Archiv der Kategorie: er&sie

Ende und Anfang einer Geschichte

Ein vertrauliches Gespräch über das Alleinesein und die Auswirkungen.
ER: „Einen Menschen berühren zu dürfen, das zeugt von Nähe.
Wie kommst du zu deiner Wärme?“
SIE: „Ich habe eine Decke.“

 

So fühlt es sich also an. Wenn ein Kapitel geschlossen wird und damit die Geschichte endet. Aber jedes Ende bedeutet auch wieder zu einem neuen Anfang zu kommen. Ohne Ende, kein Anfang. So einfach ist das. Aber zuvor gilt es, die Geschichte gedanklich durchzuspielen, die eine oder andere Seite wieder und wieder zu lesen, stilistische Verzauberungen erneut zu entdecken, die Konstruktion der Illusion zu bewundern (und sich dabei zu fragen, was zuerst da war: die Konstruktion oder die Illusion), oder sich einfach nur an einer kleinen humoristischen Einlage zu erfreuen.

Wenn der Punkt der Geschichte endgültig gesetzt, ist es ein kleiner Tod, den der Schriftsteller erfährt. Das ist nur in seiner musischen Welt tragisch, das Leben, der Alltag geht, davon unbeeindruckt, weiter. Ja, für den Schriftsteller, der sich Stunden, Tage, Wochen, Monate, ja, vielleicht sogar Jahre, mit einer Geschichte intensivst auseinandergesetzt hat, der sich darin verloren hat, eingetaucht ist, um lange nicht aufzutauchen, dieser Schriftsteller hat nun alles verloren und noch nichts gewonnen. Es wird seine Zeit brauchen, bis er sich an eine neue Geschichte heranwagt, weil die alte noch gut im Gedächtnis haftet.

Ich habe MM. die erste Fassung zu 88/4 – eine banale Liebesgeschichte geschickt. Sie ist zur Hälfte durch und merkte an, eine ähnliche Konstruktion in der Lade liegen zu haben. Während meine Geschichte in einem Zug spielt, findet ihre in einem Restaurant statt. Seltsam, dass wir beide die selben Buchstaben für unsere beiden Protagonisten wählten. Hm. Da merke ich wieder, wie eigentümlich sich die musische Welt gebärdet, wenn man sich auf sie einlässt.

Werde das Manuskript Chrys P. schicken. Es schadet nicht, mal die Meinung eines Mannes einzuholen. Und nach dem wir uns vorgestern so freizügig unterhielten, denke ich, dass er der richtige dafür ist. Sein Buch Die Suppe danach ist ja eine recht offenherzige Tagebuch-Melange, die Einblicke in die Befindlichkeit eines Mannes gibt, der Frauen verstehen möchte, aber sie nicht fassen kann. Irgendwo zwischen Wien und LA. Die Buch-Präsentation ist übrigens am 22. Februar, wenn ich mich recht entsinne.

 

Das Mädchen mit dem Rad

bea e la bici | 90 x 70 | oil and acrylic on jute | 2007 von Lucia Riccelli
bea e la bici | 90 x 70 | oil and acrylic on jute | 2007 by lucia riccelli

Ein lauer Abend. Ich bin am Nachhauseweg. Biege um die Ecke und möchte die Treppe nach unten nehmen, die zum Donauufer führt, als mir unvermutet ein Mädchen mit geschultertem Rennrad entgegen kommt. Ich schaue sie an. Mache einen überraschten Gesichtsausdruck. Sie schaut mich an. Und nimmt meinen überraschten Gesichtsausdruck mit einem Lächeln wahr. Dann ist sie an mir vorbei und ich an ihr. Auf dem weiteren Nachhauseweg, entlang der fließenden Donau, mache ich mir Gedanken. Über diese Begegnung. Und erinnere mich an all die gut gemeinten Ratschläge, immer mit einem Lächeln durch die Welt zu gehen und jedem eines zu schenken. Aber wohin würde das führen? Würde dadurch nicht das Besondere entwertet? Ein Vergleich drängt sich förmlich auf, muss hier genannt werden: es ist, als würde man jeden LIKE-Button in Facebook anklicken, der einem über den virtuellen Weg liefe. Anfänglich würde sich der „Gemochte“ freuen, aber wenn er erführe, dass man jeden LIKE-Button anklickte, würde diese Freude schnell verebben. Genauso würde es mir gehen, wenn dieses Mädchen mit dem Rad jeden anlächelte. Der Zauber, die Illusion, sie wären mit einem Male dahin. Ein zweiter Gedanke kommt mir ebenfalls in den Sinn. Dieses Mädchen, dieses Lächeln hat zu diesem Beitrag geführt. Wäre es denkbar, frage ich, dass man selbst einmal Auslöser einer inspirativen Kraft war? Ohne es zu wissen, hat man einem unbekannten Menschen zu einem kreativen Impuls verholfen. Freilich, es mag unwahrscheinlich sein und wir würden es nie erfahren, wenn es denn so wäre, aber eines ist es in jedem Fall: tröstlich. Und das ist schön.

er & sie (1)

palmenhausPalmenhaus.

Gastgarten. Vermutlich der schönste Wiens. Der Mokka schmeckt mäßig. Aber deshalb kommt man ja nicht her. WLAN kann man übrigens auch anzapfen. Das Tischtuch ist aus Papier. Darauf kann man zum Beispiel seine Widmungs-Versuche hinkritzeln, bevor man diese ins Büchlein schreibt. Soviel mal dazu.

Arthur Schnitzlers „Halbzwei“ ist eine der gelungensten Dialoge zwischen Mann und Frau, den ich kenne. Authentisch bis zum letzten Gedankenstrich. Hier hat der Dichter ungeniert die gemachten Erfahrungen mit seiner damaligen Geliebten, der Schauspielerin Adele Sandrock, zu Papier gebracht. Wunderbarst! Leider konnte ich im Internet noch keine lesbare Version dieses kurzen Stücks finden. Nichts desto trotz gilt es, dem Wiener Seelendichter Tribut zu zollen. Bitte sehr, bitte gleich.

SIE: „Eine schwarzes Korsett mit roten Innenarbeiten, so dass die Verschmälerung stärker hervor tritt. Wenn’s nicht so teuer wär, würd ich’s mir gleich kaufen.“
ER: „Aha …“
SIE: „Dir gefällt das nicht, ich weiß. Du gehörst zur Pullover-Fraktion.“

*

Ein vertrauliches Gespräch über das Alleinesein und die Auswirkungen.
ER: „Einen Menschen berühren zu dürfen, das zeugt von Nähe. Wie kommst du zu deiner Wärme?“
SIE: „Ich habe eine Decke.“

… fortsetzung folgt …
[sieht nach Regen aus]