Archiv der Kategorie: about krise

Was haben wir also getan?

Was haben wir also getan? Wir haben unsere Gemeinden im äußersten Maße destabilisiert. Wir haben alles gemacht, was in einem sozialen Sinne falsch war: wir haben die Menschen vom Land entwurzelt, wir haben sie förmlich aus ihrer Umgebung herausgerissen, wir haben sie in Städte abgeschoben, wir haben ihnen keine Jobs gegeben, dafür Ghettos und das Sub-Proletariat geschaffen; die Verbrechensrate ging genauso hinauf wie die Drogenabhängigen, während die Familien auseinander fielen – und all das in Zeiten einer extremen Hochkonjunktur. Warum? Weil wir nur an wirtschaftlichen Kennzahlen interessiert waren. Wir vergaßen, dass der Zweck von Wirtschaft nicht jener sein sollte, ständig Kennzahlen zu verbessern, sondern der Zweck von Wirtschaft ist vielmehr den Wohlstand zu erhöhen, sowie soziale Stabilität und gesellschaftlicher Zufriedenheit zu gewährleisten. Und GATT ist ein typisches Wirtschaftsinstrument um die Profite der Unternehmen zu steigern. Das Ergebnis wird die Zerstörung der gesellschaftlichen Stabilität sein, das weitere Auseinanderbrechen der Familien, erhöhte Kriminalität und Verarmung und all die anderen Krankheiten, an denen wir heute leiden.

Sir James Goldsmith
Unternehmer und EU-Parlamentarier
Excerpt taken from his speech, November 1994

Was wir jetzt haben ist nicht echter Kapitalismus. Ich gebe ihm den Namen Ersatzkapitalismus, weil was wir im Moment machen ist, dass wir Verluste verstaatlichen und Profite privatisieren. Das ist natürlich schlimmer als echter Kapitalismus, weil es dadurch verzerrte Anreize gibt. So können die Banken  all diese CDS und verrückten Derivate erschaffen, wohl wissend, dass, wenn es schief geht, die Steuerzahler einspringen müssen. Was ich also in erster Linie klar stellen möchte, ist, dass unser heutiges System kein echter Kapitalismus ist. Es ist Glücksspiel auf Kosten des Steuerzahlers.

Joseph Stiglitz
US-Wissenschaftler und Nobelpreisträger
Interview in Alternet

Die beiden oben genannten Zitate habe ich aus dem Englischen übersetzt. Ich hoffe, ich habe keine gröberen Schnitzer gemacht. Aber der Sinn sollte korrekt sein. Ich überarbeite im Moment Madeleine. Im März 1789 wusste noch niemand, wohin die Reise gehen würde. Frankreich hatte sich massiv verschuldet. Die von Finanzminister (und Philosoph) Turgot in den 1770ern vorgeschlagenen rigorosen Sparmaßnahmen, wurden zurückgewiesen. Der König und seine Minister machten weiter Schulden. Bis man sich eingestehen musste, dass Frankreich bankrott war. Neue Steuern mussten den Bürgern abgerungen werden. Die Generalstände sollten sich deshalb am 1. Mai 1789 in Versailles versammeln und ihren Sanktus geben. Schlussendlich, wir wissen es, kam alles anders. Ausgelöst durch die gebildete Bürgerschicht, ausgeführt durch den aufgebrachten Paris Pöbel.

Was lernen wir daraus? Die Mitteilung einer Regierung an ihre Bürger, dass der Staat bankrott ist, führt zu einer völligen Vertrauenskrise und damit einhergehend zu einer Aufhebung der sozialen Ordnung.

Jetzt ist es aber so, dass nicht nur Griechenland finanziell taumelt. Eine illustre Reihe finanzschwacher Wackelkandiaten stecken bereits ihre Köpfe in den Sand, hoffend, dass die Krise an ihnen vorüberzieht. Tja. Das wird wohl nicht funktionieren. Aber was heißt das? Geht jetzt alles der Reihe nach den Bach runter?

Wie auch immer diese Krise ausgehen wird, es zeigt, dass der gewöhnliche Bürger über Jahre und Jahrzehnte für dumm verkauft wurde. Wir haben das Ersatz Kapitalistische „The-Winner-Takes-It-All“-Prinzip so verinnerlicht, dass es uns gar nicht merkwürdig vorkam, wenn Leute zu ihren Lebzeiten einen immensen Reichtum anhäuften, während die Obdachlosen zunahmen. Warum stellte sich keiner die Frage, woher dieser Reichtum kam? Und welche Kosten die Gesellschaft dafür zahlen muss? Sir James Goldsmith, leider bereits verstorbener Multimillionär, erkannte am Ende seines Lebens, bereits Mitte der 1990er, was die boomende und globalisierte Wirtschaft den Menschen dieser Welt bringen wird: nichts Gutes.

Ich, für meinen Teil, frage mich, was geschehen muss, bis wir uns versammeln und über ein neues Wirtschaftssystem nachdenken. Es ist mir egal, wie man dieses bezeichnet und ob es links oder rechts oder oben oder unten ist. Drauf geschissen, mit Verlaub. Diese ideologische Diskussion müssen wir mal zur Seite räumen. Einen möglichen Lösungsansatz gibt ein gewisser C. H. Douglas und sein Social Credit. Ich habe mich noch nicht eingehend damit befasst, aber wenn ein Ökonom bereits in den 1920ern und 1930ern erkennt, dass es in Zeiten der Industrialisierung keine Vollbeschäftigung geben kann, dann bekommt er meine Aufmerksamkeit.

Bezüglich der Taschenbuchausgabe von Madeleine plane ich ein interessantes Vorbestellungs-Fördermodell. Aber davon später einmal mehr.

Dienen die Buchmärkte der Literatur?

Schoko­laden­automaten sind so konstruiert, dass man niemals durch Hineinstecken von Schokolade eine Münze erhalten wird ebenso wie Buchmärkte niemals durch Hineinstecken von Werbung Literatur ausspucken werden. Weiterlesen?

Gerhard Falkner
KRANICHSTEINER REDE 2008

Dienen die Kapitalmärkte dem Menschen,
dienen die Buchmärkte der Literatur?
„A New Modest Proposal“

Jayne (Freitag Kuminity) hat mich freundlicherweise auf diesen wahren und interessante Beitrag hingewiesen.

Charter für ein neues Europa!

http://www.europe4all.org/english/englisch/index.php

Durch Zufall gestern davon erfahren. Noch nicht zum Lesen gekommen – werde ich aber. Um mir die Wichtigkeit dieser Idee vor Augen zu führen, stell ich den Link in mein wordpress.blog. Auf dass ich dann nicht vergesse, mir die Charter anzuschauen. Aber was ich bis dato gesehen habe, klingt gut.

Und wie hieß es gestern:

„Die Politik ist zu wichtig, um sie den Politikern zu überlassen.“

die Krise der Revolution (2): eine E-Mail aus Leipzig

Zugegeben, die E-Mail, die ich gestern von vd bekam, ist eine per- sönliche. Trotzdem erlaube ich mir, die Nachricht zu veröffentlichen. Warum? Weil diese Zeilen jedermann und jederfrau gehören. Egal, wo sich der Leser, die Leserin gerade aufhält. Ob in West- Deutschland. Ob in Österreich. Ob in der Schweiz. Überall gibt es ein „Ostdeutschland“. Aber dieses „Ostdeutschland“ definiert kein Land. Es definiert vielmehr eine Einstellung.

Man höre hierzu Wolfgang Ambros A Mensch möcht I bleibn

briefinvers

[TEXT] Ich verstehe diese Leute nicht, ich verstehe dieses Land [Ostdeutschland] nicht. Keiner hat ein gutes Wort für den anderen, alle meckern nur und können nicht schätzen das, was sie haben. Ich möchte nach Westdeutschland. Wessis haben eine völlig andere Ausstrahlung, andere Manieren und sind mehr gebildet und kultiviert. Es gibt hier so gut wie keine, die von Ideen, von überzeugungen leben, die anderen helfen.

Ich dachte, hier lebt das Volk der Dichter und Denker, stattdessen sehe ich hier eine Konsumgesellschaft, die kein Hochdeutsch kann. Ich möchte jetzt nicht schlecht reden, es gibt auch hier genung Akademiker und Intellektuelle. Deswegen sagt dir kein Verleger: Mensch, Richard, ich glaube an dich, ich bin auch bereit, in dich zu investieren. Nein, sie wollen einfach den Umsatz machen.

Ich habe hier von einer Frau gehört, Deutschland erlebe jetzt seinen Untergang.

Ich finde das unendlich traurig. Ich finde auch traurig, wenn eine Frau aus Indien an der Kasse im Supermarkt nicht begrüsst wird, oder wenn Polen im Zug einander erzählen (auf polnisch natürlich), dass sie sich hier ausgeschlossen fühlen.

Was aber wirklich schlimm ist, dass wir nicht mehr so begeisterungsfähig und unschuldig sind, wie kleine Kinder.

Die Krise der Revolution (I): Thomas Gratt

aus der Spektrum-Beilage der „die Presse“ vom 15.September 2007

Wolfgang Freitag im Gespräch mit Thomas Gratt im Jahr 2002, Mitwirkender der Palmers-Entführung im November 1977. Zwei Jahre später wird er dafür zu 14 Jahren, elf Monaten und 15 Tage Haft verurteilt. Man lese hierzu auch den Essay Als alles vorbei war von Peter Zakravsky, ebenfalls in der Spektrum-Beilage vom 15. September 2007.

Freitag: „Und wie geht es Ihnen heute in diesem Ihren so unerwarteten anderen Leben?“

Gratt: „Schlecht. Dass es so tot im Sinne von perspektivenlos, an- spruchslos werden könnte, wie es heute ist, und dass so wider- standslos soziale Errungenschaften, für die wirklich noch unsere direkten Angehörigen, nicht nur fremde uralte Generationen, mit großem Einsatz gekämpft haben, von unserer Generation verspielt werden mit der Freude eines Casino-Gehers … Da passt wirklich nur das Wort entsetzlich. Und es ist traurig, dass es nicht mehr Leute gibt, die entsetzt sind.“

Ende März 2006 soll er für die Doku „Keine Insel – Die Palmers Ent- führung 1977“ interviewt werden. Kurz davor, am 29. März 2006 nimmt er sich das Leben.

update: ist mir ja wirklich peinlich, dass ich Glatt statt Gratt geschrieben hab …