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die Krise der Revolution (2): eine E-Mail aus Leipzig

Zugegeben, die E-Mail, die ich gestern von vd bekam, ist eine per- sönliche. Trotzdem erlaube ich mir, die Nachricht zu veröffentlichen. Warum? Weil diese Zeilen jedermann und jederfrau gehören. Egal, wo sich der Leser, die Leserin gerade aufhält. Ob in West- Deutschland. Ob in Österreich. Ob in der Schweiz. Überall gibt es ein „Ostdeutschland“. Aber dieses „Ostdeutschland“ definiert kein Land. Es definiert vielmehr eine Einstellung.

Man höre hierzu Wolfgang Ambros A Mensch möcht I bleibn

briefinvers

[TEXT] Ich verstehe diese Leute nicht, ich verstehe dieses Land [Ostdeutschland] nicht. Keiner hat ein gutes Wort für den anderen, alle meckern nur und können nicht schätzen das, was sie haben. Ich möchte nach Westdeutschland. Wessis haben eine völlig andere Ausstrahlung, andere Manieren und sind mehr gebildet und kultiviert. Es gibt hier so gut wie keine, die von Ideen, von überzeugungen leben, die anderen helfen.

Ich dachte, hier lebt das Volk der Dichter und Denker, stattdessen sehe ich hier eine Konsumgesellschaft, die kein Hochdeutsch kann. Ich möchte jetzt nicht schlecht reden, es gibt auch hier genung Akademiker und Intellektuelle. Deswegen sagt dir kein Verleger: Mensch, Richard, ich glaube an dich, ich bin auch bereit, in dich zu investieren. Nein, sie wollen einfach den Umsatz machen.

Ich habe hier von einer Frau gehört, Deutschland erlebe jetzt seinen Untergang.

Ich finde das unendlich traurig. Ich finde auch traurig, wenn eine Frau aus Indien an der Kasse im Supermarkt nicht begrüsst wird, oder wenn Polen im Zug einander erzählen (auf polnisch natürlich), dass sie sich hier ausgeschlossen fühlen.

Was aber wirklich schlimm ist, dass wir nicht mehr so begeisterungsfähig und unschuldig sind, wie kleine Kinder.

Die Krise der Revolution (I): Thomas Gratt

aus der Spektrum-Beilage der „die Presse“ vom 15.September 2007

Wolfgang Freitag im Gespräch mit Thomas Gratt im Jahr 2002, Mitwirkender der Palmers-Entführung im November 1977. Zwei Jahre später wird er dafür zu 14 Jahren, elf Monaten und 15 Tage Haft verurteilt. Man lese hierzu auch den Essay Als alles vorbei war von Peter Zakravsky, ebenfalls in der Spektrum-Beilage vom 15. September 2007.

Freitag: „Und wie geht es Ihnen heute in diesem Ihren so unerwarteten anderen Leben?“

Gratt: „Schlecht. Dass es so tot im Sinne von perspektivenlos, an- spruchslos werden könnte, wie es heute ist, und dass so wider- standslos soziale Errungenschaften, für die wirklich noch unsere direkten Angehörigen, nicht nur fremde uralte Generationen, mit großem Einsatz gekämpft haben, von unserer Generation verspielt werden mit der Freude eines Casino-Gehers … Da passt wirklich nur das Wort entsetzlich. Und es ist traurig, dass es nicht mehr Leute gibt, die entsetzt sind.“

Ende März 2006 soll er für die Doku „Keine Insel – Die Palmers Ent- führung 1977“ interviewt werden. Kurz davor, am 29. März 2006 nimmt er sich das Leben.

update: ist mir ja wirklich peinlich, dass ich Glatt statt Gratt geschrieben hab …