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Google+ eine Woche später …

Screenshot Google+ Circles
bekanntschaftliche Einkreisungen

Vor einer Woche startete ich mit dem neuen Sozialen Netzwerk mit dem klingenden Namen Google+ [sprich: googelplass]. Der erste Tag war ziemlich aufregend. Ich habe hier darüber gebloggt. Und nun, 7 Tage später, gibt es ein weiteres Resümee.

Google+ erinnert mich dann doch an ein aufgepepptes Twitter. Jeder darf mit jedem, wenn er oder sie oder es das möchte. Primär ist alles erlaubt. Naja, fast alles. Aber während facebook ordentlich auf die Bremse steigt, wenn es darum geht, mit  jemanden ins Gespräch zu kommen, den man nicht persönlich kennt, gibt Google+ ordentlich Gas. Wie in meinem vorigen Blog-Post beschrieben, geht Google davon aus, dass die Internet-Gemeinde aus friedlichen, lieblichen und freundlichen Menschen besteht, die sich alle mögen. Hm. Naja. Wenn es nur so wäre. Am Ende bleiben wir ja doch nur Menschen, mit all unseren Stärken und Schwächen. Apropos: scheinbar dürfte die Google+-Polizei auf der Suche nach Profilen sein, die nur eines im Sinn haben: Kontakte zu knüpfen um dann ihre Kontakte zuzuspamen. Zumeist handelt es sich dabei um Social Media Experten oder selbstständige Einzelunternehmer oder Medien-Agenturen. Indie-Autorenverleger würden da natürlich auch reinfallen, aber wie ich heute auf dem wunderbaren Kramuri-Blog von Gottfried Hufnagel lesen durfte, ist die Marktschreierei nicht mein Ding. Also wird die Polizei bei mir hoffentlich nicht anklopfen. Ja, es gibt im Netz genügend Einzelkämpfer, deren einziges Ziel es ist, Kontakte über Kontakte anzuhäufen, um so in den aberwitzigsten Rankings vorne dabei zu sein. Das kann sich durchaus finanziell lohnen. Spätestens dann, wenn ein Unternehmen auf den Social Media Zug aufspringen will und sich einen »erfahrenen Experten« angelt.

Außerdem habe ich eine inoffizielle Statistik entdeckt, die besagt, dass gegenwärtig die Männer in Google+ krass in der Mehrheit sind (etwa 7:3 oder 8:2 ist das Verhältnis Männer zu Frauen). Das gefällt mir natürlich gar nicht. Weil Männer einerseits nicht sonderlich gut kommunizieren können und andererseits Bücher und Literatur nur vom Hörensagen kennen. Freilich, Ausnahmen bestätigen immer noch die Regel. Ich schätze, das Männer-Frauen-Verhältnis wird sich in Zukunft natürlich angleichen. Es sei denn, Google+ bleibt die Spielwiese der Nerds und Geeks.

Ansonsten ist das neue Netzwerk ein schlankes System, das vorwiegend auf Kommunikation abzielt. Ein wenig nervig sind die vielen animierten GIFs, die ihre Runde in Google+ machen. Das war schon zu Beginn des Webzeitalters ärgerlich. Außerdem werden Bilder, die gepostet werden, beinahe formatfüllend präsentiert. Muss auch nicht sein. Oder: weniger/kleiner wäre da viel mehr.

Ein Netzwerk ist ja sowieso nur die Hülle oder – besser: ein Kaffeehaus. Wichtiger ist, wer sich darin wie oft herumtreibt. Das Problem ist ja, dass die Leutchen, die in Google+ sind auch ihr virtuelles Unwesen in facebook und twitter treiben. Manchmal stolpert man so über die gleichen Bilder oder Beiträge oder Kommentare. Ist ein wenig, so, als hätte man ein permanentes Déjà-vu. Freilich, es mag auch daran liegen, dass man sich immer mit den gleichen Leuten umgibt. Wobei, das ist dann wirklich mal ein großes Plus bei Google+: die Hemmschwelle mit jemanden in Kontakt zu treten ist viel geringer als bei facebook. Dummerweise gibt es noch nicht viele Hemmschwellen zu übertreten. Also, für mich jedenfalls nicht. Aber schön, wenn man sich mit den Mitarbeitern des Google+ – Teams verknüpft. So erhält man alle Infos aus erster Hand und glaubt sich in einer großen Familie. In facebook ist mir noch nie ein Mitarbeiter aufgefallen. Aber auch wenn, da ich ihn nicht persönlich kenne, würde er sich mit mir auch nicht verknüpfen wollen.

By the way: gestern startete ja der Bachmannpreis-Wettbewerb in Klagenfurt. 3Sat überträgt im TV und im Web live. Da macht es natürlich Sinn, auf Twitter mit dem Hashtag #tddl den Event mitzuverfolgen. Ist schon recht spaßig, wenn die Leutchen ablästern oder ihren Senf zum Gehörten oder Gesehenen abgeben. Literaturkritik ist das freilich nicht, eher die Komödie davon. Das gilt natürlich auch für die Jury vor Ort. Ich werfe diese Anmerkung deshalb ein, weil ich damit die Stärke von Twitter noch einmal aufs Tablett bringen möchte. Ich kommuniziere nicht unbedingt mit von mir ausgewählten Leuten, sondern ich trete in eine Gesprächsrunde zu einem genau festgelegten Thema (durch den Hashtag kann ich das Thema eingrenzen). In der Kaffeehausanalogie setze ich mich zu einem Tisch und nehme an der Diskussion teil. Bei facebook oder Google+ bleibe ich zumeist an meinem Tisch sitzen und lade andere ein, Platz zu nehmen.

Ich habe übrigens meine Webseite mit dem +1 ausgestattet. Damit kann nun jeder, der ein Google-Profil hat, meine Webseite „liken“. Das wiederum schlägt sich in der Search Engine von Google nieder. Wer mir also eine Freude machen möchte, der möge doch auf www.1668.cc auf den +1 klicken. Bezeichnend ist, dass ich in facebook um Klicks betteln musste, weil man (nur meine?) Postings in Google+ nicht sonderlich wahrnimmt.

Resümee: Google+ ist im gegenwärtigen Zustand ein simples Kommunikationstool, das die Privatsphären-Einstellung intuitiver und übersichtlicher als facebook gestaltet. Gut möglich, dass dadurch viele Netzwerk-Verweigerer und Technik-Muffel bekehrt werden und Social Media eine Chance geben. Fakt ist aber, dass es primär nur Platz für ein privates Social Media Kaffeehaus gibt (schlag nach bei myspace). Über kurz oder lang wird es definitiv zu einem Showdown zwischen facebook und Google kommen müssen. In der Haut der Google-Verantwortlichen will ich nicht stecken. Sie haben nämlich genau einen Schuss im Pistolenlauf. Wenn sie den ersten Schuss danebensetzen ist es vorbei. Im Internet gibt es keine zweite Chance.

Was ist Google+ bitteschön? Erste handfeste Gedanken zur Konkurrenz von facebook!

So sieht es aus, die neue soziale Ordnung!

Gestern von Heike Schmidt (UTB Verlag) einen Invite zum neuen sozialen Netzwerk von Google bekommen. Hui. Da ist es ja kurzzeitig drunter und drüber gegangen. Ja, so ist das mit (künstlich herbeigeführten) Beschränkungen: jeder möchte eingeladen werden (gestern schrieb ich über die Analogie zwischen Social Media und einer Party – und voilà, schon gibt’s die nächste steile Fete und plötzlich brauchst du ne Einladung, um dabei zu sein). Warum will jeder eingeladen werden? Ein soziales Netzwerk ist ja de facto nur eine Hülle, anaolg der Party-Location. Die kann vielleicht so toll sein, dass es dir die Schuhe auszieht, aber nach einer kleinen Weile wirst du dich umsehen und nach bekannten oder interessanten Gesichtern Ausschau halten. Und wenn sie nicht da sind, tja, dann kann es noch so funkeln und glühen, du gehst zur nächsten Fete. Dort, wo ordentlich etwas los ist.

Gestern haben sich also viele der üblichen Verdächtigen in meinen Kreisen bewegt. In der Tat gibt es in Google+ die Möglichkeit, seine Beziehungen in Listen oder Kreisen anzuordnen. So könnte man einen Kreis mit seinen Fußball-Spezis machen und etwaige Beiträge nur für sie freischalten (man will ja keinen Platz- respektive Profilsturm aufgebrachter Fans auslösen). Das ist natürlich gewöhnungsbedürftig. Klar. Damit muss man erst lernen, umzugehen. Überhaupt ist ja jedes neue Tool, jedes neue soziale Netzwerk eine stetige Herausforderung an Körper und Geist. Kommt nicht von ungefähr, wenn es heißt, dass man ein Leben lang lernen müsse.

Ich habe also gestern ein paar Stunden mit Google+ zugebracht. Viel kann ich jetzt noch nicht sagen. Tja. Da gibt es wohl andere, bessere Beiträge, die ins Detail gehen und jeden Button zerlegen. Zum Beispiel jener von Felix Disselhoff. Er spricht in seinem Artikel davon, dass Google+ das „sozialere Social Network“ ist. Gut. Dann machen wir die Probe aufs Exempel und „befreunden“ uns mit Felix. Nope. Ich kenn ihn nicht. Er kennt mich nicht. So. Schon zu einem neuen Kreis hinzugefügt: Medienleute. Zugegben, wenn man nicht aufpasst, hat man dann hundert Circles und ist so verwirrt, wer wo in welchem hinzugefügt wurde – oder eben nicht, dass man am Ende vermutlich sowieso wieder alles freischaltet. Tja. Das ist ja das Problem mit diesen komplexen sozialen Netzwerken. Es braucht Zeit und Muße, um sich zurechtzufinden. Und natürlich den Willen. Tatsächlich ist ja das Beziehungsgeflecht eines Menschen eine Anhäufung chaotischer Systeme. So etwas zu strukturieren kann ja nur mühsam und schwierig, vielleicht sogar unmöglich sein.

Aber wo Felix (ich kenn ihn noch immer nicht, obwohl wir jetzt natürlich in Google+ verknüpft sind) Recht hat, ist, dass das neue Netzwerk in der Tat sozialer tut. Während man sich in facebook im Prinzip nur mit jenen Leutchen verbinden darf, die man auch im realen Leben kennt (oder anderwertig kennengelernt hat), ist es Google+ herzlich egal, wie du mit jemanden im richtigen Leben in Verbindung stehst. Das macht durchaus Sinn. Jedenfalls so lange,  bis die Psycho-Stalker einem die Tür einrennen (okay, zumeist kennt man solche Geschichten nur vom Hörensagen, was wohl daran liegt, dass mein Profil-Foto einen abgehalfterten Typen zeigt und kein hübsches Mädel mit Modelmaßen ). Ja, in Facebook hat man immer im Hinterkopf, dass der andere, der einem gerade eine Freundschaftsanfrage geschickt hat, ein durchgeknallter Typ sein muss. Wie sonst ist es zu verstehen, dass einem Facebook fragt, ob man diesen Freund wirklich kennt. Und falls man ablehnt und zugibt, den Kerl nie gesehen zu haben, tja, dann schätze ich, wird das Zuckerberg-SWAT-Team ausgeschickt und …

Hin und wieder, als umtriebiger Indie-Autorenverleger (Beware! In früheren Zeiten haben die Leutchen ihre Häuser verschlossen, wenn so ein Gringo in das Dorf geritten kam), klickt man auf Profile und sieht sich Fotos und Einträge an. Man will ein Gefühl für den Menschen bekommen. Und ob er oder sie mich interessiert. Man könnte sagen, es ist, als würde man sich zu einer Gruppe stellen und einfach nur mal den Gesprächen folgen. Später würde man vielleicht gerne den einen oder anderen Einwurf machen, tja, das geht aber nicht, weil du vorab mit den Leuten befreundet sein musst, um zu kommentieren (wobei, man könnte es in den Sicherheitseinstellungen festlegen, ob auch Fremde kommentieren dürfen – aber wer will schon, dass einem wildfremde Typen auf die Türmatte pinkeln? Eben!).

Google+ steht diesbezüglich besser da. Wenn dich der andere nicht mag, kann er dich blockieren (geht in Facebook natürlich auch). Das heißt, wir haben es hier in der Tat mit zwei philosophisch moralischen Grundhaltungen zu tun:

  • Google+ geht davon aus, dass alle Menschen miteinander auskommen und falls einer sich nicht an die Regeln hält, na gut, dann wird er aus der Kommunikation ausgeschlossen („Pfui! Stell dich in die Ecke!“).
  • Facebook geht davon aus, dass alle Menschen NICHT miteinander auskommen. Primär werden mal alle  in die Ecke gestellt. Und nur jene, die sich bereits irgendwo, irgendwann, irgendwie über den Weg gelaufen sind, können es miteinander probieren.

Ja, als kommunikativer Indie-Autorenverleger (Fenster und Türen schließen!) kommt mir Google+ sehr gelegen. Immerhin kann ich dann meiner voyeuristische Leidenschaft frönen. Ich meine, woher soll ein Autor seine Ideen schließlich bekommen? Bestimmt nicht aus dem echten Leben. Dafür ist keine Zeit. Das echte Leben ist nun die virtuelle Welt. Hui. Dort bin ich Kaiser. Wo sind meine Kleider?

Eine Idee wider des literari(s)chen Einheitsbreis.

update: Wer mal wissen möchte, was (US) Linguisten zu den ersten Sätzen in Dan Browns Bestseller The Da Vinci Code zu sagen haben, der möge hier klicken. Oder die Aufzählung der 20 schlimmsten Sätze aus seinem letzten Werk The lost Symbol im The Telegraph. Funny!

»My French stinks, Langdon thought, but my zodiac iconography is pretty good.« And they say the schools are dumbing down.

Gerade auf dem hübsch renovierten Blog von @doncish gewesen und ihren (in deutsch verfassten) neuen Beitrag Ceci n’est pas une recension gelesen (reimt sich das jetzt?) – Jedenfalls möchte sich @doncish mit (an)gelesenen Büchern auseinandersetzen und ihre ersten und zweiten Gedanken bloggend festhalten. Keine profunde wissenschaftliche Arbeit soll es werden, vielmehr geht es um Eindrücke, Notizen und vage Gedanken zum Text. Gut.

Nun ist es so, dass ich die letzten Tage eine Überlegung anstellte. Ausgehend davon, dass es einen unüberschaubaren Anteil an Büchern und Texten gibt, die kein Mensch mehr in seiner Ganzheit erfassen kann. Andererseits bietet das Web die Möglichkeit eines einfachen Zugangs zu Büchern und Texten. Warum also diesen Vorteil nicht ausspielen? Liegt das nicht auf der Hand? Eben!

Also. Primär geht es dem Menschen ja darum, einer Gruppe zugehörig zu sein oder sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Deshalb funktioniert ja das Marketing- und Verkaufstool namens Bestsellerlisten so perfekt. Wenn alle ein Buch gelesen haben, dann muss ich es auch tun, um mitreden zu können, um dabei zu sein. Man kann sich dagegen kaum erwehren. Nun ist es aber so, dass ein Buch zu kaufen ins Geld geht, andererseits auch eine Menge Zeit beansprucht. Von beiden Ressourcen haben wir nicht unendlich zur Verfügung, deshalb müssen wir selektieren, auswählen. Gut.

Mit den ebooks sprießen die Indie-Autorenverleger vulgo Selbstverleger, wie Pilze aus dem Boden. Natürlich ist es zu befürworten, dass das digitale Zeitalter keine (theoretischen) Schranken mehr kennt. Jeder darf. Jeder kann. Aber es führt natürlich zu der oben erwähnten Flut an Veröffentlichungen, die keiner mehr überblickt. Die Lösung (der Publikumsverlage) sieht natürlich vor, dass der Leser bei den üblichen Büchern bleiben soll, die Verlage für ihn selektiert haben und die sich bestens verkaufen. Dadurch beschränken wir uns aber selber, werden wir kaum mehr Neues, Gewagtes, Anderes zu Gesicht bekommen. Der laue Einheitsbrei und das runde Mittelmaß setzen sich ja schon seit Längerem durch. Also, was dagegen tun?

Die Lösung liegt klar auf der Hand, oder? Wir nehmen eine bereits bestehende Plattform, sagen wir amazon, bei der es möglich ist, Leseproben herunterzuladen. Diese wenigen Seiten müssten ausreichen, um herauszufinden, ob der Text  Potenzial hat oder nur ein laues fehlerhaftes Geschreibsel eines unbegabten Teens im Pensionsalter ist. Der springende Punkt ist nämlich, dass jeder, der sich für den Text zu interessieren beginnt (oder für die Besprechung), sich weder in Unkosten stürzen (gratis, you know) und – wichtig – nicht zig hundert Seiten lesen muss. Er kann innerhalb von wenigen Minuten die Textprobe gelesen und in weiteren wenigen Minuten bereits seinen Kommentar abgegeben haben. Dadurch könnte sich eine Diskussion entspinnen – so, wie es jetzt schon bei Bestseller-Büchern üblich ist.

Warum gerade Autorenverleger? Abgesehen davon, dass ich selber einer bin, gehe ich davon aus, dass die wichtigen zukunftsweisenden Bücher genau von diesen Autorenverleger kommen werden. Weil diese sich keinen wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Konventionen unterwerfen müssen. Sie können frei von der Leber weg schreiben. Sie müssen sich vor niemandem rechtfertigen (außer vor sich selber), ja, sie können jedes Genre auf den Kopf stellen oder neue, abwegige Themen aufgreifen. Nichts ist verboten. Alles erlaubt. In der Tat träumten die Autoren der Vergangenheit ja (fast) alle von solch einer freien Welt. Nehmen wir den Literaturklassiker Lolita. Würde heutzutage ein russischer Exilant in den USA so ein Buch schreiben und verlegen dürfen?

Wenn wir es schaffen, aus dieser literarischen Perlentaucherei einen Sport zu machen, dann wage ich zu behaupten, würden die Texte besser, das literarische Verständnis erweitert und die Zufriedenheit aller Beteiligten gesteigert werden. Jeder Einzelne könnte sich dann an seine Fahnen heften, einen Text (und den Autor) auf die Beine geholfen zu haben. Im Moment, wenn man sich ansieht, welche Bücher zu meist besprochen oder erwähnt werden, dann hilft es vorwiegend einem Publikumsverlag und seinen Aktionären bzw. Geldgebern. Und wenn man diese Überlegungen weiterspinnt, dann könnten sich Leute finden, die bereit sind, für einen von ihnen hochgelobten Text, auch in eine Print-Publikation zu investieren oder als genossenschaftlicher Verlag aufzutreten oder am Buch selbst mitzuarbeiten. Gewiss, das Ganze ist nur mal schnell aus der Hüfte geschossen und bedarf wohl weiterer Überlegungen. Aber wir sollten endlich begreifen, dass uns das Web und die Sozialen Medien neue Beziehungs-Modelle offerieren – man sehe sich die Open-Source-Bewegung in der Softwarebranche an. Die Wirtschafts-Clique und ihre Handlanger wollen davon natürlich nichts wissen, weil diese Modelle ihr Geschäft stört.

So! Das ist mal meine vage Idee wider des literarischen Einheitsbreis. Niedergeschrieben in Wien, anno 2011.

Der Kasperl und eine Visitenkarte im Web: about.me

Ich lese gerade The Tipping Point von Malcolm Gladwell – eine leichtfüßig geschriebene Einführung über den kleinen Unterschied, der Großes bewirken kann. Oft fragt man sich ja, wie Hypes entstehen und warum gerade dieses Buch zig Millionen Mal verkauft wird und ein anderes, genauso gut oder schlecht geschriebenes, leer ausgeht. Der Buch-Tipp kam übrigens von der wunderbaren @sturbi, die in der Marketingabteilung eines großen Unternehmens zu Hause ist. Zwar bin ich erst bei der Hälfte des Buches, aber ein paar wesentliche Facts kann ich schon mal loswerden:

Vorschulkinder widmen dann der TV-Kindersendung ihre ganze Aufmerksamkeit, wenn sie das Gesehene verstehen und in einen Kontext setzen können. Wiederholungen sind nicht ermüdend oder langweilig, so lange es immer wieder etwas zu entdecken gibt. Wenn man die Kinder direkt anspricht, werden sie aktiv und wollen z. B. ein Rätsel eher lösen, als wenn man sie nicht direkt anspricht. Ist das Gesehene am Bildschirm wirr, also nicht verständlich und kompliziert, dann beschäftigen sie sich mit anderem. So lange, bis sie wieder den Faden am TV-Schirm finden und aufnehmen. Diese Ergebnisse stammen aus US-Studien in den 1970ern und 1980ern für Sesam Street und Blue’s Clues. Vermutlich hätte es gereicht, wenn sie sich einmal das Kasperl-Theater in Wien angesehen hätten. Da sind genau diese Voraussetzungen hinlänglich verstanden und umgesetzt worden. Oder mit anderen Worten: »Seid ihr alle daaa?«

*

Kinder und Internet-User sind nicht sonderlich verschieden, wenn es um Aufmerksamkeit geht. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten. Gestern durch Zufall auf die Seite about.me geklickt. Huh. Das Konzept hat mich sofort angesprochen. Hurtig ein Profil erstellt und, voilà, fertig ist die virtuelle Visitenkarte, die so aussieht:

Was ist also so neu an dem Konzept? Nun, jeder about.me-Teilnehmer hat genau eine Bildschirmseite zur Verfügung. Auf dieser kann er ein Bild hochladen. Das ist schon mal die erste herausragende Sache. Weil ein Bild immer mehr als 1000 Worte sagt. Immer. Gerade – und noch mehr – im Web. Durch die Billionen von Webseiten ist jeder Nutzer bestrebt, die kürzest notwendige Zeit auf einer Seite zu verbringen, um herauszufinden, ob sie einen gefällt, ob sie einen weiterbringt, ob sie Informationen bereithält, die man wissen möchte. Lange Texte, komplizierte Strukturen und ein unübersichtlicher Haufen an Fotos oder Illustrationen machen das Unterfangen, den Besucher nicht zu verschrecken oder zu langweilen oder zu überfordern ziemlich aussichtslos. Der Internet-Benutzer mag zwar erfahren sein, aber er will so wenig Gehirnschmalz wie nur möglich in eine verkorkste Seite investieren – es sei denn, er hat gute, sehr gute Gründe dafür.

*

Ich habe mir schon vor Jahren den Kopf über ein grundlegendes Problem gemacht, das ich bis heute nicht wirklich lösen konnte. Die Unterscheidung zwischen einem Besucher, der mich kennt (virtuell oder persönlich tut nichts zur Sache) und meine Webseite schon einmal besucht hat. Für diese Besucher gelten ganz andere Regeln, als für jene, die mich nicht kennen, aber etwas über mich in Erfahrung bringen möchten. Kommen sie auf meine Webseite oder auf meinen Blog, dann müssen sie sich durch die Masse an Bilder und Links und Text manövrieren. Gewiss, die Regel lautet natürlich: keep it easy und vermutlich gibt es schlaue Köpfe da draußen, die schon Bücher geschrieben und Vorträge gehalten haben, aber im Großen und Ganzen gibt es (für mich) keine befriedigende Lösung, weil es mir vor allem um Content, um den Inhalt geht.

*

Mit der Zeit entstanden aber die Sozialen Netzwerke. Jeder, der seine Zeit in einem dieser verbringt, fühlt sich – mehr oder weniger – dort zu Hause. Er weiß, wie Profile aussehen, wie sie gelesen werden müssen und wo die Informationen stehen, die ihn interessieren. Es ist, als würde man in seinem Heimatort zurückkehren. Gewiss, auch dort gibt es unbekannte Flecken, aber man weiß sich zurechtzufinden. In fremden Gegenden braucht es eine Weile, bis man den Plan intus hat. Das kostet Zeit. Und davon haben wir nicht viel. Wirklich. Deshalb braucht es einen Info-Point. Diese about.me – Seite scheint den richtigen Ansatz gefunden zu haben.

Foto »Aha. So siehst du also aus.«
Name »Wie heißt du?«
Sub-Titel »Was machst du?«
Text »Und sonst?«
Links zu den sozialen Netzwerken »Wo bist du so zu Hause?«
Links zu verschiedenen Webseiten »Und wo noch?«

Durch diese wenigen Informationen kann man sich ein erstes Bild machen. Besteht weiterhin Interesse an der Person, dann klickt man sich in jene sozialen Netzwerke, die man gut kennt, wo man sich zu Hause fühlt und klickt sich durch das Profil und wird – im besten Falle – Kontakt aufnehmen. Geht man einen Level höher, wird man sich die persönliche Webseite angucken, die – wie zuvor gesagt – schon Zeit und Energie braucht, um sie zu entschlüsseln.

Es macht also durchaus Sinn, dass die about.me-Betreiber für jeden Teilnehmer physische Visitenkarte drucken lassen. Umsonst. Nur die Versandkosten müssen bezahlt werden. Sagt jedenfalls die Seite. Gut. Weiters gilt jetzt natürlich anzumerken, dass about.me nicht die ersten waren, die eine virtuelle Visitenkarte im Angebot hatten. Aber ihr Konzept ist simpler und eingängiger. Das ist es, was heutzutage im Web zählt. Man sehe sich nur die Erfolgsgeschichten der Webriesen an. Sie haben per se nichts Neues erfunden. Sie haben zumeist nur Bestehendes genommen und rigoros verbessert, in dem sie die Schwächen erkannt und eliminiert oder verringert haben. Und jetzt suche ich den Tintifax und sperre ihn in eine Kiste. Wollt ihr mir dabei helfen?

Wie das Netz die Gesellschaft revolutioniert – Peter Kruse

Der Vortrag von Peter Kruse – Psychologe und Unternehmensberater (aha!) – auf der Re:publica 2010 ist eine wunderbar klar zusammengefasste Erklärung, wie das Netz die Gesellschaft (und Wirtschaft) beeinflusst, sie verändert. Im Besonderen seine (nicht repräsentative) Studie mit rund 190 Heavy Internet Usern, die sich in zwei Lager aufspalten und beinahe konträre Wertevorstellungen haben – auch wenn sie, oberflächlich gesehen, in Bezug auf die Wichtigkeit des Webs einer Meinung sind.

Ich habe hier mal die Hypothesen aus dem Vortrag zusammengefasst. Ich empfehle in jedem Fall den Vortrag anzugucken, da die recht trocken klingenden Aussagen mit Anschauungsmaterial und Wortwitz erklärt werden. Wenn man sich jetzt vor Augen führt, dass die Revolutionen im arabischen Raum teilweise durch das Internet ausgelöst und vorangetrieben wurden, könnte man Kruses Hypothesen über die Machtverschiebung als prophetisch bezeichnen. Ich bin aber – der Aufklärung verpflichtend – kritisch und behaupte, dass die Revolutionen von staatsnahen Geheim-Organsiationen mit viel Geld und Einfluss gesteuert wurden. Gibt es dafür Beweise? Vielleicht finden sich hie und da Andeutungen. Aber es wäre vermessen, zu glauben, dass Agenturen mit Milliardenbudgets und weitreichender realer Vernetzungen, nur unbeteiligte Zaungäste gewesen wären.

Peter Kruse
Vortrag
re:publica 2010:

Glaubenskrieg: Der irrationale Glaubenskrieg der Experten polarisiert die Gesellschaft und bremst die Weiterentwicklung in Deutschland aus.

Die Verbindung von Faktenkonsens und Inkompatibilität der Bewertungsebene führt zwangsläufig zu kaum lösbaren Konfliktsituationen.

Kampf kultureller Wertewelten – Hypothese 1: Die Schärfte des Disputes pro und contra Internet
ist Indikator für die Existenz unzureichend reflektierter Wertedifferenzen.

Verschiebung der Machtverhältnisse – Hypothese 2: Die Veränderung durch das Internet sind systembedingt und daher außer durch Abschaltung des Netzwerkes  nicht zu stoppen.

Verschiebung der Machtverhältnisse – Hypothese 3:  Die Social Software Web 2.0 ist ein Angriff auf die etablierten Regeln der Macht und erzwingt grundlegendes Umdenken.

Hypothese 4: Das Internet führt zur Erhöung des Selbst-Bewusstseins der Gesellschaft. Eine Re-politisierung jenseits der Parteien
ist nur konsequent.

Hypothese 5:  Die Lawine donnert bereits zu Tal. Überzeugungsarbeit ist nicht notwendig. Und bist du nicht willig, so brauch ich … Geduld.

Revolution 2.0 = Die Macht verschiebt sich immer mehr vom Anbieter auf den Nachfrager.

Motive für Vernetzung: Warum? und Wozu?
1.Motiv (Zugangs-Boom): Teilhabe am unbegrenzten Reichtum von Information
2. Motiv (Beiteiligungs-Boom): Eigene Kreativität einbringen und Spuren hinterlassen
3. Motiv (Beteiligungs-Boom): Sich zu machtvollen Bewegungen zusammenschließen.