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Heureka eines Wahrheitssuchers

Wenige Tage vor Ostern, dem höchsten Fest der Christenheit, dämmerte mir eine mögliche Wahrheit, die plötzlich die nähere Vergangenheit in einem neuen, vor allem aber sinnvolleren Lichte erscheinen ließ. Kurz und gut, ein Wink des Geistes bedeutete mir, dass der große Konflikt des 20. Jahrhunderts ein Glaubenskrieg gewesen sei. Dadurch ist es erklärlich, warum jene Glaubensrichtung, die den (vorläufigen) Sieg davon trug, alles unternahm – und noch immer unternimmt – um den unterworfenen Glauben vollkommen auszulöschen. Es erinnert dabei an jene dunklen Zeiten, als Katholiken über Ketzer herfielen und europäische Kreuzzüge gegen Andersgläubige ausgerufen und mit brachialer Gewalt durchgeführt wurden. Viele, die ihrem Glauben nicht abschwören wollten, mussten auf den Scheiterhaufen. Aufrührerische Burgvogte wurden belagert, die Verteidiger nach Eroberung nicht geschont, die Reliquien, denen man habhaft wurde, vernichtet, all die schriftlichen Aufzeichnungen, die sich finden ließen, zu Asche verwandelt. Die Geschichtsschreiber zu Rom formulierten freilich immer nur ihre Seite der Ereignisse, die der guten und gerechten, sozusagen göttlichen Sache zuzurechnen war. Die andere Seite wurde mit tiefstem Hass und größter Verachtung bedacht. Niemand sollte sich mehr an diesen Irrglauben erinnern.

Wenig ist noch übrig, von all diesen verschiedenen ur-christlichen Glaubensrichtungen – zu meist sind es Mythen und Sagen, vielleicht leben sie in den Minne-Gesängen der Gralslegende fort, aber der Schlüssel, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, ist längst verlorengegangen. Oder – es wäre nicht unmöglich – oder es gibt sie noch, jene Ritter, die das Geheimnis ihres Glaubens zu bewahren wissen und nur die Edlen und Reinen darüber einzuweihen trachten.

Im Übrigen war der dreißigjährige Krieg (1618-1648) kein Glaubenskrieg im engeren Sinne. Vielmehr wurde die religiöse Diskrepanz der Obrigkeit dazu verwendet, um weltliche Forderungen durchzusetzen und das europäisch-deutsch-römische Machtverhältnis zu verschieben. Landsknechte und Söldner, auf beiden Seiten, ließen es an Grausamkeit nicht mangeln, fühlte man sich im göttlichen Recht. Aber am Ende, nach dreißig Jahren, waren die deutschen Lande ausgeblutet und ausgebeutet. Es gab nichts mehr zu holen, also machte man Frieden und unterzeichnete zum ersten Male einen Vertrag, der Königen und Fürsten Glaubensfreiheit zusicherte. Schließlich war man zivilisiert.

Kriegsverbrecher müsste es viele gegeben haben, damals. Angeklagt, so weit ich weiß, wurde keiner. Die göttliche Strafe, davon ist auszugehen, muss jeden früher oder später getroffen haben. Es sei denn, er stand auf der richtigen Seite.

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Minne ist Gedenken und Erinnerung.

»Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.«
Jean Paul

Der Film Lore

Ich habe bereits eine Weile darüber nachgedacht, wie ich ein äußerst spitzzüngeliges Zitat vom guten alten Schopenhauer unter das lesende Volk streuen würde können. Und nach dem ich den australisch-deutschen Film LORE gesehen habe, der fünf junge Geschwister im Mai 1945 auf die Reise quer durch Deutschland schickt, wusste ich, dass sich nun eine gute Gelegenheit dafür bot. Voilà.

„Zu den … wesentlichen Unvollkommenheiten der Geschichte kommt noch, daß die Geschichtsmuse Klio mit der Lüge so durch und durch inficirt ist, wie eine Gassenhure mit der Syphilis. Die neue, kritische Geschichtsforschung müht sich zwar ab, sie zu kuriren, bewältigt aber mit ihren lokalen Mitteln bloß einzelne, hie und da ausbrechende Symptome; wobei noch dazu manche Quacksalberei mit unter läuft, die das Uebel verschlimmert.“ [S. 480f]

Arthur Schopenhauer’s sämmtliche Werke – Band 6
Hrsg. Julius Frauenstädt, Brockhaus, Leipzig 1874

Man beachte an dieser Stelle, dass mich alleine schon die Verlinkung auf das internationale Kinoplakat in des Teufels juristische Küche bringen könnte. Überhaupt ist eine Kinorezension für Filme und Bücher, die zwischen 1933 und 1945 angesiedelt sind, eine Gratwanderung für unsereins. Auf der einen Seite warten Zustimmung und Lob, auf der anderen Existenzgefährdung und Knast. Es ist ein imaginäres Minenfeld, das sich vor einem ausbreitet – freilich ohne Ende in Sicht. Wer unvorsichtig ist, eine Mine auslöst, kann bei der Explosion die Hand zum Schreiben und die Stimme zum Sprechen verlieren. Allein die Vorstellung darüber, nun ja, lässt mich nicht gerade freimütig werden, wenn Sie verstehen.

Über den Film möchte ich eigentlich keine Worte verlieren, jeder kann sich selbst ein Bild machen.

Was ich jedenfalls nicht verstehe, warum ausgerechnet eine australische (!) Produktion mit deutschen Fördermitteln ausgestattet wurde. Gab es im ganzen deutschsprachigen Raum keinen einzigen Kreativen, der sich dieser so traumatischen Periode annehmen wollte? Und noch unverständlicher, warum der geförderte Film auf dem Buch einer Autorin basierte, die rund 25 Jahre nach Ende des Krieges das Licht der Welt erblickte!? Es gibt doch eine Vielzahl an authentischer Berichten und wahren Lebensbeschreibungen, von Autoren und Autorinnen, von Zeugen und Zeuginnen, die aus jener Zeit stammen, warum also das Märchen einer australischen Regisseurin fördern?

Dass im Film eine unterschwellige sanfte Pornographie lauert, möchte ich nicht ungesagt lassen. Das Thema pubertärer Sexualität hätte frau vielleicht besser in einem anderen Kontext behandeln sollen. Oder aber, wenn frau schon diese Route im Nachkriegsdeutschland einschlagen möchte, dann bitteschön mit schonungsloser Offenheit.

„Altogether at least two million German women are thought to have been raped, and a substantial minority, if not a majority, appear to have suffered multiple rape“, schreibt die britische Tageszeitung The Guardian im Jahr 2002.


Verfälschte Historie: Die Suche nach dem roten Faden

Wahrlich, es ist zum Haare raufen. Gottlob habe ich noch welche auf meinem Kopf. Die Historie, die wir Geschichte nennen, hat de facto nichts mit der Vergangenheit zu tun. Das eine ist Realität, das andere ist der Versuch, Geschehenes in eine für uns verständliche Bildersprache zu übersetzen. Aber wenn wir eines wissen, dann ist es der Umstand, dass es die Geschichtenerzähler oftmals nicht so genau nehmen, mit den Fakten und Daten. Geht es nicht darum, eine gute Story zu erzählen, die die Zuhörer in den Bann zieht?

„History is always written wrong, and so always needs to be rewritten.“ George Santayan

Die verfälschte Historie ist eine harte Nuss und genau das richtige Betätigungsfeld für jene Skeptiker, die sich auch vor den schwierigsten Rätseln nicht entmutigen lassen. Ja, es braucht viel Ausdauer und einen klaren Geist, ansonsten läuft man Gefahr, im Kreis zu laufen, immer und immer wieder. Und am Ende ist man wieder am Anfang, um keinen Deut klüger, nur erschöpfter und enttäuschter.

Deshalb suche ich den roten Faden in diesem von Menschenhand geschaffenen Irrgarten, den wir Historie nennen. Aufzeichnungen über vergangene Ereignisse sind im Großen und Ganzen verdächtig – sie können absichtlich oder unabsichtlich verfälscht sein. Was bleibt, sind Monumente aus Stein, derer es eine Vielzahl gibt, sei es oberhalb, sei es unterhalb der Erde. Die Entwicklung der Sprachen, sowie Herkunft wichtiger Wörter und geographischer Namen bieten Anhaltspunkte. Und das war es auch schon.

Kurz und gut, die Historie vor 1900 ist mit vielen kleinen und großen Fragezeichen behaftet. Wenn es möglich war, die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu biegen und brechen, trotz unzähliger Bücher und Zeitungen, trotz vieler Radio- und Videoaufzeichnungen, trotz des allwissenden Internets, wie einfach muss es vor zwei- oder drei- oder fünfhundert Jahren gewesen sein?!

Ja, nichts ist wie es scheint.


Montaigne und das Mädchen, das in Mannskleidung in die Welt hinein ging, anno 1580

Im Jahre 1580 – eine gute Weile ist das schon her – hat sich der gute Michel de Montaigne auf den langen Weg gemacht. Von Frankreich reiste er nach Italien, die „Fahrt“ ging dabei über Deutschland, die Schweiz und Tirol. Auf dieser langen Reise – vorwiegend zu Pferd zugebracht, während das Gepäck mit dem Wagen transportiert wurde – notierte er in seinem Reisetagebuch die eine oder andere merkwürdige Anekdote. Eine handelt von einem „seltnen Ehepaar“. Die Übersetzung ist von 1777, deshalb muthet die Rechtschreibung ein wenig eigen an. Aber so ist das. Andere Zeiten, andere Schreibweisen.

„Sieben oder acht Mädchen, aus der Gegend von Chaumont in Basigny, verabredeten sich vor einigen Jahren unter einander, in Mannskleidung in die Welt hinein zu gehen, und sich etwas zu versuchen. Eine von ihnen kam nach Vitry unter dem Namen Mary. Sie bekam bald bey einem Leinweber Arbeit, da sie wohl gewachsen war, und die Kunst verstand, sich eines jeden Liebe und Freundschaft zu erwerben. Sie verlobte sich in Vitry mit einer Frau, die noch am Leben ist; da sie aber in einige Mishelligkeiten geriethen, so gieng der ganze Handel aus einander. Darauf gieng sie nach Montirendet, und verdiente auch da als Leinweber ihr Brod. Hier ward sie von neuem in ein Frauenzimmer verliebt; die sie heirathete. Vier bis fünf Monate lebte dieß seltne Ehepaar in der stolzesten Zufriedenheit; bis sie von einem Bürger aus Chaumont entdeckt und der Obrigkeit angezeigt wurden. Mary ward zum Galgen verurtheilt, weil sie eine ihrem Geschlechte unanständige Sache erfunden hatte. Diese Strafe übernam sie mit Gelassenheit. Ich will lieber den Tod leiden, sagte sie, als in der Gestalt eines Mädchens mein Leben fortsetzen.“ [S. 119f]

Reisen durch die Schweiz, Deutschland und Italien.
In den Jahren 1580 und 1581
Michel de Montaigne

John F. Kennedy und das 55-jährige Schweigen

Letzte Woche jährte sich der Tod des damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy zum 55. Male. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die obligaten Wiederholungen der Wiederholungen im Mainstream zu lesen oder zu hören. Für Presse und Politiker ist die Sache klar und längst zu den Akten gelegt. Der „lone gunman„, der Einzeltäter namens Lee Harvey Oswald, hat exakt drei Schüsse mit einem Gewehr abgegeben – zwei davon trafen den Präsidenten in der offenen Limousine und verletzten ihn tödlich. Die Treffer sind auch – mehr oder weniger – im Zapruder-Film zu sehen, der freilich Veränderungen im behördlichen Labor erfahren hat (Schnipp Schnapp) und den die Bevölkerung erst in den 1970er Jahren zu Gesicht bekam. Warum wurde dieser kurze Filmclip so lange unter Verschluss gehalten? Wovor hatten die Verantwortlichen Angst?

Zwei Monate vor seinem Tod sprach Kennedy vor den Vereinten Nationen über eine friedliche Kooperation mit der UdSSR und dem Wunsch, die Raumfahrt gemeinsam voranzutreiben. Nebenbei bemerkt, hatte Kennedy eine private Korrespondenz mit dem damaligen Regierungschef der Sowjets Nikita Chruschtschow. Wollten die beiden am Ende den Kalten Krieg beenden?

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