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EM 2016: Spieltag 2

EM-2016-Spieltag2

Spieltag 2 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

ALBANIEN : SCHWEIZ 0:1

Da ist sie also wieder, die schweizer Fußballtruppe, die mit Djourou, Rodriguez, Behrami, Xhaka , Shaqiri, Fernandes, Dzemaili, Mehmedi, Embolo, Seferovic usw. den Inbegriff gelebter Multikultur darstellt. Während der eine Xhaka für die Schweiz aufläuft, spielt der andere für sein Heimatland Albanien. Im Fußball hat der Schmelztiegel längst Einzug gehalten und wir sehen: Wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Hautfarbe und Religion ein gemeinsames Ziel verfolgen, können sie an einem Strang ziehen und die tollsten Leistungen erbringen. Aber am Ende gibt es einen Trainer, der bestimmt, welcher Spieler von Beginn an aufs Feld darf und wer nicht. Abseits des Rasens würden die Sittenwächter längst juristisch-politische Konsequenzen sowie verpflichtende Quotenregelungen fordern, aber im kunterbunt lukrativen Fußballgeschäft funktioniert noch der gesunde Menschenverstand. Weil jedermann davon ausgeht, dass auch der rassistischste Trainer ein Spiel unbedingt gewinnen will und deshalb die besten bzw. leistungsstärksten Spieler – unabhängig von Herkunft und Hautfarbe – nominieren würde. Aber was, wenn ein besorgter Linskhaber und gütlicher Menschenkenner trotz alledem festgestellt haben mag, dass es bei der Aufstellung zu einer Diskriminierung gekommen sei? Kann der Trainer seine (Aus)Wahl objektiv begründen? Definitiv nicht. Hat der Fußball demnach in den westlichen Kulturnationen überhaupt noch eine Zukunft? Sieht nicht so aus. Auf der anderen Seite kann das kleine, friedliche und homogene Island unbesorgt in die fußballerische Zukunft sehen. Die größte Vulkaninsel der Welt zieht nämlich keine Fußballer-Eltern aus anderen Erdteilen an. Warum das so ist, kann ich Ihnen freilich nicht sagen.

Kommen wir zum Fußball zurück. Die Schweizer, wie gewohnt, zogen das Spiel in die Breite. Sie versuchten damit an Sicherheit zu gewinnen und gleichzeitig die Albaner ins Leere laufen zu lassen. Das ist natürlich nicht zum Anschauen, diese Querpässe in der eigenen Hälfte – hat ja auch nix mit Fußball zu tun, sondern erinnert an eine lockere Trainingseinheit. Die Albaner hingegen, zum ersten Mal bei einer Europameisterschaft, gedachten Fußball zu spielen, das heißt, den Ball recht flott nach vorne, vor das gegnerische Tor, zu bringen. Wirklich dumm, dass sich der albanische Goalie Berisha bereits in der 5. Minute in der Fliegenfängerei versuchte und damit den Führungs- und späteren Siegestreffer mitverschuldete. Wer nun dachte, Berisha sei die klassische Vorgabe, der irrte gewaltig. In den restlichen 85 Minuten zeigt er, was in ihm steckte und das war ne ganze Menge. Es ist jetzt natürlich müßig darüber zu fabulieren, wer von den beiden Mannschaften die glücklichere war. So gab es die sogenannten hundertprozentigen Chancen auf beiden Seiten – es hätte also so oder so kommen können. Neben der Berishaschen Fliegenfängerei in der 5. Minute dürfte wohl die albanische Handballakrobatik von Kapitän Lorik Cana in der 37. Minute die Niederlage besiegelt haben – mit Gelb-Rot wurde Cana vom Platz gestellt. Tja. Von nun an mussten 9 Feldspieler dem Ausgleich hinterherlaufen – und das taten sie auch. Gewiss, von Außenseiter Albanien durfte man sich keine spielerischen Glanzstücke erwarten, aber sie wehrten und stemmten sich gegen die Eidgenossen (ja, jene, welche die Habsburger ordentlich versohlten, vor langer, langer Zeit) bis zum bitteren Ende. Das verdient Respekt. Die Schweizer wiederum, wollen sie ganz vorne mitspielen, werden sich wohl steigern müssen – Frankreich und Rumänien wissen nämlich, wie der Hase respektive Ball läuft.

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WALES : SLOWAKEI 2:1

Der 1. FC Bale gegen den SV Hamsik, wenn man so will. Gewiss, eine Mannschaft besteht nicht nur aus einem Superstar, trotzdem hat das Spiel gezeigt, wie wichtig Bale für die Waliser ist. So ging der Führungstreffer, erzielt mittels Freistoß, auf sein Konto und seine Antritte sorgten immer wieder für Unruhe in der slowakischen Hintermannschaft. Apropos. Routinier Skrtel hatte so manchen pogatetzesken Aussetzer: So hätte er nicht nur einen Elfmeter verschuldet – der Torlinienrichter stand zwar keine zwei Armlängen von der Rauferei entfernt, aber sah, äh, ja, kein Vergehen des Slowaken – sondern mit einem Ausschluss auch seine Mannschaft geschwächt. Das Tackling, wenige Minuten vor Schluss, grenzte nämlich an Tötungsabsicht – auch wenn die gestreckten Beine des mit beinahe Schallgeschwindigkeit herangeflogenen Skrtel dann doch noch freundlicherweise von ihm angezogen wurden. Die Slowaken waren jedenfalls kein Kind von Traurigkeit und man kann davon ausgehen, dass sie ihren nächsten beiden Gegnern nichts, aber auch gar nichts schenken werden.

War Wales die bessere Mannschaft? Die Waliser hatten jedenfalls das Glück auf ihrer Seite. Wenige Minuten nach Beginn hätte nämlich Hamsik beinahe den Führungstreffer erzielt, doch der Ball wurde noch von einem gegnerischen Verteidiger von der Torlinie gekratzt. Im Gegenzug gelang Bale das Tor: dank der Mithilfe von Torhüter Kozácik, der beim Freistoß einen Schritt auf die falsche Seite machte. Von da an hatten die Waliser alles im Griff und die Slowaken, die zuvor munter darauf los spielten, verloren ihre spielerische Balance und die Begegnung artete in ein Geplänkel aus. Erst als die Slowakei in der 60. Minute mit zwei Einwechselspieler offensiver wurde, keine Minute später der verdiente Ausgleichstreffer erzielte, zeigten die Waliser Nerven. Zwanzig Minuten dominierten die Slowaken das Geschehen am Rasen, hatten sozusagen spielerisch Oberwasser – doch ein gefährlicher Kopfball von Bale zeigte einmal mehr, dass man den Superstar nicht einen Augenblick aus den Augen verlieren darf. Zehn Minuten vor dem Ende schlossen die Waliser einen Konter mustergültig ab, will heißen, sie stolperten förmlich den Ball ins Tor. Im Gegenzug köpfelte der eingewechselte Nemec nur an die Stange. Also, war Wales die bessere Mannschaft? Ich denke nicht.

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ENGLAND : RUSSLAND 1:1

In der ersten Hälfte brannten die three lions ein ordentliches Feuerwerk auf dem Rasen ab und ließen die Sbornaja – im wahrsten Sinne des Wortes – ziemlich alt aussehen (Innenverteidiger Ignaschewitsch bringt es auf 36 Lenze). Für gewöhnlich hätten die herausgespielten Chancen für zwei oder drei Siege gereicht, doch wie so oft im Fußball, bewahrheitete sich auch hier wieder eine alte Binsenweisheit: Die Tore, die man nicht schießt, bekommt man.

Die Engländer beeindruckten in der ersten Halbzeit vor allem mit einem nahezu perfekten taktischen Pressing. Eroberten sie den Ball ging es flott vor das gegnerische Tor. Die sprintstarken Außenspieler – Lallana und Sterling – gaben dabei ordentlich Gas und wirbelten an den Seiten die russische Abwehr, die vor allem das Zentrum dicht machten, gehörig durcheinander. So waren die russischen Spieler in der ersten Hälfte zu träge, zu passiv, vielleicht auch zu eingeschüchtert, während  die englischen Kicker, technisch versiert, frisch von der Leber weg aufspielten. Dabei blitzte immer wieder ein blindes Verständnis im Zusammenspiel auf. Sehenswert, wie sie die freien Räume an der Seite nutzten. Hätten sie die eine oder andere der zahlreichen Chancen genutzt, die sie sich erspielt hatten, die Fans würden bereits mit dem Finaleinzug liebäugeln. Doch in einem Fußballspiel gibt es immer zwei Hälften, zwei Seiten und später offenbarte sich die eklatante Schwäche der Engländer: das mangelnde Selbstvertrauen in ihr Offensivspiel und die Angst vor der eigenen Courage.

In der zweiten Hälfte zogen sich die Engländer unverständlicherweise zurück, ließen die Russen kommen und lauerten auf Fehler des Gegners. Warum sie nicht – wie in den ersten 45 Minuten – aktiv und aggressiv das Spiel kontrollieren wollten, bleibt ein Rätsel. Ging den englischen Spielern die Puste aus? Wollten sie im Schongang den Sieg gegen schwache Russen nach Hause bringen? Oder bekamen sie es mit der Angst zu tun? Mysteriös, dass Sterling (und das englische Team) in der zweiten Halbzeit die freien Räume nicht mehr zu nutzen verstand. So verstolperte er die eine oder andere gute Gelegenheit oder lief sich fest. Auch mysteriös, dass Hodgson ausgerechnet seinen kopfballstarken Mittelstürmer Kane die Eckbälle treten ließ. Was er sich dabei wohl gedacht haben mag?

Der englische Führungstreffer gelang nicht aus dem Spiel heraus, sondern aus einem Freistoß. Und seltsam, auch hier (wie zuvor der slowakische Torhüter gegen Bale) vertut sich der Goalie und macht einen Schritt zur falschen Seite. Aber der Führungstreffer von Dier weckte die englische Truppe nicht auf, ganz im Gegenteil, er ließ sie noch vorsichtiger agieren. Bezeichnend, dass Hodgson mit seinen Auswechselungen die Defensive stärken wollte, obwohl die nun offensiver agierenden Russen kaum Gefahr erzeugen konnten. Und so kam wie es kommen musste: In der Nachspielzeit köpfelte Bersuzki den Ball über Torhüter Hart ins Tor. Glückliches Russland.

P.S.: Aha. Die englischen Hooligans zerlegen, wie man hört und liest, die Innenstadt von Marseille und liefern sich mit der Polizei und russischen Fans die eine oder andere Straßenschlacht. Dabei gäbe es sicherlich ein paar no go areas in der südfranzösischen Stadt (French Connection?), wo sich die Exekutive im Hintergrund hält. Eine Sightseeing Tour aggressiver und gewaltbereiter Fußballfans durch diese Viertel könnte ausgleichend für alle Beteiligten wirken.

EM 2016: Spieltag 1

EM-2016-Spieltag1

Spieltag 1 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

FRANKREICH : RUMÄNIEN 2:1

Das war sie also, die Eröffnung der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Man fragt sich ja klammheimlich, was wohl ein Georges Clemenceau (1841-1929) über die denkwürdige Zeremonie gesagt hätte. Einst schrieb der französische Politiker, dass Amerika, »die Entwicklung von der Barbarei zur Dekadenz ohne Umweg über die Kultur« mache. Anno 2016 können wir festhalten, dass Frankreich die Kultur links liegen lässt und geradeaus in die dekadente Barbarei, vielleicht auch barbarischen Dekadenz läuft. Ich schätze, das Enfant terrible der schreibenden Zunft Louis-Ferdinand Céline (1894-1961) hätte die passenden Worte für die Entwicklung Frankreichs (und damit der westlichen Kulturnationen) gefunden. Dank der benutzerfreundlichen Hetzparagraphen, die in all den aufgeklärten Staaten wie giftige Pilze aus dem Boden schießen, würde er heutzutage natürlich längst mit unzähligen Strafverfahren zum Schweigen gebracht worden sein. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen, dass es die französische demokratische Republik ist, nicht das Ancien Régime eines Ludwig XV. oder die präsidiale Diktatur eines Charles de Gaulle, die einen Voltaire in die Bastille werfen und dort verfaulen lassen würde. Gewiss, Voltaire kochte sein freimaurerischen Süppchen, das nicht er, sondern andere in späterer Folge auslöffeln mussten. Behalten Sie immer im Hinterkopf, dass in der Historie nichts ist, wie Sie es gelernt, gelesen oder gehört haben.

Kehren wir nun zum runden Leder zurück. Frankreich eröffnete also die Ballzauberei mit dem Spiel gegen Rumänien. Bereits nach wenigen Minuten war es auch für jeden Hobbytrainer augenscheinlich, dass es nur eine Mannschaft war, die mit Routine und Sicherheit am Rasen agierte: die Rumänen konnten die Qualifikation ohne Niederlage und nur mit zwei Gegentreffern abschließen. Während also die rumänische Elf unbeeindruckt ihr spielerisch-taktisches Konzept mustergültig umsetzte, haderte die französische mit sich und der Ausgangssituation und fand deshalb nie wirklich zu ihrem Spiel. Man stelle sich nur mal vor, was in den Köpfen gedacht, in den Bäuchen gefühlt worden wäre, hätte nach vier Minuten Bogdan Stancu den Ball aus wenigen Metern an Torhüter Lloris vorbeigeschoben. Es ist natürlich müßig darüber zu spekulieren – Lloris wehrte ab (besser: er stand goldrichtig) und die französischen Fans – nahe einem Herzinfarkt – konnten erleichtert ausatmen.

Und so wogte das Spiel hin und her. Chancen hüben wie drüben. Vielleicht zollten die Rumänen dem Hausherrn zu viel Respekt, hätten noch mehr Druck, noch konsequenter die Offensive suchen müssen. Andererseits, die Qualität der französischen Spieler, die fanatische Kulisse im Hintergrund und ein Schiedsrichter, der nichts falsch machen wollte, ließen dann doch die rumänischen Nerven flattern. Ein Unentschieden wäre alles in allem gerecht gewesen, ja, ich hätte es den Rumänen vergönnt, weil sie beherzt mitspielten und sich nicht ängstlich versteckten. Aber das Schicksal hatte andere Pläne und  wenige Minuten vor Schluss zog Dimitri Payet an der Strafraumgrenze ab und haute den Ball unhaltbar ins Kreuzeck. Für einen Fußballgourmet hätte ich mir natürlich den Führungstreffer fünfzehn oder zwanzig Minuten vor dem Ende gewünscht – weil die Rumänen dann mehr Zeit gehabt hätten, mit Mann und Maus zu stürmen und das Unentschieden zu erzwingen. Schlagabtausch in Reinkultur, das ist es, was ich sehen will. Gibt es leider viel zu selten. Sicherheit – im Leben wie am Rasen – steht hoch im Kurs.

Im nächsten Spiel bekommen es die Franzosen mit Albanien zu tun. In den beiden freundschaftlichen Qualifikationsspielen hat Albanien mit einem Sieg und einem Unentschieden gegen die Grande Nation aufgezeigt, dass sie keine Geschenke verteilt. Ein unangenehmer Gegner, natürlich.

Die Männer von Trainer Didier Deschamps, um eine abgedroschene Phrase zu verwenden, werden sich wohl steigern müssen. Was mir an Frankreich fehlt, ist die Geschlossenheit, die Kompaktheit. Ich sehe nicht eine Mannschaft, ich sehe zehn Akteure auf dem Rasen.

Für die Rumänen geht es im nächsten Spiel gegen die Schweiz. Auf dem Papier klingt diese Begegnung nach dem lauen Sommerkick zweier abgebrühter Routiniers – man erinnere sich an die Eidgenossen bei der WM 2014, deren Ziel es war, das Spiel des Gegners zu zerstören. Unansehnlich, aber effektiv. Auch im Fußball heiligt der Zweck längst die Mittel. Vorbei die Zeit, als jeder Fußballfreund auf die italienische Betonmischmaschine verächtlich herabblickte. Und doch, irgendwie, ich weiß nicht recht, spüre ich instinktiv, dass wir ein großes Spiel zu erwarten haben. Vermutlich ist der Wunsch der Alimente zahlende Papa dieses Gedankens. Aber träumen wird man ja noch dürfen, non?

Für den Fall, dass Sie wissen möchten, was denn die Franzosen im Stadion so inbrünstig schmettern, bitte sehr, hier die 3. Strophe der Marseillaise:

Was! Ausländisches Gesindel
würde über unsere Heime gebieten!
Was! Diese Söldnerscharen würden
Unsere stolzen Krieger niedermachen! (zweimal)
Großer Gott! Mit Ketten an den Händen
würden sich unsere Häupter dem Joch beugen.
Niederträchtige Despoten würden
Über unser Schicksal bestimmen!

Zu den Waffen, Bürger!
Schließt die Reihen,
Vorwärts, marschieren wir!
Das unreine Blut
tränke unserer Äcker Furchen!

EM2016 – Ein erster Ausblick

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Morgen startet sie also, die Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich. Oui, oui. Und wie schon die letzten Male – EM 2008, WM 2010, EM 2012, WM 2014 – werde ich versuchen, alle Spiele zu verfolgen und darüber blöglich zu berichten. Experte bin ich freilich keiner. Ich sehe vielmehr jede Begegnung in einem literarisch-dramaturgischen Licht. Was ich mir wünsche ist Spannung und Dramatik bis zum Schluss(pfiff). Ich will das Unerwartete, das Unglaubliche miterleben dürfen. Erinnern Sie sich vielleicht noch, Europameisterschaft 2008 in Österreich und in der Schweiz, als die türkischen Stehaufmännchen drohende Niederlagen in last-minute Siege verwandeln konnten? Noch jetzt läuft mir ein leichter Schauer über den Rücken, wenn ich an diese beiden Spiele (Tschechien und Kroatien)* zurückdenke (gegen die deutsche Elf war freilich kein türkisches Kraut gewachsen – Unwetter und schwarzer TV-Schirm hin oder her).

*) Wie es der Zufall so haben will, kommt es wieder zu diesen Begegnungen in Gruppe D!

Keine Frage, natürlich drücke ich der österreichischen Nationalmannschaft die Daumen. Mitfiebern bis zum bitteren oder glorreichen Ende. Gehört sich so. Ob ich große Erwartungen hege? Wir haben ja den Vorteil, dass der erste Gegner der vermeintlich schwächste in der Gruppe ist. Vor langer, langer Zeit war Ungarn eine Fußballmacht am Kontinent – den Engländern konnte seinerzeit sowieso keine Mannschaft das Wasser reichen, die spielten, wenn man so will, in einer eigenen Liga. Aber dann kam das Wunderteam und sorgte für einen noch nie dagewesenen (kurzen) Erfolgslauf. Wie gesagt, das ist lange her. In der Gegenwart werden wir von Alaba & Co keine Wunder erwarten dürfen. Es würde ja reichen, wenn die Spieler konzentriert zu Werke gehen und ihr Selbstvertrauen nicht in der Kabine lassen. Die Psyche ist schon immer die Achillesferse der österreichischen Nationalmannschaft gewesen. Vermutlich hängt es mit dem Verlust des Habsburger Kaiserreiches zusammen – damals, als Österreich von einer europameisterlichen Mannschaft zu einer Provinztruppe degradiert wurde, die nur noch in der Regionalliga spielen durfte. Diese Niederlage ist Teil der Volksseele und es wird noch viele Generationen und Siege brauchen, bis das Selbstbewusstsein wieder vollkommen hergestellt ist.

Einen Favoriten habe ich bis dato noch nicht. Natürlich gibt es die üblichen Verdächtigen, allen voran unsere deutschen Freunde, die eine Turniermannschaft sind und sich noch immer mit den eigenen Fußballschuhen aus dem Sumpf gezogen haben. Sie kennen ja den Ausspruch von Lineker, nämlich dass ein Fußballspiel 90 Minuten dauere und am Ende die Deutschen gewännen. Aber bis zum Finale ist es ein weiter Weg.

Mit einem gallischen Zaubertrank könnten die Franzosen weit kommen – vorausgesetzt die Stimmung bleibt gut und es kommt zu keiner Rebellion. Die Franzosen haben ja bekanntlich einen Faible für kleinere und größere Umstürze. Bei der Weltmeisterschaft in Brasilien, vor zwei Jahren, hat die französische Elf bereits aufgezeigt. Man wird sehen, ob sie zulegen konnte.

Englands Nationalelf wiederum hat durch den überraschenden Meisterschaftssieg von Underdog Leicester City Blut geleckt und Lunte gerochen. Vorbei die Epoche, als einzig Rooneys Knöchel über Sieg oder Niederlage entschied.

So. Jetzt warten wir mal die ersten Begegnungen ab und dann, dann können wir einen realistischen Favoritenkreis bestimmen. Die Glaskugel vorab zu befragen, also, no, no, das halte ich nicht für sinnvoll. Oui, oui.

EM 2012 – Halbfinale 1 – SPA : POR – Tiki-Taka Medizin

Portugal : Spanien o:o n.V.  2:4  n.E.

Hm. Haben es die Spanier also wieder einmal ins Finale geschafft. Nicht unverdient, ja, ja, aber Portugal war an diesem Abend auch nicht schlecht und hielt anständig dagegen. Nach dem 5. Spiel der Spanier muss man sich unweigerlich die Frage stellen: Wer soll diese iberische Tiki-Taka-Dampfwalze stoppen? Italien und Portugal haben gezeigt, wie man dieser spanischen Kurzpass-Orgie mit Erfolg entgegenwirken kann (Ja, ein Unentschieden zu erreichen ist schon ein Erfolg!). Italien, man muss es sagen, hat zwar in der Defensive ordentlich geschwächelt – die Portugiesen ließen kaum Chancen zu – aber in der Offensive, da gaben sie den Spaniern hübsch zunder – im Gegensatz zu den Portugiesen, die nur sporadisch vors gegnerische Tor kamen. Ronaldo hatte es wieder einmal auf den Fuß – aber statt den Ball aufs Tor zu bringen, dürfte es der 3. Rang gewesen sein.

Das gestrige Spiel war bestimmt von Krampf und Kampf. Die Portugiesen brachten vermutlich die einzige Medizin gegen spanische Über-Kicker ins Feld, die es im Moment gibt: Rackern, beißen, spucken, krätschen, laufen, springen, stampfen und so weiter und so fort. Hin und wieder versuchen sich ja Mannschaften, die gegen Spanien antreten, mit einem konsequenten Mittelfeld-Pressing die Iniestas und Xavis vom eigenen Strafraum fernzuhalten. Aber keine zehn oder zwanzig Minuten später stehen die Defensiv-Reihen vor dem Strafraum und lassen die Spanier kommen. Und wenn man sie einmal einlässt, bleiben sie bis zum bitteren Ende. Unhöflich, nicht?

Die Portugiesen machten das einzig Richtige: Pressing bis der Oberschenkel schmerzt. Laufen bis die Lunge ausgespuckt wird. In der Verlängerung – es war sicherlich weit nach 100 Minuten, lief der Spanier Pedro mit dem Ball allein auf den portugiesischen Torhüter zu. Aber ehe er noch Haken und Schuss ansetzen kann, sind drei Verteidiger der Portugiesen nach hinten gesprintet und räumten den Ball ab. Und der gute Pedro, also, der ist kein langsamer nicht. Damit will ich sagen: Jede Mannschaft, die in der Innenverteidigung nur behäbige Abräumer hinstellt, hat eigentlich gegen Tiki-Taka-Spanien schon verloren. Am eigenen Strafraum zu warten und zu hoffen, dass es für diesmal gut gehen wird, also, so eine Mannschaftstaktik kann sich vielleicht der 1. FC Vatikan erlauben, aber sonst niemand. Portugal hat es allen gezeigt. Du musst die Spanier bereits im Mittelfeld – noch besser an ihrem eigenen Strafraum – festnageln. Mit allen Mitteln. Koste es, was es wolle. So einfach sich das anhört, so schwierig ist die Umsetzung. Neben der Kondition ist nämlich die taktische Raumaufteilung und die Konzentration von größter Wichtigkeit. Wie aufgeschreckte Hühner dem Ball nachzulaufen und dem spanischen Spieler nachzugackern führt de facto natürlich zu gar nichts (naja, eventuell legt man sich ein Ei). Man muss sich einfach nur die Spanier zum Beispiel nehmen. Sie machen es vorzüglich – attackieren den Ballführenden der gegnerischen Mannschaft auf Teufel komm raus und machen die Räume um ihn so eng, dass dieser – völlig entnervt – den Ball nach vorne drischt, wo er dankend von den Spaniern in Empfang genommen wird. Tja.

Auch wenn wir jetzt das Rezept kennen, das gegen diesen Tiki-Taka-Juckreiz hilft, eines dürfen wir dabei nicht vergessen: ansehnlicher Fußball sieht anders aus! Gestern habe ich mir dabei folgende Analogie ausgedacht, die vielleicht nicht ganz treffend, aber in gewisser Weise des Pudels Kern trifft: Nehmen wir an, sie sitzen im Clubraum, wo gerade das Finale zur Schachweltmeisterschaft statt findet und warten gespannt auf die Eröffnungszüge. Aber der spanische Titelverteidiger nimmt ein paar Schachfiguren seines Gegners und beginnt damit zu jonglieren. Man ist beeindruckt, wie toll der Schachweltmeister mit den Figuren umzugehen versteht. Hui. Und was macht der Gegner? Er wartet. Hin und wieder versucht er eine Figur zu erwischen, aber da ist der Spanier schneller. Und ehe man sich versieht, fragt man sich nicht mehr, ob das alles noch mit Schach zu tun hat (immerhin jongliert er mit Schachfiguren, nicht mit Äpfel), sondern ob der Gegner jemals eine der Figuren erwischen kann. Verstehen Sie? Als die Italiener den Betonfußball namens Catenaccio anrührten, da schüttelte die Fachwelt den Kopf. Aber als sie damit Sieg um Sieg einfuhren, da musste die Fachwelt einräumen, dass diese Taktik zwar unansehnlich, aber effektiv und zielführend sei. Es heißt nicht umsonst, dass am Ende nur der Sieg zählt (andererseits könnte man sich fragen, wer solch eine Phrase gedroschen hat; waren es nicht Technokraten/Bürokraten, die  nichts vom Leben, aber sehr viel von Zahlen verstanden?).

Also, wie war das Spiel gestern? Naja. Die Portugiesen hielten dagegen – physisch, kämpferisch, läuferisch. Auch spielerisch waren einige Lichtblicke dabei. Immerhin glaubte ich erkannt zu haben, dass die spanischen Grundfesten schwankten, zitterten, aber erschüttert waren sie nicht. Dazu hätte es wohl ein Tor der Portugiesen gebraucht, aber wirkliche Torchancen waren Mangelware. Und so bestaunte man das Hin und Her. Das Hin und Her im Mittelfeld. Freilich, es war eine intensive Partie und gegen Ende waren die Spanier bestrebt, den Sack zuzumachen. Schlussendlich gelang es ihnen erst im Elfmeterkrimi. Wenigstens ist es Ronaldo erspart geblieben, am Elfmeterpunkt anzutreten. Wer weiß, wie es geendet hätte? So versagten die Nerven von Bruno Alves, der den Ball an die Latte donnerte, während ein gewisser Fabregas  den Ball via Innenstange ins Tor zirkelte. Spanische Maßarbeit, sozusagen.

Auch wenn ich dieser Tiki-Taka-Überheblichkeit rein gar nichts abgewinnen kann, die Portugiesen waren in jedem Fall die unterlegenere Mannschaft. Das ist bekanntlich nicht schwer, wenn man gegen Spanien spielt, aber ich meine, dass es auch Mut und Courage braucht, um gegen die spanische Übermacht zu bestehen. Dahingehend hatte Portugal noch ein Quäntchen gefehlt. Vielleicht war es auch, dass der Ausfall von Postiga im Sturmzentrum durch Almeida nicht wettgemacht werden konnte. Überhaupt, die Portugiesen sind an jeder Position top besetzt, nur der klassische Mittelstürmer, der ist ihnen irgendwie verloren gegangen. So ähnlich ist es ja auch Spanien ergangen, als Villa verletzungsbedingt für die EM ausfiel und Fernando Torres in Chelsea nur das Bankerlsitzen lernte, aber nicht, wie man Tore macht (trotzdem hat er das Spiel gegen die Iren praktisch alleine entschieden!). Als Alternative gab es einen Negredo – wie man gestern gesehen hatte, war er zwar physisch am Platz anwesend, aber irgendwie schien es, als würden die anderen ihn nicht mitspielen lassen; jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, ihn jemals am Ball gesehen zu haben. Weiters gäb’s dann noch einen Pedro, der beim FC Barcelona der Wasserträger von Messi & Co ist. Ja, ich schätze, die Spanische Tiki-Taka-Armada versenkte erst ab diesem Zeitpunkt alle ihre Gegner, als sie mit zwei exzellenten Stürmern aufwarten konnten. Wenn man sich die Ergebnisse ihrer letzten Ko-Spiele so anguckt, dann kommt man zum Schluss, dass den Spaniern gerade einmal ein Tor reicht – und mit Ausdauer, Zähigkeit und Tiki-Taka-Schwindlig-Spielereien dürfte es ihnen immer gelungen sein, dieses eine Tor zu machen. Respekt.

Finale? Ach ja. Wird der Gegner Deutschland heißen? Italien? Natürlich würde ich gerne sehen, wie die deutsche Nationalelf in den Jahren nach 2008 gewachsen ist. Aber wären sie ein ernsthafter Gegner für mental starke Spanier? Tja. Ich befürchte, dass die Löw-Truppe nach dem Abgang von Ballack zwar an spielerischen Qualitäten hinzugewonnen hat, aber ihre mentale »wir schaffen das«-Einstellung (vom Gegner zu einem Mythos erhoben!), die ist irgendwie flöten gegangen. Heute paniken die Gegner vorrangig, wenn es gegen Spanien geht. Die deutsche Elf ist ein mächtiger Gegner, keine Frage, aber unbesiegbar ist sie nicht mehr. Sollten sie mich aber Lügen strafen und heute die Italiener biegen und am Sonntag die Spanier brechen, ja, dann würde der alte neue Mythos wieder auferstehen. Aber ehrlich: ich glaub’s nicht!

Das war die Frauenfußball WM 2011 oder Dramatik Dramatik Dramatik

Japan hat die Fußball Weltmeisterschaft 2011 gewonnen. Ja, die Damen. Natürlich. Verloren haben die US-Girls. Obwohl sie besser gespielt und mehr Torchancen hatten. Ätsch. An und für sich bin ich kein Freund davon, wenn die schlechtere Mannschaft (heißt es jetzt Frauschaft?) gewinnt. Wirklich. Am liebsten ist es mir, wenn sich der Underdog aus seinem belächelten Status herauskämpft, mit Beißen und Zwicken und Strampeln und knapp das Unmögliche möglich macht. Ja, das ist die Dramaturgie, die uns so oft in Hollywood und zwischen den Buchdeckeln aufgetischt wird. Aber zumeist gewinnt der Favorit. Haushoch. Und lässt dem Kleinen keine Chance. Ja, so ist das. Im Leben wie im Sport. Wer jetzt in Eile ist und keine Lust hat, lange blögende (sic!) Beiträge zu lesen, für den habe ich am unteren Ende die Quintessenz auf den springenden Punkt gebracht.

Wer sich die Highlights angucken möchte, voilà, die FIFA hat die Höhepunkte als kurze Videoclips online gestellt. Sehr erfreulich. Freilich, ohne Kommentator ist es nur der halbe Spaß, aber man bekommt schon einen Eindruck, was so abgegangen ist. Hübsch spannend war Frankreich : England – hier zu sehen – wo die Engländerinnen genau einmal vors Tor kamen und – tja – das Tor machten. Die Französinnen stürmten mit Mann (sic!) und Maus und erzwangen knapp vor Ende noch durch ein Wundertor die Verlängerung und dann das Elfmeterschießen. Meine Herren, das war aufregend. Und die gute Nummer 17 der Französinnen hat mir gefallen. Oh. Und hier kann man für das schönste Tor des Turniers abstimmen. 10 Vorschläge stehen zur Wahl. Kurze Videoclips stellen die Tore vor. Ich hab schon abgestimmt.

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Natürlich. Es gibt Ausnahmen zum Favoriten, der den Underdog mit Haut und Haaren frisst. Immer gibt es die eine Ausnahme, an die sich all die nachfolgenden Generationen klammern und sich dadurch in eine aussichtslose Hoffnung stürzen. Aber ohne Hoffnung, ohne einem Quäntchen Trost (007), würde das Leben und der Sport ja keinen rechten Sinn machen. Und Spaß schon gar nicht.

Also gut, kommen wir zum Fußball zurück. Zum Frauenfußball. Die Männer verdrehen zumeist die Augen. Habe ich auch. Ich geb’s zu. Als ich vor einigen  Jahren die Norwegerinnen spielen sah, interessierte ich mich für ihr Aussehen (blond!) und musste feststellen, dass einige von den Spielerinnen schlank und rank das runde Leder kickten. Ansonsten war es so, wie ich vermutet hatte: wenig Ordnung im Spiel, Haufenbildung (»Wo ist der Ball?«), Fehlpässe und quälend langweiliges Herumgeschriebe. Okay, ich übertreibe. Vermutlich war es schon damals ganz okay. Aber wenn du voreingenommen bist, dann bist du voreingenommen und willst dich nicht überzeugen lassen. Ja, ja. Männer sind da sehr eigen.

Gut. Jetzt gab es also die Weltmeisterschaft in Deutschland. Und da dachte ich mir, es schadet nix, wenn man den Damen auf die Beine guckt. Die ersten Gruppenspiele mehr im Vorbeigehen bei V. gesehen, der kein Freund des Frauenfußballs ist. Und was wir sahen, naja, trug auch nicht gerade dazu bei, ihn umzustimmen. Gut, gut. Aber dann kamen die KO-Spiele: Viertelfinale. Und ein begnadeter Drehbuchschreiber setzte nicht den Hobel an, aber den Stift und schrieb ein erstklassiges Script, das an Spannung und Dramatik nichts zu Wünschen übrig ließ. Wahrlich, Hollywood hätte es nicht besser gemacht (freilich, die US-Girls hätten natürlich im Elferkrimi gewonnen – und ihre Torfrau Hope wäre zur Heldin avanciert – aber wie gesagt, wir hatten es mit einem begnadeten Drehbuchschreiber zu tun, nicht mit einem gekauften).

Ich muss jetzt ein wenig ausholen. Man verzeihe mir diese andauernden Abschweifungen. Apropos: jetzt erinnere ich mich wieder an X., die mir unverhohlen ihre Meinung zu meinem Blog schrieb, nach dem ich ihr wohlwollend ein paar Fragen beantwortete. X. meinte, dass meine Blog-Beiträge zu lang wären und sie sie deshalb nicht lese. Tja. Das Dumme ist, mir geht es genauso. Nicht bei meinen eigenen Blog-Beiträgen – die muss ich ja nur schreiben, nicht unbedingt lesen – aber bei anderen, fremden Beiträgen, da wird mir schwummrig, wenn ich den Blog runter runter runter scrolle und es nimmt kein Ende. Vermutlich wäre es gut, wenn jeder ein Fazit ans Ende oder an den Anfang stellt. Hm. Ja, das werde ich tun. Vielleicht.

Einschub: Was macht ein Fußballspiel spannend, aufregend, sehenswert? Nun, wenn die eigene Lieblingsmannschaft kickt (oder das heimische Nationalteam), dann fiebert man sich die Unterhose voll. Pardon. Ist aber so. Man ist nervös wie Sau. Wirklich. Man beißt sich alle Finger- und Zehennägel ab. Es reißt einen wortwörtlich vom Sitzplatz, wenn Chancen vergeben oder Tore gemacht werden. Man zittert. Man zetert. Man beschwört alle Götter und übt sich in Opferbereitschaft. Es ist eigentlich ein Jammer, dass man das Spiel nicht mehr nach objektiven Kriterien bewerten kann, sondern nur noch nach einem Sieg der eigenen Mannschaft – oder wenigstens einem Unentschieden. Ja, wenigstens. Verlieren ist Scheiße. Aber wem sag ich das?

Ich erinnere mich noch sehr gut, als Wacker Innsbruck (seltsam, als Wiener, dieser Mannschaft von klein auf die Daumen zu drücken, nicht?) in einem internationalen Cup-Bewerb im Rückspiel gegen eine schottische Mannschaft (war es Celtic?) spielte und es in die Verlängerung ging. Meine Güte. Ich sehe es noch jetzt vor mir. Schlagabtausch der übelsten Sorte. Beide Mannschaften lösten ihre Ordnung auf und stürmten mit Mann und Maus in den gegnerischen Strafraum. Ich war mit den Nerven am Ende. Wirklich. Ich hüpfte im Zimmer herum. Ich musste mein T-Shirt ausziehen (keine Ahnung warum – vermutlich, um es mir vor die Augen zu halten, wenn es gerade ganz schlimm wurde). Ja, es war nicht zum Aushalten. Und wäre Wacker Innsbruck am Ende als Sieger vom Platz gegangen, die ganze Aufregung, das Herumgehopse wäre wenigstens eine gute Anekdote. Aber so ist es nur eine leidvolle Erinnerung. Aber ich weiß noch, wie ich mir dachte (und das denke ich mir immer, nach solchen Spielen): okay, für mich geht das Leben ganz normal weiter – im Gegensatz zu den Spielern und  Managern des Vereins. Also, was soll’s. Haken wir das Ganze ab. Ärgerlich ist es schon. Weil Mayrleb ne 100%ige am Fuß hatte und sie stümperhaft versemmelte. Wirklich. Hätte er getroffen … naja, es hätte  mein Leben auch nicht verbessert. Zugegeben.

Oder das Achtelfinale der WM 2006 zwischen Portugal und Niederlande, das die Portugiesen knapp für sich entschieden. Aber was ist in diesem Spiel abgegangen? Emotion pur. Dramatik. Hektik. Hässlichkeiten. Es wurde gebolzt, gefoult und geschauspielert. Muss man einfach sehen, wie Deco mit Schaum vor dem Mund einem Holländer nachläuft und ihm vorsätzlich in die Beine grätscht, um sich für ein nicht geahndetes Foul zu rächen. Tja. Der Schiedsrichter war von diesem gräulichen Wüten in beiden Reihen überfordert und zog den gelben Karton als würde es kein Morgen geben. Ganze 8 Mal zeigte er Gelb und stellte zwei Portugiesen und zwei Holländer vom Feld. Haha. Das war wirklich ein Kampf auf Biegen und Brechen. Man gucke sich mal die Kommentare in einem Forum an, von Leuten, die das Spiel live kommentierten (»Wird da noch Fußball gespielt?«). Köstlich.

Mit diesen Beispielen wollte ich nur zeigen, was ein Fußballspiel braucht, um als gutes Fußballspiel in die Geschichte einzugehen: Emotion und Dramatik. Okay, Fußball soll auch gespielt werden. Aber so lange halbwegs ein flüssiges Spiel zustande kommt, ist alles gut. Wirklich. Im Gegensatz zum Schlafwagenfußball. Gääähn. Wenn eine Mannschaft den Ball hin und her und hin und her schiebt (Barcelona!) und die andere Mannschaft derweil den Rasen düngt. Stehpartie! Grauenhaft. Und dann diese Emotionslosigkeit, die einem den letzten Nerv als Zuseher raubt. Elendig. Ja, es gibt wirklich nichts Schlimmeres als einer grottenschlechten Kickerei zusehen zu müssen, in der sich keiner der beiden Mannschaften weh tun möchte. Grmpfl.

Und jetzt kommen wir – endlich – wieder zur Frauenfußball-WM 2011. Ja, die Viertel- und Halbfinalspiele waren von der knackigsten Sorte. Musste man livehaftig gesehen haben, um es zu glauben. Wirklich. Übrigens, den WM-Titel hätten sich eigentlich die Französinnen verdient. Also, was die an Offensivgeist an den Tag legten, der gute Kopfstoß-Zidane hätte seine Freude an den Mademoiselles. Ich weiß nicht mehr die genaue Statistik, aber gegen die Engländerinnen haben sie vermutlich 50 Mal aufs Tor geschossen (hat trotzdem gerade mal für eines gereicht, aber der Weitschuss war superb!), während die Inselkickerinnen gerade zwei- oder drei Mal das Tor anvisierten (und glücklich den Führungstreffer machten). Im Elfmeterkrimi hatten die Französinnen das hübsche Näschen vorne . Gottlob. Die Engländerinnen hatten mäßig gespielt und sich den Sieg nicht verdient. Da bin ich streng.

Und dann spielten die Frankreich im Halbfinale gegen die USA. Haha. Die Französinnen steckte die US-Girls in die Tasche, sie spielten Katz und Maus mit ihnen und schossen aus allen Lagen. Hui. Technisch beschlagen, gutes Kombinationsspiel. Musste man gesehen haben. Man hatte beinahe Mitleid mit den US-Girls. Tja. Aber die Tore, die man nicht schießt, bekommt man (Binsenweisheiten gibt’s bei mir gratis im Blog). Dumm gelaufen. Die Französinnen waren die bessere Mannschaft und gingen als Verlierer vom Platz. Oje. Die US-Girls zogen ihren Kopf aus der Schlinge. Genauso wie im Viertelfinale gegen die Brasilianerinnen. Die sahen schon wie der sichere Sieger aus (sie führten in der Verlängerung!), als die US-Girls Minuten vor dem Ende noch ausglichen. Glücklich. Tja. Im Elfmeterschießen behielten sie die Oberhand und die Brasilianerinnen waren draußen. So schnell kann es gehen.

Und die Japanerinnen? Huh. Mit Glück und Gnade zwangen sie die Deutschen nieder. Hätte wohl keiner für möglich gehalten. Aber die kleinen wuseligen Japanerinnen zogen den gut spielenden germanischen Frauen den letzten Nerv. Und in einem Konter wurde den Deutschen das Tor gemacht. Tja. Kein Märchen. Das Spiel gegen die Schweden im Halbfinale, also, das hatte es kurzzeitig in sich. Der Volleyschuss ins Tor, fast schon auf der Mittellinie, war sensationell. Irre. Ja, in diesem Spiel zeigte Japan, was es konnte. Im Finale gegen die US-Girls war scheinbar das Pulver verschossen. Da ging nicht mehr viel. Aber es reichte, um zweimal glücklich auszugleichen – mit freundlicher Unterstützung einer herumstolpernden US-Verteidigung (Ähnlichkeiten zum Pentagon rein zufällig und die Spielerin Cheney ist nicht mit dem Dick verwandt, oder?!). Und hätte die USA ihre Chancen verwertet und den Ball nicht dauernd an die Stange befördert, die Damen wären als glorreiche Sieger vom Platz gegangen. Aber der Scriptschreiber ist nicht gekauft. Das sagte ich bereits.

So. Müde bin ich schon. Scheint mir, als wäre ich gerade in die Verlängerung gekommen. Ja, das Leistungspensum der Damen in diesem Turnier war beachtlich. Dass viele von ihnen noch in der 118. Minute (Verlängerung) übers Feld sprinteten hat mich dann doch sehr sehr überrascht.

Überrascht hat mich auch, dass die Damen den ansehnlicheren Fußball spielten – wenn beide Mannschaften es zuließen. Da ging es flott von einer Strafraumszene zur nächsten. Und dass die Damen nicht schauspielern, nach einem Foul, hat mir auch sehr gefallen. Wie ich es verabscheue, wenn ein Spieler, nach einer leichten Berührung des Gegners zu Boden geht und den sterbenden Schwan gibt (»Applaus!«). Entsetzlich. Und wie zerfahren ein Spiel sein kann, wenn die Mannschaften beginnen, taktische Fouls am laufenden Band zu produzieren. Im Finale brauchte es fast  22 Minuten bis es zum ersten Foulspiel kam. Das wäre bei den Männer nicht möglich – weil das Testosteron es nicht zulässt: »Was guckst du? Ich trete dich in Fresse, du Sau!« – oder der Trainer gibt klare Anweisungen: »Die anderen dürfen doch net zum Spüln kommen, versteht’s ihr des net? Hauts eine!«

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Die springende Quintessenz: Die Frauenfußball Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland hat mir eindrücklich vor Augen geführt, dass chauvinistische Voreingenommenheit zwar lustig, aber nicht den Kern des Gegenstands und schon gar nicht das Tor trifft. Aua. Will heißen: die KO-Runden waren eine perfekte Demonstration für emotionsgeladenen und spannenden Fußball, wie man ihn in der Männerdomäne so selten sieht. Freilich, das Spiel der Damen ist nicht so körperbetont, nicht so physisch, was wiederum den großen großen Vorteil hat, dass weniger Fouls begangen werden und somit der Spielfluss nicht so oft unterbrochen wird. Ein Spiel mit oftmaligen Verstößen wirkt unruhig und zerfahren und ist grottig zum Anschauen. Wirklich. Also, wenn Sie das nächste Mal wieder die Gelegenheit (Olympia 2012) haben, 22 Damen auf die schlanken Füße zu schauen, tun Sie es. Sie werden es nicht bereuen.