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WM 2010: Tag #21 Viertelfinale PAR : ESP

Paraguay : Spanien  0 : 1

Da sind sie also wieder, die Spanier, dieser 1.FC Villa. Es ist nur schwer erklärlich, wie sie mit mäßiger Leistung, so weit kommen. Sie straucheln, aber sie fallen nicht. Vielleicht ist das ihr Geheimrezept? Und Paraguay? Hätte es sich durchaus verdient, ins Halbfinale zu kommen. Aber, seien wir ehrlich, was hätten diese kleinen Südamerikaner gegen die aufgeputschten Deutschen ausrichten wollen? Da braucht es schon den Mythos der  iberischen Unbesiegbarkeit (in den letzten 58 Spielen haben sie gerade einmal zwei Partien verloren: einmal gegen die USA vor einem Jahr im Finale des CONFED-Cup – ja, da waren die Spanier völlig von der Rolle, so, als würden sie gar nicht spielen wollen – und im Gruppenspiel gegen die Betonmauer aus der Schweiz).

Die Spanier haben vermutlich die besten offensiven Mittelfeldspieler, vergleichbar nur mit den Niederländern. Paraguay hat aber mit Kampfkraft und Laufbereitschaft dagegen gehalten. Jeder Trainer, der die erste zwanzig Minuten des Spiels der Chilenen gegen die Spanier gesehen hat, weiß nun, wie man die Iberer schlagen – oder wenigstens entschärfen – kann. Ich schätze, Herr Löw wird das wissen. Ich hoffe, Signor Del Bosque weiß, dass Herr Löw das weiß. Gut möglich, also, dass wir im Halbfinale einen Schlagabtausch von der ersten Minute an sehen – frei nach dem Motto: wer zu erst trifft, hat gewonnen.

Die Spanier also mit ein wenig Glück weiter. Und schon wieder hatte der Fußballgott seine Finger im Spiel, musste er an der Dramaturgieschraube drehen. Zuerst ein Elfmeter für Paraguay, weil Pique, dieser (für mich) hölzern wirkende Elite-Verteidiger vom FC Barcelona, im Strafraum Cardozo zu Boden reißt. Das macht er so lächerlich ungeschickt (er hält mit beiden Händen den Arm des Stürmers und reißt ihn zurück), dass man sich fragt, ob Pique sie noch alle hat. Und dann bewahrheitet sich wieder einmal die geflügelte Phrase: der Gefoulte solle nicht den Strafstoß schießen. Gesagt getan, Cardozo scheitert an Casillas, der den Ball fängt und sofort ausschießt, was zur Folge hat, dass Villa mit dem Ball in den Strafraum von Paraguay sprintet und dort zu Fall gebracht wird. Elfmeter. Keine 40 Sekunden später. Aufregung. War es ein klares Foul? Strittig!  (natürlich stellt sich sofort die Frage: hätte der Schiedsrichter so einen Elfmeter für das kleine Paraguay gepfiffen?). Xabi Alonso läuft an und verwandelt staubtrocken. Freude bei den Spaniern. Ein Pfiff. Der Schiedsrichter deutet erneut auf den Elfmeterpunkt. Der Strafstoß muss wiederholt werden, weil spanische Spieler in den Strafraum gelaufen sind, obwohl der Elfmeter noch nicht ausgeführt wurde. Aufregegung. Xabi Alonso legt sich den Ball erneut auf den Elfmeterpunkt. Anspannung. Er schießt. Villar, der Torhüter von Paraguay kann den Ball abwehren, dieser springt von ihm weg, direkt vor die Füße von Villa. Der Torhüter wirft sich Villa entgegen, reißt ihn förmlich von den Beinen (kein Elfmeter, obwohl ein klares Foul), der Ball kullert zu Ramos, der aufs Tor schießt, aber der Ball wird von einem südamerikanischen Verteidiger vor der Torlinie mit dem Fuß abgewehrt. Zusammengefasst: drei Elfmeter, kein Tor! Ja, so dramatisch kann Fußball sein.

Dass am Ende die Spanier vom Platz gingen, ist wieder einmal Villa zu verdanken, der einen Torriecher hat. Wieder goldrichtig gestanden („dort, wo ein Stürmer zu stehen hat“), wieder das wichtige, entscheidende Tor gemacht. Hätte der Fußballgott nicht noch einmal die Dramaturgieschraube andrehen können?  Der Schuss von Pedro prallt von der Stange und direkt vor die Füße von Villa. Dieser fackelt nicht lange und zirkelt den Ball ins lange Eck. So genau, dass der Ball die Innenstange trifft und von dort die Torlinie entlang zur nächsten Stange kullert, abprallt und ins Tor springt. Was wäre wohl geschehen, wäre der Ball AUS dem Tor gesprungen? Es wäre wohl in die Verlängerung gegangen.

Nach dem Führungstreffer, der etwa 10 Minuten vor dem Ende der Partie passierte, hätte Paraguay noch den Ausgleich erzielen können. Aber Santa Cruz (ex-FC Bayern Stürmer) scheiterte an Casillas. Das ist Pech (und eine Glanzleistung des spanischen Torhüters). Also wieder Tränen bei Cardozo (hätte er doch nur den Elfmeter verwandelt), grenzenloser Jubel bei den Spaniern. Ich kann kein spanisch, sehe auch kein spanisches Fernsehen, aber ich wette, dort werden die Kommentatoren lauthals gesagt haben, dass dieser Mannschaft „alles zuzutrauen“ ist. Ach ja, das hatten wir schon, nicht?

WM 2010: Tag #21 Viertelfinale GER – ARG

Argentinien : Deutschland  0 : 4

Was soll man da jetzt noch schreiben? Wenn es nach den germanischen Kommentatoren geht, muss man der deutschen Mannschaft „alles zutrauen“ (würde es aber auch nicht das Gegenteil des Erwünschten beinhalten?). Gut. Sie haben, man muss es neidlos anerkennen, die Argentinier schwindlig gespielt, die einem beinahe Leid tun können (was vermutlich die schlimmste Demütigung ist). Und Maradona, der den Tränen nahe war, stand hilflos an der Seite, und musste mitansehen, wie seine Jungs vom deutschen Reinheitsgebot zerlegt wurden.

Die Weltmeisterschaft hat gezeigt, dass ich mit meinen bisherigen Erfahrungen im Fußball nichts ausrichten kann. Nichts ist, wie es zuvor noch scheint. Haben Mannschaften zuvor noch eine souveräne, starke Leistung abgerufen, stolpern sie im nächsten Spiel in eine Schlappe oder ziehen mit viel Ach und Weh ihren Kopf aus der Schlinge. Favoriten? Gab es wohl nur am Papier, auch wenn ich den Brasilianern alle Chancen gab. Nicht, weil sie mir gefielen oder weil sie mir sympathisch waren (Überheblichkeit in Gelbgrün), sondern weil ich davon ausging, dass die Defensive, wenn es darauf ankommt, dicht machen würde und ihre außerordentlichen Offensivkräfte sind freilich immer für das eine oder andere Tor gut. Aber erstens kommt es anders, und zweitens als Dunga und die brasilianische Fußballwelt denkt.

Kommen wir zu den Deutschen zurück. Was ist mit denen nur los? Oder besser: was ist mit ihren Gegnern nur los? Ist es der Versuch, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, ihre „herausragende“ Leistung kleinzureden, wenn ich auf die mäßige Gegenwehr ihrer Gegner verweise? Darauf kann ich keine Antwort geben. Die österreichische Seele, die von so vielen schmachvollen Niederlagen gezeichnet ist, einer fußballerischen Vergangenheit anhängt, in der es noch ein Wunder gegeben hat, nicht nur einmal (hier ist bitteschön n i c h t  von Cordoba die Rede!). Österreich war für eine kurze Zeit lang das Maß aller Dinge am europäischen Kontinent. Lange ist es her. Und die Namen lösen nur ein Schulterzucken aus. Und dieses „Wunder von Bern“, wo der Stern des deutschen Fußballs zum ersten Mal aufleuchtete (gefährlich grell), sollte von nun an deren Gegnerschaft in ein kollektives Rätselraten stürzen (mitten dabei: das zweite öster. Wunderteam, der geheime Favorit, der von einer deutschen Mannschaft regelrecht zerlegt wurde und sich am Ende mit dem dritten Platz begnügen musste).

Man weiß nicht, wie sie es machen, die Deutschen, man weiß nur, dass sie es machen. Davor kann einem schon Angst und Bang werden, wenn es gilt, gegen diese Mannschaft anzutreten. Wer in die Köpfe der Gegner eine Legendenbildung zaubert, muss es nicht am Fußballfeld tun. Die Einbildung, die Vorstellung, dass der deutsche Fußballer nicht gewillt ist aufzugeben, immer kämpft, zäh, verbissen, mit letztem Einsatz, und das Glück auf seine Seite zwingen will, ist schreckerregender als jede Wirklichkeit. Es wäre natürlich nahe am Zynismus, wenn man den Leser kurz erinnern möchte, dass die Deutschen nur mit vereinten Kräften niedergehalten, niedergezwungen werden konnten, damals, in den Weltkriegen. Diese Mentalität, die sich genetisch in Haltung und Einstellung festgesetzt hat, macht die Deutschen auf jedem „Schlachtfeld“ zu schier unüberwindlichen Gegnern. Wie gesagt, vieles spielt sich in den Köpfen ab. Und entscheidet Spiele, bevor der Anstoß vollzogen ist. Man achte auf die erste Minute in einem Match. Daran erkennt man sofort, woran man bei den Mannschaften ist. Wird der Ball nach hinten gespielt, dominiert die Sicherheit, oder sprinten die Offensivkräfte druckvoll nach vorne und verlangen den Pass. Ja, in den ersten Minuten kann man sehen, was sich in den Köpfen der Spieler so tut.

Und die Löw-Truppe agierte sofort druckvoll, war gewillt, das Heft in die Hand zu nehmen. Und die Argentinier? Waren mit dieser Situation überfordert. Weil man ihnen nicht gesagt hat, dass man schon nach 160 Sekunden mit einem Tor in Rückstand geraten kann. Und dass die Mannschaft, die das Tor gemacht hat, nicht zurücksteckt, sondern weiter aggressiv nach vone spielt. Die Argentinier können Fußball spielen, das haben wir gesehen. Aber wurden sie vielleicht mit zu viel Lorbeeren bedacht? Waren ihre Siege zu glücklich (Südkorea!), zu leicht (Griechenland, Nigeria) und nahe an der Manipulation (Mexiko!)? Ironischerweise gibt es Parallelen zu ihrem deutschen Gegner, dessen Siege vielleicht genauso glücklich (Ghana), zu leicht (Australien) und nahe an der Manipulation (England!) waren. Wir sehen, so überschwänglich sollte man nicht sein. Hier sind zwei Mannschaften aufeinander getroffen, deren Stärke ich heute noch nicht realistisch einschätzen kann.

Sind die Deutschen wirklich so gut, wie alle sagen, wie alle jubeln? Oder macht man sich da nicht etwas vor? Als sie die Australier (vulgo „Arbeitsverweigerer“) aus dem Stadion schossen, gierte man bereits nach dem Favoritenstatus. Dann kam Serbien und die deutsche Nation musste bemerken, dass Hochstimmung und Jubelgeschrei keinen Sieg davonträgt und schon gar nicht den Pokal einbringt. Und gegen Ghana zwangen sie ihr Glück. Wieder einmal. Und gegen altersschwache Engländer musste der Schiedsrichter eingreifen, damit die Partie nicht kippte. Ist das souverän? Ist das überzeugend? An diesem 21. Spieltag, in diesem dritten Viertelfinalspiel, da trafen zwei Mannschaften aufeinander, die vielleicht gar nicht mehr im Turnier hätten sein dürfen, aber so taten, als hätten sie einen Anspruch auf den Titel. Bevor mich die Teutonen in die Schwarzwalderde stampfen wollen, so muss man sagen, dass diese Randnotiz (leider) auch auf die restlichen drei Mannschaften (Niederlande, Uruguay, Spanien) zutrifft. Man kann demnach sagen: die Deutschen sind in „schlechter“ Gesellschaft. Keiner hat überzeugt. Keiner agierte souverän. Nur ein glückliches, manchmal auch unfaires Herumgestolpere von einem Sieg zum nächsten. Am Ende, wir wissen es, zählt nur eines: dieses goldene Phallus-Symbol der FIFA nach Hause zu bringen. Und bevor ich mich jetzt den Spaniern und ihrem Spiel gegen Paraguay widme, muss ich noch eines tun:

Ich ziehe vor der deutschen Mannschaft meinen imaginären Hut. Das habe ich der guten Gina (ein Bayrisches Dirndl) „versprochen“, falls die Deutschen die Argentinier schlagen. Im Vorfeld konnte ich es nicht sehen, die mentale Schwäche der Gauchos und die mentale Stärke der Müllers dieser Welt. Ob es mir wieder passiert? Bestimmt.

WM 2010: Tag #20 Viertelfinale GHA : URU

Ghana : Uruguay  1 : 1   4 : 2 n.E.

Es ist einfach nicht meine WM. Irgendwie standen die Sterne ja schon von vornherein schlecht, als die Australier gegen die Teutonen nicht Fußballspiel wollten oder als die Südafrikaner gegen die Mexikaner nur die Stange trafen, die Holländer in einem Unspiel gegen die Dänen „souverän“ gewannen, die Südkoreaner gegen Argentinien diesen Sitzer zum Ausgleich ausließen oder, dann bereits im Achtelfinale, den Engländern ein reguläres Tor gegen die Deutschen aberkannt wurde. Und der heutige erste Viertelfinalspieltag fügt sich nahtlos an diese fußballerischen Tragödien an. Ein Jammer. Wirklich. Aber zurück zum Spiel.

Anfänglich kam Ghana nicht so in Tritt. Uruguay diktierte das Spiel. Aber mit Fortdauer kamen die Afrikaner immer mehr in Fahrt. Beim Weitschuss, der zum Führungstreffer für Ghana führte, abgefeuert von Muntari (über 36 Meter!)  hat der Schlussmann von Uruguay ziemlich alt ausgesehen, obwohl er vermutlich aus der Schüler-Liga-Mannschaft rekrutiert wurde. Unglaublich, dass dieser Bub in späterer Folge zwei Elfmeter hielt (wobei, so schwer hat man es ihm nicht gemacht).

In der zweiten Hälfte ging es hin und her. Der Freistoß von Forlan hätte Torhüter Kingson auch abwehren können. Hat er aber nicht, demzufolge stand es 1 : 1, doch die Ghanaer ließen nicht locker und setzten die Urus ziemlich unter Druck. Ihre Ballsicherheit war schon beachtlich. Trotzdem änderte es nichts am Spielstand. 90 Minuten um. Verlängerung. Man merkte bereits die Müdigkeit der Urus, während die Afrikaner gewillter waren, Meter zu machen. Je länger es ging, desto weniger ging bei den Südamerikanern. Manche wirkten schon stehend ko. Ja, und dann, dann kam sie, die 120. Minute.

Ich schätze, für wenige Minuten versank Afrika in einen Freudentaumel. Für wenige Minuten stand die afrikanisches Welt Kopf. Ein Freistoß für Ghana. In der letzten Minute der Verlängerung. Der Ball wird in den Strafraum von Uruguay gezirkelt. Verwirrung in der Hintermannschaft, der Torhüter (Bub!) irrt im Strafraum herum, ist bereits geschlagen, als der Ball aufs Tor kommt, aber Suarez steht auf der Torlinie und verhindert mit dem Fuß, dass der Ball ins Tor geht. Der von ihm abgewehrte  Ball wird von einem Ghanaer wieder aufs Tor zurück geköpft und wäre ins Tor, über Suarez gegangen. Aber dieser – vielleicht ein Reflex, vielleicht bewusst – wehrt den Ball mit der Hand ab. Tja. Dafür erhält er natürlich die rote Karte (Torraub) und Ghana den Elfmeter. Alles hätte so schön sein können. Alles. Aber der Ball, vom Elfmeterpunkt geschossen, knallt an die Latte. Aus. Vorbei. Elfmeterschießen. Und dort vergeigen zwei Ghanaer stümperhaft ihre Elfmeter, während nur einer der Urus in die Wolken schießt. Uruguay im Halbfinale! Ghana? Am Boden!

Nun, nachdem wir heute schon die „positive“ Vorbildwirkung eines gewissen Hunterlaars (er ist Holländer) erlebten, der meinte, er sperrt mal schnell den Ball für die letzten Minuten (und natürlich ist es legitim und verstößt gegen keine Fußballregeln), so setzt Suarez (er kommt aus Uruguay) noch eines drauf, in dem er bewusst ein Tor verhindert und so seiner Mannschaft den Aufstieg ermöglicht hat. Was heißt das für den Nachwuchs? Alle Mittel, auch die unlauteren sind in Ordnung, so lange man am Ende gewinnt? Wie kann sich Uruguay überhaupt über so einen Sieg freuen? Sollten sie sich nicht in Grund und Boden schämen? Nur durch eine grobe Unsportlichkeit, die nur im Rahmen der Regeln geahndet werden kann, haben sie überhaupt gewinnen können. Kurz: es ist nicht fair, was da abgelaufen ist. Und das nimmt mich wirklich mit. Weil auf der einen Seite ein kleines Land mit 3 Millionen Einwohner steht, auf der anderen ein ganzer Kontinent, der so dringend Euphorie und Hoffnung nötig hätte. Ich befürchte, jetzt muss ich doch zu den Holländern halten, im Halbfinale, gegen die Urus. Wenn man sich zwischen zwei Übel entscheiden muss, wähle man das geringere.

Ach, es ist ärgerlich. Ghana hat noch mal Emotion in diese (für Afrika und Chile und Mexiko) verkorkste WM gebracht. Hat herzhaft und gut gespielt. Hätte sich alles verdient. Aber so auszuscheiden? Und wo jetzt Gyan, der vormalige Held, zum Buhmann wird, weil er den Elfmeter verschoss, obwohl es eigentlich Suarez hätte sein müssen. Stattdessen wird Suarez und seine Urus gefeiert. Also, wenn mich etwas anstinkt, dann ist es genau so eine Geschichte. Und dann wundern wir uns, wenn die Welt den Bach runter geht. Ist das jetzt zu theatralisch?

Manchmal ist Sport nur das Spiegelbild unseres gesellschaftlichen Lebens. Denken wir doch kurz einmal nach, wie sich Fußball entwickelt hat. Die Idee war, mehr Tore als der Gegner zu schießen. Heute ist die Idee, keine Tore zu bekommen (und dann schauen wir mal, ob wir nicht doch noch eines irgendwie reinmachen). Es geht um die Effizienz. Wie im Wirtschaftsleben auch. Wenn wir beginnen, dem sportlichen Wettstreit  Spaß, Freude, Lust und Menschlichkeit (Fairness)  zu nehmen, was bleibt dann über? Bürokratische Beamte, die nach wissenschaftlichen Methoden nach der effizientesten Lösung suchen. „Wir spielen nicht schön, aber wir gewinnen!“, heißt es von Trainern öfters, wenn Kritik an ihrem Spielsystem laut wird. De facto müsste man solche Leute nach so einer Aussage sofort an die Luft setzen oder nach St. Helena verbannen. Sie ruinieren den Fußball (wobei: natürlich sind es die strikten Vorgaben der Vereinsbosse, die die Trainer und die Mannschaft unter Druck setzen, sie dazu „zwingen“, effektiver zu werden; und die Vereinsbosse werden wiederum von ihren Sponsoren unter Druck gesetzt und am Ende heißt es mal wieder lapidar: Geld regiert die (Fußball)Welt).

Sei’s wie’s sei. Das eine Spiel ist zu Ende. Morgen gibt es noch zwei weitere. Ich schätze, heute wird  in Germanien schon mit dem Kopf stehen geübt. Nur für den Fall. Unwahrscheinlich, ich weiß. Aber in letzter Zeit strafen mich meine Unwahrscheinlichkeits-Prognosen Lügen.

WM 2010: Tag #20 Viertelfinale BRA : NED

Niederlande : Brasilien  2 : 1

So. Jetzt sollen mal die kleinen Kinder weghören. Weil ich ziemlich säuerlich bin. Auf diese niederländischen Maurergesellen, die noch kein gutes Spiel bei dieser WM abgeliefert haben. Und heute? Gegen die großen Brasilianer? Erste Hälfte (gut, die habe ich versäumt, weil ich im Einkaufswagerl durch die Gegend geschoben wurde – eine lange Geschichte, die noch erzählt wird), soweit ich der Zusammenfassung trauen darf, haben die Südamerikaner das Spiel dominiert, haben die Holländer ihre Ideenlosigkeit ausgeführt.

Eigentlich dachte ich beim Anstoß zur zweiten Hälfte nicht einmal im Traum, dass da noch was schief gehen könnte. Ich war von der Qualität eines jeden brasilianischen Spielers überzeugt. Sie hatten Chuzpe, sie hatten Ego und waren generell gute bis sehr gute Techniker. Jeder der Spieler war zu jeder Zeit für ein Tor gut. Das machte sie gefährlich, das machte sie unberechenbar. Dass ihr Coach Dunga – ein ehemaliger defensiver Verteidiger – sein Hauptaugenmerk auf die Defensive richtete, merkte man den Spielen an. Gegen die Chilenen haben sie kurz geschwächelt (wobei, echte Torchancen hatten sie nicht zugelassen), weil diese ordentlich dagegen hielten. Die ersten zwanzig Minuten gegen Chile hätte einen vielleicht ein wenig nachdenklich machen müssen, aber da ich den Chilenen das gewisse Etwas überstülpte, dachte ich nicht, dass eine andere Mannschaft ähnliches zusammen brächte. Und bevor mich jetzt ein Oranje verprügelt, muss ich gleich anmerken, dass mir die Brasilianer auch nicht wirklich gefallen haben. Sie funktionieren als Kollektiv sehr gut, wirken aber auch zuweilen ideenlos, wenn es im gegnerischen Strafraum eng wird. Man hat es gegen die Nordkoreaner gesehen, wo sie sehr lange brauchten, um diese Betonmauer zu knacken. Dass sie sich auch noch ein Tor einfingen, gegen den Underdog, wird gerne unter den Teppich gekehrt, zeigte aber schon damals, dass die Spieler in ihrer Konzentration stark nachlassen, wenn sie glauben, den Sieg bereits in der Tasche  zu haben. Genau diese Einstellung hat ihnen das Genick gebrochen.

Ich schätze, dass die Brasilianer in dieser zweiten Hälfte erst gar nicht mehr ernsthaft weiterspielen wollten. Für sie war die Sache gelaufen. Die Holländer, die in allen Belangen unterlegen waren (abgesehen von Robben und Kuyt, die wirbelten, wenn man sie wirbeln lässt), strahlten keine Gefahr aus. Ich schätze, Dunga wird der Mannschaft in der Pause gesagt haben: ruhig bleiben, hinten sicher stehen und warten, bis sich die Räume öffnen, weil die Holländer ja dem Tor nachlaufen müssen. Und alsbald, so der Trainer, würde ein Konter das zweite Tor und die Entscheidung herbeiführen. So war es ja auch im Spiel gegen Chile oder im Spiel gegen die Elfenbeinküste. Ja, Dunga machte sich keine Sorgen. Ich machte mir auch keine Sorgen.

Und dann, unverständlicherweise, flankte Snijder in den Strafraum (der Kerl war bis zu diesem Zeitpunkt kein wirklicher Pluspunkt seiner Mannschaft) und der brasilianische Verteidiger Melo, von seinem eigenen Torhüter weggedrückt, fälscht den Ball ins eigene Tor. Erinnert uns das nicht an eine ähnliche Situation? Natürlich. Holland gegen Dänemark. Ein Hundskick der Superlative. Fußball zum Abgewöhnen und am Ende siegen die Oranjes, weil ein dänischer Verteidiger einen anderen anköpft und der Ball somit ins Tor geht. Oder der kapitale Tormannfehler des japanischen Schlussmanns, der einen haltbaren Schuss von Snijder (schon wieder!) ins eigene Tor ablenkte. Im Achtelfinale gegen schwache Slowaken reichte wieder eine Einzelleistung von ihrem Offensiv-Maestro Robben (sprint an der rechten Seite, Haken nach innen, ein Schritt, Schuss angedeutet, zweiter Schritt Schuss auf die lange oder kurze Ecke. C’est ca!) und schon konnte die Holländer machen, was sie am liebsten tun: Spiel zerstören, den Ball in ihren Reihen zirkulieren lassen und warten, bis der Schlusspfiff ertönt.

Die Frechheit überhaupt lieferte Hunterlaar ab, als er in der Nachspielzeit mit dem Ball dieses leidige „ich-decke-jetzt-den-Ball-an-der-gegnerischen-Eckfahne-ab“-Spiel machte. Das ist erbärmlich. Egal, welche Mannschaft das macht, sie gehört mit sofortiger Wirkung disqualifiziert. Was ist das für ein Zeichen an die Jugend? Soll das holländische Vorbildwirkung sein? Wenn Huntelaar nicht so dämlich gewesen wäre, hätte er das Spiel längst entscheiden können, aber er war nicht in der Lage, den Pass rechtzeitig abzuspielen. So vergeigte er diese Konterchance, wo drei Holländer gegen den Tormann und einem brasilianischen Verteidiger in Überzahl waren. Also, diese Aktion von Hunterlaar, bei der Eckfahne, die hat den Holländern die letzten Sympathiepunkte gekostet (falls sie je welche gehabt haben).

Gut. Dass dieser Ausgleichstreffer die Holländer beflügelte („Hey, wir können auch Fußballspielen!“) und die Brasilianer in ein kollektives Rätselraten stürzte („Hey, die können auch Fußballspielen. Warum hat uns das keiner gesagt?“), war natürlich zu erwarten. Natürlich dachte ich nicht, dass die Holländer spielerisch diese Abwehr knacken hätten können (haben sie auch nicht, weil der Führungstreffer aus einem Eckball herrührte). Dass Sneijder (schon wieder!), mit seinen 1,70 m, den verlängerten Kopfball von Kuyt ebenfalls mit dem Kopf ins Tor der Brasilianer verlängerte, ist die Ironie der Geschichte.

Und die Brasilianer? Gehören ausgepeitscht. Vor allem Felipo Melo. Okay, er war sauer. Er war zutiefst säuerlich. Zuerst das Tor vorbereitet, dann das Eigentor fabriziert und jetzt im Rückstand, gegen diese „nicht-spielenden“-Holländer. Also, ehrlich, ich verstehe es, wenn er ausrastet, akzeptieren kann man es freilich nicht. Ich schätze, wenn eine Mannschaft der Meinung ist, die bessere zu sein und trotzdem verliert, dann geht es emotional drunter und drüber. Haben wir alles schon gesehen. Nehmen wir zum Beispiel England : Deutschland. War diese Partie hitzig? Keine Spur. Obwohl die Engländer genug Gründe gehabt hätten, die Deutschen in den Allerwertesten zu treten (und den Schiedsrichter gleich mit). Aber sie fügten sich ihrem Schicksal, sie wussten instinktiv, dass sie die schlechtere Mannschaft waren und gaben sich geschlagen. Verständlich nicht?

Wie dem auch sei, jetzt spielen die Oranjes gegen den Sieger aus Ghana : Uruguay und stehen damit mit einem Fuß im Finale. Kann man sich das vorstellen? Ist das die Fortsetzung der EM 2004 in Portugal, als die Griechen mit destruktivem Effizienzfußball Europameister wurden. Ist Niederlande das neue Griechenland? Das war schon damals nicht zu fassen und spottete jeder Beschreibung; und wir haben ja in den letzten Wochen gesehen, wo die Griechen fußballerisch stehen:  im Nirgendwo! Ich meine, ich verstehe ja, dass die Fans einer Fußballmannschaft blindwütig den Erfolg anbeten, egal, wie dieser zustande kommt. Hauptsache, der Pokal kehrt heim. Aber man sollte dann und wann seine Scheuklappen ablegen. Falls nämlich der Effizienzfußball (den auch die Brasilianer gespielt haben!) seinen Siegeszug antritt, dann ist das Anstellen um Eintrittskarten das Attraktivste am ganzen Fußballkick. Wollen wir da hin? Nein! Deshalb hätte ich es den Chilenen vergönnt. Oder den Mexikanern. Oder den Südkoreanern. Die haben noch das fußballerische Herz am rechten Fleck. Jammerschade um sie alle. Die Mexikaner hätten vielleicht noch am ehesten die Argentinier schlagen können. Die Chilenen waren noch zu jung. Und die Südkoreaner um den Tick zu unentschlossen. Aber in vier Jahren können wir in jedem Fall mit den Chilenen rechnen (falls die einzelnen Spieler nicht größenwahnsinnig werden oder im Fußballausland spielerisch degenerieren).

Jetzt bleibt wohl nur noch Ghana. Scheiße, also, die hätten es sich verdient, weiterzukommen. Aber das wird wohl nicht einfach sein, gegen Uruguay. Da müsste man schon Forlan und Suarez die Beine brechen. Gut, das wollen wir nicht. Aber so lange die beiden am Feld stehen, sehe ich ehrlich gesagt schwarz. Aber die Hoffnung stirbt zu Letzt. Wo ist meine Vuvuzela?

P.S.: sollte Uruguay ins Halbfinale kommen, ist mir das natürlich auch Recht; Hauptsache ein Gegner, der den Holländern die Hose ausziehen kann.

WM 2010: Tag #19

Das waren sie jetzt also, die Achtelfinalspiele. Jetzt gibt es zwei Tage ohne Fußball. Wie soll man das aushalten?

Paraguay : Japan  0 : 0 5 : 4 nach Elfmeterschießen

Die erste Halbzeit habe ich versäumt. Wobei, wirklich versäumt habe ich wohl nichts. Ein mäßiges Spiel. Weil weder Paraguay, noch Japan sich getrauten, Risiko zu nehmen und offensiv zu agieren. So spielten beide aus einer gesicherten Abwehr und rannten sich immer wieder in der gegnerischen Defensive fest. Es fehlte der Zunder. Ein Tor hätte vermutlich Spannung und Emotionen geweckt. Aber 120 Minuten lang blieb es torlos. Wobei, in der Verlängerung gab es hie und da ein paar gute Momente vor dem japanischen Tor. Und die Japaner hatten auch ihre Chancen. Aber alles in allem eine verhaltene Partie. Dass die Japaner das Elfmeterschießen verlieren würden, daran dachte ich eigentlich nicht. Eiserne Nerven attestierte ich ihnen. Dumm, dass einer der Elfmeterschützen es zu genau wissen wollte und nur die Latte traf, statt ins Tor. So jubelten die Südamerikaner, während die Asiaten nach Hause rudern müssen. Irgendwie hätte ich die Blauen Samurai noch gerne gegen die Spanier gesehen. Das wäre einer Weltmeisterschaft würdig. Exotische Mannschaften sind ja das Salz in der Suppe. Freilich, auf Paraguay hätte man auch nicht gesetzt. Aber im Viertelfinale ist dann Schluss. Gegen die Spanier werden sie keinen Blumentopf gewinnen.

Spanien : Portugal  1 : 0

Da sind sie ja wieder, die Spanier. In der Gruppenphase geschwächelt, verloren und am Ende doch wieder auferstanden. Villa, der Kleine, schießt jetzt die Tore, seit Torres, der Große, auslässt und mit sich hadert. Irgendwie scheint das Glück auf Villas Seite zu sein. Abpraller kommen immer wieder zu ihm. Das kann einen schon stutzig , Gegner hingegen vollends nervös machen. Ach ja, was war eigentlich mit den Portugiesen los? Sie taten, was sie die letzten Gruppenspiele über am besten konnten: hinten dicht machen. Aber nach vorne ging wenig, um nicht zu sagen: gar nix! Diese gestandenen Recken um Christiano Ronaldo, die noch der Elfenbeinküste und Brasilien getrotzt haben, die Nordkorea aus dem Stadion schossen, ihnen viel nicht viel ein, gegen die spanische Armada. Wie man die Spanier in Bedrängnis bringen kann, haben die Chilenen gezeigt. Konsequentes Pressing. Laufbereitschaft bis zum Umfallen. Kämpfen, kämpfen, kämpfen. Aber dafür sind sich die Portugiesen natürlich zu schade und versuchten es mit der einen oder anderen vorsichtig vorgetragenen Offensiv-Aktion. Bezeichnend: der gefährlichste „Schuss“ kam von Puyol, der eine Hereingabe mit seinem Knie gefährlich abfälschte und beinahe ein Eigentor machte. Gottlob ist es nicht passiert. Denn wir wissen, was dann geschehen wäre: die Portugiesen hätten sich mit Mann und Maus zurückgezogen und Beton angerührt. Nur Ronaldo hätte auf den Konter gelauert. Aber so gerieten die Portugiesen in Rückstand, hatten noch zwanzig Minuten Zeit und taten … nichts. Erst in den letzten Minuten hatte man das Gefühl, dass ihnen bewusst wurde, dass sie nach Hause schwimmen müssen, wenn sie nicht den Ausgleich erzielen. Half alles nichts. Die Spanier, mit ihrem „such den Ball“-Spiel, waren in allen Belangen besser. Ein logisches Finale kann wohl nur heißen: Brasilien gegen Spanien. Wer sollte die beiden stoppen? Und man werfe jetzt nicht „Deutschland“ in die Runde. Diese Mannschaft wird es bereits im Halbfinale nicht mehr geben. Und die Argentinier? Können mich nicht sonderlich überzeugen, obwohl sie natürlich starke Momente haben. Freilich, noch kann sich die Fußballwelt auf den Kopf stellen. Uruguay und Ghana sind ja auch noch da, aber seien wir ehrlich: was wollen diese beiden Mannschaften ausrichten, die ich schwächer als Portugal einstufe. Eben!