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Musischer Reifungsprozess einer banalen Liebesgeschichte

Am Dienstag, 12:53, wurde die ausformulierte Inspiration zu 88/4 niedergeschrieben (der erste Gedanke kam am Vortag, im Zug), gestern konnte ich die Idee lang und breit mit meiner Lektorin EJ. besprechen. Immer dann, wenn man mit seinen gedanklichen Überlegungen ins Freie tritt, bemerkt man Stolpersteine und Dornenhecken, die es zu meistern gilt. Aber es tun sich hie und da neue, unbekannte Wege auf. Und natürlich sucht der Dichter in mir die literarische Herausforderung, das Besondere. Gefunden hätte ich es. Wieder gibt es eine simple Story, diesmal eine banale Liebesgeschichte, aber drumherum will ich eine zweite Ebene einführen, die im letzten Drittel zu einer dunklen Pointe reift. Darüber jetzt en detail zu schreiben geht natürlich nicht. Zu aller erst muss ich einmal den passenden Ton, den perfekten Stil treffen und der stellt die erste Herausforderung dar. Ich mache es mir nicht leicht. Warum auch? Schließlich will ich später mit Stolz auf ein schmales Bändchen zeigen, das auch noch in den Jahren, die kommen, nichts von seiner Attraktivität einbüßt. Zeitlose Literatur. Das will ich machen. Ob es mir gelingt, steht auf einem anderen Blatt Papier.

EJ. auch das Manuskript PENLY zur ersten Durchsicht gegeben. Seit August keinen Strich mehr daran gemacht. Madame Anonym hatte mir ja die Freude gemacht, es zu lesen und mir zu jedem Kapitel ein hübsches Feedback zukommen zu lassen (wie schon in MADELEINE). Ei, das freut den kleinen Schreiberling in meiner Seele.

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Musenkuss um 12:53

Gestern war es, als ich träumte,
dass du mich auf meiner Reise
begleiten wirst … gemeinsam, für
immer, für ewig! Nichts sollte uns
mehr trennen! Nichts! Glaubst
du … glaubst du, dass Träume
Wirklichkeit werden?
Azadeh
oder die 13 Tage des Leutnant Johann Gottfried von Märwald
von Richard K. Breuer

Hoppla. Jetzt wurde ich doch glatt Zeuge (besser: „Opfer“) eines Musenkusses*. Yep. Ich wurde gerade im Strrbcks geküsst. Recht unspektakulär muten solche Küsse an. Ich kenn ja gottlob schon einige davon. Da sitzt man irgendwo, schreibt vielleicht gerade ins Tagebuch, da kommt einem ein Gedanke, der einen weiteren auslöst. Man hebt den Kopf, legt die Feder weg, starrt vor sich hin und lässt die Gedankenkette einfach mal davon galoppieren. Das alleine ist noch keine Erwähnung wert, weil in einem Dichter hin und wieder die Gedanken und Phantasien verrückt spielen. Das Besondere ist, wenn man Anfang und Ende der Story benennen kann, wenn man einen Hitch (heißt es so?), einen Twist hat, der einem Breuer zur Ehre gereicht. Schließlich gibt es diesen Aha-Stolperstein noch in jedem meiner bisherigen Bücher (da mag MADELEINE wohl die Ausnahme darstellen, da geht alles seinen gewohnten Gang – vielleicht, dass die Intensität der Gewalt einen vor den Kopf stößt, aber sonst ist es ein klassisches Road-Movie im Jahre 1789).

Da ich selten einen Musenkuss in flagranti ertappe, tut es gut, diesen jetzt mal zu fangen und hier einzustellen. Auf dass ich mich später erinnern werde, wo alles begonnen hat. Gut, begonnen hat es eigentlich bereits gestern. Da kamen mir die wichtigsten Zutaten in den Sinn. Während ich im Zug saß, über Gott und meine innere Welt „bloggte“ und die Nacht an mir vorüber zog, da war das Setting, das Grundgerüst im Kopf. Aber solche Grundideen kommen und gehen. Es braucht das gewisse Etwas, das mich anspricht, in erster Linie (und nicht den Leser). Ich will nicht zu viel verraten, weil es ja noch nicht auf Schiene ist und sich hundert Trillionen Aspekte ändern können, aber am Ende ist auch wieder nur eine M … [da hat mich jetzt Twitter abgelenkt, weil @marypoppins2608 vom Musen- zum Negerkuss kam]

Ach ja, das wollte ich sagen: Am Ende ist es auch wieder nur eine Melange aus Altbekanntem. Weil man eben ein Kind seiner Zeit ist. Wer ROTKÄPPCHEN 2069 gelesen hat, der weiß, wie so eine ScriptWriter-Simulations-Software funktioniert, die die, an einen Quantenrechner angeschlossenen Probanden eine Story erleben lässt. Nicht anders verhält es sich mit einem Künstler. Er baut auf das Vergangene auf, vermengt und vermischt es, um „Neues“ auf das „Alte“ zu setzen. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht zu verwechseln mit Rückwärtsgewandheit. So, wie der Ärchologe, der sich mit tausend Jahre alten Kulturen bis ins kleinste Detail auseinander setzt um neue Zusammenhänge zu erkennen, darüber lang und breit erzählt, darüber schreibt, Vorträge hält, aber in der Gegenwart lebt und da auch leben möchte.

AZADEH, ja, so heißt sie, meine Muse. Seit bald 9 Jahren weilt sie an meiner Seite und freut sich, wenn ich zu Papier und Feder greife. Gewiss, dafür gibt es keinen forensischen Beweis, aber wer braucht diesen? Ich bestimmt nicht. Bestimmt nicht. Schön.

*update: 20.01.2011 – ich habe nun den Arbeitstitel auf „88/4“ festgelegt.