richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Kategorie-Archiv: about das system

Denkverbote #0: Reden wir darüber

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Die gemeinsten Meinungen und was jedermann für ausgemacht hält,
verdient oft am meisten untersucht zu werden.

Georg Christoph Lichtenberg (1742-99)
erster Professor der Experimentalphysik

Begibt man sich als skeptischer Zeitgenosse auf eine Reise zum Mittelpunkt der Wahrheit, dann begegnet einem auf dem Weg eine Reihe von Denkverboten. Gewiss, diese Verbote werden für gewöhnlich nicht direkt ausgesprochen und zielen auch nicht auf das Denken selbst ab – noch darf und kann man denken, was man will. Aber wehe, man brächte ketzerischen Gedanken zur Sprache oder aufs Papier, trüge diese auf Händen in die Öffentlichkeit. Mit einmal würde das Gesagte oder Geschriebene oder Gezeichnete auf die goldene Waagschale gelegt. Maßstäbe, die vor Gericht ‚offenkundige Tatsachen‘, im Alltag ‚Allgemeinwissen‘ heißen, werden angelegt. Urteile werden gefällt, mediale Pranger aufgestellt, Bücher verbrannt und Scheiterhaufen entzündet. Der Ungläubige hat abzuschwören und vor den erbosten Richtern einzugestehen, auf dem falschen Weg gewandelt zu sein. Weigert er sich – sei es aus Prinzip, sei es aus gekränktem Stolz – ist seine Existenz keinen Pfifferling mehr wert. Nach Verbüßen der ihm auferlegten Strafe wird er zum Paria erklärt und stirbt eines einsamen Todes. Wer sich dieser modern-kafkaesken Hexenverfolgung nicht ausliefern möchte, muss schweigen und vergessen lernen. Vielleicht, seufzt der Frevler in einem melancholischen Moment, hätte ich besser die ketzerischen Gedanken nie gedacht.

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Flüchtlingswelle 2015. Analyse einer Analyse.

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So sieht also eine Analyse zum Thema Flüchtlingswelle 2015 im Mainstream aus. Nach Lektüre des Artikels im Sonntagskurier vom 3.9.2017 ist man freilich keinen Deut klüger. Im Gegenteil. Es ist geradezu bestürzend, wenn man sieht, dass sich Autor und Redaktion gar nicht erst bemüht haben, Widersprüche in ihrem Narrativ aufzulösen. Scheinbar gehen diese klugen Leute davon aus, dass ihre Leserschaft gar nicht mehr in der Lage ist, selbstständig zu denken oder wenigstens den Hausverstand, der tagtäglich von Werbeslogans überschüttet wird, zu aktivieren. Ja, vermutlich leben diese Medienmacher auf Wolke 7 und lachen sich am Abend, an der Theke ihrer Stammkneipe, ins Fäustchen, die Leute von der Straße wieder für dumm verkauft zu haben. Gut, vielleicht tue ich den jungen Journalisten und alten Hasen in den Redaktionsräumen Unrecht und sie sind einfach nur einem gnadenlosen System ausgeliefert, das Befehlsverweigerung mit (beruflichem) Selbstmord bestraft. Faites vos jeux.

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Internetnutzer wollen Gesetze gegen Fake News. Angeblich. Willkommen in Oceania.

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Glauben Sie nicht alles, was Sie sehen!

Eine repräsentative Umfrage des FORSA-Instituts unter 1000 deutschen Internet-Nutzern hat Erstaunliches ergeben: RP-Online  interpretiert die Ergebnisse so, dass »eine breite Mehrheit der Menschen in Deutschland neue Gesetze gegen gezielte Falschnachrichten, sogenannte Fake News, befürwortet«.  Dann heißt es weiter »Nur eine Minderheit von acht Prozent vertritt die Auffassung, dass Falschnachrichten zur Meinungsfreiheit gehören – darunter sind mit 17 Prozent überdurchschnittlich viele Ostdeutsche.« Ach?

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‚Finis Germania‘, ‚Vergesst Auschwitz!‘ und ‚Der Treppenwitz der Geschichte‘

Broder-Sieferle

Conclusio für den eiligen Leser: Rolf Peter Sieferles Buch Finis Germania ist eine Empfehlung. Mit Einschränkung. Henryk M. Broders Vergesst Ausschwitz! eine Zumutung. Ohne Wenn und Aber.

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Alles beginnt damit, dass ein Spiegel-Redakteur das posthum erschienene Büchlein des deutschen Historikers Rolf Peter Sieferle mit dem recht pessimistischen Titel Finis Germania der breiten Leserschaft empfiehlt. Das wiederum stößt einigen anderen Kollegen der journalistischen Zunft säuerlich auf, weshalb das Buch wieder von der Empfehlungsliste verschwindet. Dieses Verschwinden lassen – ein Zaubertrick unserer Zeit  – erweckte aber in manchem Medienkonsument den Eindruck der blanken Zensur, weshalb diese „Auslese“ damit begründet wird, dass das Buch rechtsradikal, antisemitisch und geschichtsrevisionistisch sowie eine völkische Angstfantasie sei.

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Barcelona im August 2017: The show must go on and on and on …

dav

Eigentlich wollte ich mich so gar nicht mit den Ereignissen in Barcelona beschäftigen. Wieder Terrorismus. Wieder ein Fahrzeug. Wieder Menschenmengen. Wieder unzählige Opfer. Wieder Trauerkundgebungen. Wieder das Schüren emotionaler Gefühle. Wieder das politische Ausschlachten an allen Fronten.

Same shit, different smell, wenn es mir erlaubt ist, so salopp die englische Sprache zu verwenden. Schön langsam ist eine eingespielte Routine zu bemerken. Die Behörden und die Medien laufen wie eine geölte Maschine. Die kleineren und größeren Zahnräder greifen scheinbar mühelos ineinander und bewegen die unglaubwürdigsten Storys vorwärts. Wer sich anmaßt, auf Lücken und Widersprüche der offiziellen Verlautbarung, auf seltsam unecht wirkendes Bildmaterial und absurden, aber fotogenen Rettungsmaßnahmen hinzuweisen, wird mit der „Opfer-Keule“ grün und blau geschlagen. Es ist, als würde von einem Moment auf den anderen der Verstand des gewöhnlichen Bürgers aussetzen. Mehr noch, der Medienkonsument zeigt längst Anzeichen einer Pawlowschen Konditionierung. Gut, würde ich nicht wissen, was ich weiß, ich wäre nicht anders. Deshalb ist die Frage aller Fragen, wie man den Einzelnen wieder zum Gebrauch seines Verstandes bewegen kann. Gibt es eine Möglichkeit, diese Konditionierung – oder ist’s gar ne Hypnose? – aufzulösen? Wo sind nur die unschuldigen Kinder, die rufen, dass der Kaiser keine Kleider trägt?

„In der großen Stadt, in welcher der Kaiser wohnte, ging es sehr munter her. An jedem Tage kamen viele Fremde an, und eines Tages kamen auch zwei Betrüger, die gaben sich für Weber aus und sagten, daß sie das schönste Zeug, was man sich denken könne, zu weben verständen. Die Farben und das Muster seien nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Zeuge genäht wurden, sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, daß sie für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.“ [Märchen]

Die große Ironie bei alledem ist, dass die breite Masse der festen Meinung ist, sie würde die Wahrheit in Händen halten, dabei wiederholt sie nur, was sie in den Medien gelesen, gehört und gesehen hat. Beweise hat sie freilich keine. Beweise gibt es auch keine. Gewiss, jedem steht frei, zu behaupten, dass die Behörden schlagende Beweise hätten. Aber dann läuft es auf eines hinaus – immer läuft es darauf hinaus: Vertrauen Sie der Obrigkeit?

Und bitte, kommen Sie jetzt nicht mit der Gegenfrage: „Aber warum sollte man das tun?“ Auf diese Frage kann es keine Antwort geben. Weil Sie und ich und der ganze Rest keine Ahnung hat, welche Agenda im Hintergrund abläuft. Deshalb sollten wir uns mit dem Motiv auch gar nicht weiter beschäftigen. Bleiben wir beim Faktischen, beim Widerlegbaren, beim Überprüfbaren. Versuchen wir Zusammenhänge zu erkennen. Verbinden wir das eine mit dem anderen. Verwerfen wir simple Antworten. Stellen wir unbequeme Fragen. Seien wir hartnäckig und ausdauernd. Lassen wir uns nicht ins Bockhorn jagen, lassen wir uns kein X für ein O vormachen. Mag es auch heute keine zufriedenstellende Antwort geben, morgen kann sich bereits eine Tür öffnen.

Aber vor allem, seien wir wachsam gegen jegliche Form der Zensur bzw. Einschränkung der Rede- und Meinungsfreiheit. Kaiser Joseph II. war seiner Zeit weit voraus, als er 1781 die Zensur weitgehend auflöste:

„Soll man gegen alles, was unsittliche Auftritte und ungereimte Zotten enthält, aus welchen keine Gelehrsamkeit, keine Aufklärung jemals entstehen kann, strenge, gegen alle übrige Werke aber, wo Gelehrsamkeit, Kenntnisse und ordentliche Sätze sich vorfinden, um so nachsichtiger sein, als erstere nur vom grossen Haufen, und von schwachen Köpfen gelesen, letztere hingegen schon bereiteten Gemüthern, und
in ihren Sätzen standhafteren Seelen unter die Hände kommen.“ [Zensurordnung]

Leider dankten es ihm weder die Bürger noch die Schreiberlinge, aber das ist eine andere Geschichte.