trois (3): übers Brasserieren

Bistro Es ist schier nicht zu fassen, wie viele Cafés, Bistros, Brasserien, Restaurants, Buffets und sonstige Lokalitäten es in Paris gibt, die Essen und Getränke feil bieten. Und überall sitzt zumindest ein Gast. So elendig, trostlos, hässlich kann es gar nicht sein. Jede Lokalität hat ihre Stammgäste, so scheint’s.

Das Grätzel (vulgo Viertel oder Quartier) funktioniert hier noch. Billige Diskontläden findet man in den besseren Gegenden überhaupt nicht und wenn, dann sind sie bescheiden klein (und bieten noch immer ausgesuchte Waren an). Der Bäcker, der Fleischhauer (vulgo Metzger), der Konditor, der Obsthändler, der Gemischtwaren- ladenbesitzer, der Fischhändler, sie alle gibt es noch und beleben das Viertel. Auch für die Dörfer der Bretagne gilt es (noch), wiewohl ein Liedl schon Fuß gefasst hat und mit Lockangeboten lockt. Vermutlich wird auch die Bretagne früher oder später verlideln. Hingegen verdient der Markt, der einmal in der Woche in jedem bretonischen Dorf, in jeder kleineren Gemeinde abgehalten wird, noch seinen Namen. Die Bewohner goutieren, wägen ab und kaufen, dabei darf das Schwätzchen natürlich nicht fehlen. Das Gesehen und Gesehen werden ist ihnen angenehm.

Die Pariser Lokalitäten haben, im Großen und Ganzen, Stil. Man möchte nicht glauben, wie viele seelen- und stillose Cafés und Beisln es in Wien gibt. Erschreckend! Haben die Franzosen mehr Klasse? Definitiv! Die Pariser bestehen auf Qualität, ihnen ist es nicht egal, was ihnen wo vorgesetzt wird. Und die Quantität ist für die Pariser vermutlich kein ernstliches Kriterium – im Gegensatz zum Wiener, der scheinbar als erstes die Menge des Gereichten benennt („Das Schnitzel is soo groß g’wesen … und a Riesenportion Salat dazua. Mei Frau hat’s gar net essen kennen. Na, i hab’s einpacken lassen. Is ja a was gurd’s, so a kalts Schnitzel.“).

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deux (2): Tagebuchschreiberei

Zwei Pariser Plätze haben sich schlussendlich hervorgetan, haben mir zugesagt, wo ich mich gerne aufhielt und die ich jedermann und jederfrau ans Herz legen kann – nicht nur zum Schreiben:

LuxembourgDie Gartenanlage samt Palais, der Jardin du Luxembourg, ist Südlich vom Stadtkern zu finden und eine wahre Oase, wenn es um Ruhe und Schattenplätze geht. Überall gibt es Bäume, Bänke und Stühle (!), die einen einladen, zu verweilen oder sein mitgebrachtes Essen zu verzehren, was der Pariser genüsslich tut und dabei die Touristen belächelt, die in der Mittagshitze den Park ablaufen und sich keine Verschnaufpause gönnen. Mitten im Park ist auch ein Buffet, mit Allerlei Snacks und Getränken zu finden. Der Eintritt zum WC, im Untergeschoss, kostet 50 Cent und ist den Preis allemal wert – es hat mich immerhin zwei Mal in allerletzter Not gerettet!

CorrazzaDas Palais Royal befindet sich gegenüber dem Louvre und ist umgeben von Arkaden, in denen viele Lokalitäten und sogar ein Theater untergebracht sind. Das Café Corrazza, das ich einige Male aufsuchte, dürfte schon seit 1787 (auf der Rechnung steht 1782, am Sessel 1787) existieren. Das Palais samt Garten gehörte einst dem Bruder des Königs Ludwig XVI, der es der Öffentlichkeit zugänglich machte – freilich nicht aus Edelmut, sondern aus pekuniären Gründen. Das gesamte Gelände (und damit natürlich auch die vielen Cafés) war für die Polizei Sperrgebiet, da sie ein königliches Anwesen nicht betreten durfte. Kein Wunder also, dass hier gegen den Absolutismus gewettert wurde (warum sollte der Bruder etwas dagegen gehabt haben? Schließlich war es ja nicht sein Thron!) und (unter anderem) Monsieur Desmoulins zum Sturm auf die Bastille (1789) aufgerufen hat. Ach ja, nebenbei bemerkt, kostete der kleine Espresso die Lächerlichkeit von 2,70 Livres, pardon, Euros. Gemessen an der Geschichtsträchtigkeit und der Ruhe dieses Ortes ein koffeeinhältiges Schnäppchen. Nach der Speisekarte hat sich der Dichter aber dann doch nicht zu fragen getraut.

Un (1): Lautstärken

Spieglein, SpiegleinDass ich in den Genuss kam, die Pariser Lebensart Hautnah zu erleben, ist dem Umstand zu verdanken, Bewohner in einem kleinen Wohnhaus mit schmaler Wendeltreppe und herzigem Kleinstinnen- und Lichthof für 7 Tage zu sein. Dabei kommt es einmal zu folgender Situation: einer der Nachbarn dreht seine Stereolage derart laut auf, dass er damit den Innenhof und damit das ganze Haus beschallt. Nach einer (halben?) Stunde oder so, bequemt sich ein älterer Herr mit seiner Frau zum Nachbar, klopft lautstark an. Die Türe wird geöffnet, die Musik leiser gedreht und dann viele lange Minuten ein Gespräch geführt, das ich freilich nicht verstehe. Ich frage mich jetzt noch, was haben die sich lang und breit erzählt?

In Wien würde die Situation so behandelt werden:

10. Bezirk (Arbeiterbezirk): ein Fenster würde aufgerissen werden und jemand herausschreien: „Hearst, bist deppert! Mach die Musik leisa oder i kumm umma!“

6./7. Bezirk (Kreativbezirk): „Du, würde es dir was ausmachen, die Musik vielleicht eine Spur leiser zu drehen. Ich bin gerade dabei, einen House-Sampler zusammenzustellen. Wenn du willst, lass ich dich mal reinhören.“

1. Bezirk (Nobelbezirk): „Ich möchte Sie bitten, die Musik leiser zu machen. Danke! [falls das nicht geschieht] Haben Sie nicht gehört? Ich kann das auch anders regeln, wenn Sie das möchten. Gut. Sie hören von meinem Anwalt.“

Reprendre à zéro (0): Stefferl

Wo anfangen? Wer eine Reise macht, hat viel zu erzählen. Stimmt. Und stimmt auch wieder nicht. Je nachdem, was man für erzählens- wert hält. Oder interessiert sich jemand für die gewöhnlichen und belanglosen Nebensächlichkeiten, die aber in Summe eine Reise ausmachen?

das StefferlHier und jetzt muss ich mich beim Stefferl für ihre Gastfreundschaft bedanken. Immerhin quartierte sie mich auf etwa 16 m² ein. Beste Bohème-Adresse inklusive: Marais – 3me Arrondissement. Natürlich gab es getrennte Schlafzimmer. Sie im ersten Stock, im Hochbett, der Dichter zu ebener Erd, auf der Matratze.

Schriftsteller & Verleger