Klezmore 2007

Klezmore 2007

Gestern also die Eröffnung zum Klezmore– Festival im Jazz-Lokal Porgy & Bess besucht. Vor etwa 10 Jahren gab’s dort noch das „Erotik-Etablissement Rondell“, wo pikante Filme vorgeführt wurden. Während der Vorstellung durfte man essen, trinken und rauchen. Dass die Kellnerinnen oben ohne servierten (angeblich – meine schüchterne Jugend kannte solche Orte nur vom Hörensagen), wurde mir immer wieder bestätigt (freilich nur von Freund G., der es wohl wissen musste) – daraus schließe ich, dass die dargebrachten Filme nicht den Anspruch hatten, die ganze Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Aber Wiener Theaterreform und politisches Gezänk sei Dank, wurde das leerstehende (weil freilich in den Bankrott gerittene – die Zeit der Videorecorder machte solch verrucht erregenden Lokalitäten obsolet) Kino dem Jazz zugeschrieben, aufwendig renoviert und mit der neuesten Technik versehen. Wunderbare Akkustik. Hoher Wohlfühlfaktor – ist’s die Anlehnung an rotes Plüsch? Exzellente Tapas.

M. erzählte mir am Sonntag, dass sie im Wiener Jüdischen Chor singe, was mich verwunderte, ist sie ja in den Augen der jüdischen Gemeinschaft eine Goi (Nicht-Jude). Aber der Chor ist ein „gemischter“. Nicht nur Manderl und Weiberl, sondern auch Juden und Nicht-Juden. Jedenfalls gab der Chor gestern Abend den ersten Teil des Eröffnungskonzerts des Klezmore Festivals 07. Zugegeben, irgendwie dachte ich mir, dass ich M. eine Freude mache, wenn ich es mir anhöre – viel hatte ich mir nicht versprochen. Übermüdet, wie ich war, hoffte ich nur, dass es nicht zu lange dauern würde.

Da saß ich also auf einem roten Samtsessel und wartete. Ich bemerkte erstaunt, dass auch Flügel, Akkordeon, Geige, Kontrabass und Schlagzeug mit dem Chor zum Einsatz kommen. Wunderbar. Die Bühne bevölkerte sich. Die Lichter wurden gedimmt und das erste Lied angestimmt. Meine Herren, ich hätt’s nicht für möglich gehalten. 40 Sänger und Sängerinnen und die Musiker-Combo machten Dampf, dass Jerry Lee Lewis seine Freude hätte. Ja, auf alles war ich gefasst, aber nicht auf so eine musikalische Hetz (Freude). Höhepunkt war unbestritten die Darbietung eines afrikanischen Soulsängers (seinen Namen hab ich mir freilich nicht gemerkt), der den Soul mit dem Jiddischen gekonnt verband. Da wär ich vor Begeisterung fast vom Stuhl gefallen. Hätte gleich am Boden sitzen bleiben können, weil sich der Akkordeon-Spieler anschickte, mit einer lächerlichen Pan-Flöte ein rasendes Gipsy hinzulegen. Und wenn ich sage rasend, dann war es das auch. Wahrlich beeindruckend. Überhaupt ging die Musik, der Rhythmus all zu leicht in mein Blut – um damit wieder einmal ein melodiöses Wiener Klischee zu bestätigen. Da fällt mir auf, die CDs, die im Anschluss verkauft wurden, waren so schnell weg, dass ich M. fragen muss, ob sie mir nicht eine vorbeibringen möchte – zum Dichterrabatt 😉

Wer mir jetzt sagt, jiddische Chormusik mit Begleitung sei nur für Opas und Omas, wird standesrechtlich ausgepeitscht. Wo ist meine Neunschwänzige?

Flyer (c) Klezmore-Festival

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Die Schlacht zu Wien oder 13 Schritte später

Weit nach Mitternacht. Lauer Abend. Selige Stimmung. Eine Annäherung. Mit einmal öffnet sich die verschlossene Türe, für einen Spalt. 13 Schritte weiter, 13 Schritte später ist sie noch immer nicht geschlossen. Jetzt gilt es, mit fester Hand die Türe zu öffnen und den einen, den letzten Schritt hinein zu machen. Was erwartet einen darin? Ewigliche Glückseligkeit des Augenblicks. Oder Pech und Schwefel. Und Schwefel hat die Angewohnheit, an einem lange Zeit haften zu bleiben. Nichts ist dann mehr so, wie es zuvor war, als die Hoffnung noch von der ewiglichen Glückseligkeit des Augenblicks träumte. Die Türe verschlossen und versperrt. Für lange Zeit. Vermutlich für immer.

Ja, die österreichischen Generäle und Feldmarschälle waren Meister im Übersehen des Feindes Lücke. Immer dieses Zaudern, diese Ängstlichkeit, man könnte zu viel versuchen und darob alles verlieren. Immer der Glaube, eine kleine Lücke in den Reihen des Gegners müsse noch größer werden. Abwarten. Abwarten. Abwarten. Vertan! Das Genie Napoleon hingegen verstand es, den richtigen Moment zu erkennen und mit aller Kraft in die Bresche des Feindes, die sich ihm darbot, zu schlagen. Woge um Woge wirft er gegen den Feind, bis dieser einsehen muss, dass die Schlacht verloren, die Kapitulation das einzige Mittel ist.

Camping

campingcamping2Ein paar Tage also in der Provinz, im Wohnwagen, am Campingplatz, nicht weit vom Badeteich. Viel Sonne. Viel Hitze. Freilich sauste einmal der Wind durch die Gegend, dass ich dachte, das Vorzelt würde mir um die Ohren fliegen. Hui, da kann der Städter Fracksausen bekommen und sich klein machen – immerhin soll es ja Schriftsteller geben, die von einem Ast erschlagen wurden. Mitten in Paris. Nicht in St. Pölten. Und Wind ging auch keiner. Als würde es da jemand von ganz oben auf den Monsieur Horvath abgesehen haben. Aber das ist jetzt nicht das Thema.

Die meiste Zeit im Liegestuhl verbracht. Lesend. Nachdenkend. Wassertretend. Lesend. Nickend. Wassertretend. Essend. Ich glaube, die Reihenfolge stimmt soweit. Wir bemerken: nix geschrieben. Ist ja eine Krux. Weil zu heiß, kann man nur faul herumliegen. Und wenn es dunkel wird, dann verkrümmelt man sich in den Wohnwagen und genießt zum Beispiel den Directors Cut zu „Königreich der Himmel“ (sehr empfehlenswert). So lässt es sich (eine Zeit lang) Leben.

Von dem einen oder anderen nachmittäglichen Verwandtschafts- besuch mal abgesehen, einigermaßen unbehelligt geblieben. Demzufolge kann man sich ruhigen Gewissens gehen lassen. Darin liegt jene geheimnisvolle Kraft versteckt, die mich so fasziniert: einfach sein! Kein Wort, weil du dein altes T-Shirt schon zwei Tage am Körper trägst, weil du dich vorher nicht in den Spiegel schaust, bevor du hinaus gehst. Wer in einem Ballungszentrum wohnt und arbeitet, kommt nicht umhin, sich anzupassen, sich zu präsentieren. Wer möchte nicht Eindruck auf andere machen? Aber was, wenn es niemanden gibt, auf den du Eindruck machen kannst?

In einer Diskussion, ausgelöst durch Liz Beitrag, wurde die „digitale Bohème“ angesprochen. Noch nie gehört. Weiß auch nicht, wer oder was sich dahinter verbirgt. Der wahre Bohème, so meine ich, lebt sein Leben – er lässt andere daran Teil haben, aber entzieht sich deren Beurteilung, deren Wertung. Er hat höhere Ziele (die vielleicht nur er kennt) und verkauft sich nicht. Da schließt sich wieder der Kreis zu Ridley Scotts Film. Heißt es nicht darin, dass ein wahrer Ritter („the perfect knight“) immer die Wahrheit spricht, auch wenn es ihm das Leben kostet? Freilich, ob es jemals einen wahren Ritter gegeben hat, in der Wirklichkeit des Lebens, das gilt es noch herauszufinden. Zuvor muss ich aber noch Tiret durch die französische Revolution lieben und leiden lassen, danach vielleicht die Wiener Türkenbelagerung episch kolorieren und dann … hab ich übrigens schon gesagt, dass ich Scarlett Johansson getroffen habe?

Danach kommt 9to5, Lisa

ticket 9to5 9to5

Da soll mal einer sagen, die virtuelle Bloggerei führt zu nix Realem. Immerhin habe ich jetzt Geld mit vollen Händen ausgegeben (besser: die Daten zur Kreditkarte ganz schmerzlos in einem Fensterl eingetippt … ja, der bargeldlose Verkehr verleitet und verführt), was die Lena durchaus befürworten und Lisa mit Sicherheit freuen wird – die 428 Cents (lt. Monsieur Tim: 4280 Cents) sind nämlich für das 9to5-Festival in Berlin, wo von Donnerstag bis Sonntag, also 4 Tage lange (eigenartigerweise heißt es aber überall 3 Tage) an der Spree gearbeitet wird, auf dass die Notebooks rauchen (uups – brauche möchte ich nicht ein neues Notebook? … aber das ist eine andere Geschichte). Was ich dort machen werde? Hm?! Zum einen Kontaktungen knüpfen und pflegen, ein paar Exemplare von „Rotkäppchen“ mitnehmen („Hei, guck ma da, du hast ja ne Gutenacht-Geschichte dabei?“), sie verschenken oder vertauschen und zum anderen einfach mal die Spree bewundern und die schreibende Seele baumeln lassen („Alter Schwede, was hängt denn da vom Baum runter?“)

Günstige Flüge gibt’s bei AirBerlin – um schlappe 570 Cents (lt. Monsieur Tim: 5700 Cents). Die Nächte werden ohne Aufpreis am Festivalgelände verbracht – Schlafsack ist mitzubringen! Vorher oder nachher gilt es, ein paar Tage Berlin zu beschnuppern – ist’s doch das erste Mal, dass der Habsburger Schreiberling den Hohenzollern seine Aufwartung macht (und Königgrätz geflissentlich unter den geschichtsträchtigen Tisch kehrt). Lisa hat mir die faszinierende Adresse einer WebSite zukommen lassen, in der private Couchplätze vermittelt werden: http://www.couchsurfing.com

Nach dem ich ja in Zürich bereits auf engstem Raume mit 3 mir fremden Bürschleins die Nacht verbrachte – Jugendherberge sei Dank – dachte ich mir, als Bohèmian sollte ich das wieder mal ausprobieren. Ein bisserl ein mulmiges Gefühl beschleicht mich ja doch, irgendwie, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt eine Schlafplatz in Berlin. Oder so ähnlich.

Übrigens bin ich bis Freitag Abend offline. Der Dichter zu Wien fährt in die Provinz und versucht dort an seinem neuen Werk zu arbeiten – weil ja gar nix weitergeht, in der schwülen und schwitzenden Hauptstadt. Warum knurrt mir jetzt plötzlich der Magen?

[ich hoffe, ich krieg keine Schwierigkeiten, weil ich mein Ticket hier (abgeschnitten) veröffentliche … net, dass jemand auf die abstruse Idee kommt, eine Raubkopie davon anzufertigen, gell! …. update … 100 Cents entsprechen tatsächlich 1 Euro? Hätte ich nicht gedacht.]

Schriftsteller & Verleger