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l’appel de l’orient

Eigentlich wollte ich ja hier und jetzt lang und breit über die (familiäre) Podiumsdiskussion vom Team Teichenberg zur Programm-Reform des ORF erzählen. Diese fand im Quartier der Digitalen Kunst (QDK) im MuseumsQuartier statt. Die Diskussion an sich war jetzt nicht so aufregend, aber das Drumherum, das Persönliche, das Networking, das Aufgenommene, ja, das wäre und ist ein Eintrag wert – vielleicht morgen.

Während ich also gerade den Hunger stillte, zappte ich blöd herum und landete auf Wiens erstem offenen Fernsehkanal (OKTO), wo ein Gespräch mit Angelika Herta und Anna Walch, zwei Literatur- wissenschaftlerinnen, gesendet wurde, die marokkanische Schrift- steller vor Ort interviewt und daraus den Dokumentarfilm l’appel de l’orient gemacht haben. Das klingt jetzt nicht gerade spannend. Ist es aber! Denn was diese älteren Herren (und eine Dame) aus Marokko zu sagen haben, das ist tief beeindruckend. Jetzt habe ich die beiden natürlich gleich angeschrieben – in der Hoffnung, dass sie mir eine DVD (gegen Bezahlung) schicken werden.

Ach, es ist halt eine große Freud, wenn man engagierte Menschen kennen lernen darf, die die festgefahrenen Pfade (wenigstens für kurze Zeit) verlassen bzw. verlassen haben. Wenn dich andere durch ihr Tun oder ihre Präsenz beeindrucken, beeinflussen sie dich. Jeder Einfluss, ob gut, ob schlecht, tropft in deine Seele. Bis diese überläuft. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, diesen Überfluss in eine Form zu bringen, diesem eine Form zu geben. So entsteht Inspiration. So entsteht schlussendlich wahre Kunst.

Tonic!

Erzähle A. lang und breit und ausführlich über die Entstehung des Dichters zu Wien. Erste Inspiration. Erster Versuch. Erster Roman. Sehe ein Ginger Ale in der Getränkekarte und bestelle ein Ginger Tonic. Die Dame des Servier-Personals, meiner Sprachmagie nicht ganz gewachsen, sieht mich fragend an und fragt freundlich nach. Ich nicke und sage „Tonic“. Nachdem ich die Hälfte dieses Tonics genüsslich gesüffelt habe, bemerke ich eine leichte Verzerrung in der Wahrnehmung der Umwelt. Zuerst lache ich still in mich hinein, glaubend, dass mein Körper mir nur den Alkohol im Tonic vorgaukelt (so ähnlich geht’s mir manchmal mit dem alkoholfreien Bier). Auf dem Pissoir kommt mir das schon sehr merkwürdig vor, diese Verzerrung. Ich denke nach (ja, da plätschert die Zeit langsam dahin) und frage mich, was Ingwer auf Englisch heißt. Komm nicht drauf. Mir fällt immer nur „Gin“ ein. Gin ist aber alkoholisch, dämmert mir sanft. Hab ich tatsächlich ein Gin Tonic bestellt? Als ich die Toilette verlasse, bin ich mir so gut wie sicher. Die Rechnung bestätigt es wenig später. A. bezahlt die Zeche. Mir ist es peinlich. Irgendwie.

 

[update 11.5.07]

Der Dichter zu Wien steht (Monate ist’s her) an der Bar, will ein Tonic bestellen und bestellt ein Gin Tonic. Warum sich der „Gin“ hinzugeschmuggelt hat, zum Tonic, ist nicht eindeutig ersichtlich, man kann annehmen, dass das Unbewusste hier die Finger im Spiel hatte.

Er süffelt gerade am Gin Tonic, als neben ihm eine Frau eine „heiße Zitrone“ ordert (es war nach 22 Uhr). Er schielt zur Seite und fragt sich, wer in Teufels Namen zu dieser Uhrzeit in einer schummrigen Bar eine „heiße Zitrone“ trinkt. Jedenfalls, dem Gin (und dem Aussehen der Frau) sei Dank, reißt sich der dschun zusammen, lächelt zur Seite und spricht sie an. eventuell sollte die „heiße Zitrone“ so ähnlich wie das „fallengelassene Taschentuch“ aufgefasst werden. Damit wäre ein für alle Mal die Schwierigkeit des „wie spreche ich einen fremden Mann/eine fremde Frau an“ gebannt. Findet die Frau den neben ihr lümmelnden Mann interessant, bestellt sie eine „heiße Zitrone“. Ansonsten bleibt sie beim üblichen Drink („geben Sie mir das Stärkste, was Sie haben!“)

Die Frau erzählt kurz von sich. Sie ist eine germanische Aktionskünstlerin, die in der Bretagne lebt und in Wien eine Freudin besucht. Ich bin beeindruckt, möchte mehr wissen, aber irgendwie will der Funke nicht überspringen. Ich stell mich vor.

„Ich bin der Richard“
„Du bist Richter?“

An dieser Stelle wäre es das Beste gewesen, sofort die Flucht anzu- treten. Es gibt Momente in einem „ungezwungenen“ Gespräch, die einem klar vor Augen führen, dass die Situation gar nicht so unge- zwungen ist, wie man(n) es gerne hätte.

das Stehaufmanderl-Gen

Um heutzutage die Leute zu motivieren (Vorsicht, wir sind alle eine Leut!), bedarf es der ausgefallensten Tricks und Kniffe. Da die Zeit begrenzt ist, die jedermann und jederfrau zur Verfügung hat, muss das Input/Output-Verhältnis („was wiegt’s, das hat’s!“) eines Veranstaltungsbesuches abgeklärt werden. Wer schon einmal eine Festivität geplant und durchgezogen hat, weiß wovon hier die Rede ist. Undank ist der Welten Lohn, heißt es nicht umsonst und bewahrheitet sich immer wieder. Ein Glück, dass all jene nicht den Mut und die Überzeugung verlieren, weiterzumachen, wieder etwas auf die Beine zu stellen. Diese besonderen Menschen haben das Stehaufmanderl-Gen in sich (man könnte auch sagen, sie sind so blöd, sich den Allerwertesten aufzureißen für nix und wieder nix).

Was ich aber immer wieder bemerke, ist, dass gerade die jungen Menschen offener und risikofreudiger sind, als all die gesetzten und gereiften mittleren Alters.

Vielleicht hängt es auch von der Familiensituation ab. Wird in der Kommuniktion das ich durch das wir ersetzt, ist es das untrügliche Zeichen, dass damit die große Unplanbarkeit einhergeht: „Du, da muss ich mein Schatzerl fragen, ob wir am Freitag kommen können. Ich glaube, wir fahren da zur Großtante ins Altersheim, aber ich geb dir noch Bescheid.“ Ist die Familiensituation noch mit kleinen Kindern angereichert, strebt die Planbarkeit gegen Null: „Am Freitag? Oje. Das ist schlecht. Die Schwiegereltern spielen am Freitag immer Bridge … das geht dann wohl nicht.“ Der Klassiker der Motivationsforschung ist jener Sologeiger, der das nötige Orchester um sich benötigt: „Am Freitag. Ja, könnte schon gehen, müsste ich mir noch genauer anschauen. Wer kommt denn sonst noch? Ach, du hast nur A. und B. angeschrieben? Was ist denn mit C. und D.? Haben noch nicht geantwortet? Aha. Und E.? Ja, die ist in Rom. Sonst? Aha. Ja, also, schau ma mal.“ Der zweite Geiger ist immer unschlüssig und abwartend, ein angeborener „Vielleicht“-Sager.

Deshalb ist es so wichtig, wenn du etwas auf die dünnen Beine stellst, dass du eingefleischte JüngerInnen um dich scharst, die für dich durchs Feuer (leicht angeröstet) gehen. Denn nichts motiviert die gesetzten Leute mehr, als zu hören, dass es da begeisterte und lebensbejahende und offene und gesellige und schöne und begehrenswerte und interessante und bekannte Menschen (= JüngerInnen) gibt, die sie treffen und bequatschen und näher kennen lernen können.

Jetzt gibt es nur noch eine Frage!
Wo bekommt man solche JüngerInnen her?

Lifestyle mit Servicecharakter für den Schriftsteller

Brief an den SchriftstellerJetzt mache ich mir bald keine Sorgen mehr, in Bezug auf meine Schriftstellerei. Letztens bekomme ich ein Hoch- glanz-Magazin zugeschickt. Adressiert an „Richard K. Breuer“ und darunter „Schriftsteller“. Aha!? Da frag ich mich ja, woher die Werbe-Fritzen das jetzt wissen. Wo haben sie ihre Adressen- suchende Nase gesteckt, um mich und meine geheiligte Profession (Bestimmung?) ausfindig zu machen?

Im Übrigen, der Werbe-Brief ist typographisch unter jeder Sau. Eigentlich ein Skandal. Blocksatz ist ja schön und gut, aber man kann es übertreiben. Der fette Font haut mich vom Sessel – bittschön nicht im positiven Sinne zu verstehen. Natürlich habe ich in das Magazin geblättert. Was fällt auf? Den Machern geht es um Hochglanzästhetik von zuweilen unerschwinglichen und teuren Luxus-Gadgets. Der Sinn solcher (Frauen- wie Männer-)Magazine ist es, dem durch- schnittlichen und mit sich unzufriedenen Leser bzw. Leserin* (ja, bei Frauen funktioniert es um vieles Leichter! Scheinbar sind Frauen generell unzufriedener mit ihrer Gesamtsituation bzw. leichter zu beeinflussen) die süßen Trauben, die viel zu hoch hängen, schmackhaft zu machen.

Denn haben wir mal Gusto, so wollen wir unbedingt Trauben. Also nehmen wir die nächstgelegenen und für uns erreichbaren Trauben (ein wenig säuerlich – deshalb sind wir wieder unzufrieden!). Egal, was sie schreiben, was sie zeigen, es geht um den Konsum, um das „Haben wollen“ („meins, meins, meins“). Deshalb kann ich solchen glänzenden Magazinen nichts abgewinnen. Aber ein bisserl schmeicheln tut es mich ja, die Adressierung 🙂

*) wer im Stande ist, sich jeglichen Luxus zu leisten, liest mit Sicherheit kein Hochglanz-Magazin des Geld-Proletariats.