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WM2014: Tag #23 Halbfinale Argentinien : Niederlande 0:0 4:2 n.E.

Argentinien : Niederlande 0:0  4:2 n. E.

Es war wohl zu erwarten, diese Nullnummer nach 120 Minuten. Weil beide Mannschaften bis dato auf eine stabile Defensive, disziplinierte Ordnung und kontrollierte Offensive setzten. Will heißen: hinten dicht machen und hoffen, dass vorne irgendwie das Tor gelingt. Dass diese „griechische“ Taktik Erfolg hatte und beide Mannschaften ins Halbfinale führte, ist vor allem Messi respektive Robben zu verdanken. Vor Nachahmung wird deshalb gewarnt. Mit einem ähnlichen Spielkonzept reisen übrigens für gewöhnlich die Underdogs, die Außenseiter zu einer Weltmeisterschaft – deren Trainer wissen, dass es gegen große Mannschaften nichts zu holen gibt, würde man ein offenes Spiel wagen. So macht es fußballerisch Sinn, dass beispielsweise der Iran oder Algerien – durchaus erfolgreich – auf diese Taktik setzten. Überraschend ist, dass sich solch große Kaliber wie Argentinien und Niederlande dieser Taktik bedienen. Bedeutet es nicht im Umkehrschluss, dass sie auf einer Stufe mit dem Iran oder Algerien zu stellen sind – von ihrer fußballerischen Einstellung her gesehen?

Das gestrige Halbfinalspiel erinnerte an das Achtelfinale zwischen Argentinien und der Schweiz. Der einzige Unterschied mag sein, dass damals die Entscheidung nicht im Elfmeterschießen, sondern gerade noch rechtzeitig vor Ende der Verlängerung durch ein Tor von Di Maria fiel. Aber sonst gab es nichts Neues unter der brasilianischen Sonne. Offensivfußball oder wenigstens die Intention, ein Tor aus dem Spiel heraus zu machen, fehlte. Risiko wollte keine der beiden Mannschaften nehmen. Hin und wieder erreichte das Aufflackern eines gefährlichen Spielzugs das müde Auge des Zuschauers. Für Sofa-Taktiker und Couch-Analytiker war es natürlich eine Lehrstunde des modernen Catenaccios. Ob man das sehen möchte, als Fußballfan, diese Frage wird erst gar nicht von Trainern und Funktionären gestellt. Der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel und ein Sieg ist, ja, ein Sieg. Das erste Halbfinalspiel hat deutlichst gezeigt, was geschieht, wenn eine Mannschaft Ordnung, Disziplin und Kopf gegen ein Weltklasse-Team verliert. Gut möglich, dass diese siebentorige Demütigung viele Teamtrainer anhält, ihrem Spielkonzept noch mehr Beton beizumischen. Die Argentinier, davon können wir mal ausgehen, werden für das Finale die Betonmischmaschine (Made in Italy) anwerfen. Verständlich.

Das argentinische Team hat mir gestern besser gefallen als jenes der Niederländer. Vielleicht haben die Südamerikaner um ein Alzerl mehr Fußball spielen wollen, aber mit Sicherheit haben sie mehr gekämpft und geblutet und sich den einen oder anderen Brummschädel abgeholt. Das verdient Respekt und Hochachtung.  Noch mehr, wenn man sich vor Augen führt, dass die Mannschaft mit Beginn der zweiten Halbzeit mit einem Mann weniger auskommen musste. Messi, obwohl (angeblich) am Spielfeld, war nicht zu sehen. Aber diese potenzielle Torgefahr, die er ausstrahlte, schreckte die Niederländer dann doch so sehr, dass sie immer ein Auge auf Messi hatten, ja, Trainer van Gaal ging sogar so weit, ihm einen Sonderbewacher zur Seite zu stellen. Damit zementierte der Trainerfuchs aber in den Köpfen seiner Spieler, dass dieser Messi – so unscheinbar er gestern wirkte – tödlich gefährlich sein müsse und wehe, man würde ihn auch nur für einen Augenblick von der Leine lassen. Ob das der niederländischen Entscheidungsfindung geholfen hat, wage ich zu bezweifeln.

Und Robben? Ja, der war auch am Feld und spielte mit. Versuchte es wenigstens. Aber gibt ihm der Gegner, der tief steht, wenig Raum, sichert dieser die Seiten doppelt ab, dann kann Robben keine Geschwindigkeit aufnehmen, ergo verpufft die Gefährlichkeit des niederländischen Ausnahmekünstlers. Wenn ich mich recht erinnere, war Robben in den 120 Minuten gerade ein Mal im gegnerischen Strafraum – wurde aber durch den überragenden Mascherano fair vom Ball getrennt. Torschüsse der Niederländer im ganzen Spiel? Nüll! Bei Messi gab es in der ersten Hälfte Ansätze eines Dribblings. Hört, hört. Und die zwei argentinischen Chancen, die möchte ich natürlich erwähnen. Auch schon was.

Höhepunkte im Spiels gab es keine. Das Elfmeterschießen war dann natürlich an Spannung nicht zu überbieten, weil der niederländische Innenverteidiger Vlaar gleich mit seinem ersten Schuss am argentinischen Torhüter scheiterte. Dumm gelaufen. Noch mehr, da Sneijder, ja, Sneijder seinen Elfmeter ebenfalls nicht verwandeln konnte. Wer hätte das gedacht? Die argentinischen Schützen ließen auf der anderen Seite nichts anbrennen. Das war’s dann auch schon wieder, mit Spannung.

Auf das Finale zwischen Deutschland und Argentinien darf man sich als Couch-Analytiker freuen. Immerhin gilt es zu beobachten, was Trainer Löw gegen diesen disziplinierten und bestens geordneten Gegner aus dem Taktik-Hut zaubern wird. Messi, so unscheinbar er auch wirken mag, er ist und bleibt torgefährlich und kann – wie er bereits mehrmals bewiesen hat – im Alleingang ein Spiel entscheiden. Setzt Löw deshalb ebenfalls auf einen Begleitservice? Da Deutschland als Favorit in das Finale geht, wird die Mannschaft das Spiel machen müssen. Das argentinische Team kann demnach das eingespielte Defensivsystem beibehalten, muss aber hoffen, dass der Gegner kein Tor macht – beispielsweise durch eine Standardsituation. Denn wenn das Turnier eines gezeigt hat, dann ist es, dass eine argentinische Mannschaft im Offensivmodus auf ziemlich wackeligen Beinen steht. Und wenn ich eines ganz sicher nicht sehen möchte, am 13. Juli, dann ist es eine einseitige Angelegenheit oder eine weitere Demütigung. Wie dem auch sei, möge die bessere Mannschaft gewinnen.

WM2014: Tag#22 Halbfinale Deutschland : Brasilien 7:1

Deutschland : Brasilien  7:1

[Meine gebloggten Gedanken vor dem Spiel:] Ja, die (deutsche) Mannschaft wird in einen Hexenkessel geworfen – und es wird sich zeigen, ob die Spieler im Druckkochtopf des Mineiraos zusammenschmelzen oder auseinanderbrechen. Ich gehe davon aus – als Schriftsteller sei es mir erlaubt, die Plattitüde zu trällern -, dass nach dem Spiel nichts mehr so sein wird, wie es war.

 

Ich tue mir schwer, Worte für zu finden, für das, was gestern in Mineiraos passierte. Es war, man muss es an dieser Stelle sagen, kein Fußballspiel. Es war die Demütigung nicht nur einer gegnerischen Mannschaft, sondern einer ganzen Nation. Gewiss, die Mannschaft hat gezeigt, dass mit ihr nicht zu spaßen und schon gar nicht zu verhandeln ist. Ein Motor, der, einmal angeworfen, seinen Dienst verrichtet. Aber das ist nichts Neues unter der deutschen Sonne. Wir wissen, zu welchen Höchstleistungen die deutsche Nation fähig ist. Im Sportlichen wie im Weltlichen. Wie konnte es aber geschehen, dass nach Abpfiff des Spieles die Fußballweltmeisterschaft nur noch als Farce zu begreifen ist? Ist das gestrige Ereignis als spielerisches Pendant zur Vergabe der übernächsten WM an Katar zu verstehen? Man wir das Gefühl nicht los – Torlinientechnologie hin oder her – dass etwas faul im Staate FIFA ist. Und weil ich weiß, was ich weiß, würde es mich nicht wundern.

Zurück zum Spiel, pardon, zur Demütigung. Eigentlich begann alles wie gehabt. Die deutsche Mannschaft, von der überwältigenden Atmosphäre im Stadion ein klein wenig verunsichert, steht in den ersten Minuten kompakt und sicher, während die Brasilianer, von Euphorie getragen, das Spiel in die Hälfte ihres Gegners bringen wollen. Scheinbar hat man weder Spielern noch Trainer Scolari gesagt, dass ihr Gegner die deutsche Nationalmannschaft ist – und gegen diese gibt es keine halbe Sachen, da gibt es nur ein entweder-oder. In der 11. Minute – Eckball/Standardsitutation – wird Müller im Strafraum sträflich allein gelassen (in der Wiederholung sieht man, dass sein Bewacher Luiz von Klose (fair) behindert wird) und er schiebt den Ball zum Führungstreffer trocken ein. Tja. Da dachte man noch nicht, dass die Sache entgleisen würde. Wie viele Spiele bei dieser WM wurden noch umgedreht, also nach einem Verlusttreffer doch noch gewonnen? Es waren ja noch mehr als 80 Minuten zu spielen. Zeit genug, um den Deutschen ein Ding reinzuhauen, nicht? Aber dann, ja, dann kamen jene rund sechs oder sieben Minuten, die die Fußballwelt noch nicht gesehen hat. In dieser kurzen Zeitspanne schossen die Deutschen vier, ja, vier Tore! Besser: die Brasilianer luden die Deutschen ein, ihnen die Tore zu machen. Kann man nicht glauben. Muss man aber. Pausenstand war demnach 5 : 0. Wir sprechen hier von einem Halbfinalspiel. Yep.

Hätte man beispielsweise die färöische Fußballnationalmannschaft  auf den Platz gestellt, sie hätte es wohl auch nicht besser oder schlechter als die gestrige Scolari-Truppe gemacht. Das ist die Crux bei der ganzen Sache. Wenn eine der vier weltbesten Fußballteams von einer Nationalmannschaft, die den 170. Weltrang einnimmt, ersetzt werden könnte, welche Berechtigung hat dann noch so ein Turnier? Schlimme und fürchterliche Niederlagen, gewiss, gab es schon immer. Dazu müssen wir gar nicht so weit in die Vergangenheit reisen, es reicht an dieser Stelle nur auf die Gruppenspiele zwischen Niederlande und Spanien (5:1) oder Frankreich : Schweiz (5:2) oder Deutschland : Portugal (4:0) hinzuweisen. Entsetzliche Niederlagen. Ja. Aber diese Spiele sind als Standortbestimmung zu verstehen. Die spanische Tiki-Taka-Fußballphilosophie wurde (endlich) zu Grabe getragen, der französischen Nationalmannschaft wurde (endlich) Leben eingehaucht und den Portugiesen ließ man wissen, dass Fußball immer noch ein Teamsport ist. Diese Spiele verblüfften, überraschten, aber sie schockierten niemanden. Doch nach der Standortbestimmung, nach der Gruppenphase, bleiben für gewöhnlich jene Mannschaften im Rennen, die das Prinzip Fußball verstanden haben. Natürlich sind manche Mannschaften spielerisch besser oder disziplinierter als andere. Das ist nun mal so. Oftmals wechseln sich in den KO-Runden Glück mit Unvermögen und Unvermögen mit Glück ab. Und hin und wieder erwischt die eine Mannschaft einen schlechten, die andere einen guten Tag. Shit happens, ja, aber nicht mit 7 Gegentreffern. Nicht mit 4 Gegentoren in 6 Minuten. Unter keinen Umständen.

Also, zurück zum Start. Das gestrige Spiel war eine Farce. Die deutsche Nationalmannschaft, es tut mir Leid sagen zu müssen, hat genauso ihren Anteil an der Entehrung des WM-Turniers wie die brasilianische Mannschaft. Vielleicht sogar einen größeren. Man erinnere sich an die hitzige Konfrontation zwischen Kapitän Luiz und Thomas „ich-will-Torschützenkönig-werden“ Müller, der mit großem Einsatz dem Brasilianer den Ball abzujagen versuchte. Luiz versuchte Müller klar zu machen, dass sie bereits sechs Tore geschossen hätten und wozu er sich dermaßen hineinsteigere. Müller dürfte es nicht verstanden haben oder wollte es nicht verstehen. Es ist, als würde man in einem Faustkampf auf einen bereits am Boden liegenden Gegner hintreten. Gewiss, es gibt kein Gesetz, keine Regel, dass man es nicht tun dürfe. Aber welches Zeichen sendet das Spiel in die Welt aus? Wie werden unsere Kinder dieses gestrige Ereignis verarbeiten? „Keine Gnade! Immer feste druf!“

Man muss nur das Interview von David Luiz, kurz nach dem Spiel, gehört und gesehen haben, um zu begreifen, was es heißt, auf das Schlimmste gedemüdigt worden zu sein. Herzzerreißend. Wirklich. Wer hier nicht den brasilianischen Abwehrchef trösten und herzen würde wollen, versteht vielleicht viel von Fußball, aber nichts von einem sportlichen Wettkampf. Man hat dem Gegner  Gesicht, Anstand und Würde zu lassen, so es sich um einen fairen sportlichen Wettkampf handelt – das ist meine Meinung. Ist das vielleicht nicht mehr so? Hat der machiavellische Geist – der Zweck heiligt die Mittel – nun endgültig den Siegeszug im Sport und im Fußball angetreten? Ist es das liebe Geld (besser: die Schuldenlast der Vereine!), das den Fußball Stück für Stück in den Abgrund reißt? Ist das Gewinnen so sehr in den Vordergrund gerückt, dass man das Zwischenmenschliche, das Gemeinschaftliche, das Menschliche völlig außer Acht lässt? Oder lebe ich in einer Phantasiewelt und verkläre die Vergangenheit?

Zurück zum Start. Deutschland zieht ins Finale ein. Brasilien wird um den dritten Platz spielen (müssen). Der Finalgegner wird heute zwischen den Niederlanden und Argentinien ermittelt. Beide Mannschaften haben gezeigt, dass sie die defensive Ordnung einigermaßen aufrechterhalten können. Ob das reicht, gegen die entfesselten und von der Leine gelassenen Deutschen, ist fraglich. Die Brasilianer haben nur für kurze Zeit Ordnung und fußballerischen Verstand verloren und wurden dafür schlimm bestraft. Als Finalgegner der Löw-Truppe würde ich mir wohl die Niederlande wünschen (wer hätte gedacht, dass ich das mal schreiben werde?). Warum? Weil die Deutschen wohl mehr Respekt vor Robben & Co als vor Messi & Co haben dürften. Weil die Niederländer in der Lage sind, den Raum eng zu machen, sie verschieben gut, strahlen offensiv eine stete Gefahr aus, haben den amtierenden Weltmeister regelrecht vorgeführt und schließlich gezeigt, dass sie mental und konditionell äußerst stark sind. Und Erzrivalen sind sie obendrein. Was nicht heißen soll, dass Robben und seine Mannen das Ticket fürs Finale schon fix gebucht haben. Da reicht bereits ein einziger Messi-Geniestreich aus, um die Niederländer aus ihren Träumen zu reißen. Weil gegen den angerührten argentinischen Beton ist nur schwer durchzukommen. Man darf gespannt sein.

WM2014: Gedanken zum Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Brasilien

Deutschland : Brasilien  So! Was ist nun mein Tipp für dieses Halbfinalspiel? Die Seleção kann jeden Gegner bei dieser WM schlagen. Deutschland kann jeden Gegner in jeder WM schlagen (Italien mag eine Ausnahme der Regel sein, aber das ist eine andere Geschichte). Im Großen und Ganzen sehe ich die Vorteile bei Deutschland, falls sie es schaffen, den Anfangsdruck der Brasilianer abzufedern (so es ihn überhaupt gibt). Entweder erleben wir eine Neuauflage von Algerien/Ghana : Deutschland – oder (Fußball-Gott bewahre) von Frankreich/Portugal : Deutschland. Aber egal, wer am Ende gewinnt, ich will ein spannendes und emotional hitzig geführtes Spiel – der Sieger soll mit hängender Zunge vom Platz gehen müssen. Und wehe, jemand vermasselt mir das!

 

***

Die Deutschen haben mit Sicherheit das schwerste Los im Halbfinale erwischt, müssen sie doch gegen Hausherrn Brasilien ran. Somit bestreiten sie im besten Falle zwei Auswärtsspiele. Sollte der Finalgegner Argentinien heißen, könnte die Stimmung der Fans freilich zu Gunsten Deutschlands umschlagen – welcher Brasilianer würde dem Erzrivalen allen Ernstes die Daumen drücken? Noch dazu in einem Endspiel? Nope. Es sei denn, die Mannschaft (wie es im Englischen manchmal heißt) würde Brasilien so unwürdig aus dem Rennen kicken, dass der Hass noch Tage später nicht vergessen ist. Freunde, davon können wir ausgehen, werden sich die Deutschen mit dem Finaleinzug in jedem Fall keine machen, egal wie der Sieg über Brasilien auch ausfallen mag. Durch die nationale Fanatiker-Brille gesehen, gibt es im Fußballwettkampf keinen gerechten Sieg. Da reicht bereits ein Fehltritt, eine einzige Fehlentscheidung, eine unbedeutende Schwalbe (die freilich noch keinen Sieg machen muss), eine arrogante Geste, ein glückliches Stolpertor in letzter Minute, usw., kurz: ein gefühlter Betrug um die Gemüter der Fans auf Siedetemperatur zu bringen. Ja, die Löw-Mannen und damit ganz Deutschland werden in den (womöglich) letzten beiden Spielen zeigen müssen, dass sie nicht nur am Papier das Zeug haben, den Pokal nach Hause respektive nach München zu holen. BILD.de bringt es klipp und klar auf den Boulevard-Punkt: Jungs, jetzt packt euch das Ding!​

Was gibt es über die brasilianische Nationalmannschaft zu sagen? Neutrale Beobachter fanden die Spielweise der Scolari-Neymar-Elf nicht sonderlich überzeugend. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass sie gegen eine Reihe von äußerst spielstarken Teams antreten musste: Mexiko und Kroatien in der Gruppenphase, dann Chile und Kolumbien in der KO-Phase. Deutschland, auf der anderen Seite, hatte es mit einem zahnlosen Portugal, einer auf Sparflamme agierenden USA und einem trostlosen Frankreich zu tun. Nur Ghana und Algerien – beide Teams waren körperlicher äußerst robust, taktisch gut eingestellt und bereit, an die Grenze zu gehen – zeigten die Verwundbarkeit des deutschen Teams schonungslos auf. Falls Scolari diese beiden Spiele studiert (und ich gehe davon aus, dass er es tut), dann muss er zum Schluss kommen, dass es nur einen Weg gibt, die Deutschen zu schlagen: Pressing bis die Stollen glühen und von Anfang an dem Gegner anzeigen, dass jeder Ballverlust weh tun kann! Sollte Brasilien gemächlich beginnen, sozusagen abwarten, dann ist das Spiel m. E. bereits verloren. Weil die Deutschen, wenn sie einmal die Kontrolle im Spiel übernommen haben, diese nicht mehr hergeben – nur mit größtem Einsatz wäre sie ihnen wieder zu entreißen. Die deutschen Spieler gewinnen mit jeder Minute mehr Sicherheit, mehr Selbstvertrauen, einfach mehr von allem. Jeder Gegner, der das zulässt, hat bereits verloren. Das soll aber nicht heißen, dass jeder Gegner, der es unterbinden kann, deshalb von vornherein als Sieger feststeht. Mitnichten! Aber er bereitet wenigstens das Feld für eine ausgeglichene Partie vor.

Sieht man sich die Foulstatistik der WM an, dann haben die Brasilianer die meisten Fouls begangen – aber auch die meisten erlitten (96 : 95). Die Deutschen sind äußerst fair und anständig zu Werke gegangen (57 : 74) – von allen Viertelfinalteilnehmern haben sie die wenigstens gelben Karten erhalten (4) – im Gegensatz zu Brasilien (10). Diese Statistik zeigt, dass die Brasilianer mit bedingungslosem Einsatz spielen – sie haben am meisten zu verlieren und am meisten zu gewinnen. Das ist Fluch und Segen für jeden Gegner. Zum einen lassen sich die Brasilianer leichter zu Dummheiten hinreißen, zum anderen werden sie sich niemals geschlagen geben und alles tun, was notwendig ist, um zu siegen. Somit ist ein ähnlich körperbetontes und emotional erhitztes Spiel wie gegen Ghana und Algerien zu erwarten. Keine erfreulich Aussichten für Löw. Noch mehr, wenn man sich die fanatischen Massen im Stadium und auf den Straßen vor Augen führt. Ja, die Mannschaft wird in einen Hexenkessel geworfen – und es wird sich zeigen, ob die Spieler im Druckkochtopf des Mineiraos zusammenschmelzen oder auseinanderbrechen. Ich gehe davon aus – als Schriftsteller sei es mir erlaubt, die Plattitüde zu trällern -, dass nach dem Spiel nichts mehr so sein wird, wie es war.

Okay, vielleicht wird es auch nur ein langweiliges Spiel. Weil die Brasilianer alles Pulver bereits in den vorangegangenen Begegnungen verschossen haben (erinnern wir uns an die WM 2002, als Hausherr Südkorea im Halbfinale gegen Deutschland eher mau spielte, zuvor aber beeindruckende Leistungen abrufen konnte!) und die Deutschen, nach einem schnellen Führungstreffer, Tempo und Emotion aus dem Spiel nehmen und es bis zum Ende klar dominieren werden. Sozusagen eine Wiederholung des Viertelfinalspieles gegen Frankreich (Hatte man da nicht auch im Vorfeld von einem WM-Schlager gesprochen?). Ich will es nicht hoffen, aber die Vorzeichen deuten dann doch wieder darauf hin. Mit dem Ausfall von Neymar fehlt der Kopf und – vor allem – die Torgefährlichkeit der Mannschaft. Mittelstürmer Fred (ist sein Schnauzer eine Hommage an die goldenen 1970er?) wirkt so unbeholfen, dass man ihm seinen brasilianischen Pass sofort einziehen möchte und Hulk ist, auf den Nenner gebracht, der brasilianische Özil: much ado about (almost) nothing. So dürfte in der post-Neymar-Zeit die größte Torgefährlichkeit von den beiden Innenverteidigern ausgehen, die im letzten Spiel getroffen haben. Paradox, nicht? Dumm nur, dass der eine gesperrt ist. Für manchen (selbsternannten) Fußball-Experten ist der Ausfall von Neymar hingegen kein Drama, sondern vielmehr ein Lustspiel: Weil die Spieler nun endlich aus dem Schatten Neymars treten und ihr echtes Potenzial abrufen dürfen. Man wird sehen, was an dieser Überlegung dran ist. Für blödsinnig halte ich sie jedenfalls (vor dem Spiel) nicht.

Wem werden ich die Daumen drücken? Dem Underdog! Faîtes vos jeux! 😉

 

 

 

 

WM2014: Tag #21 Viertelfinale

Schön langsam entwickelt sich die so fulminant begonnene Weltmeisterschaft zu einem langweiligen Turnier, wo die „üblichen Verdächtigen“ eins ums andere Mal ein Spiel für sich entscheiden. Schön spielen ist nicht mehr. Effektiv muss es sein. Nur das kleine Costa Rica, dieser Underdog aus der „Todesgruppe“, machte es ein letztes Mal spannend und stemmte sich mit Mann und Maus gegen den haushohen Favoriten, die Niederlande, und hätte beinahe das Unmögliche möglich gemacht – aber im Elfmeterschießen war Schluss mit dem Costa Ricanischen Sommermärchen. Leider. Andererseits geht es ja darum, dass die bessere Mannschaft im Halbfinale gegen Argentinien antritt, nicht?

 

Argentinien : Belgien 1:0

Argentinien, wie schon zuvor Deutschland und Brasilien, gingen früh in Führung. Ein Zuckerpass von Di Maria zu Higuain – der nur deshalb so perfekt gekommen ist, weil er von Komapny abgefälscht wurde – jener Higuain, der bis zu diesem Zeitpunkt mit einer imposanten Torungefährlichkeit glänzte, knallte den Ball volley ins lange Eck. Respekt. Man könnte meinen, Higuain hätte wieder zu seiner alten Form gefunden. Aber in der 55. Minute bestätigte er seine schwache Form: er vergab eine Riesenchance, als er alleine auf Torhüter Courtois zulief (andererseits vergab in einer ähnlichen Situation der große Messi). Damit wäre das Spiel vorzeitig entschieden gewesen und man hätte den Fernseher ausmachen können. Weil die Belgier nicht mehr die Kraft, den Willen und die Ideen hatten, diesen argentinischen Defensivverbund zu knacken. Ich behaupte, dass die belgischen Spieler mit zu viel Ehrfurcht in das Viertelfinale gegangen sind und sich nicht getrauten, aufs Ganze zu gehen. Im Unterschied zum Spiel gegen die USA, wo sie sich als überlegene Mannschaft fühlten und auch so spielten. In den 90 Minuten hatte man als neutraler Zuschauer nie das Gefühl, dass die Belgier die Argentinier fordern hätten können. Dass die Argentinier einen ihrer besten Offensivspieler neben Messi, nämlich Di Maria, in der 33. Minute austauschen mussten, war eigentlich gar keine Schwächung, da der Fokus nur noch auf er Defensive lag. Argentinien, wenn man so will, ist eines der Armutszeugnisse dieser Weltmeisterschaft. Mit minimalstem Aufwand, wenigen Einzelleistungen und kompaktem Stellungsspiel (acht Mann hinter dem Ball) haben sie bis jetzt jede Aufgabe gemeistert. Nur dort, wo man noch kompakter und defensiver gestanden ist (Iran, Schweiz) hatten Messi & Co ihre größten Probleme. Ich wage die Behauptung, dass die US-Boys von Klinsmann ein besseres, spannenderes Spiel geboten hätten als die Belgier. Gewonnen hätten die Amerikaner sicherlich auch nicht, aber sie hätten dagegen gehalten. Ganz bestimmt. Dass Trainer Wilmots von Beginn an auf den langen Fellaini setzte, war in meinen Augen ein entscheidender Fehler. Weil er weder defensiv noch offensiv etwas zuwege brachte, er zumeist ins Abseits stolperte, Sicherheitspässe bevorzugte und unbeholfen Fouls beging. Wilmots hätte einen der spielstärkeren Ersatzspieler an seiner Stelle auflaufen lassen müssen. Alles in allem enttäuschten die Belgier – nicht anders als die Franzosen gestern. Aber vielleicht ist es auch diese brachiale Defensivbollwerke-Taktik – nicht von Underdogs, sondern von „Weltklassemannschaften“ perfektioniert, die (unerfahrenen) Offensivmannschaften den letzten Nerv ziehen und ihnen keine Chance geben. Die Folge ist ein unansehnlicher Schlafwagenfußball. Hat Argentinien nun verdient gewonnen? Nun, sie haben, genauso wie die Löw-Truppe, das gemacht, was notwendig war, ein Viertelfinalspiel zu gewinnen. Mehr kann man nicht von ihnen erwarten, oder?

 

 

Niederlande : Costa Rica 0:0 4:3 i.E.

Wer hätte das gedacht? Der krasse Außenseiter machte es 120 Minuten spannend. Äußerst spannend. So fragte man sich, als neutraler Zuseher, wann die Oranjes den Führungstreffer endlich schießen würden. Aber egal, was sie versuchten, das Tor wollte nicht gelingen. Nicht in 90, nicht in 120 Minuten. Nur im Elfmeterschießen, da hauten die niederländischen Superstars alle ins Netz – während zwei Spieler von Costa Rica „daneben hauten“ besser: so schwach schossen, dass ihn der Ersatztorhüter, der extra für das Elfmeterschießen eingewechselt wurde (gab es das schon mal?) in beiden Fällen halten konnte. Respekt. Was uns weniger gefallen hat, waren die Mindgames des niederländischen Torhüters, der versuchte, die zum Elfmeter antretenden Spieler Costa Ricas mit Mätzchen und Provozierungen aus der Fassung zu bringen. Ist das fair play? Warum der Schiedsrichter hier nicht eine Verwarnung gegenüber dem Torhüter aussprach, bleibt eines der großen Rätsel dieser Weltmeisterschaft.

Die Niederlande wird nun im Halbfinale auf Argentinien treffen. Ich denke, das ist nur fair, dass die beiden Defensivteams gegeneinander antreten müssen. Wir können davon ausgehen, dass das Halbfinale deshalb zu einem Geduldsspiel werden wird – besser: Schlafwagenfußball, Hin- und Hergeschiebe des Balles, dann der Versuch, einen tödlichen Pass in die Spitze zu spielen. Da die Argentinier wissen, dass man einen Robben nicht mehr stoppen kann, wenn er in Fahrt kommt, werden sie ihre Abwehrreihen sehr weit zurückziehen und den Raum eng machen. Gleiches gilt für die Niederlande, die um die Gefährlichkeit eines Messis wissen. Sie werden eng am Mann stehen und wenn nötig einen möglichen Angriffsschwung mit Härteeinlagen bremsen. Dass die niederländischen Verteidiger im eigenen Strafraum nicht gerade vorsichtig zu Werke gehen, um den Offensivspieler vom Ball zu trennen, ihren Körper gegen den Mann stellen/wuchten, ist ein wenig befremdlich – im Spiel gegen Costa Rica hätte man gut und gerne einen Elfmeter gegen die Niederländer pfeifen können. Machen sie das auch gegen einen Messi wird dem Schiedsrichter wohl nichts anderes übrig bleiben, als das Foul zu ahnden. Die Niederländer dürfen sich freuen, dass Di Maria, einer der besten Argentinier, ausfällt. Ob Aguero fürs Halbfinale fit gemacht werden kann, wird sich zeigen. Wünschen tät ich’s mir. Einen flinken und torgefährlichen Außenspieler könnten die Argentinier schon brauchen. Wie dem auch sei, Hut ab vor der Leistung Costa Ricas, deren Spieler sich immer sympathisch und aufopfernd zeigten. Natürlich reichte es am Ende nicht für den Halbfinaleinzug – ich führe es vorrangig auf ihre mangelnde Erfahrung, Abgebrühtheit und Kaltschnäuzigkeit zurück. Während sie noch im Achtelfinale gegen Griechenland alle Elfmeter staubtrocken und absolut sicher verwandelten, ließen sie gegen die Niederlande aus. Die Nervenschlacht ging klar an die Niederlande.

WM2014: Tag#20 Viertelfinale

Das erste Viertelfinalspiel zwischen Deutschland und Frankreich war unspannend und lauwarm bis zum Abwinken. Einerseits, weil die Deutschen nicht wollten, andererseits, weil die Franzosen nicht (zulegen) konnten. Ihnen fehlte es an Élan, an Bissigkeit, an Siegeswillen. So leicht hatten es die Deutschen nicht mal in der Gruppenphase. Im zweiten Viertelfinale zwischen Brasilien und Kolumbien ging es schon intensiver zur Sache. So intensiv, dass Superstar Neymar mit einem Wirbelbruch auf der Tragbahre landete. Tja. Schlussendlich haben sich die erfahreneren und abgeklärteren Brasilianer gegen zu wild drauflosspielende Kolumbianern durchgesetzt. Das Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland dürfte vom Papier her ein Kracher werden. Aber wie ich Löw kenne, wird er – wie schon gegen Frankreich – die Defensivausrichtung forcieren, das Tempo herausnehmen und geduldig warten. Und Brasilien ohne Neymar und Thiago Silva kann nur auf ein Wunder hoffen. Aber ich befürchte, sie haben schon zu viele Wunder verbraucht, in dieser WM.

 

 

Deutschland : Frankreich 1:0

Ich sagte es bereits und sage es hier wieder: ich würde Didier Deschamps durch den algerischen Trainer Vahid Halilhodzic ersetzen. Weil, dieses Viertelfinalspiel hat klar und deutlich gezeigt, dass den Franzosen der unbändige Siegeswille und die Durchschlagskraft der algerischen Mannschaft fehlt. Wenn man sich an deren Spiel gegen Deutschland erinnert, die Hochgeschwindigkeitspasses, die Technik, die Ballsicherheit und die herausgespielten Torchancen, Frankreich zeigte nichts dergleichen. Es war französisches Stückwerk. Freilich, das frühe Tor durch Hummels aus einer Standardsituation nach gerade einmal 13 Minuten spielte in die Karten der deutschen Mannschaft. Ich denke, Löw wollte das Spiel aus einer gesicherten Abwehr heraus führen und spekulierte auf  Standardsituationen bzw. Lahm-Flankenläufe, die allesamt den Kopf von Klose finden sollten. Nach dem Führungstreffer, dachte sich Löw, würde er dann Klose rausnehmen und druch den agileren und lauffreudigeren Schürrle ersetzen. Die Taktik ist aufgegangen, auch wenn Schürrle gegen Spielende recht leichtfertig zwei große Chancen zur Entscheidung ausließ und dabei unkonzentriert, ja, beinahe stümperhaft wirkte. Den Deutschen kann man jedenfalls keinen Vorwurf machen, sie haben getan, was getan werden musste – nämlich das Spiel zu verschleppen, Tempo herauszunehmen und in den Schlafwagenfußballmodus zu schalten. Die Franzosen konnten weder Tempo erhöhen noch Feuer entfachen. Es ist, als hätten sie die Fußballevolution der letzten Jahre verschlafen: Pressing, harte und schnelle Pässe, flexible Laufwege, Hochgeschwindigkeitssprints in den leeren Raum, 1:1-Situationen suchen und ihnen nicht ausweichen und – vor allem – dagegenhalten. Die US-Boys im Spiel gegen Belgien haben gezeigt, wie man sich noch mal aufbäumt und zurückschlägt. Die Franzosen, so schien es, wollten nicht. Besser: sie fanden kein Mittel gegen die diszipliniert stehenden Deutschen und droschen deshalb den Ball nur ideenlos in den Strafraum. Wurde es mal gefährlich, stand die Abwehr (und vor allem Hummels) goldrichtig. Das Mittelfeld dominierten die Deutschen nach Belieben – Khedira, Schweinsteiger, Kroos und Müller hatten alles unter Kontrolle – und in der Verteidigung ließen Boateng und vor allem Hummels nichts anbrennen. Özil, so hört man, soll auch mitgespielt haben. Ja, Deutschland hat sich den Sieg verdient. Wer hätte gedacht, dass ich so einen Satz mal schreiben würde. Wie sich die (Fußball)Zeiten ändern.

 

 

Brasilien : Kolumbien 2:1

Ein munteres Spielchen. Zuweilen kopflos und übermotiviert von beiden Seiten geführt. Schockierend, dass ein Spieler wie Marcelo, bei Real Madrid unter Vertrag, zwanzig Minuten vor Schluss den Ball einfach ins Seitenaus schießt. Zugegeben, er war in Bedrängnis, trotzdem sollte jemanden von seinem Schlage in der Lage sein, diese Situation zu meistern. Es zeigte, dass die Nerven in der brasilianischen Mannschaft blank lagen. Bei den Kolumbianern dürfte es sicherlich nicht anders gewesen sein – der letzte Pass wollte einfach nicht zum Mann kommen. Wie dem auch sei, man muss es beiden Mannschaften hoch anrechnen, dass sie das Spiel offen gestalteten – vor allem Brasilien, die nach dem frühen Führungstreffer weiterhin versuchte, Druck zu machen. Dass es auch anders geht, nämlich defensiver und abwartender, haben die Deutschen ja im vorhergehenden Spiel gegen Frankreich gezeigt. Ich denke deshalb, dass es sich die Brasilianer verdient haben, weiterzukommen. Ihre zahlreichen taktischen Fouls gegen Spielmacher Rodriguez, die der Schiedsrichter nicht unterbinden konnte/wollte, trüben natürlich das Bild. Andererseits war es die rüde Attacke des Kolumbianers Zuniga, die Neymar ins Krankenhaus beförderte. Auch nicht gerade nett. Die Deutschen werden es Zuniga sicherlich danken. Und Abwehrzampano Thiago Silva schaffte es tatsächlich, den Tormann beim Ausschuss zu behindern, was ihm eine gelbe Karte bescherte und das Aus fürs Halbfinalspiel. Dumm gelaufen, nicht? Schade um die Kolumbianer, die mit dem jungen sympathischen James Rodriguez, die Entdeckung der WM, frischen Offensivfußball geboten haben. Gut möglich, dass die noch unerfahrenen Spieler in vier Jahren, bei der nächsten WM, da abgeklärter und fokussierter, ins Halbfinale vorstoßen. Ich würde es ihnen wünschen. Unbedingt!