Archiv der Kategorie: about krise

Beweise, Wahrheit, Spielregeln

Nicht mehr viel Zeit. Trotzdem muss ich es noch los werden, diese seltsame Gefühl, das mir wieder so eindringlich in die Seele gefahren ist. Hin und wieder schält es sich aus dem Unbewussten und tanzt mir auf der Nase herum. Seltsam. Fürwahr. Ich kann nicht anders, als alles und jedes zu hinterfragen. Macht das Sinn? Natürlich nicht. Besser, ich würde meine Energie dahingehend verwenden, gegenwärtige Dinge zu hinterfragen (und davon gäb’s ja genug). Statt dessen kreisen meine Gedanken über längst Vergangenem. Aber ich frage mich, immerzu, was, wenn die Überlieferung (also das, was wir allgemeines Wissen nennen) zu einzelnen vergangenen Ereignissen nicht stimmt?! Ja, was wäre dann?

Ein Beispiel. Die führenden Köpfe einer US-Regierung haben durch ihren Geheimdienst-Apperatus gewusst, dass ein Irakischer Diktator zwar gerne mit seinem Gewehr in der Gegend herumballert, aber Beweise, dass er WMD („Weapons of Mass Destructions“), also Massenvernichtungswaffen, hätte, gab es nicht. Trotzdem wetterten die US-Leute so lange („Axis of Evil“), bis sie ihren Krieg hatten. Später erfuhr man (mehr so nebenbei, weil ja Irak schon in Trümmer lag), dass es keine WMDs gab und noch später, dass man es schon vorher wusste. Aha.

Das mag natürlich nur eine Kleinigkeit sein. Gut, damit konnte die US-Regierung mit ihrem Englischen Sidekick der Welt zeigen, dass man mit ihnen zu rechnen habe und dass man Gründe für eine Eskalation rasch zur Hand hätte („Hey, du hast im Keller ne Nuke-Facility! Dare you!“). Und die Öffentlichkeit (besser: die Medien, die bei diesem Versteckspiel mitmachen) zuckt nur mit der Schulter. The Show must go on. Yep.

Die Frage aller Fragen, wenn man so will: Wann dringt eine Information ins kollektive Bewusstsein und wird von der Allgemeinheit als wahr angenommen? (Gewiss, eine absolute Wahrheit kann es nie geben)

Druckt eine Zeitung einen kleinen Artikel, wird er gelesen, aber nicht für bare Münze genommen. Nur wenn das darin abgehandelte Thema auch die nächsten Tage aufgegriffen wird, weitere Informationen bekannt werden UND wenn andere Medien, andere Kanäle das Thema behandeln, dann dringt es langsam ins kollektive Bewusstsein („Wenn ALLE sagen, dass es so ist, dann wird es schon so sein.“)

Damit steht aber auch fest, dass die Medien eine immer wichtigere Rolle im Spiel der Mächte einnehmen. Gut, wir können sagen, es gibt nun das Web, wo alle Themen jene Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. Ja, das Web macht in der Tat den Unterschied. Aber würden wir einer Webseite unser Vertrauen aussprechen? Ist das gedruckte Papier nicht doch „Furchteinflößender“? Oder eine Nachrichten-Sendung? Interessanterweise hat eine bestimmte „geleckte“ Webseite das uneingeschränkte Vertrauen der Öffentlichkeit bekommen. Weil sich Print-Medien genauso wie TV-Kanäle auf diese Webseite beziehen. Hm. Also sind es wieder die klassischen Medien, die entscheiden, welche Webseite (und vor allem: welches Thema) relevant sein darf und welche nicht.

Natürlich. Wir leben in einer freien Welt. Pressefreiheit wohin man guckt. Alles Eitel Wonne, wa? Ach so, ja, natülrich gibt es Medienkonglomerate und wahnwitzig absurde Unternehmenskonstrukte und -verflechtungen, lokal wie international, in die unsereins nicht mehr durchblickt. Am Ende ziehen wieder nur ein paar Leutchen die Fäden. Ich weiß, das klingt jetzt wieder verdächtig („Gähn“) nach Weltverschwörung, aber es ist einfach nur unser Wirtschaftssystem, das nach diesen Spielregeln funktioniert: „The Winner takes it all!“ – Am besten, man spiele im trauten Freundeskreis eine Runde DKT oder Monopoly. Bis zum bitteren Ende. Was wird geschehen? Einer bekommt alles, die andere nichts. Das ist bitteschön keine Weltverschwörung, das ist einfach nur unfair. Yep. So läuft das eben.

Vielleicht wird es Zeit, die Regeln des Spiels zu hinterfragen. Müssen wir denn akzeptieren, dass das Spiel „unfair“ läuft?

Also. Man nehme besagtes DKT oder Monopoly. Man wähle den Ältesten der Runde aus und gebe ihm einerseits die Bank, andererseits das 100fache an Startkapital und 90 % aller Grundstücke mit Häusern/Hotels darauf. Die anderen Mitspieler bekommen nichts und dürfen sich Kredite aufnehmen. Die Konditionen legt der „Banker“ fest. Die anderen Mitspieler beginnen sich also um die letzten kleinen freien Felder zu prügeln. Der „Banker“ ist zufrieden. Keiner stellt in Frage, dass die Spielregeln „unfair“ und „unausgewogen“ sind. Man bezichtigt die anderen Mitspieler, dass sie einen austricksen, dass sie einen übers Ohr hauen wollen (was sie natürlich tun, um wenigstens ihren kleinen Anteil zu bekommen). Und wenn tatsächlich einmal die Mitspieler unangenehme Fragen aufwerfen, kann der „Banker“ immer noch eine Krise  („Huh. Die Zinsen steigen dramatisch …“), einen Krieg („Dein Nachbar hat dir gerade einen Geldschein gestohlen …“) oder einfach das Wohlfühlprogramm („Geht es uns nicht allen gut?“) auslösen.

Yep. Folks. So läuft das Spiel. Und würdest du der älteste Spieler am Brett sein, also der „Banker“, seien wir ehrlich, würdest du etwas ändern wollen? Natürlich nicht.

 

Große Argentinische Literatur in einem kleinen Wiener Buchladen

Buch-Cover (c) Drava Verlag
Buch-Cover (c) Drava Verlag

Vor wenigen Tagen lernte ich Florian Müller kennen. Der profunde Kenner der Argentinischen Literatur hat nun seinerseits ein Buch übersetzt: Enrique Medinas Der Boxer, erschienen im Drava Verlag. Nicht nur, dass der gute Florian diese Buch vorstellte und kurze Passagen daraus vorlas, nein, er bracht einen gehörigen Stapel Bücher mit, die er Exemplar für Exemplar präsentierte, daraus vorlas und etwaige geschichtliche Zusammenhänge erklärte. Zugegeben, mich hat das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse nicht sonderlich interessiert. Aber nach diesem Abend sieht es anders aus. Das Buch „Der Boxer“ wird gerade gelesen (inklusive einer Signierung vom Übersetzer – gibt’s auch nicht alle Tage) und verspricht gute Literatur zu sein – der Erzählstil ist präzise und knapp und erinnert zuweilen, dass der Autor auch beim Film tätig war.

Aber wichtiger ist natürlich, dass ich nun gewisse politische Zusammenhänge über Argentinien erfahren habe. Und dass während der Militär-Diktatur, Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er, über 30.000 Menschen spurlos verschwanden und nie wieder auftauchten. Keine Leiche. Kein Lebenszeichen. Nichts. Da kann man nur sagen – sehr zynisch, ich weiß – die Exekutive hat ganze Arbeit geleistet. Wenn man sich vor Augen führt, dass 1978 die Welt nach Argentinien blickte, wenigstens für einen Monat und die Fußball-WM abfeierte, dann ist das auch ein Treppenwitz der Geschichte, der sich dann und wann wiederholt (Olympische Sommerspiele in Berlin, 1936).

Interessant ist auch, dass die Regierung Anfang der 1990ern ihr Familiensilber verscherbelte, um die großen Budgetlöcher zu stopfen. Da wurden auch die etabliertesten argentinischen Verlage kurzerhand von europäischen oder US-Verlagskonzernen aufgekauft und der Literaturmarkt mit nicht-argentinischen Büchern überschwemmt. Aber als die Wirtschaft endgültig den Bach runterging – inklusive einer Hyper-Inflation, haben sich die Verlagskonzerne wieder zurückgezogen (ausländische Bücher waren mit einmal so teuer, dass man diese nicht mehr verkaufen konnte). Nun war das Feld frei für die kleinen, unabhängigen Verlage genauso wie für ambitionierte Eigenverleger. Kein Wunder also, dass die argentinische Literatur im Aufwind ist und ihren Weg geht. Ich werde jedenfalls hie und da ein Auge auf Argentinien haben.

.

P.S: dass der kleine Wiener Buchladen nichts von meinen Büchern wissen will, ärgert natürlich sowohl den Verleger als auch den Autor sehr. Deshalb wird der Name des Ladens trotzig unter den Teppich gekehrt. Ja, so schnell kommt man nicht mehr in des Bloggers Blog. Social Media rulez!

.

Was haben wir also getan?

Was haben wir also getan? Wir haben unsere Gemeinden im äußersten Maße destabilisiert. Wir haben alles gemacht, was in einem sozialen Sinne falsch war: wir haben die Menschen vom Land entwurzelt, wir haben sie förmlich aus ihrer Umgebung herausgerissen, wir haben sie in Städte abgeschoben, wir haben ihnen keine Jobs gegeben, dafür Ghettos und das Sub-Proletariat geschaffen; die Verbrechensrate ging genauso hinauf wie die Drogenabhängigen, während die Familien auseinander fielen – und all das in Zeiten einer extremen Hochkonjunktur. Warum? Weil wir nur an wirtschaftlichen Kennzahlen interessiert waren. Wir vergaßen, dass der Zweck von Wirtschaft nicht jener sein sollte, ständig Kennzahlen zu verbessern, sondern der Zweck von Wirtschaft ist vielmehr den Wohlstand zu erhöhen, sowie soziale Stabilität und gesellschaftlicher Zufriedenheit zu gewährleisten. Und GATT ist ein typisches Wirtschaftsinstrument um die Profite der Unternehmen zu steigern. Das Ergebnis wird die Zerstörung der gesellschaftlichen Stabilität sein, das weitere Auseinanderbrechen der Familien, erhöhte Kriminalität und Verarmung und all die anderen Krankheiten, an denen wir heute leiden.

Sir James Goldsmith
Unternehmer und EU-Parlamentarier
Excerpt taken from his speech, November 1994

Was wir jetzt haben ist nicht echter Kapitalismus. Ich gebe ihm den Namen Ersatzkapitalismus, weil was wir im Moment machen ist, dass wir Verluste verstaatlichen und Profite privatisieren. Das ist natürlich schlimmer als echter Kapitalismus, weil es dadurch verzerrte Anreize gibt. So können die Banken  all diese CDS und verrückten Derivate erschaffen, wohl wissend, dass, wenn es schief geht, die Steuerzahler einspringen müssen. Was ich also in erster Linie klar stellen möchte, ist, dass unser heutiges System kein echter Kapitalismus ist. Es ist Glücksspiel auf Kosten des Steuerzahlers.

Joseph Stiglitz
US-Wissenschaftler und Nobelpreisträger
Interview in Alternet

Die beiden oben genannten Zitate habe ich aus dem Englischen übersetzt. Ich hoffe, ich habe keine gröberen Schnitzer gemacht. Aber der Sinn sollte korrekt sein. Ich überarbeite im Moment Madeleine. Im März 1789 wusste noch niemand, wohin die Reise gehen würde. Frankreich hatte sich massiv verschuldet. Die von Finanzminister (und Philosoph) Turgot in den 1770ern vorgeschlagenen rigorosen Sparmaßnahmen, wurden zurückgewiesen. Der König und seine Minister machten weiter Schulden. Bis man sich eingestehen musste, dass Frankreich bankrott war. Neue Steuern mussten den Bürgern abgerungen werden. Die Generalstände sollten sich deshalb am 1. Mai 1789 in Versailles versammeln und ihren Sanktus geben. Schlussendlich, wir wissen es, kam alles anders. Ausgelöst durch die gebildete Bürgerschicht, ausgeführt durch den aufgebrachten Paris Pöbel.

Was lernen wir daraus? Die Mitteilung einer Regierung an ihre Bürger, dass der Staat bankrott ist, führt zu einer völligen Vertrauenskrise und damit einhergehend zu einer Aufhebung der sozialen Ordnung.

Jetzt ist es aber so, dass nicht nur Griechenland finanziell taumelt. Eine illustre Reihe finanzschwacher Wackelkandiaten stecken bereits ihre Köpfe in den Sand, hoffend, dass die Krise an ihnen vorüberzieht. Tja. Das wird wohl nicht funktionieren. Aber was heißt das? Geht jetzt alles der Reihe nach den Bach runter?

Wie auch immer diese Krise ausgehen wird, es zeigt, dass der gewöhnliche Bürger über Jahre und Jahrzehnte für dumm verkauft wurde. Wir haben das Ersatz Kapitalistische „The-Winner-Takes-It-All“-Prinzip so verinnerlicht, dass es uns gar nicht merkwürdig vorkam, wenn Leute zu ihren Lebzeiten einen immensen Reichtum anhäuften, während die Obdachlosen zunahmen. Warum stellte sich keiner die Frage, woher dieser Reichtum kam? Und welche Kosten die Gesellschaft dafür zahlen muss? Sir James Goldsmith, leider bereits verstorbener Multimillionär, erkannte am Ende seines Lebens, bereits Mitte der 1990er, was die boomende und globalisierte Wirtschaft den Menschen dieser Welt bringen wird: nichts Gutes.

Ich, für meinen Teil, frage mich, was geschehen muss, bis wir uns versammeln und über ein neues Wirtschaftssystem nachdenken. Es ist mir egal, wie man dieses bezeichnet und ob es links oder rechts oder oben oder unten ist. Drauf geschissen, mit Verlaub. Diese ideologische Diskussion müssen wir mal zur Seite räumen. Einen möglichen Lösungsansatz gibt ein gewisser C. H. Douglas und sein Social Credit. Ich habe mich noch nicht eingehend damit befasst, aber wenn ein Ökonom bereits in den 1920ern und 1930ern erkennt, dass es in Zeiten der Industrialisierung keine Vollbeschäftigung geben kann, dann bekommt er meine Aufmerksamkeit.

Bezüglich der Taschenbuchausgabe von Madeleine plane ich ein interessantes Vorbestellungs-Fördermodell. Aber davon später einmal mehr.

Dienen die Buchmärkte der Literatur?

Schoko­laden­automaten sind so konstruiert, dass man niemals durch Hineinstecken von Schokolade eine Münze erhalten wird ebenso wie Buchmärkte niemals durch Hineinstecken von Werbung Literatur ausspucken werden. Weiterlesen?

Gerhard Falkner
KRANICHSTEINER REDE 2008

Dienen die Kapitalmärkte dem Menschen,
dienen die Buchmärkte der Literatur?
„A New Modest Proposal“

Jayne (Freitag Kuminity) hat mich freundlicherweise auf diesen wahren und interessante Beitrag hingewiesen.

Charter für ein neues Europa!

http://www.europe4all.org/english/englisch/index.php

Durch Zufall gestern davon erfahren. Noch nicht zum Lesen gekommen – werde ich aber. Um mir die Wichtigkeit dieser Idee vor Augen zu führen, stell ich den Link in mein wordpress.blog. Auf dass ich dann nicht vergesse, mir die Charter anzuschauen. Aber was ich bis dato gesehen habe, klingt gut.

Und wie hieß es gestern:

„Die Politik ist zu wichtig, um sie den Politikern zu überlassen.“