Archiv der Kategorie: social web

gegenwärtige Sexualität, historische Gewalt und zwei Mädchen am schönsten ort der welt

Buchumschlag ERIK

»Ein bisschen kam ich mir wie ein Voyeur vor, der das Tagebuch eines Fremden liest (und seine E-Mails auch noch), aber das ist natürlich naheliegend bei der Form des Textes. Es klingt verdammt authentisch, ehrlich. Fast ein bisschen zu authentisch, ich würd das nur unter Pseudonym veröffentlichen ;-)« 

So! Hier mal der neue Umschlagentwurf für die autobiographische Fiktion Der Fetisch des Erik van der Rohe. Im Moment bin ich zufrieden damit. Man wird sehen, was mir noch so einfällt. Über die Kürzungen gibt es viel zu sagen. Das Konvolut von über 600 Seiten konnte ja anfänglich nur in zwei Büchern gebändigt werden. Aber letzte Woche einen Kürzungskreuzzug gestartet und rund zweihundert Seiten kurzerhand auf die Müllhalde der Schriftstellerei gekippt. Nun sieht das Ganze schon besser aus. Es ist stimmiger, mehr im Fluss und konzentriert sich auf das Wesentliche. Der Leser ist nun angehalten, die angedeuteten Stellen mit Phantasie auszufüllen. Das ist es ja, was mir besonders gefällt. Wenn der Text auch den Leser zum Mittun anregt. Nicht nur passives Einerlei, sondern aktives Zweierlei. So soll es sein. Sagt der Schriftsteller. Und der muss es wissen. Angeblich. Im Herbst, so der großzügige Plan, möchte ich das Buch veröffentlichen. Auf Papier. Taschenbuch. Softcover. Mit Klappen. Englische Broschur, sozusagen. Oder doch HardCover? Hm. Ein feines Buch wird es. Garantiert. Die erotischen Zwischensequenzen werden freilich noch qualitätsgesichert. Man(n) will sich ja keine Blöße geben. Weil das Buch vorwiegend ein weibliches Zielpublikum Gefangen nehmen möchte. Ja, ja. By the way: Das Buch kann schon mal vorbestellt werden, was nicht dem Schriftsteller, dafür aber dem Verleger hilft, eine erste Einschätzung abzugeben.

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So! MADELEINE ¦ Anatomie einer Tragödie ist das zweit Buch im Bunde und wie wir alle wissen schon längst druckreif. Es wartet nur noch auf die restlichen Förderer, die sich im Club der 99 einfinden. Bis dato sind es bereits über 50 Club-Mitglieder, die bereit waren, 25 Münzen im Voraus zu zahlen – dafür erhielten sie das ebook (PDF) und eine Nennung im Buch und auf der Webseite. Interessant, wenn man sich die Schar der Teilnehmer so besieht: Gute Freunde genauso wie virtuelle Bekanntschaften, die wiederum von anderen Förderern im Web von dieser kleinen Crowdfunding-Aktion erfahren haben. Das erste Resumée, das ich ziehen kann: auch durch das Soziale Web bedeutet so eine Aktion viel Aufwand, viel Mühen, viel Plackerei mit ungewissem Ausgang. Die Meinung, die in vielen Köpfen herumspukt, ist jene, dass es heutzutage durch das Web so einfach sei, mit seinen Projekten aufzufallen, wahrgenommen zu werden. Tja. Das ist dann wohl ein blühendes Märchen. Gewiss. Ausnahmen bestätigen immer die Regel. Genausogut könnte man sagen, durch das Euro-Lotto ist es noch nie so einfach gewesen, Multimillionär zu werden. Stimmt. Würde man aber die Erfolgsaussichten anführen, würde einem gleich die Ernüchterung anfallen. Wie dem auch sei, der Plan sieht vor, MADELEINE im Herbst mit ERIK zu veröffentlichen. Wer sich scheut, Mitglied zu werden (Groucho Marx hätte sicherlich einen guten Einwand), der kann das Buch natürlich wie gehabt bei mir vorbestellen. Das hilft nicht dem Schriftsteller, dafür dem Verleger. Ach so, ja, das hatten wir schon, nicht?

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So! Für den Schweizer Staudt Verlag habe ich das Jugendbuch der schönste ort der welt von Derk Visser hübsch verpackt und gesetzt. Das in Holland erschienene Buch wurde nun ins Deutsche übersetzt. Auf knapp 150 Seiten werden die Sorgen und Ängste und Träume zweier Mädchen von 14 Jahren ziemlich einprägsam auf den Punkt gebracht. Was ich gelesen habe, ist bitteschön keine nette Geschichte für zwischendurch. Da wird schon ordentlich Klartext geredet. Ich würde sagen, der Autor lässt mal die rosarote Brille weg. Das soll aber nicht heißen, dass wir es hier mit einem depressiven Stück Jugendliteratur zu tun haben. Nope. Die beiden Mädchen sehen die Welt, wie sie nun einmal ist. Da läuft nicht immer alles nach Plan. Aber, und das ist ja das Entscheidende, sie lassen sich nicht unterkriegen. Für sie gibt es besondere Plätze, und einen davon bestimmen sie zum schönsten Ort der Welt. Das muss jetzt gar nicht so sehr ein Ort auf einer Landkarte sein. Vielleicht ist es auch die Verbundenheit zu einem Menschen und der Glaube, dass diese Bindung – nennen wir sie Liebe – am Ende auch über die grässlichsten Erlebnisse siegt. Jedenfalls darf ich mich glücklich schätzen, solch ein Buch im äußeren und inneren Erscheinungsbild zu formen. Der hier gezeigte Umschlag ist ein Entwurf und wird noch abgestimmt.

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mineralisiertes Alternate Reality Game oder Wo bitte geht’s zur Manipulation?

Ehrlich. Es liegt mir fern, Leute zu verletzen oder ihnen ans Pein zu binkeln (finden Sie den Fehler und gewinnen Sie eine werbefreie Einsicht). Ich bin ein harmoniesüchtiges Wesen. Sagte einmal ein Psychologe, der Team-Spiele für Bank-Mitarbeiter durchführte (»Wir sind alle eine Team!«). Ich glaube, er wollte mir zu verstehen geben, dass Harmonie in einer Führungsposition nichts zu suchen hatte, oder, wie es mir mein Boss in der Chase vermittelte: »Du bist der Chef. Und wenn man dich ins Knie fickt, dann hast du ein Problem, okay?«

Notiz: Alles beginnt mit einer Ansichtskarte, die mir zugeschickt wurde. Die Story ist hier nachzulesen: nur eine Postkarte.

Ich war gestern bei der Abschluss-Präsentation zum kommerziellen Alternate Reality Game (ARG) eines Thermalbades (nennen wir den Werbeträger mal so) und konnte in zwei Stunden Einblicke in die Geisteswelt der (jungen) Werbe- und Webleute, als auch der (jungen) Mitmach-Leute gewinnen. Das kann einem schon zu denken geben. Wirklich. Weil es wieder zeigt, wie der Hase läuft und die Uhren ticken. Nicht umsonst heißt ja der Einstieg in das Spiel Rabbit Hole – frei nach Alice im Wunderland eines gewissen Lewis Caroll.

Disclaimer: Ich habe keine Ahnung von PR, Werbung oder dergleichen. Ich bin Ex-Banker,  Ex-Softwarekonzeptionist, Noch-Verleger, Noch-Schriftsteller und, ja, ein immer an der Welt interessierter Bürger. Ach ja. Rollenspieler und Rollenspiel-Leiter war ich auch mal. Und, sehr wichtig, den französischen Autor von 39,90 habe ich letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse kennengelernt. Das ist natürlich werbetechnisch übertrieben, aber nicht gelogen. Oui!

Jedenfalls, ich frage mich immer und immer wieder, ob die Werbe- und PR-Industrie Segen oder Fluch ist? Und wenn sie so verflucht manipulierend ist, und wir wissen, dass sie es ist, warum nehmen wir das eigentlich nickend zur Kenntnis? Ja, warum eigentlich? Was ist das Argument, dass es eine lukrative Industrie gibt, die nichts produziert, was in irgendeiner Weise einen Wert hätte? Würde es morgen die Werbe- und PR-Industrie nicht geben, das Leben würde sich um keinen Deut ändern. Wirklich. Trotzdem haben es die Werbeleute geschafft, sich mit einer prestigeträchtigen Aura zu umgeben. Sie nennen sich kreativ und das sind sie auch. Natürlich. Vermutlich arbeiten die besten Leute für die angesagtesten Firmen. Genies. Querdenker. Künstler. Sie allesamt werden der Gesellschaft entzogen und ihrerseits manipuliert. Tja. Dumm gelaufen. Man darf sich also nicht wundern, wenn wir über Werbungen und (bezahlten) Content stolpern, die uns weismachen, dass Atomkraft notwendig und Rauchen cool sei. Oder umgekehrt.

Damit haben wir, als aufgeklärte Gesellschaft, die Realität aus der Hand gegeben und leben nur noch im virtuellen Infotainment-Wohlfühl-Angst-Raum. Dieser wird durch immer intelligentere Massenverdummungswaffen vergrößert und allen Bürgern (Kinder!) zugänglich gemacht. Geld spielt keine Rolle. Woher kommt das Geld? Genau. Von dir. Von mir. Von uns. Wir sorgen also gleich selbst, dass kluge Leute weniger klugen Leuten mit einem Lächeln ihre Seele rauben. Klingt das jetzt zu mephistotelisch? Vermutlich. Aber wir müssen nur hinter den Vorhang blicken, um das Teuflische im Detail zu erkennen. Unbedingt. Hier zum Beispiel: consumer kids oder shop til‘ you drop oder advertising & the end of the world und: sehr zu empfehlen die BBC Doku von Adam Curtis The Century Of The Self-Full Length Documentary (darin wird zum Beispiel erklärt, dass Edward Bernay, ein Neffe Sigmund Freuds in good ol‘ USA Public Relations erfand und wie man versucht, die Masse zu manipulieren).

teuflische Seifenblasen

Werbe- und PR-Leute sind klüger als die Masse der Konsumenten. Konsumenten, die in erster Linie eigentlich Bürger sind, die Rechte und Pflichten haben, in einer Demokratie – aber man lenkt sie ab, erinnert sie in erster Linie an ihre Pflichten und tauscht ihre Rechte gegen die Möglichkeit, nutzlose Güter zu konsumieren. Der Mensch ist leicht zu manipulieren. Ich merke es an mir, obwohl ich mich gegen den Konsumismus sperre, verfalle ich in das kindliche Muster, das eine „sofort-haben-wollende“-Forderung an mein Eltern-Ich stellt. Und wehe, die Forderung wird nicht erfüllt. Unglücklich wähne ich mich dann. Meine Unzufriedenheit steigt. Die tollsten Träume platzen wie Seifenblasen. Wut kocht hoch. Ich falle in eine Trotzphase. Will die Welt zum Teufel schicken. Tja. Aber welch Wonne, welch Glück, wenn mir das Eltern-Ich dann doch kauft, was ich mir scheinbar so sehnlichst wünsche. Für kurze Zeit bin ich mit der Welt versöhnt. In diesem Satz versteckt sich die Krux: kurz. Wer konsumiert bzw. sich dem Ziel der Konsumation nähert, ist glücklich. Aber es dauert nicht lange, bis das laute Glück leise ausklingt und schließlich verebbt. Tja. Diese Leere kann nur wieder mit neuen Dingen gefüllt werden. Und so läuft man im Hamsterrad einer Karotte hinterher. Ein Kreislauf, der beständig am Leben erhalten wird. Von wem? Von klugen Menschen, die wissen, dass es ein künstlicher Kreislauf ist. Und die daran gut verdienen oder so tun als ob – viel Geld zu machen ist ja bekanntlich sexy. Und wenn man sie mit dem einen oder anderen Vorwurf konfrontiert, nun, dann zucken sie mit der Schulter und antworten: »Wir haben die Welt und dieses Produkt nicht gemacht. Und jeder kann sich frei entscheiden, das Produkt zu kaufen oder nicht.« Wie gesagt, es sind kluge Leute, die in der Werbebranche tätig sind.

Zukunft?

Kommen wir wieder zum ARG. Ich gehe davon aus, dass es die umsatzstärkste Werbeform der Zukunft sein wird. Weil sie alle Vorzüge aufweist, die sich ein Werber wünscht. Gewiss, sie ist teuer und aufwändig. Aber in einem Markt, der bereits jetzt vor Produkten und ihren Werbungen überquillt, wird es immer schwieriger, neu einzusteigen und eine Marke zu positionieren. Weiters sind die jüngeren Generationen vorwiegend auf Web und Mobile fokussiert, während klassische Medien (Zeitung? Radio? TV? Häh!) kaum mehr eine Rolle spielen. Das ist mal mein Blick in die Kristallkugel.

manipulierte Illusion

Zurück zum ARG. Ich bemerkte, wie leicht man hier Menschen manipulieren kann. Und ich bemerkte auch, wie leicht ich zu manipulieren wäre, wenn man den richtigen Schalter umlegte. Das ist freilich nichts Neues. Wir wissen, dass jeder käuflich ist, wenn man so will. Neu ist hingegen, dass man durch das Social Web die Illusion einer Gemeinschaft erzeugen kann. Dadurch sind den Manipulationen keine Grenzen mehr gesetzt. Weil der Einzelne einer Gemeinschaft angehören will und vieles/alles tut, um dazuzugehören. Den Rest können wir uns denken, oder? Gut. Also, so ein ARG, das die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lässt, ist ein mächtiges Werkzeug in den Händen ihrer Macher. Auch wenn man es jetzt noch als Spielerei von und für Nerds belächelt – diesbezüglich empfehle ich die SF-Komödie Rotkäppchen 2069, die sich mit dem Thema Virtuality meets Reality augenzwinkernd auseinandersetzt. Link.

Liebe in Zeiten eines ARG

So. Mehr schreibe ich jetzt mal nicht. Eines vielleicht noch. Die Postkarte, die mich so unvermittelt erreichte und die mich nachdenklich stimmte, hat übrigens eine Mitarbeiterin der Werbeagentur geschrieben, die eine gut lesbare und weibliche Handschrift aufwies. Ich könnte ja jetzt das ARG zu meinem ARG machen und versuchen, die junge Frau ausfindig zu machen und sie mit einer Rose überraschen und ihr sagen, dass ich mich in ihre Handschrift verliebt hätte *schmachtender Blick* – ich würde charmant und liebreizend und aufmerksam sein. Und dann, dann reiche ich ihr einen Flyer vom Buch Der Fetisch des Erik van der Rohe und sage ihr, wenn sie mehr über mich erfahren möchte, dann muss sie dieses Buch vorbestellen. Auch darin verschwimmen Realität und Fiktion. Punkt.

Nur eine Postkarte, nur eine dunkelblaue Frauenhandschrift

 

Wer hat mir diese Karte nur geschrieben?

Da lag also diese eine Ansichtskarte im Postkasten. Verblüffend. Weil diejenige (man darf vermuten, dass es eine Frauenhandschrift ist, wobei, gesichert und bewiesen ist es nicht), die diese Karte schrieb, mich zwar mit „Lieber Richard“ titulierte, aber nach der persönlichen Abschlussformel „Alles Liebe“ scheinbar „vergaß“, ihren Namen hinzukritzeln. Hm.

Ich rätselte in der Tat länger herum. Natürlich. Weil es tatsächlich eine mit Hand geschriebene Karte war, auf der auch noch eine Briefmarke klebte, die von einem Postamt abgestempelt war. Gut. Die Postleitzahl 1000 verrät, dass es sich um das Verteilerzentrum handelt, will heißen: es dürften viele dieser Postkarten aufgegeben worden sein. Auch das, natürlich, nur eine Vermutung.

Ich fragte die Twitter-Gemeinde. Gut, das klingt, als würde man diese tatsächlich fragen können. Besser: ich habe einfach zwei Tweets abgesetzt und die Frage gestellt, ob jemand eine ominöse Postkarte bekommen hätte. Tatsächlich meldete sich E. und nickte. Sie habe die Karte ins Büro geschickt bekommen und sich „gestalkt gefühlt“. Aha. Wir sehen, was so eine Karte auslösen kann. Huh. Habe ich jetzt ein Déjà vu? Und steht das nicht auf der Karte? Huh.

Nur ein PR-Gag? Wirklich?

Wir dürfen also davon ausgehen, dass es eine recht schlau eingefädelte Marketing-PR-Werbe-Kampagne ist. Das klingt enttäuschend. Weil man sich dann doch mehr erwartet hätte. Egal, was da am Ende als Lösung angeboten wird, es bleibt ein merkwürdig befremdliches Gefühl: nämlich benutzt worden zu sein. Jemand spielt bewusst auf der Klaviatur der Empfindungen. Das können viele Menschen nicht gutheißen. Ich bin versucht herauszufinden, was so eine Werbe-Aktion im Empfänger auslöst.

Zum einen erreicht diese Aktion natürlich ein Maximum an Aufmerksamkeit. Damit hat die Werbe-Agentur ins Schwarze getroffen. Der Empfänger beginnt sich verwundert den Kopf zu kratzen. Erinnert sich. Beginnt nachzudenken. Vielleicht, weil er es freiwillig will. Vielleicht, weil er unfreiwillig muss – da der Partner wissen möchte, was es mit der Karte auf sich hat – und sich nicht mit der Antwort zufrieden gibt, dass es sich „nur um eine lapidare Werbesendung“ handeln müsse. Handgeschrieben? Mit vertraulicher Anrede? Hm.

Werbung 2.0
die personalisierte Täuschung

Ich habe die Postkarte auf meinem facebook-Profil gepostet. Habe ein Fragezeichen hinzu vermerkt. Siehe da. Es hat große Wellen geschlagen (ist es Zufall, dass Meereswellen auf der Vorderseite zu sehen sind?), viele fühlten sich berufen, mitzurätseln (by the way: B. und S. tippten auf ein „Ultraschall-Foto“). Ja, in der Tat ist es aufregend, etwas  Neues in Erfahrung zu bringen, ein Rätsel zu lösen oder geheimnisvolle Verschwörungen aufzudecken. Wenn es nicht „ein Marketing-Gag“ wäre. Also eine bewusst herbeigeführte Täuschung, die darauf abzielt, Aufmerksamkeit zu erregen, um damit Geld zu verdienen. Das ist ja die Krux. Dass jemand dafür Ansehen und Geld erhält, weil er mich und andere hinters Licht führt, um für ein Produkt, eine Dienstleistung Aufmerksamkeit zu erheischen. Hm.

Ist das vielleicht ein Vorgeschmack auf Werbung 2.0? Höchstgradig personalisiert! Kann es sein, dass du in einem Lokal von einem sympathischen Menschen in ein nettes Gespräch verwickelt wirst, nur um wenig später zu bemerken, dass das Interesse nicht an dir besteht, sondern nur an deiner Geldbörse (ach ja, die „netten Keiler“ der NGOs, die dir ein Lächeln schenken und nur ein paar Minuten deiner Aufmerksamkeit wollen – tatsächlich wollen sie deine Unterschrift, nur deine Unterschrift, du bist ihnen herzlichst egal!). Die Werbeflut lässt die Werbe-Agenturen verzweifeln. Der Werbemüll, der sich tagtäglich in meinem Postkasten anhäuft, zeigt, wie billigst heutzutage gedruckt und verteilt werden kann (analog der literarischen Texte) und wie teuer uns die beworbenen Produkte eigentlich zu stehen kommen. Würden die Unternehmen die Werbekosten in die Forschung und Qualitätsverbesserung ihrer Produkte stecken, wäre das nicht viel sinnvoller, als weiterhin die Müllberge zu versorgen?

keine Vollbeschäftigung,
viele Lobbyisten und (m)eine Suppe

Die Wirtschaftslage wird nicht mehr für Vollbeschäftigung sorgen können. Aber die Gesellschaft tut so, als wäre das ein notwendiges Ziel und jeder müsse sein Scherflein dazu beitragen. Damit wird es immer junge und ältere Arbeitssuchende geben, die unter enormen Druck stehen und die deshalb bereit sind, für ein paar Münzen (fast) jeden Job zu machen. Man stelle sich vor, wenn du Menschen triffst, hier im Web, dort auf der Straße, die bezahlt werden, wenn sie dir ein Produkt wärmstens empfehlen. Wir wissen, aus Studien, dass Empfehlungen von Menschen, die du kennst (oder glaubst zu kennen), den größten Einfluss auf eine Kaufentscheidung hat, nicht Werbung, mag sie noch so gut gemacht sein. Und jetzt stellen wir uns ein Multinationales Unternehmen vor, das ein irrwitziges Werbebudget hat und nicht weiß, wohin mit dem Geld (weil ja die bisherigen Werbekanäle kaum mehr Wirkung zeigen). Wäre es nicht leichtens, ein Hundertschaft an sozialen Playern für ein paar Scheine daran zu erinnern, dass sie ein neues Produkt empfehlen möchten?

Gut. Das gibt es ja bereits. Man nennt es freundlicherweise Lobbying und ist doch nichts anderes als jemanden dafür fürstlich zu bezahlen, dass er andere überzeugt, beeinflusst und manipuliert. Nur im besten und positivsten Sinne. Natürlich. Jeder Lobbyist ist ja davon überzeugt, dass sein Job ein guter ist. Und notwendig noch obendrein. Ja. Da gibt es Herren und Damen, die von Atomstrom sprechen, ohne den es nicht ginge. Oder von Unternehmenssteuern, die zu hoch wären. Oder von Umweltauflagen, die zu streng seien. Oder von der Finanzmarktaufsicht, die sich nicht einzumischen hätte. Oder von Markt-Regulierungen, die den freien Wettbewerb behinderten. Oder von Tabak-Gesetzen, die Raucher diskriminierten. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Jeder dieser Damen und Herren würde auf seinen Standpunkten beharren. Komme, was wolle. Immerhin bringen diese die Butter aufs Brot.

Ich werde jetzt die Suppe, die ich mir aufwärme, selber auslöffeln. Denn eines darf auch ich nicht übersehen: Dass ich einen Standpunkt vertrete und auf diesen beharre, komme, was wolle: Dass ich lesenswerte Bücher mache. Den Fehler begehen viele Autoren und Verleger. Gewiss, jedes Buch, jeder Text findet seine Leser. Aber ob das reicht, um wenigstens Brot in die Suppe zu bekommen, steht auf einem anderen Blatt Papier. Und vielleicht wird dann dieser Autor, dieser Verlag Ansichtskarten bekritzeln, mit einer blassblauen Männerhandschrift, und versuchen, ein Rätsel aus etwas zu machen, was jeder längst weiß.

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Ebook, Social Media und die Goldräusche der Verlage

@dschun Sehe gerade deine großartigen Bücher sind auch als eBooks verfügbar. Sehr gut
Tweet from @ludren 22/02/2011


Aus gegebenem Anlass. Gestern. Mit einem kleinen engagierten Verleger geplaudert. Er wolle nun auf eBook setzen, für seine Bücher. Warum? Weil er immer wieder hört, dass man damit ein Vermögen machen kann. In den USA. Aber die eBooks, so meint er, würden auch bald nach Europa kommen und dann müsste man dabei sein, vor den anderen. Und dann sah er mich fragend an, weil ich seinen Redeschwall nur mit „hmm“ und „naja“ und „tja“ und „äh“ kommentierte.

update: Die Explosion des eBook Marktes in den USA link

Tja. Wo fangen wir da an. Gut. Ein elektronischen Buch, vulgo eBook hat viele Vorteile für verlegerische Underdogs, will heißen für die verschmähten kleinen und mittleren Verlage, die vom buchhändlerischen Establishment nicht wahrgenommen werden. Das mag jetzt gar nicht so sehr mit böser Absicht sein, sondern ist vielmehr eine Kapazitätsfrage. Wenn viele tausende Bücher jedes Jahr neu erscheinen, aber nur wenige hunderte in eine Verkaufsstelle gelangen können, tja, dann muss beinhart ausgesiebt werden. Ja, so ist das.

Mit einem elektronischen Buch hat man (theoretisch) keine böse Schranke zu meistern. Wer auf amazon sein kindle-ebook hochlädt, der ist herzlich dazu eingeladen. Das können Ur-Opas Kriegserlebnisse sein (falls jemand solche zu Hause herum liegen hat, bitte mit mir in Kontakt treten, ja?) oder die ersten Gedichte des Töchterleins (nein, dafür habe ich keinen Bedarf. Danke!). Lektorat? Korrektorat? Häh? Nope. Interessiert hier keinen. Umschlagentwurf? Häh? Nope. Mach, wie du glaubst. Ein paar Gestaltungshinweise gibt amazon natürlich frei Haus, aber egal was du tust, wie du es tust, keiner wird den Kopf schütteln und dir sagen „Tut mir Leid, aber das passt leider nicht in unser Sortiment!“.

Amazon hat tatsächlich den hermetisch abgeschlossenen Buchmarkt aufgebrochen. Anfänglich beim gedruckten Buch, wo jedes eine Platzierung im virtuellen Bücherregal fand (gut, gefunden muss es erst einmal werden) und nun – mit voller Wucht – beim elektronischen Buch. Wahrlich, es ist die Demokratisierung des Verlegens. Kein Wunder, dass diese Bösartigkeit in den USA ihren Anfang nahm. Und weiters darf es einen nicht verwundern, dass amazon dadurch viel Umsatz machte und macht – ob die Profite stimmen, kann ich nicht sagen.

Das europäische (sagen wir, ich spreche hier eigentlich vom deutschsprachigen) Verlagswesen hat auf diese Demokratisierung zurückhaltend reagiert. Natürlich. Wer nämlich im Boot saß, wollte keine anderen aufnehmen. Und wer nicht im Boot saß, wollte unbedingt hinein. Der übliche kapitalistische Raufhandel um einen Platz an der Sonne, respektive am Esstisch. Ein großer Publikumsverlag, der zahlreiche alteingesessene Verbindungen in Medien, Handel und Politik (wir dürfen nicht vergessen, dass Bücher zuweilen auch Politik machen) unterhält, wird sich nicht sonderlich wohl fühlen, wenn diese Strukturen aufbrechen: die Medien wandern von Print in den Online-Bereich ab, wo die Leser ihre Kommentare abgeben können und so jeden PR-Beitrag ad absurdum führen können (während im Print nickt der Leser den Artikel ab). Es gibt Literaturblogs, die sich nicht so einfach überreden lassen, eine wohlfeile Rezension zu schreiben (im Gegensatz zum Sub-Unter-Neben-Tochter-Firma des Medienkonglomerats). Und dann ist da die letzte Bastion, der stationäre Buchhandel. Zwar sind die Buchhandelsketten auf den Geschmack gekommen, am Profit der Verlage mitnaschen zu wollen (und natürlich machen manche Verlage gehörige Profite – sonst würden sie in einer Soll-und-Haben-Welt nicht existieren – freilich, die Vielzahl der anderen darbt und leidet). Der Buchhandel – und vorgelagert die Auslieferung und der Verlagsvertreter – sortieren knallhart die guten von den schlechten Äpfel aus. Schließlich geht es ums Geschäft, nicht um Literatur. Aber der Handel wird immer mehr an die Wand gedrückt. Ein Zeichen der Zeit, wo der kleine familiär geführte Einzelhandel kaum noch eine wirtschaftliche Lebensfähigkeit hat. In Wien sagte man in den späten 70ern Jahren das Greißlersterben (der Greißler ist der Wiener Tante Emma Laden) voraus. Ich kann mich noch erinnern, in Meidling, wo ich meine Kindheit verbrachte, ums Eck einen Greißlerladen aufgesucht zu haben. Die besten Topfengolatschen weit und breit gab es dort. Jahre später gab es ihn natürlich nicht mehr. Dafür aber diese grooooßen KONSUM Einkaufstempeln, die – ironischerweise – in späteren Jahren wirtschaftlichen Schiffbruch erlitten und heute nur noch eine anrührige Ruine der sozialistisch genossenschaftlichen Marktwirtschaft darstellen.

Wir sehen: das Verlagsgeschäft hat sich verändert. Das eingespielte Team (nicht umsonst heißt es: Never change a winning team or a running system!) ist nicht mehr so stark wie ehedem, aber noch vorhanden. Neue Vertriebs- und Werbekanäle müssen gefunden und richtig bespielt werden. Nicht einfach. Wahrlich nicht.

Und da stand ich nun, mit dem engagierten Verleger, der, ich wusste es, wenig Budget hat und mit Internet und Web und Social Media nur am Rande herum tut. Tja. Was würde ihm dann ein eBook nutzen, wenn er darauf nicht aufmerksam machen kann? Nicht in den Kanälen, die dafür notwendig wären.

Ein wenig erinnert mich diese digitale Aufbruchsstimmung in den verschmähten und frustrierten Verlagen an den Goldrausch in Kalifornien, wo jeder so schnell wie möglich dorthin musste, um sein Glück und ein Vermögen zu machen. Schlussendlich haben viele profitiert, aber zumeist waren es nicht die Goldgräber, sondern jene, die eine Infrastruktur bereit stellten. Freudenhäuser, you know?

Aus meiner eigenen Erfahrung – ich habe im Jänner 2010, also vor rund einem Jahr begonnen, meine eBooks über beam ebooks (Formate: epub, pdf, mb) und amazon.com (kindle) anzubieten. Ich denke, ich habe im Social Media Bereich (facebook, twitter, xing, …) soweit es mir möglich war, immer wieder auf mich und meine Bücher und meine eBooks aufmerksam gemacht. Auf meiner Webseite werden diese aufgelistet – auch wenn es dahingehend sicherlich bessere, schmuckere Möglichkeiten gäbe, wer meine Bücher als eBook haben möchte, der sollte sie finden. Aber der Umsatz, in diesem Jahr, mit meinen vier Titeln, ist, bescheiden. Wirklich. Freilich, ein kurzes Gratis-Download-Angebot bescherte mir für Tiret rund 4000 neue Leser. Wobei, in unserer Gratiskultur, wird mal schnell etwas heruntergeladen. Ob es aber jemals gelesen, oder wenigstens angelesen wird, who knows. Ich könnte jedenfalls nicht sagen, dass ich durch diese Downloads in weiterer Folge kaufmännisch profitierte. Freilich, wer einmal mein Buch anklickt, liest den Titel, liest etwas über mich – und damit ist schon mal das erste Saatkorn gesät, denn merke: Werbung ist die Wiederholung der Wiederholung. Nur was einem immer wieder über den Weg läuft, wird positiv wahrgenommen. Eine einzige Werbeeinschaltung – und mag sie noch so groß, so überdimensioniert sein – bringt nichts.

Was ich damit sagen will, ist, dass es einerseits mühsam und zeitaufwändig ist, eBooks selbst herzustellen (mit Ausnahme natürlich eines PDFs, einem Abfallprodukt des Printbuchs, wenn man so will). Ich werde nun herangehen, und die letzte Version von der Freeware Sigil auf Herz und Nieren prüfen. Aber der erste Eindruck dieser epub-Konvertierungs-Software macht einen tollen Eindruck. Gut möglich, dass es bald Tools gibt, die mit einem Klick hübsche (und korrekte) eBooks fabrizieren. Das ist der große, wirklich große Vorteil von amazon und seinem kindle-System: die Konvertierung macht amazon und man kann sich das Endergebnis in einem virtuellen kindle-reader angucken, also prüfen, ob alles in Ordnung ist. Damit kann man getrost zu Bett gehen, wissend, dass alles in Ordnung ist. Im Gegensatz zu den epub-Büchern, die einem Wirrwarr an verschiedenen eReadern gegenüberstehen und dann gibt es noch diese Schranke iBookstore von Apple, die mit einem Prüftool gleich mal die Spreu vom Weizen trennen. Wer da nicht technisch auf der Höhe ist, scheidet leider aus.

Natürlich kann man für die Erstellung eines eBooks bezahlen (Infrastruktur, you know!), aber dahingehend habe ich noch keine Erfahrung gesammelt und der Preis soll ab 100,- aufwärts sein – je nach dem, wie kompliziert der Text aufbereitet ist bzw. werden soll. Und ob das fertige Produkt dann wirklich alle Prüftools (die da vielleicht noch kommen) übersteht, das sei mal dahingestellt.

Und natürlich wäre es nicht Europa/Deutschland, würde sich nicht das Establishment auch hier noch die eine oder andere Schranke einfallen lassen: ISBN. Yep. Viele virtuelle Verkaufsstellen (die seltsamerweise mit stationären in direkter Verbindung stehen) verlangen nach einer ISBN pro ebook und Format. Im Prinzip ist es keine Hexerei, sich ISBNs zu besorgen, wenn man sich mit dem System ein wenig beschäftigt. Aber wer nur die Ur-Opa-Tagebücher hochladen möchte, der mag sich nicht mit diesem Verlags-Kram herumschlagen. Und dass ISBNs auch kosten, sei mal gleich hinzugefügt. Dass hier die Österreichische Agentur  (HVB) wieder mal den Vogel abschießen, ist klar: für 100 ISBNs berappt man stolze EUR 360,-  während die Deutsche Agentur keine EUR 50,- veranschlagt (okay, da gibt’s ne Einmalgebühr von rund EUR 150,-).Ich schätze, die Freudenhäuser in Kalifornien waren zu Zeiten des Goldrausch auch nicht gerade billig.

Wir sehen: kleine und größere Fallstricke wohin das unbedarfte Auge sieht – gewiss, alles ist machbar, alles ist schaffbar, wie man bei mir sieht *zwinker*.

Bleibt nur noch die Mühen und Leiden zu erwähnen, die Social Media mit sich bringt. Für kleinere und mittlere Verlage, die sich bereits jetzt an ihrer Leistungsgrenze befinden – besser: die Ausbeutung der eigenen Person und der mit Herzblut bei der Sache seienden KollegInnen. Ihnen bürdet man nun auch noch die Interaktion in den sozialen Medien des Webs auf. Keine Frage, wer Zeit und Lust hat, der fühlt sich alsbald wohl, im Pool der Geschwätzigkeit und Selbstdarstellung. Alle reden, kaum einer hört zu. So ist das. Und man wird überschüttet mit Informationen. Keine Frage, viele sind gute, wichtige, richtige Informationen, an die man sonst nicht gekommen wäre. Aber sie rauben einem wieder ein Stück von den 24 Stunden, die jeder Mensch zur Verfügung hat. Mag er noch so wenig schlafen, noch so wenig freie Zeit verbringen, am Ende hat sein Tag nur diese 24 Stunden. Get it? Get it!

Die Arbeit wird mit diesen Instant-Messages ja noch einmal um eine Potenz, vielleicht sogar zwei, stressiger. Während du dir bei einer E-Mail noch Zeit lassen kannst, sie zu beantworten, geht man bei Twitter und facebook davon aus, dass es eine zeitnahe Response gibt. Muss natürlich nicht. Aber dann spielst du auch nicht wirklich mit. Ich, für meinen Teil, sehe hier meine Kapazitätsgrenze zuweilen erreicht. Eine One-Man-Show kann und soll Vieles, aber er darf sich nicht zu sehr ablenken lassen. Vielleicht hänge ich noch einer Generation an, die step-by-step, das eine oder andere erledigen muss, bevor es sich der nächsten Aufgabe widmet. Gewiss, ich arbeite gleichzeitig an mehreren Tasks, aber es ist einer seriellen Monogamie zu vergleichen, im Gegensatz zur gleichzeitigen Vielweiberei, die einem schon Nerven und Kräfte kosten kann. Also immer vorsichtig.

Social Media wird ja von vielen als eine Informationsplattform gesehen. Da knallen Verlage (aber auch andere Unternehmen) ihre nüchternen Informationen raus („Neuerscheinung hier, Lesung da …“), die kaum jemanden interessieren, es sei denn, die Leutchen hängen schon am Angelhaken. Ich denke, die soziale Komponente wird hier gänzlich vernachlässigt. Da steckt kein Leben drin. Und um das geht es ja. Ich will als Mensch wahrgenommen werden, in dieser Bits-und-Bytes-Welt, und wer das nicht tut, dem schenke ich keine Liebe (okay, sagen wir: keine Aufmerksamkeit oder kein Geld oder beides). Aber sozial interagieren, also, huh, das ist die Meisterprüfung schlechthin. Da draußen, im Web, laufen viele Menschen herum, die sich ins Rampenlicht stellen wollen, die einen Knacks haben, die lügen, die lachen, die trinken, die Sex haben wollen (mehr sage ich jetzt mal besser nicht) und mit all diesen Leuten soll man plaudern, kommunizieren? Ach ja, eine Message gilt es ja auch noch rüberzubringen („Hey, ich bin ein Verlag und habe tolle Bücher, die dich sicherlich interessieren!“) – also, nein, das ist nicht easy going. Das ist Schwerstarbeit. Wirklich. Oder sagen wir: es kommt auf den Menschen an. So wie es die einen gibt, die ungezwungen mit Fremden plaudern können, offen und immer freundlich sind, und andere, die eine Anpassungsstörung haben (erst gestern gelernt!).

update: Artikel in meedia.de über die Entwertung der Kommunikation in facebook.

Und wenn wir schon von Goldräuschen sprechen, dann muss man auch gleich dazu sagen, dass das World Wide Web noch immer der Wilde Westen unserer zivilisierten Gesellschaft ist. Auch wenn bereits viele Reglementierungen und Hürden vorhanden sind, es gibt nichts, was es nicht gibt. Irgendwo findet sich eine Webseite, die genau das bietet, was man gestern noch so schmerzlich vermisste. Aber der Nachteil ist natürlich: wer schneller zieht, lebt länger. Okay, das ist jetzt natürlich überzeichnet. Aber es geht um Schnelligkeit. Die Chose dreht sich immer schneller. Es rückt eine Generation nach, die Gadgest, Apps, APIs im Blut und im Kopf hat, sie ist ja damit aufgewachsen. Ich erinnere mich  gut, dass ich in den 80ern meinen Vater belächelte, weil er einen Videorekorder (yep, VHS, you know?) nicht ohne Hilfe programmieren konnte, obwohl es mir so einfach schien. Und heute? Bin ich überfordert bei A. am TV-Schirm den richtigen Sender einzustellen, weil dieser über Tuner, Surround-Anlage, DVD-BlueRay-Abspieler und Festplatten-Rekorder gekoppelt ist. Da liegen gefühlte zehn Fernbedienungen herum und ich habe einfach keinen Tau mehr, welche Tasten ich in welcher Reihenfolge ich drücken soll. Ja, so sieht das aus. Und ich schätze, es wird nicht einfacher. Nicht für mich. Nicht für uns.

Am Ende, seien wir ehrlich, geht es doch nur darum, dass wir mit einem Menschen ins Gespräch kommen, etwas aus diesem Gespräch mitnehmen und uns gut fühlen. Es ist wie diese leidige Sache mit dem Fetisch Auto. So toll es auch sein mag, seine Bestimmung ist, dass es mich von A nach B bringt. Wenn mir das Ziel B nicht behagt, wenn ich dort nicht hin will, nutzt mir auch das beste Auto der Welt nichts. Ich wäre unzufrieden. Und so verhält es sich auch mit Social Media und den eBooks. Sie sind nicht die Lösung. Sie sind ein Mittel, um ein Ziel zu erreichen, das jeder für sich selbst finden muss. Und manchmal kann es Sinn machen, auf das Auto zu verzichten und ein Stück zu Fuß gehen. Wirklich!

 

 

 

 

streitBAR: zu Hause im Netz oder gemeinsam einsam

Gestern Nacht noch in der Roten Bar des Volkstheaters, wo über die „Wirklichkeit und Fantasie“ des Internets „gestritten“ wurde. Die Diskutanten kamen aus den unterschiedlichsten Bereichen und spielten ihre Rollen vorzüglich – immerhin waren wir in der hübschen Bar eines Theaters.

Peter Kampits, Dekan der Fakultät Philosophie ist Web-Pessimist, zeichnete ein beunruhigendes Bild und dachte laut darüber nach, keine E-Mails mehr zu beantworten und was dann wohl geschehen würde („vermutlich würden die Leute mehr Briefe schreiben … aber dann müsste ich wohl auch mehr Briefe schreiben. Hm?!“)

Michael Musalek, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Schwerpunkt Suchtkrankheit und Depression, ist Web-Optimist und zeichnete ein verständnisvolles Bild.

Jakob Steinschaden, Journalist und Buchautor über das „Phänomen Facebook“, glänzte mit demographischen Fakten. Punkt.

Cornelia Travnicek, Bloggerin und Schriftstellerin („eigentlich bin ich in erster Linie Schriftstellerin und dann erst Bloggerin“), bloggt seit 3 Jahren und konnte Michael Musak erklären, was denn ein Blog sei („eine Art von Tagebuch, das man nicht jeden Tag befüllen muss“). Die gute Cornelia habe ich auf der BUCH WIEN kennen gelernt, wo sie für den Hauptverband des Buchhandels, dem Veranstalter der Buchmesse, in die Tasten klopfte. Ihren kritischen Blog-Beitrag über meinen Vortrag habe ich nicht gelesen. Wir haben uns darüber unterhalten. Persönlich.

Felix Vidensky, Hanfbauer und „Technikverweigerer“, möchte dieses Jahr nach Moldawien gehen. Zu Fuß. Landkarten hätte er sich schon besorgt. Der in sich ruhende Familienvater machte auf mich den gesündesten Eindruck. Für etwaige Gespräche, die sich mit dem Thema „Entschleunigung“ beschäftigen, würde ich ihn sofort engagieren. Dumm, dass ich ihm keine E-Mail schicken kann.

Der Moderator Thomas Mießgang, Kulturjournalist, sprach viel, meinte viel und strich dabei bewusst unbewusst heraus, dass manche Menschen mit der ausufernden Technik einfach überfordert („Ich habe noch immer einen Kassetten-Walkman …“) oder von der jugendlichen Multi-Tasking-Fähigkeit erstaunt sind („Meine Tochter sitzt am Esstisch, während wir uns unterhalten und tippt eine SMS an ihre Freundin …“)

Was war die Quintessenz der Diskussion? Hm. Darüber denke ich noch nach. Ich, für meinen Teil, sehe das Internetz als Möglichkeit. Es ist ein virtuelle Plattform. Nichts anderes. Zieht man den Stecker, löscht man die Daten, nichts ist mehr existent (auch wenn das wohl kaum mehr möglich ist). Vereinfacht gesagt: das Echte wird auch durch hundert Trillionen Postings und E-Mails nicht abgelöst werden können; genausowenig wie die Berührung, die man erfährt; ein Neugeborenes, das in den ersten Lebensmonaten nicht berührt wird, stirbt.

Das Internetz ist eine Illusionsmaschine, die jeden Suchenden einlädt und empfängt. Sie gibt ihm alles. Nur eines nicht: Realität. Wer gesund im Leben steht, sozusagen zentriert und fokussiert ist, dem wird die virtuelle Phantasterei nicht sonderlich weh tun können. Alle anderen jedoch werden alsbald ein Kopfschmerzmittel brauchen. Aua.