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Vier Besprechungen für eine Madeleine

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An dieser Stelle möchte ich auf vier Besprechungen zu meinem alten neuen Wurf MADELEINE Anatomie einer Tragödie aufmerksam machen. Da hätten wir einmal die aktuellste Rezension beinahe druckfrisch von flattersatz. Zwillingsleiden, die sich bereits im Vorjahr die E-Book-Version zu Gemüte führte, hat ihre Rezension abgestaubt und erneut in die Auslage gestellt. Dann wäre da noch die Literaturwissenschaftlerin FB., die ebenfalls die E-Book-Version gelesen und besprochen hat. Ja, für jeden Autor sind Besprechungen und Erwähnungen das Salz in der Suppe. Vielleicht sind sie sogar die Suppeneinlage. Backerbsen täten mir gefallen. Last, but not least: Madame Anonym, eine junge österreichische Autorin, hat übrigens in grauer Vorzeit eine Vorabversion gelesen und mit Verve kommentiert. Herausgekommen ist eine unbekümmert frische Auseinandersetzung mit dem Inhalt in zwei Teilen. Hier geht es zu Teil 1. So. Kostproben der oben angeführten Beiträge dürfen freilich nicht fehlen. Viel Vergnügen.

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Es fließt Blut in diesem Buch, oh ja. Die Waffen jener Zeit sind weniger präzis als daß sie klaffende Wunden schlagen. Man ist nicht zimperlich in diesen Tagen, da wird man schon man aufgeknüpft, weil man zur falschen Zeit am falschen Ort ist, es wird geschossen und mit Säbeln um sich gehauen, es fliegen Wurfmesser und da das Gift schon ein wenig alt ist, wirkt es nicht ganz so schnell wie gewohnt. Weiblich sein heißt, einer besonderen Risikogruppe anzugehören, leicht geht der brutalen Schar auch in dieser Hinsicht der Gaul durch, vor allem, wenn das baldige Ableben des Opfers eh in Aussicht steht, ist man doch genau behufs dessen vor Ort…  LINK

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Den Gegensatz zu den brutalen Szenen bilden einige wenige, beinahe philosophische Überlegungen über die Liebe. Da gibt es zum einen das zu Beginn des Buches eingeführte Liebespaar Bialy und Hebanowy, das, aus ungleichen Verhältnissen stammend, flieht um für immer vereint zu sein. Diesen Wunsch bekommt es auch erfüllt, jedoch nicht so wie erhofft.  LINK

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Doch wird diese Brutalität erzählerisch gebrochen bzw. aufgelockert. Die gewalttätigen Szenen sind mit Witz und einigen Zwischentönen verstärkt, die den Leser schmunzeln lassen können. So folgen einige Szenen dem Slapstick, schlechten Westernfilmen und auch einige Kampfszenen wirken wie witzige Reminiszenzen an Zombiefilmen, in denen die Totgeglaubten immer wieder aufstehen. Generell erinnert die Ausführung von Themen und Szenen an Filme wie die von Quentin Tarantino oder an den Film Natural Born Killers (Oliver Stone, 1994 – imdb)sowie durch der Einführung des italienischen Killerpaars Lorenzo und Stella an Bonnie and Clyde (Arthur Penn, 1967 – imdb). Mit dieser Art filmischer Schreibweise wirkt Madeleine lebendig und modern.  LINK

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Standig Ovations! Sweet Jesus on a pogo stick. Das kam… überraschend. Yay. […] So blöd es klingt, aber die Beiläufigkeit der Gewaltdarstellungen “gefällt” mir; und ich glaube, ich kann mittlerweile benennen, was ich an der Serie so beeindruckend finde: Du erzählst (in meinen Augen wenigstens) mit dieser zynischen, etwas gelangweilten Leichtigkeit und Understatement, die, nun ja, einem “Intellektuellen” des Ancièn Regime gut zu Gesicht gestanden hätte; Du bist irgendwie auch auf der Metaebene der Erzählstimme in der Zeit, und das ist faszinierend. Übrigens bitte nicht misszuverstehen: ich rede nur von den Implikationen der Erzählstimme! Die “Gebet”szene, ist übrigens, in all ihrer Absurdität – und eingebettet in die Grauslichkeiten links und rechts – irgendwie ein humoristisches Meisterstück.  LINK

Watergate, Haider, Stronach und der Abgesang der Demokratie

Churchill, so hört man es immer wieder, soll ja einmal gesagt haben, dass Demokratie die schlechteste aller Regierungsformen sei, aber es gäbe keine bessere. Tatsächlich sagte er 1947, dass eine Demokratie nicht perfekt oder allwissend sei und womöglich die schlechteste Regierungsform sei, mit Ausnahme all jener, die von Zeit zu Zeit ausprobiert wurden. Gut. Was sagte er noch? In der selben Rede:

›Die Regierung des Volkes, durch das Volk, für das Volk‹,
bleibt noch immer die unumstößliche Definition von Demokratie.
Winston Churchill
House of Commons
11 November 1947
[vol 444 cc203-321]

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Die letzten Tage mich intensivst mit Präsident Richard Nixon und der Watergate-Affäre befasst. So intensiv habe ich die Bausteine herumgeschoben, dass mir heute der Schädel brummt. Dafür bin ich zum aberwitzigen [vorläufigen] Schluss gekommen, dass die US-Affäre, die sich zwischen 1972 und 1974 zutrug, durchaus vergleichbar ist mit einer Affäre, die zwischen 1787 und 1789 in Frankreich stattfand. Mit dem nicht unwesentlichen Unterschied, dass es in Washington keine Guillotinen gab. Trotzdem kostete es manchen der hochrangigen politischen Akteure den Kopf. Ja, auf der einen Seite eine Demokratie, auf der anderen Seite eine Monarchie. Heute würde ich sagen, Ludwig XVI. hätte sich zum Präsidenten einer Demokratie machen und verlautbaren müssen, dass alle Macht vom Volke ausginge. Ich schätze, dann hätten wir heute noch einen Bourbonen am Präsidenten-Thron sitzen.

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Als die FPÖ im Jahr 2000 in die Regierung »gewählt« wurde, gab es einen öffentlichen Aufschrei. Wie konnte ein »rechstradikaler« Politiker mit seinen Günstlingen an die Spitze eines demokratischen Landes kommen? Über die schüsseligen Hintergründe will ich nicht sprechen, weil es kein Verbot dafür gibt, als Politiker Macht an sich zu reißen, wenn es opportun scheint und im Einklang mit dem Recht geschieht. Wäre es damals nicht mit gesetzlichen Dingen zugegangen, hätte man in der Justiz und in der Exekutive die Schuldigen suchen und verurteilen müssen. Das hat man nicht. Statt dessen sorgte ein ordentlicher außenpolitischer Wirbel für einen diplomatischen Eklat nach dem anderen. Österreich war eine Demokratie. Die Wähler haben gewählt. Die Politiker haben das Wahlergebnis nach ihren Wünschen interpretiert. Auch an dieser Stelle entsprach es dem gesetzlich Erlaubten. Trotzdem wollte ein Teil der weltpolitischen Elite diese schüsselige Interpretation der Wahl nicht zulassen. Auf den Punkt gebracht: die Demokratie hat gesprochen und eine politische Gruppe hat gesagt: Das gefällt uns nicht. Ist das Demokratie? Nope. Mit Sicherheit nicht. Gut. Man könnte natürlich sagen, dass die Mehrheit der Wähler nicht mit der schüsseligen Interpretation der Wahl einverstanden war. Fein. Wenn dem so wäre, hätte man nicht das Wahlgesetz, die Wahl und die Interpretationsmöglichkeiten einschränken müssen? Hätte man nicht als Wähler sagen können: »Ich gebe nur Partei X meine Stimme, wenn sie jedoch mit Partei Y oder Z koaliert, entziehe ich ihr meine Stimme, mein Mandat!« – Ja, das wäre womöglich die einzige Lösung gewesen, neben der Änderung von einer indirekten zu einer direkten Wahl. Hat man es gemacht? Nope. Eine politisch-elitäre Gruppe verhinderte demnach eine legale Interpretation einer demokratischen Wahl.

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Im Jahr 2012 besinnt sich Multimilliardär und Austrokanadier Stronach daran, dass er eine politische Aufgabe hätte. In den liberal-konservativen Qualitätsblättern wird er als »senil« und »machthungrig« dargestellt, der sich mit seinem Geld eine Partei erkaufen möchte. Tatsächlich, so lesen wir, traten bereits Parlamentsabgeordnete in seine Partei ein, wechselten also das Parteilager. Es wird gemunkelt, dass hier Geld im Spiel sei. Nein, keine Bestechung, keine Geldgeschenke – einfach nur die Aussicht auf einen gut dotierten Partei- bzw. Regierungsposten in naher Zukunft und die Aussicht auf ein gut dotiertes Jobangebot in der Privatwirtschaft in ferner Zukunft. Im Fußball sind solche Transfers nichts Ungewöhnliches. Schließlich wollen die Fußballer dort spielen, wo sie viel Geld verdienen können. Anders gesagt, mit Stronach stehen die Chancen gut, in die Champions League der Politik aufzusteigen. Aber auch hier vermisse ich wieder die Frage, ob Geld eine Partei oder Stimmen kaufen darf. Natürlich wird jeder Politiker darauf pochen, dass Geld in der Politik keine Rollen spielen darf. Ähnliches hört man auch im Fußball. Geld kauft keine Siege. Aber die Wahrscheinlichkeit steigt mit jedem Cent, der in die Mannschaft gesteckt wird (okay, Red Bull Salzburg scheint hier die Regel mit der notwendigen Ausnahme zu bestätigen). Weiters ist der Umstand zu berücksichtigen, dass, wenn jemand genug Geld in die Hand nähme, er zwei Drittel der Abgeordneten in sein Lager holen die Verfassung ändern und aus Österreich ein FKK-Club machen könnte. Halten Sie das jetzt für unwahrscheinlich? Die Frage ist eher, ob es dahingehend eine rechtliche Handhabe gäbe, das zu verhindern. Weil, wenn ich vor zwei Jahren Partei X meine Stimme gegeben habe und die gewählten Parlamentarier geschlossen zur Partei Y übertreten, dann war das nicht meine Intention, als ich die Stimme abgegeben habe. Scheinbar hat noch niemand darüber nachgedacht und bemerkt, dass hier ein demokratisches Prinzip sang- und klanglos unter den Teppich gekehrt wird. Jedenfalls hätte ich noch keine Diskussion darüber gehört – was vermutlich daran liegen könnte, dass ich der inländischen Presse nur mehr in Ausnahmefällen folge – mein Verstand verbietet es mir, mehr als fünf Minuten österreichischen Mainstream zu hören/lesen/gucken. Pro Woche.

Madeleine – Das Ende einer Druckfahnenodysee

es läppert sich zusammen: acht eigene, drei fremde, vier geplante Bücher

Heute ist es also wieder so weit. Die Druckerei liefert die Taschenbücher zu Madeleine, dem dritten Teil der Tiret-Saga. Zu guter Letzt. Zwei Jahre verstaubte die Druckfahne in der Lade. Weil ich herausfinden wollte, wie einfach oder schwierig es ist, die Druckkosten über Crowdfunding finanziert zu bekommen. 99 Förderer für je € 25,- war das Ziel. Schlussendlich sind es 58 geworden. Das zeigt, dass man ohne Forcierung (sprich: konsequenter Anbiederung) der Sache nicht weit kommt. Vereinfacht gesagt: Wenn man nicht selbst den Leutchen einen Tritt gibt, rührt (kaum) einer einen Finger. Wobei, das stimmt so nicht. Manch einer hat es dann doch versucht, die Meldung in den Äther zu rufen. Manch eine(r) durchaus mit Erfolg. Eine Kettenreaktion oder Lawine blieb freilich aus. Das war natürlich vorherzusehen. Nicht vorherzusehen war, dass es einer großen Anstrengung bedurfte, um auf etwa mehr als die Hälfte an Förderer zu kommen. Ich hätte mich natürlich noch mehr anstrengen können, um die 99 voll zu machen, aber dann wäre ich wohl der dunklen Seite der Anbiederung und Bettelei verfallen. Wer in solch niederen Angelegenheiten bereits seinen Stolz verbrät, der darf sich nicht wundern, wenn er nur noch als Abziehbild eines Künstlers wahrgenommen wird. Andererseits, der junge Goethe lehnte sich auch weit aus dem Fenster, um die Unmengen an gedruckten Exemplare des Götz, die in seiner Stube lagerten, an den Mann oder Frau zu bringen.

Ein kurzer Blick zurück: Im Juni 2006 erhielt ich mein erstes Buch von der Druckerei. Es hatte keine ISBN und das Cover wurde noch mit bescheidenen grafischen Mitteln erstellt. Freilich, mit InDesign und typografischen Exzessen konnte ich damals schon aufwarten. Es folgten sechs Taschenbücher für mich, drei Bücher für Verlage, zwölf Hochglanz-Spielmagazine, zwei Ausgaben eines Buch-Magazins und eine Vielzahl an Flyern, Foldern und Plakaten. Aufregend ist es freilich noch immer, die Pakete zu öffnen und zumeist ertappt man sich, ein kleines Stoßgebet gen Himmel zu senden, dass man nichts verkehrt gemacht hat.

Wie dem auch sei, die Lieferung kommt ein wenig ungelegen, reißt es mich doch aus meiner Conspiracy-Überarbeitung heraus. Vielleicht hätte ich die gute Madeleine erst im Frühjahr 2013 aus dem Hut zaubern sollen, andererseits, was man erledigt hat, ist erledigt. Vielleicht trifft es sich ja, dass die Verfilmung des Musicals Les Misérables in die Kinos kommt. Gut, der bürgerliche Aufstand in Victor Hugos Novelle findet etwa 40 Jahre nach der allseits bekannten Französischen Revolution von 1789 statt. Faszinierend ist jedenfalls, dass sich einer der Hauptcharaktere Monsieur Madeleine nennt. Wenn das mal kein gutes Zeichen ist. In den USA wird man noch dieses Jahr mit dem frankophilen Epos beglückt, die deutschsprachigen Fans werden sich wohl noch bis Mitte Februar gedulden müssen.

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Unruhen in London – Chefredakteure, die Merkeln – ein Löschantrag für „Zeuge der Finanzkriminalität“ und die Frage, was hat das mit mir zu tun?

Mattscheibe
Mattscheibe

Ehrlich. Die Zeit läuft ab. Nicht unbedingt jene der Welt. Die wird sich auch noch drehen, wenn diese seltsame Spezies wieder dort angelangt ist, wo sie ihren Anfang nahm: in einer unbedeutenden Anhäufung von Zellen, die sich verbinden. Als die Chose vor hunderten von Millionen Jahren los ging, hätte sich wohl keiner gedacht, dass mal ein Kerl darüber bloggen würde. Okay. Kommen wir zum Punkt. Der ist ein wenig schwammig, wie Sie aus dem Titel entnehmen können. Sprunghaft, könnte man sagen. Aber so ist das, wenn man sich mit einem Thema kurzzeitig beschäftigt und dann bemerkt, dass andere da irgendwie auch von Bedeutung sind, wenn man die Zusammenhänge verstehen möchte. Ja, ehe man sich versieht, wuchert einem eine undurchdringliche Dornenhecke an offiziellen und manipulierten und unter den Tisch gekehrten Fakten, sowie die daraus fußenden Vermutungen und Meinungen entgegen. Freilich, jeder kann, darf und soll sich heute ein BILD (sic!) machen. Falls einem nicht die interessantesten Informationen vor der Nase weggelöscht werden.

Der youtube-Clip Zeuge der Finanzkriminalität mit dem Journalisten Dr. Schumann wurde ratzeputz aus dem Verkehr gezogen. Grund: Urheberrechtsverletzung – eingebracht von der Teudschen Fermögensperatungs AG – laut deren Webseite eine der größten eigenständigen Vinanzfertriebe mit 37.000 Fermögensberatern. Ich schätze, da dürften einige Perater Zeit und Muße haben, das Internetz nach Urheberrechtsverletzungen zu durchforsten – ich hoffe, die Satire ist angekommen. Dass der Inhalt des Clips vermutlich kritische Töne gegen die Finanzindustrie gesungen hätte, nun, das ist freilich irrelevant, nicht? Und wenn Sie noch immer denken, diese ganze Internetz-Urheberrechts-Debatte hätte mit Beatles- und Rolling Stones- und Justin Bieber-Songs oder mit armen brotlosen Musikern und Schriftstellern zu tun, äh, ja, dann würde ich sagen, schlafen Sie bitte weiter und stören Sie nicht meine Kreise.

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Eine Rezension für Madeleine: Tarantino goes 1789

Die folgende Rezension zum Buch
»Madeleine – Anatomie einer Tragödie am Vorabend der Französischen Revolution«
von Richard K. Breuer
stammt von Friederike Bülig, Literaturwissenschaftlerin aus Mainz.

***Buchumschlag Madeleine von Richard K. Breuer

Buchumschlag Madeleine von Richard K. Breuer

***diese Rezension enthält Spoilers***

Madeleine ist die wesentlich brutalere Fortsetzung von Tiret und Brouillé, der historischen Romanreihe von Richard K. Breuer. Doch auch Madeleine  zeichnet sich durch eine reichhaltige Handlung aus, die genauso spannend, pfiffig und witzig ist wie die der Vorgängerromane.

In Madeleine begibt sich die schwangere Ludomila Opalińska zusammen mit dem Arzt Steinitz, Major Haddengast und ihrer Schwester Madeleine nach Penly, um dort den Vater ihres Kindes, den polnischen Gelehrten Mickiewicz, zu heiraten. Die lange Kutschfahrt von Österreich zur Nordküste Frankreichs wird zum turbulenten Sittengemälde der damaligen Zeit kurz vor der Französischen Revolution. Richard K. Breuer fasst die Mentalität dieser Zeit durch verschiedene Facetten ein. Inhaltlich zeigt er den bedeutenden Dualismus zwischen der verarmten Landbevölkerung und dem reichen Adel besonders durch Gesten und Körperhaltungen auf. So muss ein Adeliger nur mit dem kleinen Finger winken, um etwas zu bekommen, während der Untertan mit gesenktem Kopf stehen bleiben muss, bis der Herr an ihm vorbei geritten ist. Auch sprachlich greift Breuer die Ständeunterschiede auf und gibt der ländlichen Bevölkerung einem derben Akzent.

Eine weitere formale wie inhaltliche Besonderheit Breuers ist die Einarbeitung authentischen Materials aus Briefen des Gouverneur Morris, der 1789 aus den Vereinigten Staaten nach Frankreich reist und damit ein Augenzeuge der schlimmen Verhältnisse ist. In diese Brutalität der Geschehnisse der Französischen Revolution, die den Rahmen der vier Bände bildet, wird eine weitere existenzialistische Brutalität eingebettet, die körperliche.

Es ist die körperliche Gewalt die dieses Buch auszeichnet und die auch auf den Leser abschreckend wirken kann, da diese auf den ersten Blick als sinnlos und spontan beschrieben wird. Diese Gewalt gibt aber nicht nur eine Ahnung des damaligen Lebenskampfes wieder, sondern rückt die Vergänglichkeit und Hässlichkeit des Körperlichen in die Aufmerksamkeit. Gerade dann wenn der halbverdaute Bohneneintopf am Bein herunterläuft oder Lakaien zwei verarmten Jungen die Hände brechen, weil diese ein Stück Brot stehlen wollten. Die Brutalität in Madeleine reicht von starken Bildern des Tötens, Aufschlitzens, Erdrosselns und Erstechens über psychologische Formen des Auflauerns, Beobachtens und Misstrauens bis hin zu handfesten Intrigen. Doch wird diese Brutalität erzählerisch gebrochen bzw. aufgelockert. Die gewalttätigen Szenen sind mit Witz und einigen Zwischentönen verstärkt, die den Leser schmunzeln lassen können. So folgen einige Szenen dem Slapstick, schlechten Westernfilmen und auch einige Kampfszenen wirken wie witzige Reminiszenzen an Zombiefilmen, in denen die Totgeglaubten immer wieder aufstehen. Generell erinnert die Ausführung von Themen und Szenen an Filme wie die von Quentin Tarantino oder an den Film Natural Born Killers (Oliver Stone, 1994 – imdb)sowie durch der Einführung des italienischen Killerpaars Lorenzo und Stella an Bonnie and Clyde (Arthur Penn, 1967 – imdb). Mit dieser Art filmischer Schreibweise wirkt Madeleine lebendig und modern.

Ein weiterer Bruch der starken körperlichen Brutalität erfolgt durch die naiven Reflexionen der Figuren über die Liebe, was den ironischen Unterton des Buches ausmacht. Galkin, Sohn des Kosaken Dassajew, verfällt in Liebe zu der hübschen Madeleine und um diese zu erobern, fingiert er einen Überfall auf ihre Kutsche. Doch dieser Überfall artet in ein Gemetzel aus, das Galkin nicht steuern kann. Paradoxerweise ist für Galkin die Gewalt Beweis und Mittel seiner Liebe. Ein positiver Gedanken in negativer Ausführung, da sich letztendlich diese Gewalt gegen ihn selbst wendet: Während des Kutschüberfalls, der der Höhepunkt des Romans ist, gibt sich Galkin in körperlicher Befriedigung seiner Liebes-Tagträumerei hin ohne zu merken, dass sich die Umwelt gegen ihn wendet und ihn mit dem Tod bedroht.

»Langsam kehrt Galkin wieder in das Hier und Jetzt zurück. Man hört das zufriedene Seufzen Galkins und das Einrasten  eines Pistolenhahnes. Galkin dreht sich zu Madeleine, die ihren Oberkörper aufgerichtet hat und mit seiner Pistole auf ihn anhält. Mit beiden Händen umfasst sie den Kolben. Der rechte und der linke Zeigefinger liegen am Abzug. Galkin versteht nicht. Schüttelt verständnislos den Kopf. Haben sie sich nicht gerade geliebt?« (S. 256)

Was an diesem Zitat auch deutlich wird, ist, dass die Figuren aneinander vorbei reden und somit Madeleine das positiv gemeinte Engagement Galkins brutal beendet. Breuer schafft es, diese Brüche ohne viel Psychologie und ohne viel Worte allein durch die reichhaltige Figurenkonstellation und Handlung zu konstruieren, in der jede Figur ihr Ziel verfolgt und sich dennoch mit den Absichten anderer Personen verflechtet. Doch Madeleine bietet noch mehr an Reflexionen. Auf der Reise nach Penly entspinnt sich zwischen den Schwestern ein Konflikt um Schönheit, Liebe und Identität. Der  Schwesternkonflikt zwischen Madeleine und Ludomila zeigt sich schon in ihren Äußeren: Beide Schwestern werden wie Tag und Nacht konzipiert, die eine besonders hübsch, willensstark und emotional aufbrausend, die andere hässlich, bedacht, einsam und Trost suchend in Büchern. Auch verkörpern die Schwestern zwei unterschiedliche Liebeskonzepte. Während Ludomila meint, dass man die Liebe erlernen kann, da diese nicht aus einen einzigen und ersten Blick entspringt, hält Madeleine am Gegenteil fest und erntet damit Kritik:

»Madeleine verschwendet keinen Gedanken daran, dass sie gestern noch diesen nüchternen Gelehrten vergessen wollte und sich heute wieder nach ihm sehnt. Und morgen? Darauf gibt es keine Antwort. Madeleine fühlt. Hier. Jetzt. Alles andere hat keinerlei Bedeutung.« (S. 232)

Diese Kritik, die vom Erzähler stammt, stellt die namensgebende Protagonistin des Romans in ein zwiespältiges Licht. Doch wird ihr Verhalten in diesem Handlungsgeflecht nicht bewertet, außer vielleicht an einer Stelle des Romans, die hier aus Spannungsgründen nicht verraten werden soll.

Wie die Schwestern sind auch die anderen zentralen Figuren Typen, die zum Teil gegensätzliche Prinzipien verkörpern. So auch Doktor Steinitz, der das Prinzip des Lebens, Heilens und des Pazifismus vertritt und Major Haddengast, der als Beschützer und Kämpfer der Ehre auftritt.

Der Autor zeichnet seine Figuren gut, sie sind trotz ihrer Typenhaftigkeit nicht oberflächlich. Jeder Figur hat ihr Recht und ihren Platz im Sinne von »Beide haben recht. Beide haben unrecht.« (S. 233), bis dann doch der Stärke siegt.

Richard K. Breuer schafft mit Madeleine einen spannungsreichen und bildlichen Text, der durch ein schnelles Erzählen lebt. Das verdeutlichen die kurzen Dialogsätze, die filmische Schreibweise und auch die Zeitsprünge, die eine Art Gleichzeitigkeit vermitteln sollen. Breuer schreibt nicht pathetisch und wenn doch an einigen Stellen ein Pathos auftritt, ist es nicht selten der Figurenpersönlichkeit geschuldet und schafft den ironischen Unterton. Dieser Unterton und der eher deskriptiv statt psychologisch erzählende Erzähler regt den Leser zum mit- und nachdenken an. Denn das interpretierende Fazit muss sich jeder Leser selbst ersuchen.

Friederike Bülig
Mainz

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Das Buch ist als E-Book in den Formaten PDF, epub und kindle hier erhältlich.