Un (1): Lautstärken

Spieglein, SpiegleinDass ich in den Genuss kam, die Pariser Lebensart Hautnah zu erleben, ist dem Umstand zu verdanken, Bewohner in einem kleinen Wohnhaus mit schmaler Wendeltreppe und herzigem Kleinstinnen- und Lichthof für 7 Tage zu sein. Dabei kommt es einmal zu folgender Situation: einer der Nachbarn dreht seine Stereolage derart laut auf, dass er damit den Innenhof und damit das ganze Haus beschallt. Nach einer (halben?) Stunde oder so, bequemt sich ein älterer Herr mit seiner Frau zum Nachbar, klopft lautstark an. Die Türe wird geöffnet, die Musik leiser gedreht und dann viele lange Minuten ein Gespräch geführt, das ich freilich nicht verstehe. Ich frage mich jetzt noch, was haben die sich lang und breit erzählt?

In Wien würde die Situation so behandelt werden:

10. Bezirk (Arbeiterbezirk): ein Fenster würde aufgerissen werden und jemand herausschreien: „Hearst, bist deppert! Mach die Musik leisa oder i kumm umma!“

6./7. Bezirk (Kreativbezirk): „Du, würde es dir was ausmachen, die Musik vielleicht eine Spur leiser zu drehen. Ich bin gerade dabei, einen House-Sampler zusammenzustellen. Wenn du willst, lass ich dich mal reinhören.“

1. Bezirk (Nobelbezirk): „Ich möchte Sie bitten, die Musik leiser zu machen. Danke! [falls das nicht geschieht] Haben Sie nicht gehört? Ich kann das auch anders regeln, wenn Sie das möchten. Gut. Sie hören von meinem Anwalt.“

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Reprendre à zéro (0): Stefferl

Wo anfangen? Wer eine Reise macht, hat viel zu erzählen. Stimmt. Und stimmt auch wieder nicht. Je nachdem, was man für erzählens- wert hält. Oder interessiert sich jemand für die gewöhnlichen und belanglosen Nebensächlichkeiten, die aber in Summe eine Reise ausmachen?

das StefferlHier und jetzt muss ich mich beim Stefferl für ihre Gastfreundschaft bedanken. Immerhin quartierte sie mich auf etwa 16 m² ein. Beste Bohème-Adresse inklusive: Marais – 3me Arrondissement. Natürlich gab es getrennte Schlafzimmer. Sie im ersten Stock, im Hochbett, der Dichter zu ebener Erd, auf der Matratze.

On y va!

Letzter Tag in Locquirec, um douze heure geht der Zug nach Paris. Das ist dann, als würde man nach Hause kommen – so vertraut ist mir dieses überlaufene, übervolle, überlaute Paris, nach den Tagen an der stillen, leisen, manchmal menschenleeren Küste der Bretagne. Ja, gehen wir!

Auf diese Bank

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aus Stein werd ich mich setzen. Nein, aus Stein war sie nicht. Gemütlich dafür umso mehr. Man könnte meinen, eine ganz normale Bank irgendwo im Nirgendwo. Weit gefehlt. Die Aussicht von dieser Bank auf den Strand von Sables Blancs ist schier Atem beraubend. Kein Wunder also, wenn der kurzatmige Dichter wegen Sauerstoffknappheit ins bretonische Koma fällt und sich dabei sein Gesichtlein – durch der Sonne glühender Strahlen – rötlich verfärbt. Macht nix. Wer ein Naturbursch sein will, muss der Natur trotzen. Und trotzig sein, ja, das kann ich ganz gut. Im Übrigen – es ist bald 21 Uhr und noch immer taghell. In der Gegend wird’s net finster, wiewohl das Départment Finistère heißt. Ach ja – morgen Abend geht es auf ein bretonisches Volksfest nach Plestin-les-Grèves (Fest Noz). Ob ich mit meinen beiden linken Füßen mittanzen soll? Kann ja nur peinlich werden. Wenn mich eine/einer fragen sollt, woher ich komm, stottere ich einfach „l’allemande“ … wir wollen ja den Leutchen hier net das Klischee nehmen, dass die Wiener galante und charmante Tänzer sind und den lieben Tag im Kaffeehaus sitzen. Mit dem Kaffeehaus sitzen, ja, mit dem könnt ich schon dienen, aber tanzen? [„un, deux, trois, no Monsieur … quelle catastrophe … Sie tanzen aus der Reihe!“]

Das Reizklima (wurde mir gesagt) an der Küste reizt mich tatsächlich. Zum Unsinn schreiben. Eigentlich sollt ich ja arbeiten, am neuen Opus Magnum (Kinderbuchausgabe) „Tiret“, aber dazu fehlt mir irgendwie das gewohnte Umfeld. Am Montag bin ich wieder in Paris, deren Stadtkern ich beinah drei Mal umrundet hab – zu Fuß. Davon später einmal mehr. A bientôt, mes amis.

Schriftsteller & Verleger