My name is Lincoln

Während ich diesen Eintrag schreibe, höre ich das Lied „My Name is Lincoln“ vom Soundtrack „Die Insel“. Es ist jenes Lied, das im Trailer für „Elisabeth: The Golden Age“ Verwendung findet und mich merkwürdigerweise sehr stark in den Bann zieht. Ab und an, wenn ein Lied mein Inneres fasziniert, dann überlege ich mir, wie ein Video, ein Trailer über mein Leben aussehen könnte, unterlegt mit genau dieser Musik.

Die Kamera schwebt über den Dichter, gleitet nach unten. Er geht am Donauufer. Der Wind fährt in seine Haare. Er wirkt nachdenklich. Er bleibt plötzlich stehen. Sieht zur Seite. Schnitt. Der Dichter im Rampenlicht stehend oder sitzend. Lächelnd. Genießend. Zufrieden. Er wird beklatscht. Schnitt. Stille, leise, einsame Momente, in denen der Zweifel sichtbar wird. Ein leeres Blatt am Schreibtisch. Man hört im Off die vielen Stimmen der leisen und lauten Absagen und Ablehnungen, des Belächelt werdens. Schnitt. Die Kamera umkreist den Dichter am Donauufer. Er wirkt in sich gekehrt. Dann blickt er nach oben. Man spürt es. Die göttliche Inspiration. Schnitt. Am Tisch sitzend, das Papier mit nervösem Antrieb füllend, die Welt um sich vergessend. Dann wird die Feder abgesetzt, lehnt er sich zurück. Er ist zutiefst gerührt. Gerührt von diesem Funken, gerührt von diesem poetischen Flüstern. Er schließt die Augen. Für einen kurzen Moment ist er angekommen. Ist er bei sich und weiß um seine unzer- brechliche Kraft. Die Kamera entfernt sich, zoomt sich aus dem Zimmer und gibt den Blick auf das Fenster, das Haus, das Donauufer und die Donau frei.

Off:
Dichter „Es ist ein schöner Tag, Azadeh.“
Azadeh „Ja, es ist ein schöner Tag, mein geliebter Dichter.“

Dornenvögelei in Peru

Heut mit M. viele Stunden im Café Prückel verbracht. Dort hält man’s aus. Da kann ich dann guten Gewissens das Fräulein Laura mit- nehmen. Rotzfreche Kellner gibt’s da nicht, höchstens überforderte Kellnerinnen.

Jedenfalls erzählte mir M. im bunten Cinemascope von ihrer mehrere Monate dauernden Reise in Peru und den Erlebnissen, die für drei Romane reichen würden. Mitten im Dschungel trifft sie ihre große Liebe – einen ehemaligen Priester, dessen Wurzeln in Öster- reich liegen. Erkrankt an Lungenentzündung. Durchlebt Nahtod- Erfahrungen (Steinschlag, Wildpferde, Murenabgänge, Unwetter am See, ‚Entführung‘ in eines der Armenviertel) und heilt den entzundenen Fuß eines Ur-Tirolers (ja, es gibt ein kleines Dorf, in dem die Alteingesessenen noch die tirolerische Mundart pflegen: „Huck di her da und nimm an Kas.“) durch eine simple Fußmassage. Mitarbeit in einem Spital. Die Belegschaft bekniete sie, länger zu bleiben. Schließlich kommt sie nach Wien zurück. Und will am liebsten wieder nach Peru.

Sie wird mir ihre in Peru verfassten intimen E-Mails zukommen lassen. Vielleicht machen wir daraus einen wildromantischen Schlüsselroman. Beruht ja alles auf einer wahren Begebenheit. Soll mir keiner kommen und sagen, das war schon hundert Mal da – oder ich hätte nicht genug Phantasie – oder zu viel. Das Leben schreibt nämlich immer noch die besten Geschichten.

3 Minuten Glückseligkeit

Ein gutgemachter Film-TRAILER ist pure Illusion, pures Adrenalin. Mein Körper kann gar nicht anders, als eintauchen, abtauchen und erst wieder am Ende auftauchen. Erregendes Gefühl. Weil für eine kurze Zeit das Bild mit der Musik und der Geschichte in einer (hoffentlich) perfekten Harmonie verschmilzt. Ja, so ein Trailer kann schon süchtig machen. Immer und immer wieder muss er abgespielt werden. So lange, bis Augen und Ohren gesättigt, die Nerven beruhigt sind. Manchmal, seltene glückselige Momente, lösen die stakkatoartig zusammengesetzte Bilderflut einen eigenen Film im Kopf aus. Antrieb für Zukünftiges! Wunderbar!

Ein Trailer hat mit dem Film per se nichts zu tun. Er muss als eine eigenständige Kunstform betrachtet werden. So gibt es genügend Beispiele von perfekt inszenierten Trailers, wohingegen der Film mäßig, druchschnittlich, langweilig, unspannend, sentimental, un- erotisch, kitschig, lächerlich, lachhaft, einfach schlecht gemacht sein kann. Man vergleiche also bitteschön nicht Äpfel mit Birnen.

Als Aperitif empfehle ich die folgenden Leckerbissen:

der brandneue Trailer zum Sequel zu Elizabeth: The Golden Age – schon alleine der letzten Szene wegen. Da merkt man dem Regisseur Shekhar Kapur an, dass er Inder, respektive Pakistani ist. Wer sonst würde einem wallenden Stoff so einen breiten Raum geben?

ein anderes Historiendrama spielt ebenso in England, aber etwa 200 Jahre später: Amazing Grace. Wunderbare Schauspielkunst. Man sehe sich nur den alten Albert Finney und den jungen Ioan Gruffudd an, dazu höre man die Musik, die einen schon mal zu Tränen rühren kann (so man sich umrühren lässt, wohlgemerkt).

Auflage: 300 Stück

Zu guter Letzt für heute, ein kleines Ratespiel für Sammler und Jäger des gedruckten Wortes. Im Jahre 1923 veröffentlicht der Verleger Robert McAlmon das Buch seines amerikanischen Freundes Three Stories & Ten Poems in einer Auflage von gerade mal 300 Stück. Nun stellt sich die Frage, wer könnte der bekannte Autor und spätere Literaturnobelpreisträger sein und, weit spannender, wie viel Geld könnte man für eines dieser Exemplare mit Widmung wohl verlangen, fände man es am Dachboden, in einer Truhe?

Der Autor heißt

a) F. Scott Fitzgerald

b) Ernest Hemingway

c) Ezra Pound

Der Sammlerwert beträgt (lt. Monsieur Troller):

a) $ 1.250,-

b) $ 12.500,-

c) $ 125.000,-

Das erinnert mich wiederum daran, meine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung für 2006 endlich zu machen. Momenterl, ich geb mir schnell einen Tritt in den Hintern … ZACK! Die Lösung ist übrigens – trara – berta und cäsar.

Bonmot-Kisterl gesucht

Während der Kaffee brodelt, noch schnell einen Eintrag (aha, heut fließt es richtig aus der Feder. Ja, manchmal gibt es diese besonderen Stunden, da könntest du ewiglich schreiben und dir käme es eigentümlich vor, wenn man dir sagte, dass es auch viele leere Stunden gibt, die keinen einzigen Satz aufs Papier zwingen).

Gester Abend die Abschlusspräsentation der AbsolventInnen des Verlegerseminars 2006/2007 unter der Leitung von Prof. Mazakarini besucht. Als ein Ehemaliger des Jahrganges 2004/2005 durfte ich natürlich nicht fehlen (warum dachte ich mir das?).

Dort kam es zu folgendem Dialog mit E.

„Hallo Richard. Entschuldige, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe … aber ich muss gestehen, ich hab dein Buch noch gar nicht gelesen … deshalb hab ich auch nicht den Feedback-Fragebogen ausgefüllt. Es ist nicht so meines … ich hab’s dir ja nur deshalb abgekauft … als Künstlerförderung, weißt? Ich hoffe, du denkst dann auch an mich, wenn es mal so weit ist.“

Nein, darauf hab ich nichts gesagt. Ich denke noch darüber nach. Was hätte wohl ein Oscar Wild oder George Bernard Shaw oder Alfred Polgar oder Karl Kraus in dieser Situation gesagt? Ärgerlich, dass mein Bonmot-Kisterl so wenig hergibt. Dass muss sich ändern. Gibt’s einen Workshop dafür?

Dann läuft mir S. über den Weg, die sich vor einem Jahr aus dem E-Mail-Verteiler herausgenommen hat („weil der Austausch der gegenseitigen Denkanstöße versiegt“ – da hat sie natürlich Recht gehabt; auf etwaige Anfragen zu einem Treffen per E-Mail- Aussendung fand es der eine, die andere nicht der Mühe wert, kurz zu antworten – das ist übrigens die neue Mentalität der schnellen Kommunikation: in Deckung gehen und sich tot stellen, bis der andere hoffentlich abhaut). Nur war ich aber jener welcher, der brav geantwortet und auch einiges mit ihr unternommen hat. Diese pauschale Absage hat mich dann doch gegiftet. Und nach einem Jahr steht sie wieder vor dir. Was tust du? Wie reagierst du?

Deshalb, ein guter Ratschlag, der nichts kostet: wenn du Bekanntschaften loswerden möchtest, dann solltest du dir vorher überlegen, ob es noch etwaige berufliche oder bekanntschaftliche Schnittpunkte gibt. Jemanden ans Bein zu pissen (drastischer: „fick dich“ – ja, wir sind hier nicht im Kindergarten-Blog) ist nur dann gerechtfertigt, wenn du mit der Bekanntschaft wahrlich brechen möchtest. Aber wenn es dir egal ist, wenn er oder sie dir in Zukunft über den Weg läuft, dann lässt man die lose Beziehung einfach ausrollen – anstoßen kann man sie später immer noch, wenn es sich ergibt und Sinn macht- aber nicht stoppen.

Schriftsteller & Verleger