Palmenhausplauderei

Zugegeben, ich bin spät dran, mit dem Eintrag, Beitrag. Vorige Woche, Donnerstag, war es, jener Tag, an dem ich B. und B. (wobei ich B. eher unter M. kenne – also nenn ich sie weiterhin M., der Unterscheidung wegen) treffen durfte. Dem myspace-Universum sei Dank! Ich steh bei der Treppe, warte und seh sie auch schon. Ja, die sympathischen und attraktiven Fotos lügen nicht – jetzt muss ich aber aufpassen, weil es sonst heißt, mir ginge es nur um das Aussehen – nein, nein, die besondere Chemie, die mich fasziniert, ist eine Mischung aus innerer Schönheit und äußerlicher Qualität. Kann freilich auch umgekehrt sein.

Wie zu erwarten, war die Terrasse bummvoll, weil Sonne und blauer Himmel. Also hinein in die gute Palmenhaus-Stube. Der erste Platz ist uns zu zugig (plagt mich gleich das Zipperlein), der zweite perfekt. B. ist von der papierenen Tischunterlage begeistert, möchte sich gleich eine für zu Hause mitnehmen, während ich wenig später meine Füllfeder darauf ausprobiere. Es gilt nämlich eine Widmung für B. zu (er)finden. Was gar nicht so einfach ist, wie es sich anhört. Denn jede meiner Widmungen sollen einen persönlichen Bezug herstellen. Und ein bisserl nach Literatur oder Poesie klingen – nüchterne und unkreative Zeilen kann ich partout nicht leiden. Als ich fertig bin, reiche ich ihnen das Buch. B. und M. lesen. B. nickt und quittiert es mit einem „Süß!“. Für einen Moment fühlte sich der Autor dieser Zeilen um zwei Jahrzehnte jünger. Diese Erfrischungskur ist jedermann zu empfehlen.

M. ging leer aus – weil ich kein weiteres Buch eingepackt hatte. Das war und ist mir äußerst peinlich. Auf meine Beteuerungen und dem Vorschlag, es ihr beim nächsten Mal zu überreichen, antwortete sie mit einem freundlichen Lächeln (vermutlich dachte sie, da steckt System dahinter, um zu weiteren Verabredungen zu kommen).

Kaffee getrunken (Milchkaffee steht bei den Damen hoch im Kurs), geplaudert, gelacht, gezahlt, gegangen. Auf die Frage, ob ich über unser Treffen schreiben soll, haben sie mit der Schulter gezuckt. Ich gehe mal davon aus, dass sie nichts dagegen haben. Namen werden in meinem Beitrag ja sowieso keine genannt. Namen? Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht mal, wie sie wirklich heißen. Aber Namen sind sowieso Schall und Rauch. Hauptsache, die realen Menschen sind quicklebendig.

Ein Viertel Wald, ein Viertel Wein?

Mit T. geplaudert, dabei bemerkt, dass ich ihm und anderen von meinem „Erfolg“ im Theater Westliches Waldviertel erzählte. Dabei ist das TWW nicht im Wald- sondern im Weinviertel. Aha! Für einen überheblichen Wiener (Vorsicht, Wasserkopf!) beginnt das Ausland bereits an der Stadtgrenze (für manch einen an der Bezirksgrenze).

Ja, der typische Ur-Wiener ist auf sein Grätzel fixiert, in dem er aufgewachsen ist. Warum? Vermutlich ist’s die Verklärung der Vergangenheit. „Weißt, damals, da war alles no besser …“ Der Autor dieser Zeilen lebt auch schon eine halbe Ewigkeit im selben Bezirk. Glasscherbeninsel. 20.Bezirk, die Brigittenau. Die Donau hat es ihm angetan. Von seinem Fenster blickt er auf den reißenden Strom ruhig dahinkriechenden Fluss (Kraftwerk Freudenau!) und labt sich am Horizont.

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Er erinnert sich an seine Kindheit, an das Überschwemmungsgebiet (heute: Donauinsel), an die alte Floridsdorfer Brücke (abgerissen und neu gebaut!), deren Grundstein im Sommer des Jahres 1913 gelegt wurde. Und ein Jahr später beginnt der 1.Weltkrieg und kein Grundstein blieb auf dem anderen.

a blogging good way

Ein eigenes Blog zu haben, das ist so ähnlich, als würdest du alleine auf den Straßen unterwegs sein können. Keine Freunde, die du bedienen musst, deren Einträge du weder zu lesen, noch zu kommentieren hast. Virtuelle Dorf-Bekanntschaften können eine Bereicherung sein, keine Frage, aber sie sind, was sie nun mal sind: unwirklich.

Eine Blog-Community ist mit einer Dorfstruktur vergleichbar. Da gibt es die Außenseiter (die absichtlich ignoriert werden), die Dorftrotteln, die respektablen Bürger (immer ordentlich, immer nett), die dubiosen Nachbarn (sind die ganze Zeit zu Hause und keiner weiß, was sie tun, wovon sie leben), die Traumfrau von nebenan (sie flirtet und lädt dich ein – mehr ist aber nicht), die spießigen Bürger (immer zu ordentlich, immer zu nett), die angehenden Schriftsteller und Lyriker, die sich wundern, noch nicht entdeckt worden zu sein (sagen jene über andere), die Alleinstehenden, die ihre Einsamkeit mit Einladungen („schau bei mir vorbei“) verbergen wollen, die frustrierten Bürger („warum besucht mich keiner?“), die egozentrischen Bürger (sie verstehen nicht, warum sie nicht besucht werden), die Spaßvögel, die nachdenklichen Bürger („warum besucht mich keiner?“) , die depressiven Bürger („warum besucht mich keiner?“) und so weiter und so fort.

Apropos. Jeder Blogger versammelt die o.a. Eigenschaften in sich! Der eine mehr, der andere weniger. Jetzt stellt sich für mich nur noch eine Frage. Warum besucht mich keiner?

In der Menge verliert sich das Genie

sagte schon Balzac (in Pierre Grassou).

Es gibt eine unüberschaubare Anzahl an Blogs und Geschreibsel im Netz. Jeder möchte seine Schreibe bekannt machen, möchte sich aus der durchschnittlichen Masse hervorheben. Dazu bedarfs es Klicks (früher: Leser). Deshalb ist es unter Profi-Bloggern üblich, Themen aufzuwerfen, die bewusst Kontroversen auslösen, aber selber bleiben sie im Hintergrund. Wer Stellung bezieht, verliert Klicks!

die Geschichte von Balzac über die mittelmäßige Kunst ist unbedingt zu lesen: Link zur Gutenberg-Site

Kommentar zum Eintrag von Liz

Post-dadaistische Urinalität

Man stelle sich vor, du kennst einen Künstler, der Klopapierrollen in den Urin bekannter Persönlichkeiten taucht („Die ist von Robbie Williams!“). Ein Kurator erfährt zufällig davon (der Bekannte eines Freundes eines Bekannten hat ihn darauf angesprochen), findet es anders („Sehr gut! Das ist provokante post-dadaistische Urinalität!“) und bringt es als Gastauftritt im Museum der Modernen Kunst unter.

Ein Medienrummel setzt ein (weil das Museum natürlich davon profitiert und es in Gang bringt – „Das gab’s bis jetzt noch nie!“) und ab dem Zeitpunkt klatschen jene guten Bekannten, die den Künstler vorher belächelt haben, anerkennend in die Hände („Hast du ihn im TV gesehen, in der Zeitung den Bericht gelesen? Das MoMA in New York soll sich bereits für ihn interessieren!“). Mehr noch, sie schmücken sich mit seinem Namen und ihrer Freundschaft („Bevor er noch bekannt war, hab ich ihm den Kaffee gezahlt, weil er so pleite war!“). Das geht so lange gut, bis der Hype, der Medienrummel nachlässt. Dann verschwinden wieder die guten Bekannten („Ich hab’s ja gleich g’sagt, dass das keine Kunst ist!“).

Warum?

Weil die Kunst nicht ihr Inneres anspricht – es geht vielmehr um die erzielte Wirkung (Medien, Geld), nicht um den künstlerischen Inhalt.

Schriftsteller & Verleger