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Die Wiederholungsprüfungen des Lebens

Als ich heute Morgen im Café mein Frühstück (Mokka mit Schlagobersgupf) zu mir nahm, hörte ich vom Nebentisch eine Dame sagen, dass sie auf ihren Enkel warte, der eine Wiederholungsprüfung zu machen hat. Das Wort „Wiederholungsprüfung“ hat in meinem Kopf eine gehörige Lawine an Erinnerungen zu Tal und ans Licht befördert. Freilich keine angenehmen.

Wie lange mag das jetzt her sein? Vor über 30 Jahren musste ich mich dieser Prüfung (und weitere sollten im Verlauf der Schulzeit folgen) stellen. So viel hängt davon ab. Wie kann eine Gesellschaft solch eine Folter erlauben und gutheißen? Noch dazu trifft es junge Menschen, unsicher, was die Welt (und das Berufsleben) im Köcher für sie hat. Grausam, dieses ernste Spiel mit unreifen Seelen.

Freilich, die Schule ist nur Teil eines Räderwerks, das tut, wie es (einstmals) konstruiert wurde (analog einer Fabrik). Möchte man also eine Änderung vornehmen, dann geht das nur über die Gesellschaft selbst. Eine Unmöglichkeit, ich weiß.

Auf dem Nachhauseweg dachte ich an all die Prüfungen, die einem das Leben abverlangt. „Der Sinn des Lebens ist es, stärker zu sein“, hatte Wolfgang Ambros einst gesungen. Damals, als ich es Mitte der 1980er Jahre zum ersten Mal hörte, verstand ich nur Bohne, trotzdem merkte ich mir diese Zeile. Vielleicht, sagte ich mir, offenbart sich mir einmal der Sinn des Lebens.

Und dann? „Dann schreib ich ein Buch darüber und werde ein berühmter Schriftsteller.“ Ach, wie herrlich schillern all unsere Jugendträume gleich einer Seifenblase, die zum Himmel schwebt.

Die Seele ist ein weiter Kosmos

Vor drei Jahren war es, als mich diese so unangenehme Nachricht erreichte, die das Ende einer Ära einläutete. Man könnte sagen, ich wurde recht unsanft aus einer wohligen Träumerei gerissen. Jeder, der schon einmal aus dem Schlaf hochgeschreckt ist, weiß um den Schockzustand: Der Herzschlag erhöht, der Puls unregelmäßig, der Atem flach und das Bewusstsein orientierungslos. Man versucht herauszufinden, ob das Leben ein Traum oder der Traum das Leben ist. Es braucht eine Weile bis man wieder zur Besinnung kommt. Das Gehirn erkennt endlich die reale Welt und löst sich vom Traum. Endgültig. Es bleibt freilich nichts anderes übrig. Wenn die Götter den Hobel ansetzen, dann ist man nur noch blinder Passagier auf einem kleinen Boot, das von Wellen und Sturmböen hin- und hergeworfen wird. Man hält sich fest und hofft, dass diese wütende Wetterkapriole nicht von langer Dauer sein wird. Man hört die Beschwichtigungen – hatte man nicht schon schlimmere Stürme überstanden? – und rechnet mit dem Schlimmsten.

In den nachfolgenden Wochen bin ich hie und da, wenn es Zeit und Umstände erlaubten, hierher, in den Augarten, saß im Vorgarten eines Cafés, trank Espresso ohne Milch und Zucker und blickte zum alten Flakturm. Ich schrieb Tagebuch, versuchte die Innenwelt aufs Papier zu bringen. Es ist eine Form von Therapie und ich kann es nur jedermann und jederfrau empfehlen. Der Flakturm, dieses Mahnmal aus Beton und Stahl, erzählte mir von einer längst vergangenen Zeit. Das beruhigte mein aufgewühltes Ich, wenn ich seinen Geschichten lauschen durfte.

Ruinen, steinerne Überbleibsel längst vergangener Epochen, haben mich schon immer fasziniert. Wie haben die Leute damals gelebt, was haben sie erlebt und was wissen wir von deren Vergangenheit? Überlieferungen in schriftlicher Form haben uns selten erreicht. Aber der Mensch will sich nicht damit zufrieden geben und denkt sich Geschichten aus die uns das Schöne und Schreckliche des Daseins vor Augen führen sollen. Die Historie ist mehr Fiktion denn Fakt. Niemandem ist es gegeben einen göttlichen Blick auf vergangene Ereignisse zu werfen. Wir sehen immer nur rätselhafte Schatten an einer Höhlenwand. Wir interpretieren. Wir stellen Vermutungen an. Schreiben diese in der gegenwärtigen Schattensprache nieder. Nachfolgende Generationen werden diese festgehaltenen Interpretationen und Vermutungen aufs Neue interpretieren. Und so geht es munter weiter. Ohne es zu bemerken, drehen wir uns im Kreis und kommen der Wahrheit nicht näher. Wir vertrauen den Menschen, vertrauen darauf, dass sie wahr und falsch unterscheiden können. Aber wie können sie? Jede Generation ist ein Produkt ihrer Zeit. Eine „Lüge“, die alle glauben, ist „Wahrheit“ und eine „Wahrheit“, die niemand glaubt, eine „Lüge“.

Steht die Erde im Mittelpunkt aller Welten oder ist sie nur der kleinste gemeinsame Nenner in einem unendlich scheinenden leeren Raum, genannt Kosmos? Ist unser Dasein völlig unbedeutend? Ist das Leben nur das zufällige Produkt einer chemischen Reaktion in der Ursuppe? Gewiss, wer sich näher mit der Theorie der Evolution beschäftigt (siehe beispielsweise Dr. James Tour!), erkennt, dass das Leben nicht aus einem biochemischen Unfall entstehen hätte können – auch wenn die wissenschaftliche Mainstream-Meinung genau das Gegenteil behauptet und daran mit allen Mitteln festhält. Was wäre die Alternative? Einwirkung von Außen! Unvorstellbar für all jene, die in der Wissenschaft ihre neue Religion sehen. Dabei suchte der Mensch schon immer Antworten bei seinen Propheten. Damals wie heute. Die Suche nach Antworten ist gleich geblieben, nur die Propheten sind andere.

Aber die alles entscheidende Frage, nur diese eine, ist, wie aus NICHTS ETWAS entstehen hat können. Unser Gehirn ist nicht in der Lage, diesen Sachverhalt zu erklären. Es übersteigt unser Vorstellungsvermögen. Kurz und gut, wie sollen wir uns NICHTS denken, wie es uns vorstellen? Mag ein Teilchen noch so klein sein, es ist ETWAS. Aber wie konnte NICHTS „existieren“? Die Wissenschaft zuckt nur mit der Schulter. Der Urknall ist der Anfang. Punktum. Was sich hinter dem sich ausdehnenden Universum befände, meinte einst mein Physikprofessor, könne er nicht beantworten und wir sollten diesbezüglich besser unseren Religionslehrer fragen. Die Wissenschaft stößt an Grenzen, je tiefer und weiter sie blickt. Beobachtungen verändern das Beobachtende. Niemand kann mit Sicherheit sagen, dass sich Teilchen genauso verhalten, wenn sie nicht beobachtet werden.

Wie immer man es auch drehen und wenden mag, das Unvorstellbare ist nun mal nicht vorstellbar. In unserem linearen Denken gibt es immer Anfang und Ende. In meiner Sciencefiction-Komödie Rotkäppchen 2069 habe ich mich über all das lustig gemacht – ohne es gewollt zu haben. Der Instinkt, die Intuition – ist sie nicht göttlich, also nicht von dieser Welt? – hat mich auf den Weg geschickt. Das Endresultat war ein Taschenbuch. Absurd. Witzig. Und vielleicht wahr.

Die Schriftstellerei hat mich gelehrt, dass es mehr gibt, als unsere Schulweisheit uns glauben machen möchte. Ich nenne die Inspiration, die göttliche Einwirkung, die niemand versteht, einfach Musenkuss. Seit meinem Erstlingswerk Azadeh glaube ich an das göttliche Prinzip, ohne genau zu wissen, was es bedeutet. Ähnlich verhält es sich mit dem Dao. Niemand kann das Dao erklären, weil es das Dao nicht gibt. Was es gibt ist ein Wort, ein Begriff, aber dieser Begriff ist nicht das Dao. Deshalb tendiere ich zum göttlichen Prinzip im Gegensatz zum Gottbegriff. Das göttliche Prinzip schließt alle Religionen und Religionsphilosophien ein, es trennt nicht, es entzweit nicht. Es ist.

Die gedankliche Reise ist nun zu Ende. Aber in jedem Ende steckt ein Anfang und in jedem Anfang ein Ende. So ist das.

Feminismus in der Sackgasse

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber Sie sollten bereits bemerkt haben, dass die so hoch geschätzte liberale Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts alles auf den Kopf zu stellen scheint, was uns einmal lieb und teuer war. Unten ist oben, oben ist unten, Männer sind Frauen, Frauen sind Männer und dazwischen gibt es allerlei geschlechtliche Identitäten, die er oder sie oder es annehmen darf.

Im freiesten und liberalsten Land aller Länder, in den Vereinigten Staaten von Amerika, sehen wir, wohin die gender identity-Reise geht. Junge Männer, also Burschen, die im Athletikfach gerade einmal zum Durchschnitt zählten, haben keine sonderliche Mühe als „Frauen“ sportliche Bewerbe zu gewinnen. Wenn es nach den Demokraten geht, soll die – sich selbst gegebene – geschlechtliche Identität gesetzlich geschützt werden. Damit ist der Feminismus, was man auch immer unter diesem alten Kampfbegriff versteht – leere Schlagworte können bekanntlich mit Sinn und Unsinn gefüllt werden – in der Sackgasse gelandet. Dumm gelaufen, nicht?

Sollte es keinerlei Ein- bzw. Beschränkungen bezüglich der geschlechtlichen Identität geben, kann jedermann, jedefrau, jedesetwas jederzeit in eine Rolle, pardon, Identität schlüpfen und damit die etwaigen Vorteile genießen. Am Ende dieser Veränderung werden die Frauen wieder zu ihrer ureigenen Domäne zurückkehren müssen, dort, wo sie unter sich bleiben können, weil biologische Mannsbilder keinen Gewinn darin sehen, sich dort zu behaupten. Während also der gestrige Feminismus den Frauen die Tür zur Sportwelt öffnete, wird der zukünftige diese wieder schließen. Die „Frauen“-Sportbewerbe werden dann von Männern dominiert, die sich als „Frau“ identifizieren und eine Zeit lang Hormonpillen schlucken.

Der amerikanische Video-Blogger The Amazing Lucas machte sich auf seine amüsant-spitzzüngige Weise Gedanken über diese Entwicklung: High School Girl says NO Ma’am! Darin zu sehen und zu hören ist auch jenes Mädchen, das bei einem Laufwettbewerb von zwei „Frauen“ geschlagen wurde, die biologisch als Männlein zur Welt gekommen sind. Diese Form der Ungerechtigkeit ist förmlich zum Greifen und doch getraut sich niemand der Erwachsenen diese anzusprechen. Was ist nur aus unserer Gesellschaft geworden? Nun, für die globale Elite läuft freilich alles nach Plan. Je mehr Unsicherheit im Kopf der Bürger herrscht, um so leichter sind diese zu beeinflussen.

Abschließend sei aus dem Historienlexikon der Durants zitiert, wo es an einer Stelle heißt:

Doch Beschränkung ist das Wesen der Freiheit, denn sobald sie vollkommen wird, geht sie unter in Anarchie.


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Das Foto zeigt die drei Medaillengewinnerinnen des Hochsprungs bei den Olympischen Spielen des Jahres 1936: Links die Siegerin Ibolya Csák (HUN), in der Mitte Elfriede Kaun (DEU), rechts die Britin Dorothy Odam [Wiki] — Urheber: Bundesarchiv, Bild 183-G00985 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de,
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5363162

Der Blick in den Spiegel

Du blickst in den Spiegel, betrachtest für eine Weile dieses Gegenüber und fragst dich, ob dir dieser Kerl tatsächlich ähnlich sieht. Der Mensch ist nicht nur Äußeres, nicht nur Hülle, sondern das Ganze, was wiederum eine Mischung aus Innerem und Äußerem, aus Erlebtem und beinah Erlebtem darstellt. Die gute A. meinte einmal, dass jeder Mensch eine Aura hätte, die ihn umgibt und die man auch sehen könne. Worauf ich sie fragte, ob sie meine Aura jetzt sähe. Sie nickte. Aber bis heute habe ich noch keine Aura gesehen, weder an mir, noch an anderen. Vielleicht ist es eine Gabe, eine besondere Gabe, vielleicht ein gewisse Einbildung, die Gefühltes sichtbar macht.

Das Osterfest neigt sich dem Ende zu. Es war eine stille, so angenehm ruhige Woche. Am Karsamstag las ich auf einer Steintafel, vor dem Eingang zu einer alten Kirche, irgendwo in der Melker Gegend, die Namen der Gefallenen in den beiden Weltkriegen. Ein hoher Blutzoll muss es gewesen sein, damals. Viele junge Männer, in der Blüte ihres Lebens, zogen in die Fremde um nicht mehr wiederzukommen. Helden für die einen. Verräter für die anderen. Und doch waren sie alle Söhne besorgter Mütter und Väter. Das Menschliche ist so alt wie die Menschheit selbst.

Der Blick in den Spiegel verrät nichts darüber, wie man von den anderen wahrgenommen wird. Die gesellschaftlichen Gepflogenheiten ändern sich. Vor zwei Generationen holte man am Sonntag das schöne „Gwandl“ aus dem Kasten. Sonntagsstaat. Sonntagsanzug. Man zeigte, was man hat, was man sich leisten konnte. Jene, die in eine finanziell missliche Lage kamen, ihren einzigen Anzug ins „Pfandl“, also in die Pfandleihe, tragen mussten, gingen Feiertags nicht mehr aus dem Haus – bedacht, den guten Ruf nicht zu verlieren, Angst habend, dass sich die Leut den Mund über einen „z’reißen“.

Wie ich erfuhr, sind Hennen auch nicht gerade nett untereinander. So kann es vorkommen, dass die „Clique“ es nicht zulässt, wenn eine Außenseiterin ihr Ei ausbrüten möchte. Tja. Die Natur hat ihre eigenen Spielregeln – Fairness und „Menschlichkeit“ sind von uns eingeführte Begriffe und Tieren wohl gänzlich fremd. Was uns vom Tier unterscheidet ist vor allem die Sprache. Ein großes Wunder, wenn man bedenkt, dass Kleinkinder das Sprechen „automatisch“ lernen – ohne, dass sie Vokabeln pauken oder Grammatik lernen müssen. Das Gehirn, welches sich noch eine Zeit lang nach der Geburt entwickelt, wächst – im wahrsten Sinne des Wortes – mit der Sprache mit.

„Kann es etwas Wunderbareres geben, als die ganze Welt mit ein paar Argumenten in Bewegung zu setzen?“
Voltaire

Apropos. Ich lese gerade ein faszinierendes Buch über die „Ur-Sprache“. Man möchte nicht meinen, mit welch wundersamen Theorien der Autor aus einer längst untergegangenen Epoche aufwartet. Nur so viel sei verraten, dass die vermeintlich „ältesten“ Sprachen der Welt so alt nicht sind und dass sie alle auf eine Ur-Sprache zurückzuführen sein dürften. Ach, so viele Wissensbrocken, die noch aufzuheben sind und nur ein Menschenleben Zeit dafür. Am Ende wird man wohl in den Spiegel sehen und feststellen müssen, dass man weiß, dass man nichts weiß, trotz hoher Denkerstirn und all der vielen Falten, die durchs Grübeln kamen. Vielleicht wird man sich auch seufzend eingestehen, dass man so manch sonnige Frühlingstage verfaulenzt hat.

Erinnerungen an eine Welt von Gestern

Es ist noch nicht lange her, da kam ich an meiner alten Volksschule vorbei. Das große Tor stand offen und ich konnte einen Blick hinein machen, in die Einfahrt, dort, wo ich als kleiner Junge oftmals darauf gewartet habe, in meine Klasse gelassen zu werden. Jedenfalls wollte ich ein Foto machen – wozu wusste ich freilich nicht. Während ich den passenden Ausschnitt wählte, kamen vereinzelt Erinnerungsstücke zum Vorschein, die ich am Dachboden meiner Gehirnwindungen in einer verstaubten Ecke liegen sah. Langsam dämmerte mir, dass ich ein Zeitalter erlebte, das zu Ende ging und ein anderes, das seinen Platz einnahm.

Gewiss, es ist eine banale Beobachtung, wohl kaum der Rede oder eines Aufsatzes wert. Und doch muss ich es mir auf eindringliche Weise vor Augen halten, dass es in meiner Kindheit, in meiner Jugend kein weltweites Netz (Internet) gab und schon gar keine Smartphones. Jetzt, Tage später, mit den Gedanken in diese Welt von Gestern zu reisen fühlt sich merkwürdig an. Ich versuche mich zu erinnern, aber es sind immer nur Momentaufnahmen, ausgeschmückt und eingefärbt mit dem Wissen und all den gemachten Erfahrungen der Gegenwart.

Aus heutiger Sicht betrachtet, war das damalige Leben sehr eingeschränkt, man lebte recht konformistisch, passte sich sozusagen an und ging unaufgeregt seiner Aufgabe oder Arbeit nach. Auf der anderen Seite war die Welt damals roh, mit vielen Ecken und Kanten und ein Tag konnte schon recht bitter schmecken. Selten wurden die Dinge ins schöne Licht gerückt, da die damalige Technologie nur simple Verschönerungen zuließ und das Geld immer knapp war. Kurz, man konnte noch keinen großen Wert auf die Verpackung, auf das Design legen – was zählte war in erster Linie die Qualität der Sache selbst. In einem der vielen (verrauchten) Gasthäuser bekam man Hausmannskost. Bodenständig. Sättigend. Eine Haute Cuisine, bunt und verspielt, ideenreich und kunstvoll, gab es vielleicht in Frankreich, aber nicht hier. Heute scheint es, als würde der hungrige Mensch von Bildern, Tönen und Gefühlen, die ihn täglich umgeben, gelenkt werden. Schön anzuschauen. Selten sättigend. Oftmals unnatürlich.

Nostalgie TV-Tipp: Kottan ermittelt – Hartlgasse 16a (1976) und Wien Mitte (1978)

Das Internet hat das eingeschränkte Dasein förmlich aufgesprengt. Die Gedankenwelten rückten tatsächlich näher zusammen – im Guten wie im Schlechten. Mit einmal konnte man lesen und hören, was andere Menschen, wie du und ich, zu einem ganz bestimmten Sachverhalt dachten. Mit einmal erfuhr man Wahrheiten, die einem um den Verstand bringen konnten – nur um später festzustellen, dass es Wahrheiten und Wahrheiten gab und dass nichts ist wie es uns in der Schule gelehrt wurde.

Das Internet der ersten Stunde geht nun langsam zu Ende. Wo früher absolute Redefreiheit herrschte ist nun der (programmierte) Zensor zur Stelle, der löscht, was nicht gefällt und falls das nicht reicht, droht Strafe und Verbannung. Für eine kurze Weile sah es danach aus, als würde die Masse in der Lage sein, die Elite – wenigstens virtuell – in die Schranken weisen zu können. Doch jede Erfindung und Entdeckung wird früher oder später in den Dienst der „großen Sache“ gestellt. Mit anderen Worten, es muss der Führung der Herde dienen. Alles andere kommt danach. Stichwort Edward Bernays. Punktum.

So stand ich vor dem großen Tor meiner Volksschule, steckte das Smartphone wieder weg, blickte kurz auf die gegenüberliegende Straßenseite und erinnerte mich wieder an ein kleines Zuckerlg’schäft, wo wir uns dann und wann Süßigkeiten kauften, so wir ein paar Schillinge in der Tasche hatten. Rechteckige Oblaten waren für eine Weile der Renner. Cola-Flascherln gingen immer.

Ja, wir Kinder der 1970er Jahre waren wohl die erste Generation, die von der Wirtschaft zu Versuchszwecken eingefangen wurden. Zucker spielte dabei eine wesentliche Rolle. Scheinbar bemerkten die damaligen Leutchen in den Führungsetagen, dass man von Drogendealern (und der Tabakindustrie) durchaus etwas lernen konnte. Man mache die Jüngsten von dem Stoff abhängig, dann hat man auf ewig Abnehmer respektive Konsumenten. Und die Ärzteschaft? Sie forderte kein Umdenken, sondern mehr Geld. Das Bruttoinlandsprodukt musste schließlich wachsen und gedeihen. Sehr zur Freude der Politiker.

Ich frage mich, wie unser Leben nun aussähe, hätte es dieses virtuelle Fenster in die weite Welt niemals gegeben, bzw. wäre es als einseitiger elitärer Kommunkationskanal (analog dem TV) in der Entwicklung stecken geblieben. Müßig darüber zu sinnieren, ich weiß.

Ich setzte jedenfalls meinen Weg wieder fort. Wer weiß, dachte ich mir, vielleicht wird einer der jetzigen Schüler in vierzig Jahren einen ähnlichen Aufsatz schreiben. Über seine Welt von Gestern.