schuss auf halbem Wege zum Tor und man könnte meinen, der 9-jährige Neffe hätte mehr Schmalz in den Schenkeln. Da werden Konter mustergültig im Sprint absolviert nur um beim Abschluss völlig zu schwächeln. Licht und Schatten wechseln sich ab. Apropos. Torhüterinnen haben es sicherlich am schwersten – während ihre männlichen Kollegen das Gehirn ausschalten und sich mit vollem Risiko gegen eine Menschenmauer werfen, agieren die Damen zögerlich, zaghaft und vielleicht sogar verängstigt. Verständlich, ich wollte früher auch nie ins Tor, hatte Bammel vor scharfen Schüssen („Bitte net anrauchen, ja?“) und weil ich eine Brille trug, war das eine gute Ausrede. Aber – wie gesagt – mit Training und Drill wird man die Damen vielleicht auch zu tollwütigen Torhütermaschinen machen können. Ob das gewünscht ist, sei dahingestellt. Je größer der Gewinn, desto höher die Bereitschaft, Risiko zu nehmen. Das liegt in der Natur der zivilisatorischen Sache.

Am Ende meiner Lanzenstecherei zitiere ich den französischen Autor Sacy, der über das alte Rittertum und deren Abstieg in die Bedeutungslosigkeit befand. Der Vergleich mit dem Fußballsport mag an den langen Haaren herbeigezogen sein und ein wenig krampfhaft wirken, aber die Wahrheit ist bekanntlich so weiß wie die Trikots der englischen Nationalmannschaft und liegt auf dem Platz:

„So lange ein Lorbeerkranz der Lohn der Tapferkeit war, hatte Rom Helden: sobald man ihr aber Statthalterschaften und Reichtümer versprach, fand Rom nichts als gemeine Krieger, die ihre Dienste immer nach ihrem Solde abmaßen, und sie zuweilen wohl noch in geringerem Maße leisteten.“

Game of Thrones – „Es fühlt sich nicht richtig an“ #kritik

Mehr als 8 Jahre und ganze 73 Folgen haben die Fans der Serie Games of Thrones zuwarten müssen, um herauszufinden, wie alles enden wird. Ich habe dafür freilich nur eine Hand voll Wochen gebraucht. Ich gebe zu, hätte es nicht diesen sogenannten Backlash der Fans gegeben, bezüglich der letzten Staffel, ich hätte mir die Serie wohl nicht angesehen. Aber all diese Wut, all diese Enttäuschung der Leute haben mich stutzig gemacht. Ich wollte wissen, woran die Story bzw. deren Umsetzung scheiterte. Als Schriftsteller vieler Bücher ist es mir ein Anliegen, die Spreu vom Weizen zu trennen, sozusagen schlecht Geschriebenes von gut Geschriebenem zu unterscheiden. Am Ende, die letzte Folge schwingt noch im Kopf nach, ist es, wie John Schnee einmal sagte: „Es fühlt sich nicht richtig an!“

Vorweg möchte ich festhalten, dass solch eine opulente TV-Show auf die Beine zu stellen und filmisch umzusetzen eine beachtliche Leistung darstellt. Respekt. Die vielen Geschichten und Episoden waren freilich von unterschiedlicher Qualität und oftmals hatte ich den Eindruck, dass es den Produzenten und Autoren vor allem darum ging, mit Freizügigkeit nicht zu geizen und mit Brutalität zu schockieren – für die Handlung waren sie selten von Belang. Sex sells, ich weiß. Darüber habe ich lang und breit hier geseufzt: Kritik zur Staffel #1 und #2.

Kommen wir zur eingangs gestellten Frage: Warum fühlt sich die Auflösung der Geschichte nicht richtig an? Nun, der Fehler wurde m. E. nicht in der letzten Staffel begangen, sondern ist einerseits in den Büchern – die ich freilich nicht kenne, weshalb ich Mutmaßungen anstellen muss – andererseits in der Drehbuch-Überarbeitung zu finden. Die Serie beginnt nämlich mit der Gefahr im Norden, mit den Untoten. Gewiss wollten die Produzenten mit einem Big Bang ihr bombastisches TV-Serien-Vorhaben einläuten. Was eignete sich da besser als ein mysteriöses Rätsel rund um Zombies, das immer wieder für brutale Szenen sorgt und so zum Gesprächsstoff der Zuseher werden würde?

Aber damit wurde der Fokus der epischen TV-Serie auf diese große Gefahr aus dem Norden gelegt – auch wenn viele Folgen diesen Erzählstrang nur am Rande streiften, er nahm mit jeder Staffel einen wichtigeren Stellenwert ein. Die blutige Rangelei um den Königsthron rückte immer mehr in den Hintergrund. Bis es zum vermeintlichen Höhepunkt kam: Die Schlacht zwischen den Lebenden und den Toten.

Das war in der 3. Folge, sozusagen knapp vor Halbzeit der letzten Staffel. Der Tod aus dem hohen Norden setzt zum vernichtenden Schlag gegen die Lebenden an: Winter is coming! Ein Krieg, der von den Lebenden nicht gewonnen hätte werden können. Hier ist wohl der zweite Fehler von der Autorenschaft gemacht worden. In dem die Untotenarmee praktisch als unbezwingbar dargestellt wurde, brauchte es eine Achillesferse, die aber leider recht altbacken ausfiel: Man töte den obersten Anführer, den Nachtkönig, und damit zerfällt seine Armee, ist die Schlacht und der Krieg endgültig gewonnen. Aber wie kommt man überhaupt in die Nähe dieses allmächtigen Nachtkönigs, der umgeben ist von Untoten und mächtigen Dienern, ja, der sogar in der Lage ist, die Toten auferstehen und für sich kämpfen zu lassen, der einen Drachen mit einem Speer vom Himmel holte und über Magie zu verfügen scheint, die niemand auch nur im Ansatz verstehen kann. Nun, die Autoren wählten für den „Bogenschuss“, der die Erlösung bringen sollte, ein Mädchen, das in der Fremde ihre Unschuld verlor und in der Nacht zur Frau wurde. Wie aus heiterem Himmel fliegt sie herbei und rettet die Menschheit mittels eines Messerstichs in die Brust des Nachtkönigs. Das war es? Das war es! Die Schlacht ist vorbei, der Krieg gewonnen. Die Lebenden haben obsiegt.

Damit hätte die große Saga zu Ende gehen können. Die „Schlacht um Winterfell“, der Kampf zwischen Leben und Tod, zeigte die Protagonisten gemeinsam in einer ausweglosen Situation. Sie alle hatten den sicheren Tod vor Augen. Das ist die Essenz des heroischen Kampfes, der sich nicht nur am Feld, sondern vor allem im Herzen abspielt. Nichts hätte diese Untoten aufhalten können. Ein Feind, so übermächtig, dass es absurd schien, überhaupt auf einen Sieg hoffen zu dürfen. Doch die Autoren degradierten diesen Überlebenskampf zu einer winterlichen Balgerei im Schnee und wechselten so schnell es ging die Kulisse.

Der zweite Erzählstrang, die Rangelei um den Königsthron, musste in den letzten drei Folgen ebenfalls zu einem Ende gebracht und die verschiedenen Plotknäuel aufgelöst werden. Vermutlich hätte fast jede Lösung die Fans unzufrieden gemacht – so oder so mussten sie alle Abschied nehmen, von einer TV-Serie, die vielen Fans über die Jahre mehr und mehr ans Herz gewachsen ist, oftmals zitternd, ob ihr Lieblingsprotagonist noch die nächste Staffel erleben wird.

Aber seltsam, das Ende der epischen Reise wirkte recht lustlos inszeniert – als würden die Autoren und Produzenten nur noch daran interessiert sein, den Schlusspunkt so rasch wie möglich zu setzen. Das Ganze ist nicht zu vergleichen mit den ersten Staffeln – als sich die Geschichte langsam entfaltete und man als Zuseher das Gefühl hatte, dabei zu sein, bei all den wichtigen und entscheidenden Momenten. Als in der allerletzten Folge die Lords und die Ladys im Kreis saßen, um ihren König zu wählen, wirkte es auf mich wie der Mitschnitt der Abschiedsfeier am Filmset. Die Charaktere hätten hitzig diskutieren müssen, womöglich wären verletzende Worte gesprochen worden, die den Keim des nächsten Krieges in sich getragen hätten. Aber nichts dergleichen. Alles Eitel Wonne. Hätten die Charaktere diese gleichgültige Einstellung bereits in den ersten Folgen der Serie gehabt, es hätte kein Blut vergossen werden müssen. Gemeinsam einigen sich die verbliebenen Protagonisten die Wahlmonarchie einzuführen – mit einem simplen Nicken wird eine politische Neuordnung abgesegnet und es erweckt den Anschein, als würde damit der Frieden endlich für lange Zeit gewahrt werden können. Aber eine Wahlmonarchie macht weder Kriege noch Ränke obsolet – und ob immer der kompetenteste Monarch gewählt wird, wage ich zu bezweifeln. Ein Blick in unsere Vergangenheit sollte diesbezüglich genügen. Ja, die Autoren enttäuschen auf ganzer Linie, weil sie nur noch bemüht sind, mit einem Happy End abzuschließen: „Seht, jetzt ist Frieden im Lande und alle leben sie glücklich und zufrieden und wenn sie nicht gestorben sind, dann …“

Brüderlein fein, Schwesterlein fein, musst mir ja nicht böse sein …

Die stärksten Momente hatte die Serie, wenn sich die Autoren von shakespearschen Königsdramen inspirieren ließen und jegliche Hemmungen verloren. Die „rote Hochzeit“ war ein dramaturgisch beeindruckendes Schauspiel, das eine enorme Wucht entfaltete. Im Gegensatz dazu gestaltete sich die Rache als banales Hollywoodkino. So pendelt die TV-Serie oftmals zwischen gewaltiger Ernsthaftigkeit und peinlichem Klischeefest. Die Episoden in Dorne sind sicherlich der Tiefpunkt der Serie und man fragt sich, was die Verantwortlichen getrunken oder geraucht haben müssen, um nicht zu erkennen, wie lächerlich die Szenen auf einen nüchternen Betrachter wirken müssen.

Ganz anders wiederum die Schlacht der Bastarde (#6/9). Auch wenn die Einkreisung inszeniert wirkte und die Kavallerie – wie in den alten Westernfilmen – doch noch im letzten Augenblick am Horizont auftauchte und die ersehnte Rettung brachte, so wurde das Gemetzel sehenswert umgesetzt. Nichts für zarte Gemüter, versteht sich.

Hin und wieder gab es Deus Ex Machina Momente, die nicht hätten sein müssen – aber weil sich die Autoren in eine Sackgasse schrieben, konnten sie keine plausible und realistische Lösung mehr finden – und für die Story wesentliche Charaktere sterben zu lassen war freilich keine Option. So verkommt das einigermaßen realistisch anmutende Königsdrama zu einer Fantasy-Seifenoper mit meterdickem plot armor .

So! Jetzt werde ich mir endlich die zynischen Kritiken anhören können, die sich über die letzten Staffeln ergossen haben. Ja, die Fans können ganz schön wütend werden, wenn man sie mit billigen und blödsinnigen Plot-Lösungen abzuspeisen versucht – siehe Star Wars Episode 8.

Zu guter Letzt fällt mir noch ein Zitat von Novalis ein, das die Geschichte von Game of Thrones auf den Punkt zu bringen versteht:

Noch hat jeder, der Vorgab, das Paradies auf Erden zu errichten, die Hölle geschaffen.

Game of thrones: Staffel #1 & #2 – Softporno trifft Seifenoper

Ja, ich weiß, ich bin ziemlich spät zur Party erschienen. Jetzt, da die Serie Games of Thrones mit der 8. und letzten Staffel zu einem Ende gekommen ist – im Gegensatz zu der Buchserie A Song of Ice and Fire von George R. R. Martin – dachte ich mir, es ist nun an der Zeit, sich in das Jahr 2011 zu begeben, damals, als diese TV-Show ihren Anfang nahm und Einschlug wie eine Bombe. Bumm!

Ich konnte der Serie nicht viel abgewinnen, damals. Alle redeten davon, noch mehr verfolgten das Ränkespiel um den Thron der 7 Königreiche und überwarfen die Show mit Lobeshymnen. Auch wenn die letzten beiden Staffeln bei vielen Fans Enttäuschung und Kopfschütteln hervorrief, das IMDB-Rating reiht die Fantasy-Seifenoper knapp hinter Band of Brothers und Breaking Bad. Starker Tobak. Hust, hust.

Anfänglich dachte ich, ich würde nun ein Shakespeare-TV-Drama mit Blut und Intrigen sehen. Sean Bean ziert bekanntlich das Cover der ersten Staffel und ich wusste, dass er seinen Kopf nicht all zu lange auf seinen Schultern behalten würde. Vielleicht ist es bereits in Hollywood ein running gag, Schauspieler Sean Bean nur noch solch todbringende Rollen anzubieten. Und bevor ich mit meiner Tirade beginne, sei gleich vorweg gesagt, dass sich die Produzenten mit der Verpflichtung von Sean Bean keinen guten Dienst erwiesen haben. Er ist in der ersten Staffel der wesentliche Charakter, um den sich alles dreht. Nicht nur, weil es die Story vorsieht, sondern vor allem weil es nun mal Sean Bean ist, der einzige Schauspieler in der Serie, den vermutlich jedes Kind kennt – Herr der Ringe sei dank. Aber als der von Sean Bean verkörperte Charakter vorzeitig seinen Kopf verlor, wurde aus dem Drama eine episodenhafte Seifenoper.

Ich war auf sehr viel vorbereitet, als ich den Pilotfilm, also die erste Folge, einschaltete. Gewalt, Blut und Intrigen – Verrat, Hass und Meuchelmorde. Wenn es in der Literatur und im Kino um Könige und Fürsten geht, um verwaiste Throne, dann wissen wir, wie sich das Ränkespiel in etwa darstellen wird. MacBeth ist vermutlich das beste Beispiel dafür und die Verfilmung aus dem Jahr 2015 ist zwar (realistisch) langatmig, aber dafür visuell atemberaubend. Da hätten sich die Filmemacher eine Scheibe abschneiden können.

Aber worauf ich nicht gefasst war, ist das viele nackte Fleisch, das hier dem Voyeur dargeboten wird. In meiner Jugend wären die filmische Darstellung fleischlicher Gelüste als Softporno klassifiziert worden. Solch eine TV-Serie, damals, hätte einen Sturm der Entrüstung heraufbeschworen und der Küniglberg wäre vermutlich wie Königsmund (King’s Landing) gestürmt und dem Erdboden gleichgemacht worden. Aber die Zeiten ändern sich, ich weiß – und trotzdem bin ich ziemlich verärgert über diese Freizügigkeit. Die Lustwandlungen, in all ihrer Deutlichkeit auf den TV-Schirm gebracht, zwischen Mann und Frau, Frau und Frau oder Mann und Mann, führen die Geschichte in keiner Weise weiter. Sie sind nur deshalb in der Story, um die Serie aufzupeppen. Und das stinkt mir. Genauso ist es auch mit der Gewalt. Ja, das finstere Mittelalter war schmutzig und brutal, Frauen wurden von den Horden gegen ihren Willen genommen und Kinder abgeschlachtet. Auch wenn wir niemals wissen können, wie es sich im Mittelalter tatsächlich gelebt hat – die meisten Berichte sind nämlich Erfindungen von Mönchen oder schreibenden Scharlatanen – die Leute hatten damals genauso einen gesunden Menschenverstand wie heute. Der größte Teil der zivilisierten Bevölkerung sucht den Frieden und die Ruhe und nur die wenigsten wollen in den Krieg ziehen. Und noch etwas: Jeder Mensch hat ein Gewissen und eine Seele.

Zurück zum Koitus. War das notwendig? Wirklich notwendig. Jedes Mal wenn eine der hübschen Frauen – eine hässliche konnte ich bis jetzt keine ausmachen – mit einem Mann allein im Zimmer oder Zelt stand, war davon auszugehen, dass sie ihre Hüllen fallen lassen und ihre makellosen Brüste und noch ein bisschen mehr zeigen würde. Und so verkommt das shakespearesche Möchtegerndrama zu einer softpornographischen Seifenoper. Seltsam, dass die Kritiker diesen wolllüstigen Sachverhalt kaum erwähnt haben. Vermutlich hatten und haben sie die (berechtigte) Befürchtung, sie würden als prüde Spießer verlacht werden. Bevor man mir diesen Vorwurf macht, werfe er oder sie einen Blick auf meine publizierten Bücher. Danke.

Nun weiß ich natürlich nicht, welche Episoden in der zugrundeliegende Buchserie besser und ausführlicher beschrieben wurden, aber auch diese Serie, die sich realistischer und authentischer als alle bisherigen Fantasy-TV-Filmchen geben will, mangelt es an Kohärenz. Mit anderen Worten, man hat als Zuseher keine Ahnung, welche Regeln in dieser für uns fremden Welt gelten. Das Mittelalter – soweit wir wissen – hatte ein recht ausgefeiltes Rechts- und Ehrsystem installiert, um die Ordnung im Reich und im Fürstentum aufrechtzuerhalten. Es wurde verhandelt, es wurden Absprachen getroffen. Verträge wurden aufgesetzt und mit Brief und Siegel garantiert. Als der am Totenbett liegende König seiner „rechten Hand“ ein Schreiben aufsetzen lässt, das diesen nach des Königs Tod als Reichsverwalter einsetzt, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Ohne Zeugenschaft ist solch ein Papier wertlos. Warum aber keiner der beiden „Berufsfürsten“ diesen Punkt bedachte, zeigt, dass es mit dem Drehbuch nicht weit her ist. Das eine Mal haben wir es mit klugen und gewitzten Ränken zu tun, die viel Verstand und Erfahrung erfordern, das andere Mal stellen sich die Protagonisten an, als könnten sie nicht bis drei zählen und tappen in ausgelegte Fallen, die sogar der dümmste Esel bemerkt hätte.

Des Weiteren sind Ränkespiele am Königshof für den Zuseher nur schwer einzuordnen. Wer hat welche Macht? Was ist überhaupt Macht? Solch ein Gespräch ist tatsächlich in der TV-Show geführt worden und die Königinmutter erklärt dem Schatzmeister, was „wirkliche Macht“ ist: ihre Wachen halten dem verängstigten Schatzmeister das Schwert an den Hals und ein Wink der Königinmutter hätte ausgereicht, ihn zu töten. Aha. Aber wenn es so einfach ist, zwielichtige Hofleute und nervige Ratgeber zu töten, wozu sich in (gewaltlosen) Ränke verstricken? Der junge König wiederum ist das lächerliche Abziehbild eines verzogenen Bengels, der Unschuldige foltert und bei alledem mit keiner Grausamkeit spart, weil „ein König alles machen kann, wie es ihm beliebt“. Ist das so? Für einen König gibt es also keine Gesetze, keine Regeln, keinen Ehrenkodex? Nur schwer vorstellbar, meinen Sie nicht? Jedenfalls gibt es – wie an jedem (filmischen) Königshof – eine königstreue Garde, sozusagen Prätorianer. Während in der 1. Staffel die „rechte Hand“ (Sean Bean) von dieser hintergangen wird, tauscht die neue „rechte Hand“ (Peter Dinklage) in der 2. Staffel den Oberkommandierenden einfach mit einem seiner Gefolgsleute aus und – schwupps – hat er die Garde auf seiner Seite. So schnell wechselt also die Macht seinen Besitzer. Hm.

Die Ironie bei alledem ist, dass der vorletzte König ziemlich verrückt gewesen sein soll – und deshalb von seiner „rechten Hand“ gemeuchelt wurde. Aha. Scheinbar ist es also kein großes Ding, einem König die Kehle durchzuschneiden – freilich nur dann, wenn das „ärztliche Attest“ klar und deutlich die Diagnose „verrückt“ festhält. Wer stellt also in dieser Welt bei einem König oder Fürst den geistigen Gesundheitszustand fest? Hm.

Ein anderes Problem, dass die TV-Show hat, ist die Eingrenzung von Magie und Zauber. Anfänglich heißt es, Drachen und Magie seien vor vielen, vielen Jahren verschwunden und sind jetzt nur noch alberne Gerüchte. Doch in Staffel 2 gebiert eine rothaarige Priesterin des Lichts – im wahrsten Sinne des Wortes! – einen Schattendämon, der einen Königsanwärter in seinem Zelt – umgeben von tausenden seiner loyalen Soldaten – tötet. Zack. Prack. Tot. Aha. So einfach geht das. Diese magische Geheimwaffe könnte bei allen Feinden eingesetzt werden und – Zack, Prack – ist keiner mehr übrig. Ende gut, alles gut, nicht wahr? Wozu also langwierige Kriege führen? Warum also diese schwarze Magie nicht öfters einsetzen? Deshalb gilt es in Literatur und Film jegliche Magie Regeln zu unterwerfen – ansonsten wird es recht bald langweilig oder völlig konfus. Als langjähriger Fantasy-Papier-Rollenspieler weiß ich, wovon ich rede.

Ein weiteres Problem der TV-Serie ist die Definition von Moral und Loyalität. Der Wink des Königs lässt seine Wache einen unbewaffneten Mann töten oder foltern. Ohne ersichtlichem Grund, einfach aus Spaß an der Freude wurde der Befehl gegeben und der Befehl ausgeführt. Aber in jeder zivilisierten Gesellschaft gibt es eine Gerichtsbarkeit, die Verbrechen ahndet und Urteile ausspricht. Es gibt moralische Grundsätze. Der edle Ritter, wenn wir der romantisierenden Minne folgen – hat die Unschuldigen zu beschützen und ein gerechtes Urteil zu fällen. Im Film Kingdom of Heavens (Directors Cut!) wird die Aufgabe eines Ritters – und vor allem seine Verantwortung – klar und deutlich dargestellt. Ein Insert zeigt das Motto des Malteser Ordens aus dem Jahr 1185:

„Das Wahre liegt in der rechten Handlung, und steh mit Mute jenen zur Seite, die wehrlos sind.“

Und so verkommt die Geschichte zu einem Mischmasch aus Rittern in schimmernden Rüstungen, die sich wie Feiglinge, Söldner, die sich wie geistig abnorme Rechtsbrecher und Psychopathen, die sich wie Psychopathen benehmen. All das geschieht im Namen von Loyalität, kurz „ich hab einen Eid geschworen“-Blabla. Nur Sean Beans Charakter – wie zu erwarten – widersetzt sich den moralisch zweifelhaften Befehlen seines Königs. Aber ohne Sean Bean gibt’s in der TV-Serie auch kein moralisches Zentrum mehr. Jeder für sich und so viel er tragen kann.

Wohl am schlimmsten ist jedoch der Umstand, dass die Charaktere keinen blassen Schimmer haben, was ihre blutigen Taten auslösen, obwohl sie in eine Welt geboren wurden, in der Blutrache kein leeres Wort ist. Ganz im Gegenteil. Den Rache-Reigen setzt „Königsmorder“ Jaime in Gang, in dem er den jungen Stark namens Bran, noch ein Kind, aus dem Turmfenster in die Tiefe stößt. Einfach so. Weil der Junge sah, was er nicht hätte sehen sollen: Bruder und Schwester beim intimen Inzest-Techtelmechtel. Ja, was für ein Schock. „Was macht man nicht aus Liebe?!“, blickt Jaime in die Tiefe, dort, wo der junge Bran regungslos und scheinbar tot liegt. Hm. Wie stärker und realistischer wäre es gewesen, in dem sich Jaime den Jungen nur greifen will, doch dieser, vor Angst völlig klamm, verliert die Balance und stürzt in die Tiefe. Ein dummer Unfall. Vielleicht hätte ihn Jaime umgebracht. Vielleicht nur gedroht. Auch wenn die Autoren Jaime als unbekümmerten und rücksichtslosen Schwertkämpfer zeichnen, so ist er nicht völlig verblödet. Den Sohn einer angesehenen Familie zu töten ist keine Lappalie. Dass er es aber nicht einmal der Mühe wert findet, sicherzustellen, dass der junge Bran tatsächlich mausetot ist, scheint mir die zweite Dummheit. Und die dritte einen Meuchelmörder mit einem ganz besonderen Dolch auszustatten, der den Verdacht auf seine Familie lenkt. So viel Dummheit gehört freilich bestraft. Und wird bestraft.

Um wie viel stärker würde die Seifenoper sein, hätte man es nicht hie und da mit Klischee-Charakteren zu tun. Der junge König ist beispielsweise das größte Problem der ersten beiden Staffeln, da er auf eine Weise gezeichnet wird, die ihn so unsympathisch macht, dass er zum Parade-Antagonist avanciert. Hätten die Autoren ihn menschlicher gezeichnet, seine Anordnungen nachvollziehbarer gestaltet, ihn sozusagen zu einem Spielball des Hofes und seiner Unsicherheit gemacht, die Serie hätte mehr Drama denn Seifenoper sein können.

Welch Potenzial hier vergeudet wurde, konnte man in jener Szene erkennen, als die Königinmutter ihren jüngsten Sohn zu vergiften gedenkt, da die Rebellen die Stadt belagern und keine Gnade hätten walten lassen. Das war eine ergreifende Szene – und erinnert an jene so schreckliche Tat, die sich vor 74 Jahren in Berlin zutrug, tief unter der Erde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Vielleicht muss eine so teure TV-Produktion die Geschichte auf den einfachsten Nenner bringen: Böser König. Guter Lord. Zwielichtige Günstlinge. Loyale Fürsten. Grausame Nordmänner. Unaufhaltsame Zombie-Armee (!) und viele nackte Brüste.

Apropos Zombie-Armee. Ganz erschließt es sich mir nicht, warum der Pilot, also die erste Folge, mit einer blutigen Szene im hohe Norden beginnt. Vermutlich, weil es für eine Weile kein Schlachten und Blutvergießen gegeben hätte und die Produzenten mit einem Knall starten wollten. Überhaupt gehören die Episoden, die im hohen Norden, hinter der Mauer spielen, zum Schwächsten der Serie. Die rothaarige Wildlingsfrau ist freilich ebenfalls eine Schönheit. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte sich auch entblößt und hingegeben. Den eisigen Temperaturen sei dank, blieb es bei einem Vorspiel. Dass die Protagonisten keine Kopfbedeckung tragen, bei arktischen Temperaturen, lässt mich am gesunden Menschenverstand der Drehbuchautoren zweifeln. Gewiss, die Produzenten wollen die Gesichter der Schauspieler zeigen, aber realistisch ist das bitteschön nicht. Nur wenn es um Gewaltexzesse, Schlachtgemetzel, Foltermethoden und sexuelle Hingabe geht, dann wollen es die Produzenten so realistisch wie nur möglich und verlangen vom Regisseur, die Kamera draufzuhalten.

Wobei, die Episoden im Süden, besser im Osten, gehören auch nicht gerade zum Besten der TV-Serie. Die amüsanteste Witzfigur der ersten Folgen ist mit Sicherheit Viserys Targaryen, Nachkomme des verrückten Königs und somit rechtmäßiger Erbe, der mit seiner Schwester Daenerys vor den Schergen der damaligen Rebellen nach Essos geflohen ist. Sie sind die letzten ihrer Familie. Ein wenig „Der letzte Mohikaner“, wenn man so will. Das Bruder-Schwester-Verhältnis ist in folgendem Dialog gut erkennbar; dabei muss man wissen, dass der Bruder seine Schwester einem Barbarenkönig zur Frau geben möchte und sich auf diese Weise eine Armee verspricht, die für ihn den Thron erobern soll:

Daenerys: „I don’t want to be his queen. Please, please, I don’t want to, I want to go home.“
Viserys: „I’d let his whole khalasar fuck you, all forty thousand men and their horses too, if that’s what it took. Come, dry your eyes.“

Ach, was soll man aus solch Dialogen nur machen? Und als der gute Bruder schließlich in einem Anflug von Machtrausch ins Zelt stürmt und die schwangere Daenery, längst Ehefrau des blutdürstigen Barbarenkönigs, mit dem Schwert bedroht, greift man sich als Zuseher nur noch an den Kopf, den Visery natürlich verliert. Keine Ahnung, wie das alles im Buch gelöst wurde, in den TV-Episoden ist dieser Handlungsstrang einfach nur lachhaft. Auch hier wäre weniger mehr gewesen. Aus meiner Sicht hätte man sich die ganze Backstory sparen und mit der Ankunft vor den Stadttoren von Qarth beginnen können. Aber die Produzenten wollten wohl unbedingt ungezügelten Barbaren-Sex in der Show haben. Wer weiß, vielleicht hatten sie sogar schon überlegt, 40.000 Statisten und Pferde anzufordern, für, na, sie wissen schon …

Nun stelle man sich vor, die Autoren hätten die beiden Geschwister, die letzten einer altehrwürdigen Familie, realistisch gezeichnet, hätten Viserys nicht völlig verblödet sterben lassen, sondern beispielsweise bei einem Attentatsversuch auf seine Schwester. Dadurch wäre Daenerys Hass auf die Stadt Königsmund für den Zuschauer nachvollziebar; dadurch wäre die Zerstörung der Stadt am Ende der Serie nicht völlig aus dem Nichts gekommen.

Ja, die Serie hätte Potenzial gehabt. Gut möglich, dass es einmal eine abgespeckte TV-Serie geben wird. Weniger Monumentalschlachten, dafür mehr Dialoge und Intrigen – und Brüste.

Wie kommt es also, dass diese TV-Seifenoper so hochgelobt wurde? Vielleicht, weil es 2011 nichts Vergleichbares gab. Ich meine, wann kann man sich schon im Kreise seiner Familie einen Softporno angucken, ohne dabei rot zu werden? Weil, so war das eben, damals, im finsteren Mittelalter.

  • Falls Sie sich für einen realistischeren Blick auf das Mittelalter und das Rittertum interessieren, empfehle ich den youtube-Kanal Modern History TV. Dort erfahren Sie, was es heißt, eine Ritterrüstung zu tragen oder ein Pferd für die Schlacht vorzu bereiten. Eine langwierige Prozedur, versteht sich. Sein Schlachtross also wegen einer Lappalie zu enthaupten ist genauso, als würde man sein Auto wegen eines Reifenplatzers in kleine Stücke hacken.
  • Leider können die Filmemacher einfach nicht damit aufhören, Brandpfeile verschießen zu lassen, obwohl deren Wirksamkeit und vor allem Durchführbarkeit viele Fragen aufwirft. Freilich, visuell ist es ein Hingucker. Lindybeige hat sich damit in einem Beitrag Fire Arrows auf amüsante Weise auseinandergesetzt. Kurz: „It’s a silly idea.“
  • Die wohl witzigste youtube-Serie Pitch Meeting von ScreenRants bringt in gerade einmal fünf Minuten diese TV-Show auf den springenden Punkt. Lustig!
  • Macbeth (2015): Der Trailer haut einen einfach nur um. Atemberaubend! Und man kann gut erkennen, was es heißt, Blut und Verrat an seinen Händen kleben zu haben. In GoT wäre das freilich nur eine Nebenepisode, ein Meuchelmord ist kaum der Rede wert.
  • Kingdom of Heavens (2005): Der Trailer ist bemerkenswert. Der Directors Cut ein Muss. Auch hier gibt es eine Königinmutter, die Angst um ihren Sohn hat – aber welch Unterschied in Script und Rolle. Abgesehen von den Böslingen haben die Protagonisten allesamt ein Gewissen.

Ibiza sehen und politisch sterben

Vor wenigen Tagen erfuhr ich von einem veritablen Skandal, der sich in der österreichischen Politlandschaft zugetragen hatte. Da ich generell keine Mainstream-Nachrichten höre, lese oder sehe, werde ich über die Geschehnisse zumeist von Freunden und Bekannten unterrichtet. Glauben Sie bitteschön nicht, nur weil Sie ZiB2 gucken oder in einem der sogenannten Qualitätsblätter lesen, dass Sie dadurch verstünden, was hinter verschlossenen Türen so vor sich geht. Mitnichten.

Deshalb interessiere ich mich auch gar nicht über den Inhalt des „plötzlich“ aufgetauchten Videos, sondern versuche mir klar zu werden, was hier – oberflächlich betrachtet – gespielt wurde.

Die beiden österreichischen Skandalisten einer rechtspopulistischen Partei sind die längste Zeit ihres Lebens Politiker gewesen. Sie wissen deshalb, wie der Hase läuft. In einer privaten Unterhaltung ohne Bedenken die Hose runterzulassen, bedeutet, dass die beiden Politiker der Meinung waren, dass sie auf sicherem Terrain seien. Sie sollten bei alledem nicht vergessen, dass die Geheimdienste aller Länder ein Interesse daran haben, wichtige Persönlichkeiten zu überwachen – sei es zu deren Schutz, sei es, um später einmal ein Druckmittel im Archiv liegen zu haben. Für alle Fälle. Deshalb muss Politikern zugesichert werden, dass sie sich auf „sicherem Terrain“ befinden – ansonsten würde es kaum noch vertrauliche, also „private“ Gespräche geben. Mit der heutigen Technologie ist es für Geheimdienste überhaupt kein Problem, Gespräche abzuhören oder davon sogar Videoaufnahmen zu machen. Es sei denn, der eine Dienst käme einem anderen in die Quere, aber das ist eine andere Geschichte. Apropos: Erinnern Sie sich noch, dass die „Amis“ vor ein paar Jahren keine Hemmungen hatten, die Telefone europäischer Persönlichkeiten „anzuzapfen“. In einem Fall, wenn ich mich recht entsinne, war das Opfer der griechische Geheimdienstchef. Daran kann man ermessen, welch Einfluss und Chuzpe die „Amis“ in Europa (noch immer) haben.

Da die Skandal-Chose in Ibiza spielte, muss der spanische Geheimdienst in irgendeiner Weise involviert gewesen sein – da führt kein Weg daran vorbei. Es sei denn, diese sind völlig inkompetent – wovon ich nicht ausgehe. Andererseits, wenn ich an Clever & Smart denke …

Dass am Ende dieses Video an die Öffentlichkeit „gespült“ wurde, bedeutet, dass jemand in einer uns nicht bekannten internationalen Hierarchie die Zustimmung dafür gegeben hat. Versuchen Sie jetzt bitte nicht, mit Namen und Fraktionen um sich zu werfen, das ist völlig zwecklos. Das zugrundeliegende System erinnert an Kafkas Schloss: je näher man diesem kommt, um so weiter entfernt man sich.

Eine ganz andere Möglichkeit, den Skandal zu erklären, ist der Gedanke, dass all die politischen Querelen zwischen rechts und links nur Show sind und es am Ende einzig darum geht, die Bürgerschafe im Kreis laufen zu lassen. Politiker in all den Demokratien sind ja beliebig austauschbar und müssen – so oder so – vor allem den Kreditgebern Rede und Antwort stehen. Wer zahlt, der schafft an, heißt es ja nicht umsonst – Griechenland musste das schmerzlich erfahren.

Und welcher Staat ist heutzutage überhaupt noch schuldenfrei?

Feminismus in der Sackgasse

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber Sie sollten bereits bemerkt haben, dass die so hoch geschätzte liberale Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts alles auf den Kopf zu stellen scheint, was uns einmal lieb und teuer war. Unten ist oben, oben ist unten, Männer sind Frauen, Frauen sind Männer und dazwischen gibt es allerlei geschlechtliche Identitäten, die er oder sie oder es annehmen darf.

Im freiesten und liberalsten Land aller Länder, in den Vereinigten Staaten von Amerika, sehen wir, wohin die gender identity-Reise geht. Junge Männer, also Burschen, die im Athletikfach gerade einmal zum Durchschnitt zählten, haben keine sonderliche Mühe als „Frauen“ sportliche Bewerbe zu gewinnen. Wenn es nach den Demokraten geht, soll die – sich selbst gegebene – geschlechtliche Identität gesetzlich geschützt werden. Damit ist der Feminismus, was man auch immer unter diesem alten Kampfbegriff versteht – leere Schlagworte können bekanntlich mit Sinn und Unsinn gefüllt werden – in der Sackgasse gelandet. Dumm gelaufen, nicht?

Sollte es keinerlei Ein- bzw. Beschränkungen bezüglich der geschlechtlichen Identität geben, kann jedermann, jedefrau, jedesetwas jederzeit in eine Rolle, pardon, Identität schlüpfen und damit die etwaigen Vorteile genießen. Am Ende dieser Veränderung werden die Frauen wieder zu ihrer ureigenen Domäne zurückkehren müssen, dort, wo sie unter sich bleiben können, weil biologische Mannsbilder keinen Gewinn darin sehen, sich dort zu behaupten. Während also der gestrige Feminismus den Frauen die Tür zur Sportwelt öffnete, wird der zukünftige diese wieder schließen. Die „Frauen“-Sportbewerbe werden dann von Männern dominiert, die sich als „Frau“ identifizieren und eine Zeit lang Hormonpillen schlucken.

Der amerikanische Video-Blogger The Amazing Lucas machte sich auf seine amüsant-spitzzüngige Weise Gedanken über diese Entwicklung: High School Girl says NO Ma’am! Darin zu sehen und zu hören ist auch jenes Mädchen, das bei einem Laufwettbewerb von zwei „Frauen“ geschlagen wurde, die biologisch als Männlein zur Welt gekommen sind. Diese Form der Ungerechtigkeit ist förmlich zum Greifen und doch getraut sich niemand der Erwachsenen diese anzusprechen. Was ist nur aus unserer Gesellschaft geworden? Nun, für die globale Elite läuft freilich alles nach Plan. Je mehr Unsicherheit im Kopf der Bürger herrscht, um so leichter sind diese zu beeinflussen.

Abschließend sei aus dem Historienlexikon der Durants zitiert, wo es an einer Stelle heißt:

Doch Beschränkung ist das Wesen der Freiheit, denn sobald sie vollkommen wird, geht sie unter in Anarchie.


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Das Foto zeigt die drei Medaillengewinnerinnen des Hochsprungs bei den Olympischen Spielen des Jahres 1936: Links die Siegerin Ibolya Csák (HUN), in der Mitte Elfriede Kaun (DEU), rechts die Britin Dorothy Odam [Wiki] — Urheber: Bundesarchiv, Bild 183-G00985 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de,
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