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Brechen wir eine Lanze für den Frauenfussball #WM2019

Jetzt, wo die FIFA Frauenfußballweltmeisterschaft in Frankreich in die K.O.-Phase übergegangen ist, dürfte die Zeit reif sein, eine Lanze für den Sport zu brechen. Es war das Achtelfinalspiel zwischen Norwegen und Australien, das mich schlussendlich dazu veranlasst hat, die Lanze zwischen den Arm zu klemmen und anzureiten. Als schreibender Ritter voller Gnaden ist es mir ein Anliegen, das schwache Geschlecht zu verteidigen. Falls Sie mir jetzt einen bösen Blick zuwerfen, von wegen ’schwach‘, dann verweise ich auf die Ausschüsse der Torfrauen bei dieser Weltmeisterschaft und Sie werden bemerken, verglichen mit ihren männlichen Kollegen, dass es Unterschiede gibt. Aber ist es wirklich so schlimm, auf physiologische Unterschiede hinzuweisen und sie nicht, wie es leider oft in den Medien gemacht wird, unter den Rasen zu kehren? Es ist wie es ist. Punktum. Konzentrieren wir uns besser auf das Wesentliche.

Hier die teilnehmenden Nationalmannschaften der diesjährigen WM – von Argentinien bis Thailand. Und hier meine Gedanken zur dramatischen Frauenfußball-WM 2011 in Deutschland.

Also, warum gucken wir Fußball? Geht es darum, den perfekten Spielaufbau, die begnadetsten Dribblanskis oder die augenbetörendsten Flanken zu sehen? Nicht wirklich. Es geht um das Spiel an sich, um das Hin und Her, um das Biegen und das Brechen. Kurzum, es geht um die Dramatik. Als der Höhepunkt des perfekten Fußballs in Barcelona zelebriert wurde, winkte ich ab und verzichtete darauf, diesem Tiki-Taka-Herumgeschiebe ganze 90 Minuten zusehen zu müssen. Auch wenn die Leistung der Spanier unter Trainer Pep Guardiola sicherlich sehr beeindruckend war, die Technik, die Taktik, die Ballbeherrschung, das Pressing, alles war nahezu in Perfektion auf den Rasen gebracht worden – und doch fehlte dem Ganzen die Würze, vielleicht sogar die Seele des (Fußball)Spiels.

Das diesjährige Championsleague-Finale zwischen Liverpool und Tottenham – auf dem Papier war es die Spitze des europäischen Profifußballs – packte mich nicht. Ich döste vor mich hin. Weil das Feuer fehlte und die Bereitschaft Tottenhams, die Brechstange auszupacken und „Hollywood“ zu spielen, einfach nicht vorhanden war und Liverpool – ganz untypisch unter Trainer Klopp – den Vorsprung verwaltete. So plätscherte das Spiel dahin, ja, es war einfach nur zum Gähnen. Wechseln wir nun zum zuvor erwähnten Duell zwischen Australien vs. Norwegen. K.O.-Phase. Beide Mannschaften wollten es wissen, man spürte es, ja, man konnte sehen, wie beide Teams das gegnerische Tore suchten. Selten wurde abgewartet, selten quer, oftmals tief gespielt. Dadurch, dass es den Spielerinnen an technischer Perfektion fehlte, wurden viele Fehler gemacht, die dem Ganzen eine Unberechenbarkeit gaben, die man im heutigen Profifußball nur noch selten sieht – und wenn die „Aussetzer“ tatsächlich einmal geschehen, sind sie Gesprächsstoff für viele Stammtische (beispielsweise hatte im CL-Finale 2018 der Torhüter von Liverpool zwei famose Blackouts).

Das Achtelfinalspiel zwischen Australien und Norwegen hatte alles, was das Fußballerherz höher schlagen lässt: früher Führungstreffer, später Ausgleich, Stangen- und Lattenschüsse, Verlängerung, Aufopferung bis zum letzten Wadenkrampf, Torraub und rote Karte, Elfmeterschießen und ungehemmter Siegestaumel.

Ja, das ist es, was wir sehen wollen. Während der Männerfußball bereits in eine Zweiklassengesellschaft zerbrochen ist: da die CL-Platzhirschen mit ihren Trillionenbudgets, dort die Underdogs, die sich mit Müh und Not über Wasser halten können. Ausnahmen bestätigen hier nur die Regel, wie beispielsweise das junge Team von Ajax Amsterdam, das in dieser CL-Saison einen erfrischenden Angriffsfußball mit großem Erfolg spielte und nur mit Pech nicht ins Finale kam. Wir können davon ausgehen, dass nun ein Ausverkauf der Spieler stattfinden wird und in der nächsten CL-Saison die Rangordnung wieder hergestellt ist.

Während also der Männerfußball nur noch selten überraschen kann, zeigt der Frauenfußball, welch Potenzial in diesem Sport steckt. Vielleicht war es in den Anfängen nicht unähnlich, damals, als sich der männliche Körper und sein Geist langsam, aber zielstrebig weiterentwickelte. Vom Angriffsfußball zur WM-Aufstellung und zum Catenaccio und wieder zurück. Die Fußballkinder wurden in der Straße groß, man spielte für ein Butterbrot und träumte von einem Paar richtiger lederner Fußballschuhe. Bald rückte das Training in den Vordergrund. Der Amateur wurde zum Halbprofi, dann zum Profi und schließlich zum Geschäftsmann, der seine Zukunft abzusichern hatte. Fußball wurde populär, weil die Burschen den Anreiz in die Wiege gelegt bekamen und zu Helden avancieren konnten – egal aus welcher Schicht einer stammte, egal mit welchem IQ einer gesegnet war. Heute zählt der Frauenfußball in den USA bereits zum Volkssport, weshalb es nicht wundert, wenn die Nationalmannschaft Sieg um Sieg einfährt und dadurch noch mehr Mädchen anzieht. Je größer der Pool, aus dem gefischt werden kann, umso besser für den Sport, der nach Talenten giert.

Noch ist der Frauenfußball recht unbefangen, sozusagen jungfräulich unbefleckt, der Erfolg heiligt nicht alle defensiv-taktischen Mittel, die zu einem veritablen Schnarchnasenkick führen. Einen Schwalbenkönig wie Arjen Robben, der Spiele auf die ungerechteste Art und Weise entscheiden kann, gibt es gottlob nicht (vielleicht auch dank des virtuellen Schiedsrichterassistenten VAR), brutales Einsteigen nur dann, wenn die Nerven aufs Äußerste gespannt sind; überhaupt wird das Spiel der Damen fair geführt, was dem Spielfluss sehr zugute kommt und es geschieht wahrlich selten, dass die Gefoulte lamentiert. Ganz anders der Männerfußball. Was vermutlich dem generell harten Einsteigen der Mannsbilder geschuldet ist, die oftmals keine Gefangenen machen möchten. Die Fußballerinnen wirken auf mich, als würden sie nicht mit vollem Risiko in die Zweikämpfe gehen. Gut möglich, dass sich das einmal ändern wird, je mehr sie trainiert, besser: gedrillt, werden. Schlag nach beim Militärdienst.

Ja, Frauenfußball tritt langsam aus dem Schatten ihres großen Bruders. Ich denke, dass der Sport in den nächsten Generationen zum Mainstream gehören wird. Familien können sicher sein, im Stadion eine angenehme Zeit zu verbringen, ohne von Hooligans bedrängt oder von besoffenen Randalierern belästigt zu werden. Das Budget der Klubs ist noch verhältnismäßig bescheiden, aber auch das wird sich bestimmt ändern, je populärer der ganze Zirkus wird. Es bleibt zu hoffen, dass der Sport von (erfolglosen) Ex-Männleins verschont bleibt – frei nach dem Motto: heute ein erfolgloser Provinzfußballer, morgen eine erfolgreiche SpitzenfußballerIN – Hormontherapie hin oder her.

Wie erfrischend und anders der Frauenfußball sein kann, zeigte das Spiel England vs. Kamerun. Die Afrikanerinnen fühlten sich durch Schiedsrichterentscheidungen ungerecht behandelt und waren für eine kurze Zeit nicht zum Weiterspielen bereit. Erst das gute Zureden ihrer Kapitänin und des Trainers brachte die Revolte zum Erliegen. Man musste schon Mitleid haben, mit den Spielerinnen aus Kamerun, die dem englischen Goliath beherzt die Stirn boten, aber am Ende unglücklich – zugegeben, auch tollpatschig – den Ball aus dem eigenen Tor holen mussten. Wäre den Afrikanerinnen der Anschlusstreffer gelungen, sie hätten ein emotionales Feuerwerk auf dem Rasen gezündet, das wohl heute noch brennen würde. Aber es sollte nicht sein. Schad drum.

Übrigens, wenn Sie meinen, in der Abwehr von Kamerun würden nur „g’standene Madln“ spielen, dann haben Sie noch nicht Estelle Johnson gesehen. Die gebürtige Amerikanerin mit afrikanischen Wurzeln hat mehr Ähnlichkeiten mit einem Model als mit einer Abwehrspielerin – und trotzdem steht sie ihre Frau im Abwehrzentrum. Respekt.

Frauenfußball ist durchaus schön zum Anschauen. Selbstverständlich soll es das auch. Die Brasilianerin Marta trug dem Rechnung und Lippenstift im Spiel gegen Französinnen, die gleich im Pyjama aufgelaufen sind. Süß. Apropos Fußballdressen. Der Ausstatter Nike versteht es, die Damen passend einzukleiden, während andere Textilschneider keinen Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Anatomie machen. So liefen und laufen die Norwegerinnen und Australierinnen mit übergroßen Zeltplanen auf und der grässliche Farbverlauf des norwegischen oder die abstrakte Kunst des australischen Trikots lässt einen an Augenkrebs denken. Das haben die Damen und vor allem die Zuschauer nicht verdient. Da lobe ich mir beispielsweise das englische „weiße Ballett“ – simpel, eng anliegend, ein wenig tailliert, kurz, knapp und damit ein Hingucker. Ob die Trikots der 1970er Jahre ein Revival feiern, wäre beinahe wünschenswert. Das war jene Epoche als die Fußballer mit zwei Nummern zu kleinen Shirts aufliefen. Vor allem bei den schlaksigen langen Brasilianern wirkte das Ganze ein wenig befremdlich. Aber so war das, damals, in einer Epoche, als WM-Spiele und WM-Siege mit politischen Tricks erzwungen werden konnten. Don’t cry for me Argentina, sozusagen.

Lange Haare sind noch nicht gänzlich den sportlich kurzen gewichen. So freue ich mich wie ein kleiner Junge, wenn bei einem Sprint oder Kopfball die Zöpfe der Spielerinnen fliegen. Haarvergehen konnte ich bis dato keines ausmachen. Im Gegensatz dazu erinnere ich mich an Peter Crouch, der sich am langen Rasta-Zopf eines Verteidigers von Trinidad & Tobago zum Kopfball förmlich hochzog und so das Tor machte. Ich hoffe, dem guten Crouch ist das noch heute unangenehm.

Tätowierungen, die den Körper regelrecht entstellen, sozusagen verhässlichen – im Männerfußball lange Zeit im Trend, dank eines David Backham – sind bei den Frauen noch selten anzutreffen. Ich hoffe, das bleibt so. Die Spanierin Maria Leon dürfte das sicherlich anders sehen, aber als Verteidigerin muss man vermutlich zeigen, wie tough frau sein kann. Nebenbei hatte sie im Spiel gegen die USA ihr Shirt in der Hose – hatte ich bis dato bei keiner Spielerin sonst gesehen. Glück hat es ihr und ihren Kolleginnen freilich nicht gebracht. Mit 1:2 ausgeschieden – aber ordentlich dagegen gehalten.

Also, noch ist die Frauenfußball-WM im vollen Gange, noch kann man(n) sich davon überzeugen, dass es keinen Unterschied macht, welche Gene auf dem Rasen den Ball treten, will man Spannung und Dramatik, Leidenschaft und Emotion erleben. Während sich die Fußballspiele der Männer oftmals im höchstmöglichen Mittelmaß auspendeln, schlagen die Damen nach oben und unten extrem aus. Das eine Mal werden lange Flanken geschlagen und der Ball perfekt angenommen, das andere Mal verhungert ein Schuss auf halbem Wege zum Tor und man könnte meinen, der 9-jährige Neffe hätte mehr Schmalz in den Schenkeln. Da werden Konter mustergültig im Sprint absolviert nur um beim Abschluss völlig zu schwächeln. Licht und Schatten wechseln sich ab. Apropos. Torhüterinnen haben es sicherlich am schwersten – während ihre männlichen Kollegen das Gehirn ausschalten und sich mit vollem Risiko gegen eine Menschenmauer werfen, agieren die Damen zögerlich, zaghaft und vielleicht sogar verängstigt. Verständlich, ich wollte früher auch nie ins Tor, hatte Bammel vor scharfen Schüssen („Bitte net anrauchen, ja?“) und weil ich eine Brille trug, war das eine gute Ausrede. Aber – wie gesagt – mit Training und Drill wird man die Damen vielleicht auch zu tollwütigen Torhütermaschinen machen können. Ob das gewünscht ist, sei dahingestellt. Je größer der Gewinn, desto höher die Bereitschaft, Risiko zu nehmen. Das liegt in der Natur der zivilisatorischen Sache.

Am Ende meiner Lanzenstecherei zitiere ich den französischen Autor Sacy, der über das alte Rittertum und deren Abstieg in die Bedeutungslosigkeit befand. Der Vergleich mit dem Fußballsport mag an den langen Haaren herbeigezogen sein und ein wenig krampfhaft wirken, aber die Wahrheit ist bekanntlich so weiß wie die Trikots der englischen Nationalmannschaft und liegt auf dem Platz:

„So lange ein Lorbeerkranz der Lohn der Tapferkeit war, hatte Rom Helden: sobald man ihr aber Statthalterschaften und Reichtümer versprach, fand Rom nichts als gemeine Krieger, die ihre Dienste immer nach ihrem Solde abmaßen, und sie zuweilen wohl noch in geringerem Maße leisteten.“

WM-Vorbereitung: Österreich schlägt Deutschland 2:1

Hola! Wer hätte gedacht, dass die freundschaftliche Begegnung noch angepfiffen werden würde. Sintflutartige Regenfälle mit Hageleinlagen ließen eine Absage ziemlich sicher erscheinen. Aber nach über einer Stunde hatte der Kärtner Wettergott ein Einsehen und schloss die Schleusen. Mit einiger Verspätung konnte dann doch noch der Ankick erfolgen. Für die einen war das Spiel ein weiterer Prüfstein für kommende Höhenflüge, für die anderen einfach nur die Vorbereitung zur Weltmeisterschaft. Ja, die einen bleiben zu Hause, die anderen dürfen nach Russland. So ist das eigentlich schon immer gewesen. Aber das ist wiederum eine ganz andere Geschichte.

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Was der Frauenfußball über unsere Welt verrät

Frauenfussball

Die Fußballeuropameisterschaft 2017 der Frauen stand und steht ganz im Zeichen der Underdogs. Allen voran das österreichische Team, das als Außenseiter ins Turnier gestartet ist und es – unglaublich, aber wahr – bis ins Halbfinale schaffte. Mann und Frau dürfen sehr stolz auf die Töchter der Nation sein, die sich den 3. Platz mit England teilen. Das Finale bestreiten Dänemark und die Niederlande. Top-Favorit Deutschland – Europameister in Serie – scheiterte bereits überraschend im Achtelfinale an Dänemark. Auch das kommt mal vor.

In der Euphorie dieses kleinen oder großen Fußballwunders habe ich ein wenig über das Balltreten der Damen nachgedacht. In den Spielen der Österreicherinnen gegen Island und Dänemark ist mir die Homogenität der Teams – darf man überhaupt noch Mannschaft sagen? – aufgefallen. Hervorstechend – in jeder Hinsicht – die Dänin Nadja Nadim, deren afghanische Wurzeln nicht zu verleugnen sind. Wäre es nicht verpönt, würde ich mit dem Klischee einer orientalischen Prinzessin aus 1000 und einer Nacht aufwarten. Neben ihrer verspielten Fußballtechnik und den vorhandenen äußeren Reizen dürfte sie auch noch blitzgescheit sein – studiert sie doch Medizin. Ansonsten konnte ich keine Nadims in den Teams ausmachen. Warum eigentlich nicht?

Versuchen wir doch mal den Frauenfußball dazu zu verwenden, die Welt, in der wir gerade leben, zu erklären. Nennen wir es einfach eine fabelhafte Analogie.

Stellen Sie sich vor, gewissen Kreisen ist diese Homogenität in den Nationalmannschaften der Frauen ein Dorn im Auge. Sie wollen mehr Diversität, kulturelle, geschlechtliche und religiöse Vielfalt, auf dem Rasen sehen. Auf die Frage, warum, geben sie viele und auch keine Antworten. Europa, heißt es beispielsweise, müsse lernen, multikultureller und liberaler zu werden, einfach, weil es in der globalisierten und freien Welt nicht anders ginge. Und ehe man und frau sich versieht, werden Regelungen beschlossen, Gesetze verabschiedet und Quoten festgelegt. All das, liest man, geschehe im Zeichen der Humanität und eines grenzenlosen Europas.

Jene, die diesbezüglich ihre guten wie schlechten Einwände oder Anmerkungen haben, werden kurzerhand auf die rechte Außenposition gestellt und damit zum Schweigen gebracht. Eine breite Diskussion findet deshalb de facto nicht statt. Ein Armutszeugnis für jede demokratische Gesellschaft, wenn sie dem Gesetzgeber erlaubt, Rede- und Meinungsfreiheit zu relativieren, um politische Ziele durchzusetzen und abzusichern

Um der Diskussion Anstoß zu geben, könnte man zu folgender Frage greifen: Soll das Augenmerk der Frauenfußballnationalmannschaft in Zukunft auf dem Siegen oder dem Mitspielen liegen? Ist es der olympische Gedanke („Dabeisein ist alles“), der verfolgt werden soll, dann sind Quotenregelungen in Ordnung und vielleicht sogar wünschenswert. Ist es aber die ernsthafte Absicht, Spiele und Turniere zu gewinnen, dann muss diesem Ziel alles andere untergeordnet werden und Quotenregelungen sowie Einschränkungen (!) dürfen nicht zur Anwendung kommen.

Das eine, so würde ich es beschreiben, ist eine natürliche, das andere eine künstliche Erweiterung des Spielerinnenpools. Das eine führt (vermutlich) zu Integration und Verständigung, das andere (vermutlich) zu Gruppenbildung und Misstrauen. Aber was weiß ich schon. Am besten, Sie spielen das eine und das andere Szenario im Kopf durch und machen sich selbst ein Bild. Und dann, dann heißt es: Faites vos jeux, Mesdames et Messieurs. Aber laufen Sie mir ja nicht in die Abseitsfalle!

Übrigens, die Gehaltsschere zwischen Damen- und Herrenfußball ist enorm. So verdient eine niederländischen Spitzenspielerin beim FC Barcelona gerade mal € 200.000,- pro Jahr. Das streichen andere – bei den Männern – in der Woche ein. Ist das gerecht? Sollte hier nicht politisch interveniert werden? Sagen Sie bloß, es gibt gute Gründe, warum der eine um Häuser mehr verdient als die andere, schließlich spielen beide 90 Minuten Fußball und trainieren unter der Woche ihren Muskelkater. Die Zuschauerzahlen? Die TV-Rechte? Die Sponsorgelder? Kruzitürken, warum muss alles immer so kompliziert sein, wenn man sich in Details verliert.

 

EM 2016: Finale – POR : FRA

EM-2016-Finale

Gedanken zum Finale der Europameisterschaft in Frankreich 2016

PORTUGAL : FRANKREICH 1:0 n. V.

Kurios. Nach 13 Minuten humpelte Ronaldo nach einer ungestümen Attacke von Payet den Rasen hinauf und hinunter. Der Geist war willig, aber das geschundene Fleisch schwach – eine viertel Stunde später ließ sich der wohl beste portugiesische Spieler mit Tränen in den Augen vom Feld tragen. Armer Ronaldo, dachten die einen. Guter Payet, die anderen. Ja, Christiano polarisiert die Fans – damals wie heute.

Das Finalspiel selbst war, wie zu erwarten, eine laue, öde Partie. Die Portugiesen wollten nicht, die Franzosen trauten sich nicht. Die Nervosität der Spieler – hüben wie drüben – war ihnen im Gesicht abzulesen. Viel stand auf dem Spiel. Natürlich. Das haben Finalspiele so an sich, hier geht es um das große Ganze. Der zweite Platz ist genauso gut wie der letzte. Nur der Sieg zählt. Wir wissen es. Die Spieler dito. Deshalb beginnt und endet der Kampf im Kopf der Spieler. Wer mental die Oberhand behält, trägt gewöhnlich den Pokal nach Hause – kein Wunder also, dass es an diesem Sonntag in die Verlängerung ging und alles nach einem Elfmeterschießen aussah. Doch zehn Minuten vor dem Ende der Verlängerung nimmt sich der eingewechselte Eder ein Herz und zieht zwanzig Meter vor dem Tor ab. Der scharfe Schuss passte genau in die Ecke. Torhüter Lloris – und damit auch seine Mannschaft – war geschlagen. Dabei hätte Gignac – der für den farblosen Giroud kam – in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit die Entscheidung herbeispitzeln können – aber die Stange hielt die Portugiesen – wie bereits gegen Kroatien – auch diesmal im Spiel.

Wie gesagt, über das Spiel selbst muss man nicht viele Worte verlieren. Es war kein Fußballspiel, vielmehr ein nervöses Abtasten. Dabei hätten die Franzosen nach ihrem überraschenden Sieg gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland und mit dem Heimvorteil im Rücken allen Grund gehabt, mit Verve und élan vitale das Tor zu suchen. Statt dessen versagten Nerven und Beine der sonst so überragenden Spieler des Turniers: Payet, Pogba, Giroud, Griezman.

Man stelle sich vor, die Equipe Tricolore hätte gewonnen und würde in einem Atemzug mit den beiden außergewöhnlichen Siegermannschaften der EM 1984 und der EM 1998 genannt werden. Mon Dieu! Das hätte die besondere Aura der goldenen Generation von Platini & Co sowie Zidane & Co verpuffen lassen. Die Medien und Fans hätten Vergleiche mit der glorreichen Vergangenheit gezogen. Non! Seien wir demnach froh, dass es soweit nicht gekommen ist. Es mag schlimm genug sein, dass eine durchschnittliche portugiesische Mannschaft jenen Pokal nach Hause mitnehmen durfte, der eigentlich der goldenen Generation der EM 2004 gebührt hätte. Figo, Deco, Rui Costa, Maniche, Nuno Gomes, Boswinga usw., sie waren famose Fußballer und hatten das gewisse Etwas. Gerade dieses gewisse Etwas ist dem europäischen Fußball in den letzten Jahren abhanden gekommen. Vielleicht wird die Weltmeisterschaft 2018 das Ende der europäischen Vorherrschaft am grünen Rasen einläuten. Bereits bei der WM 2014 in Brasilien ließen die Newcomer Kolumbien, Chile und Costa Rica aufhorchen, wurde Dauerbrenner Mexiko nur durch ein umstrittenes Robben-Foul aus dem Achtelfinale gekickt, spielte die französische B-Elf der Algerier den späteren Weltmeister schwindlig und zeigten die Amerikaner (wie die Ungarn), dass sie auch bereit waren, mit wehenden Fahnen ins offene belgische Offensivmesser zu laufen. Was den nichteuropäischen Teams bisher gefehlt hat, war diese besondere Abgebrühtheit. Aus Erfahrung gut, kommt einem da in den werbeverseuchten Sinn.

Die diesjährige Europameisterschaft hat jedenfalls gezeigt, dass Einzelleistung vor Mannschaftsleistung ging. Ohne Payet hätte Frankreich die Gruppenphase wohl nicht als Sieger beendet und ohne Griezmann wäre es zu keinem Finalspiel gekommen. Im Übrigen bin ich noch immer der Meinung, dass die französische (genauso wie die englische und spanische) Nationalmannschaft kein funktionierendes Team ist. Beim amtierenden Weltmeister Deutschland liefen viele Spieler ihrer Form hinterher bzw. waren mental ausgebrannt. Gleiches gilt für den letzten Europameister Spanien.

Die beste Mannschaftsleistung gab es meiner Meinung nach von Kroatien und Italien. Hätten die Kroaten im Achtelfinale gegen Portugal nicht mit angezogener Handbremse gespielt, vielleicht würden sie nun den Pokal in Zagreb ausstellen. Und hätten die Italiener statt Zaza nur ein wenig Glück gehabt, würde ganz Italien ihren Fußballpensionisten zujubeln können. Gewiss, es ist müßig, jetzt über vergebene Elfmeter (Österreich!) oder unglückliche Stangenschüsse (Österreich!) zu sinnieren. Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht mehr zu ändern ist, wusste bereits Peter Alexander 1962 zu singen.

Diese Europameisterschaft wird man wohl alsbald vergessen. Erwähnenswerte Spiele gab es wenige. Am besten gefiel mir noch das letzte und entscheidende Gruppenspiel zwischen Albanien und Rumänien. Auf dem Papier hätte es eine müde Partie werden müssen – aber auf dem Rasen war einiges los und das Spiel ließ jedes Fußballherz höher schlagen. Sehenswert natürlich auch die übermotivierten Italiener, die den Spaniern die Grenzen ihres Ballherumgeschiebes aufzeigten. Trainer Löw dürfte so beeindruckt gewesen sein, dass er sich eine spezielle Taktik für Buffon & Co überlegte – dadurch machte er die Italiener (defensiv) stärker und die Deutschen (offensiv) schwächer. Der Schuss hätte demnach leicht nach hinten gehen können. Kurz, Löw hatte keine Eier in der Hose – auch wenn er es hin und wieder nachprüfte. Das Elfmeterschießen entwickelte sich freundlicherweise zum absoluten Thriller. Mon Dieu, was haben wir gelacht.

EM 2016: Halbfinale 2 – GER : FRA

EM-2016-HF-2

Gedanken zum Halbfinale 2 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

DEUTSCHLAND : FRANKREICH 0:2

Wer hätte das gedacht? Der amtierende Weltmeister muss die Koffer packen und Monsieur Griezman darf sich mit Senhor Ronaldo um den Pokal streiten. Das Spiel selbst war, nun ja, ein seltsames. In den ersten Spielminuten erinnerten die Franzosen frappant an die Österreicher in der Begegnung gegen Ungarn. Da wie dort wurde Hals über Kopf das gegnerische Tor gesucht. Wie aufgedreht wirkten die französischen Spieler, während die sonst so abgeklärten Deutschen ein wenig unschlüssig wirkten, da sie nicht wussten, ob das übermotivierte Angriffsfurioso nur ein Strohfeuer darstellte – oder einen Flächenbrand. Nach etwa fünf Minuten war das Feuer erloschen. Die Franzosen bekamen plötzlich Angst vor der eigenen Courage. Mon Dieu, dürften sie erschrocken sein, wir spielen ja gegen den amtierenden Weltmeister, der sogar Italien im Viertelfinale aus dem Turnier kickte. Von da an zogen sich die Franzosen tief in ihre Hälfte zurück und ließen die Deutschen kommen – ein taktisches Konzept, das mehr an Island als die Grande Nation erinnerte und für gewöhnlich nur in die Hose gehen kann. Warum das Defensivkonzept trotzdem aufging, wissen nur die Fußballgötter. Vielleicht hatte auch Recke Schweinsteiger bei alledem – im wahrsten Sinne des Wortes – die Hand im Spiel. Monsieur Griezman verwertete den Elfmeter – Sekunden vor dem Halbzeitpfiff – eiskalt! Eigentlich unvorstellbar, dass er keine Nerven zeigte, bedenkt man, was auf dem Spiel stand.

Die erste Halbzeit war demnach für die Deutschen gelaufen. Dabei hatten sie, wie so oft, mehr vom Spiel. Toni Kroos wird nach dem Abpfiff sagen, sie hätten das beste Spiel im Turnier abgeliefert. Man kann nicht abstreiten, dass der Weltmeister den Ball in den eigenen Reihen halten konnte und den Gegner laufen ließ. Aber Ballbesitz, wie auch Spanien bereits schmerzlich erfahren musste, schießt keine Tore – außerdem ist das nüchterne Tiki-Taka-Ballherumgeschiebe nicht sonderlich schön anzuschauen. Weiters sollte man nicht vergessen, dass eine Mannschaft nur so druckvoll spielen kann, wie es der Gegner zulässt. Frankreich hätte höher verteidigen, hätte mit Gegenpressing den Druck abfedern können – aber dazu bedarf es natürlich das Herz in der Brust, nicht in der Hose. Selten, aber doch, getrauten sich die Franzosen in die gegnerische Hälfte, übten Druck auf den Ballführer aus und stellten die Passwege zu. Siehe da, die Folge war eine deutsche Fehlerkette, die schließlich zum entscheidenden zweiten Treffer führte: Einen Querpass im Strafraum kann der junge Kimmich nicht kontrollieren, der Ball springt ihm einen Meter weit weg; Pogba schnappt sich den Ball, Mustafi – der für den verletzten Boateng ins Spiel gekommen ist – versucht Pogba den Ball abzunehmen, wird aber von ihm schulbuchmäßig verladen, die Flanke kann Neuer weder fangen noch wegfausten, sondern nur ablenken, direkt vor die Füße von Griezman, der den Ball geradewegs ins Tor rollt – Schweinsteigers Versuch, den Schuss zu blocken, kommt um den Tick zu spät – hatte er diese Situation am Ende verpennt?

War die deutsche Mannschaft an diesem Tag die bessere? Non! Wäre sie es gewesen, hätte sie den Sieg davontragen müssen. Der alles entscheidende Faktor war der Umstand, dass die Équip Tricolore einen französischen Müller in Überform auf dem Spielfeld hatte. Während der echte Müller seine Unform auch in diesem Spiel prolongierte und als ›falsche 9‹ den verletzten Stoßstürmer Gomez nicht einmal im Ansatz ersetzen konnte, löste Monsieur Griezman mit seinen beiden Treffern das Ticket fürs Finale. Das Turnier hat gezeigt, dass auch in Zukunft keine Mannschaft auf einen gelernter Stürmer verzichten wird können – Deutschland hat jetzt zwei Jahre Zeit, einen neuen Klose zu finden. Viel Glück bei der Suche.

Da fällt mir ein, dass der italienische Schiedsrichter Nicola Rizzoli auch das Finale der Weltmeisterschaft 2014 gepfiffen hatte. Apropos. Können Sie sich noch erinnern? Torhüter Neuer springt den heranstürmenden Higuain mit angezogenem Knie auf Kopfhöhe an und faustet den Ball weg? In zivilisierten Ländern würde man von Tötungsabsicht, roter Karte und Elfmeter sprechen – aber Rizzoli entscheidet auf ein Foulvergehen von Higuain. Damit hat er den Ausgang des Finales entscheidend beeinflusst. Sogar der Schweizer Ex-Schiedsrichter Urs Meier bekannte im deutschen TV, dass Rizzoli damals falsch lag. Allerhand, diese unrühmliche Aktion vor der Partie gegen Frankreich noch einmal ins Gedächtnis der deutschen Fußballfans zu rufen und so die Saat des Zweifels zu säen.

Nun steht das Finale zwischen Frankreich und Portugal an. Vieles deutet auf einen lauen Stehfußballkick hin. Die letzte Begegnung der Europameisterschaft wird wohl von Einzelaktionen eines Ronaldo bzw. eines Griezman entschieden werden. Vielleicht sollte man am Sonntag ein Nachmittagsschläfchen machen – dann fallen einem nicht bereits Minuten nach Anpfiff die Äuglein zu.