Eine Lesung und andere Graumsamkeiten

[1668cc.blog.de] Ich bin ein Feigling! Ja, ich bin davongelaufen, ohne mich zu verabschieden. Dazu haben meine Nerven nicht gereicht. Ein Seiteneingang (für mich der ersehnte Ausgang) bracht mich ins Freie und in die Freiheit. Aber das schlechte Gewissen lastet auf meinen Schultern. Die einzige Möglichkeit, es loszuwerden besteht darin, darüber zu schreiben. Jetzt. Sofort!

Eine „Krimi“-Buchlesung um 17h00 in einem modernen Einkaufszentrum? Ein Bekannter (das heißt, dass ich ihn auf einer Lesung angesprochen, wir ganz kurz geplaudert und die Visitenkarten ausgetauscht haben) ist Schriftsteller und Schauspieler, der mich „eingeladen“ hat, per Rundschreiben, zu seiner Lesung. Ich dachte mir, ja, warum nicht. Das Ganze wurde sogar von einer großen Buchhandelskette initiiert. Das sollte für Qualität bürgen. Dachte ich mir. Als letzter Anreiz stellte sich heraus, dass auch eine nette, nicht unattraktive Schriftstellerin aus ihrem Buch lesen würde. Auf ihrer WebSite musste ich feststellen, dass mich sowohl Stimme als auch der Text ihrer Kurzgeschichte positiv überraschten. Eine E-Mail von mir wurde ihrerseits höflich locker beantwortet. Nun denn!

Mir wird gesagt, dass es zwei Cafés gibt, an denen gelesen wird. Freilich muss es natürlich so sein, dass im einen der Bekannte liest, im anderen jene Schriftstellerin, die ich kennen lernen möchte. Hilft nix, da ich ihm ja schon zugesagt hatte, suche ich jenes welches Café auf. Ich erschrecke, mein Körper zuckt förmlich zusammen. Es sind ein paar Leutchen anwesend, wobei nicht zu unterscheiden ist, ob sie auf die Lesung warten oder nur zufällig hier gelandet sind. Ich begrüße den Bekannten, versuche ein kurzes Gesprächsthema zu finden. Das klingt in etwas so:

„Du liest aus welchem Buch?“
„Es nennt sich XY … es ist mein drittes Buch.“
„Dein drittes? Wow! Respekt.“
„Ach wo. Die ersten zwei waren eher kleinere Sachen … das ist jetzt ein richtiges Buch!“
„Aha!? [Pause] Schauspielerst du noch?“
„Jaa. Wenn es sich ergibt. Werde im Sommer in XY auftreten.“
[XY sagt mir nix, kenn ich nicht]
„Ich werd mir dann mal ein Platzerl suchen.“

In der ersten Reihe, glücklicherweise seitlich, setze ich mich hin und frage mich gerade, ob ich davonlaufen soll. Neben mir ein kleiner Mann, keine 30, der an einem Bier nippt und vermutlich hofft, mit den Schriftstellerinnnen in Kontakt zu kommen (ja, Kontakte dürfte er nicht viele haben). Ich hoffe meinerseits, dass er mich nicht anspricht und hole Terminplaner samt Stift aus meinem Rucksack. Ich beginne meine „Termine zu planen“ – das sieht für Außenstehende so aus, als würde ich etwas Wichtiges zu tun haben, derweil überblicke ich aus den Augenwinkeln, das gesamte, sich anbahnende peinliche Desaster.

Die Dame der Buchhandelskette eröffnet wenig später die Lesung. Als erste liest eine bekannte Autorin, die bereits mit ihrer ersten Krimi-Anthologie für „österreichische Verhältnisse einen Erfolg gelandet habe“ – das Buch erreichte drei Auflagen. In ihrem neuesten Werk versammelte sie nicht nur österreichische, sondern auch deutsche und schweizerische AutorInnen. Sie beginnt also aus ihrer Geschichte zu lesen. Darin geht es um eine Frau im besten Alter (sie hat einen 28jährigen Sohn), die Gefallen daran gefunden hat, im Chat (!) Sexpartner (!!) zu finden, die sie dann (vor oder nach oder während) zur Seite schafft. Aha! Ein wenig haftet dem Ganzen ein eigentümliches Gefühl an, wenn die Autorin von „ich zwängte mich ins schwarze Cocktailkleid“ und „ich nahm die Strapse, obwohl sie mich unangenehm am Oberschenkel zwicken“ erzählt. Diese Szenerie hätte nun meine Fantasie (ja, die funktioniert einwandfrei) durchaus erotisch zeichnen können, aber unmöglich ist mir, die Autorin wegzuretuschieren und zu ersetzen. Liegt das nur an mir? Vermutlich!

Als zweiter liest ein junger Autor, der so begeistert ist, dass er lesen darf, dass mir vor Rührung die Tränen kommen. Er liest und liest und liest. Kommentiert das Gelesene („ist doch allen schon so ergangen, in der Schulzeit, oder?“) und stellt dem spärlichen besetzten Auditorium die Frage, ob es Latein in der Schule gehabt hätte („Na? Was heißt das?“). Würde ich nicht so dringend aufs Klo müssen, es wäre durchaus unterhaltsam gewesen.

Als Letzter der Runde liest der Bekannte und ich hoffe, dass es bald vorbei ist, weil ich noch immer dringendst austreten muss und mich die Blase schon leidlich zwickt. Schließlich und endlich kommt auch er zu einem Schluss („das verrate ich nicht, das können Sie dann im Buch nachlesen.“). Ich berappe das Tonic, packe meine Sachen und verschwinde eiligst aufs Klo, wo ich erste Fluchtgedanken hege. Die AutorInnen sitzen nun am hinteren Ende, beim Ausgang zusammen, daneben ein Stapel ihrer Bücher – jungfräulich und wartend, dass es jemand kauft und signieren lässt. Würde ich nur ein Buch nehmen, würden die anderen tief enttäuscht sein (verständlich), würde ich keines nehmen, würden sie mich hassen („so ein Geizkragen“). Alle drei nehmen? Obwohl ich keines der Bücher unbedingt haben muss? Und es mir signieren lassen, mit einem Lächeln auf den Lippen: „Oh, ja, das hörte sich … gar nicht uninteressant an“.

Ich bin dann durch den Seiteneingang hinaus, habe mich nicht umgeblickt („dreh dich nicht um, oder du erstarrst auf der Stelle zu einer Salzsäule“) und bin mit schnellem Schritt davongejagt, hoffend, dass mich dieser Peinlichkeits-Felsbrocken nicht von hinten einholt und mich überrollt.

Nur ein Gedanke beschäftigte mich Minuten später.
Wie lern ich jetzt die eine Autorin kennen?
Und ich meine nicht jene welche, die sich – literarisch – in ein Cocktailkleid quetscht!

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Das erste Mal

der kleine Dichter ein bisserl nervös, ein bisserl fickrig, aber sonst geht es ganz gut, mit dem wordpress.blog. Es wird freilich seine Zeit brauchen, bis ich es in meine Website einbinde und darin schreibe.

Schriftsteller & Verleger