six (6): Zwei Tage Paris

defenseVon der Bretagne wieder nach Paris – 4 Stunden im TGV, der alle technischen Stückerln spielt, und 4 Stunden mit einer jungen russischen Reisegruppe. Als einer von ihnen sich mit seinem Mobiltelefon lautstark Gehör verschaffen möchte, kommt eine ältere Französin und fragt ihn auf Französisch, ob er nicht Kopfhörer habe. Als sie bemerkt, dass er nichts versteht, deutet sie auf die Ohren und wiederholt écouteur einige Male. Immerhin hat es gereicht, das mobiltelefonische Gequake abzustellen.

Am Bahnhof von Montparnasse werde ich in ein unglaublich schwüles Paris ausgespuckt. Mit Trolley und Rucksack schleppe ich mich zu einer Telefonzelle und versuche ein günstiges Hotelzimmer für zwei Nächte aufzutreiben. Was aber nicht gelingen will. Also zur Touristen-Information, die ich aber auf Anhieb nicht finde – irre wie verblödet im Untergeschoss des Louvre herum. Endlich schleppe ich mich zum Info-Point, um dort zu hören, dass sie keine Unterkünfte vermitteln – ich müsse zu einer anderen Informationsstelle gehen. Grmpfl!?!

Eine Viertelstunde vor dem Zusperren falle ich in die Info-Stelle, trage meine Bitte vor. Die Dame am Schalter lächelt freundlich und meint, dass es im Moment sehr schwierig sei, mit einer Unterkunft (mehrere Kongresse und die French Open). Schließlich findet sie eine Bleibe im 10me Arrondissement – beim Gare de l’Est um schlappe € 35,- Dusche und Toilette freilich am Gang. Ich nicke. Sie fragt mich verwundert ein zweites Mal.

Es dauert nicht lange, dann steige ich am Gare de l’Est aus, gehe hinauf, zur Rue de Lafayette und muss bemerken, dass das Hotel nicht dort ist, wo es mir gesagt wurde. Nein, ich muss die Straße noch ein ganzes Stück hinaufmarschieren. Schließlich komme ich zum Hotel, checke ein, krieche in den ersten Stock, öffne das Zimmer und falle erschöpft aufs Bett und in ein französisches Wachkoma – aus dem ich bald aufwachte, der stark befahrenen Straße vor meinem Fenster und dem Wärmestau im Zimmer sei Dank.

Nachdem ich das klassische Touristenprogramm absolviert habe (Eifel-Turm und Sacre Coeur haben mir noch gefehlt; im Übrigen bin ich von der Sacre Coeur zu Fuß bis zum Palais Royal marschiert), durfte ich am späteren Abend Lisa treffen – Literatur- wissenschaftlerin aus Wien, die eine Arbeit über Karl Kraus schreibt. Der Treffpunkt ist die Metro-Station St.Paul. Ja, das hat Stil. So stellt man sich einen Treffpunkt in Paris vor. Lisa geht mit mir ins Le Bistrot du Peintre, einem schmalen Gasthaus, deren Einrichtung vermutlich noch aus der Jahrhundertwende (1900) stammt. Formidable. Dort essen wir Käse, trinken Wein dazu und plaudern über die alten Künstler, die einen Paris-Bezug hatten.

Dass ich dann die letzte Metro verpasse, ist den Städtischen Verkehrsbetrieben zu danken, die per Lautsprecherdurchsagen darauf hinweisen, dass es keine Metro mehr für heute gäbe (nein, verstanden hab ich nix, aber den Unmutsäußerungen der am Bahnsteig stehenden Franzosen nach zu urteilen). Ich schau mir am Plan an, wie weit es vom Place de la Bastille bis zu meinem Hotel ist. Ojemine. Überlege ein Taxi zu nehmen, aber die Sparsamkeit (vulgo Geiz) lässt mich ein paar Schritte in Richtung Hotel machen. Am Ende finde ich einen Nachtautobus, muss mit dem Fahrer kurz diskutieren, weil ich zu meinem Ticket keinen Ausweis habe, fahre aber trotzdem bis zum Ostbahnhof.

Gegen 2 Uhr früh falle ich in das besagte französische Wachkoma – und während sich vor meinem Fenster irgendwelcher Raufhandel abspielt – neben den kreischenden Motorrädern – denke ich, dass es jetzt wirklich an der Zeit ist, Paris zu verlassen und mich ins ruhigere, gemütlichere Zürich zu begeben.

Quintessenz: wer Paris besehen und bestaunen will, sollte auf die Adresse seiner Unterkunft achten und rechtzeitig buchen …

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cinq (5): Fest Noz

me Zwei Tage vor der Abreise die Einladung zu einem Fest Noz, einem Nachtfest der Bretonen in Plestin-les-Grèves. Wer kann da schon nein sagen? Mit Carine (meiner Schweizer Gastgeberin, die schon seit Jahren hier lebt) und zwei ihrer Zürcher Freunde zum Fest.

Der größere Saal ist mit einer Bühne ausgestattet, auf der zwei Musiker Platz genommen haben. Die Leute stehen an den Seiten, so dass der größte Teil des Saales leer ist. Eigenartig, denk ich mir. Bis die Musik einsetzt und die tanzfreudigen Bretonen in die Mitte gehen, sich aufstellen, sich einhängen und sich gemeinsam im Takt der Musik (die sich für mich sehr irisch anhört) bewegen. Beim zweiten Lied darf ich auch mitmachen – weil mich eine Dame aufs Parkett entführt. Sie zeigt mir kurz die Schrittfolge – nach dem ich ihr sage, dass ich aus Österreich komme, kramt sie ein paar deutsche Wörter aus (sie hat Freunde in Bayern) und zählt für mich: „vier … acht … vier … acht …“ – dabei ist immer das Linke Bein ein wenig anzuheben, seitlich abzustellen. Die Dame bildet die Spitze (wie ich später erfahre, ist derjenige, der an der Spitze der Schlange ist, jener, an dem sich die anderen orientieren – BRAVO! Vermutlich fragen sich alle, wer der Kerl mit den langen Haaren ist, der da so unbeholfen neben ihr herumstolpert). Wenigstens, denk ich mir, machen auch schon die kleinen Kinder mit – und schlechter als die, mach ich’s auch nicht. Äh … behaupte ich mal.

Nach einigen Tänzen darf ich sagen, die attraktivsten Bretoninnen aus der Gegend von Plestin an der Hand bzw. am kleinen Finger gehabt zu haben. Das muss mir mal erst jemand nachmachen. Besonders das Einhaken der kleinen Finger finde ich grenzwertig gut. Gerade in Zeiten, in denen man sich berührungstechnisch aus dem Weg geht. Und irgendwie, das getraue ich mir zu sagen, schießt einem die wohlige Kraft von hundert Menschenseelen in den Körper. Ja, solche gemeinschaftlichen Tänze sollte es mehr geben – denn Herkunft und Sprache ist kein Hindernis, nein, es gilt, einfach in der Balance zu sein – und im Takt. Der Rest ergibt sich. Wunderbar!

quatre (4): das Meer

Strand

Da stehst du also auf dem kleinen bretonischen Hügel und überblickst die Bucht von Locquirec, siehst hinaus, aufs offene Meer. Stundenlang könntest du verweilen, einfach nur sein, einfach nur die Augen schweifen lassen. Das Rauschen des Meeres, das Hin und Her von Ebbe und Flut, das Sanfte, das das Harte umspült, um- schmeichelt, zieht dich an. Wer will da noch etwas von Alltag wissen? Von all den Hetzerein, den Ängstlichkeiten, den Sorgen? Und dort hinten, am Horizont, wo das Meer endet, beginnt deine neue Welt. Du musst nur genau hinsehen, dann spürst du es. Spürst du es?

trois (3): übers Brasserieren

Bistro Es ist schier nicht zu fassen, wie viele Cafés, Bistros, Brasserien, Restaurants, Buffets und sonstige Lokalitäten es in Paris gibt, die Essen und Getränke feil bieten. Und überall sitzt zumindest ein Gast. So elendig, trostlos, hässlich kann es gar nicht sein. Jede Lokalität hat ihre Stammgäste, so scheint’s.

Das Grätzel (vulgo Viertel oder Quartier) funktioniert hier noch. Billige Diskontläden findet man in den besseren Gegenden überhaupt nicht und wenn, dann sind sie bescheiden klein (und bieten noch immer ausgesuchte Waren an). Der Bäcker, der Fleischhauer (vulgo Metzger), der Konditor, der Obsthändler, der Gemischtwaren- ladenbesitzer, der Fischhändler, sie alle gibt es noch und beleben das Viertel. Auch für die Dörfer der Bretagne gilt es (noch), wiewohl ein Liedl schon Fuß gefasst hat und mit Lockangeboten lockt. Vermutlich wird auch die Bretagne früher oder später verlideln. Hingegen verdient der Markt, der einmal in der Woche in jedem bretonischen Dorf, in jeder kleineren Gemeinde abgehalten wird, noch seinen Namen. Die Bewohner goutieren, wägen ab und kaufen, dabei darf das Schwätzchen natürlich nicht fehlen. Das Gesehen und Gesehen werden ist ihnen angenehm.

Die Pariser Lokalitäten haben, im Großen und Ganzen, Stil. Man möchte nicht glauben, wie viele seelen- und stillose Cafés und Beisln es in Wien gibt. Erschreckend! Haben die Franzosen mehr Klasse? Definitiv! Die Pariser bestehen auf Qualität, ihnen ist es nicht egal, was ihnen wo vorgesetzt wird. Und die Quantität ist für die Pariser vermutlich kein ernstliches Kriterium – im Gegensatz zum Wiener, der scheinbar als erstes die Menge des Gereichten benennt („Das Schnitzel is soo groß g’wesen … und a Riesenportion Salat dazua. Mei Frau hat’s gar net essen kennen. Na, i hab’s einpacken lassen. Is ja a was gurd’s, so a kalts Schnitzel.“).

deux (2): Tagebuchschreiberei

Zwei Pariser Plätze haben sich schlussendlich hervorgetan, haben mir zugesagt, wo ich mich gerne aufhielt und die ich jedermann und jederfrau ans Herz legen kann – nicht nur zum Schreiben:

LuxembourgDie Gartenanlage samt Palais, der Jardin du Luxembourg, ist Südlich vom Stadtkern zu finden und eine wahre Oase, wenn es um Ruhe und Schattenplätze geht. Überall gibt es Bäume, Bänke und Stühle (!), die einen einladen, zu verweilen oder sein mitgebrachtes Essen zu verzehren, was der Pariser genüsslich tut und dabei die Touristen belächelt, die in der Mittagshitze den Park ablaufen und sich keine Verschnaufpause gönnen. Mitten im Park ist auch ein Buffet, mit Allerlei Snacks und Getränken zu finden. Der Eintritt zum WC, im Untergeschoss, kostet 50 Cent und ist den Preis allemal wert – es hat mich immerhin zwei Mal in allerletzter Not gerettet!

CorrazzaDas Palais Royal befindet sich gegenüber dem Louvre und ist umgeben von Arkaden, in denen viele Lokalitäten und sogar ein Theater untergebracht sind. Das Café Corrazza, das ich einige Male aufsuchte, dürfte schon seit 1787 (auf der Rechnung steht 1782, am Sessel 1787) existieren. Das Palais samt Garten gehörte einst dem Bruder des Königs Ludwig XVI, der es der Öffentlichkeit zugänglich machte – freilich nicht aus Edelmut, sondern aus pekuniären Gründen. Das gesamte Gelände (und damit natürlich auch die vielen Cafés) war für die Polizei Sperrgebiet, da sie ein königliches Anwesen nicht betreten durfte. Kein Wunder also, dass hier gegen den Absolutismus gewettert wurde (warum sollte der Bruder etwas dagegen gehabt haben? Schließlich war es ja nicht sein Thron!) und (unter anderem) Monsieur Desmoulins zum Sturm auf die Bastille (1789) aufgerufen hat. Ach ja, nebenbei bemerkt, kostete der kleine Espresso die Lächerlichkeit von 2,70 Livres, pardon, Euros. Gemessen an der Geschichtsträchtigkeit und der Ruhe dieses Ortes ein koffeeinhältiges Schnäppchen. Nach der Speisekarte hat sich der Dichter aber dann doch nicht zu fragen getraut.

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