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Willkommen im Absurditätenkabinett

Orwell_Liberty_QuoteEhrlich gesagt, ich habe keine rechte Lust zu schreiben. Ich tue es trotzdem. Was bleibt übrig, frage ich. Immerhin gilt es, dann und wann, ein kreatives Lebens-Ausrufezeichen zu setzen. Kurz und gut: ich blogge, also bin ich.

Geht man mit offenen Augen durch die gegenwärtige Welt, glaubt man sich unweigerlich in einem – wie ich es zu nennen pflege – Absurditätenkabinett. Anders kann man es nicht bezeichnen, wenn man liest und hört, wie aus rechts links, aus links rechts, aus unten oben, aus oben unten, aus schwarz weiß und aus weiß schwarz gemacht wird. Die Political Correctness – im Duden längst aufgenommen – herrscht im Lande. Unerbittlich wütet sie gegen den gesunden Menschenverstand, gegen althergebrachte Traditionen und gegen verwurzelte Kulturen. Am Ende, es steht zu befürchten, ist nur noch das Gedankenkonstrukt der politischen Korrektheit das Maß aller Dinge. Toughtcrime, nannte Orwell dieses Konstrukt. Dabei hatte er es nicht prophetisch vorausgeahnt, sondern im damaligen stalinistisch-bolschewistischen Umfeld bemerkt und literarisch verarbeitet.

So! Und jetzt mache ich mit Penly weiter.

Zwischen gedruckten Zeilen und flimmernden Bildern

Poster für den Film
Poster zum Film „39,90“ via imdb.com

 Nach längerer blog-Abwesenheit wieder ein kleiner Beitrag. Darin soll es nur um die Ausnahmen der Regel gehen, nämlich dass Literaturverfilmung mau sind und dem geschriebenen Original nicht das Wasser reichen können. Eine der Ausnahmen mag sicherlich 39,90 von Frédéric Beigbeder sein. Die letzte Woche das Buch ausgelesen. Zugegeben, es ist ein wichtiges Buch, sozialkritisch bis zum Anschlag und darüber hinaus. Es klärt über die Penetranz der Werbung auf und was diese mit der breiten Masse genauso wie mit dem Einzelnen anstellt. Manche Kapitel stechen im Besonderen hervor, nämlich jene, wo Beigbeder sich nicht hinter der Maske seines alter Egos versteckt, um aus allen Rohren zu feuern und die verlogene und verräterische Werbeindustrie in Schutt und Asche zu legen. Beeindruckend, was er in wenigen Zeilen den Leser an den Kopf wirft. Zahlen und Fakten, die zeigen, dass es mit unserer aufgeklärten Gesellschaft nicht weit her ist. Immerhin lassen wir zu, dass man uns beinahe sekündlich mit Werbebotschaften bombardiert. Soweit ich weiß, gibt es kein Gebot, dass besagte, dass wir uns dem Werbediktat zu unterwerfen haben. Wie dem auch sei, die Verfilmung des Buches ist, für mein Dafürhalten, eindringlicher, härter, brutaler, gewagter. Die Handlung dreht sich – mehr oder weniger – um die Herstellung eines Werbespots für die neue Diät-Joghurt-Linie eines französischen Megakonzerns und zeigt schonungslos, was die Beteiligten hinter der Kamera und in den Vorstandsetagen so über die breite Masse denken. Im Buch heißt es an einer Stelle, dass man die breite Masse nicht für blöd verkaufen soll, auch wenn man sie für blöd hält. Ja, das sind Weisheiten, die man nicht überall zu hören bekommt. Die Schwäche des Buches sind jene Passagen, die den Protagonisten unreif und jünger wirken lassen, als er gemeinhin skizziert wird. Dieser Widerspruch stößt mir säuerlich auf – zu sehr sehe ich den Autor Beigbeder, wie er seine eigenen reifen Gedanken das eine oder andere Mal (sehr gut) dem Protagonisten überstülpt. Und hätte ein französischer „verkokster“ Werbekonzeptionist tatsächlich das berühmt-berüchtigste Buch eines Österreichers gelesen, das (bei uns jedenfalls) am Index steht, um daraus Zitate zu entnehmen, die zeigen sollen, was es mit der Werbeindustrie (und Wirtschaft) in Wirklichkeit auf sich hat?

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Cover zum Film
Poster zum Film „Branded“ via imdb

Apropos Werbeindustrie. Ein ebenfalls beeindruckendes Werk ist Branded (imdb), in der die Macht der Werbepropaganda sehr visuell und sehr „anders“ dargestellt wird (was vermutlich nicht jedermanns Geschmack ist). Die Story rund um einen Werbefachmann, der eins auf den Schädel bekommt und verrückt wird, das heißt, normal, ist wahrlich eine Perle und gehört von jedermann und jederfrau gesehen. Die äußerst schlechte Bewertung des Films auf imdb unterstreicht nur wieder den Umstand, dass der gewöhnliche Bürger gar nicht mehr verstehen kann, was da draußen so gespielt wird – vor allem, wie und auf welche Wesie mit ihm gespielt wird. Goethe sagte ja einst, dass jene Mensche die unfreiesten wären, die sich frei glauben. Tja. So sieht es aus, Mesdames et Messieurs. An dieser Stelle würde ich ja gerne einen längeren Monolog aus dem Film Fight Club zitieren, aber die Sache mit dem Urheberrecht und so, Sie wissen, ja, wie das läuft, nicht? Jedenfalls scheint mir das Buch von Chuck Palahniuk recht langsam zu sein, während der Film von David Fincher aus dem Jahr 1999 abgeht wie ne Rakete und die wiederum das aniviserte Ziel punktgenau trifft. Interessanterweise getrauten sich die Macher des (Hollywood)Films die sozialkritischen Elemente stärker zu betonen – diesbezüglich braucht man sich nur die ersten Minuten anzusehen, um zu verstehen, dass der Protagonist zwar gutes Geld verdient und viele Produkte sein Eigen nennt, aber kein Leben in sich spürt. Vielleicht durften die Filmemacher diese Kritik deshalb so plakativ üben, weil der restliche Film voll von – im wahrsten Sinne des Wortes – schlagkräftigen Argumenten war und mit einem überraschenden Twist aufwarten konnte, der das zuvor Gesehene in einem anderen Licht erscheinen lässt. Nun, in einer Hollywood-Filmproduktion kritische Anmerkungen gegenüber dem bestehenden System zu entdecken, entspricht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Seit September 2001 muss man schon gute Augen haben, um die Nadel(stiche) zu sehen. Erfreulich, wenn man sie ausgräbt. Fight Club wäre meines Erachtens nach 2001 nicht gedreht worden – und falls doch, dann sicherlich „kosmetisiert“ und geglättet. Ein anderer Film-Tipp mit einer Reihe von Nadeln ist The Manchurian Candidate aus dem Jahr 1962 (imdb). Vor kurzem hatte ich über den Film gebloggt und meine Empfehlung ausgesprochen. Kommt selten vor, ich weiß. 

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Im Gegensatz zu den oben genannten Beispielen, ist Orwells 1984 ein gutes Beispiel dafür, dass eine Literaturverfilmung ambitioniert sein, aber den Kern des Werkes nicht freilegen kann. Deshalb sei an dieser Stelle der geneigte Leser daran erinnert, dass er dem Buch im Original eine Chance geben soll. Es gilt nicht jedes Wort oder jeden Satz zu verstehen, sondern die eindringliche Sprachmelodie Orwells. Ja, sie klingt hoffnungslos und verzweifelt. Und das ist eigentlich auch schon die Quintessenz des ganzen Buches. Im Mainstream wird das Buch im gleichen Atemzug mit Überwachungsstaat genannt. Doch das ist nur das Resultat einer politischen Bürokratie, die mit Propaganda und Gewalt herrscht und dem Individuum jeglichen eigenständigen Gedanken herausreißen möchte. Wofür das Ganze? Weil das Establishment eine Welt anstrebt, in „der Sieg auf Sieg, Triumph auf Triumph folgt: ein nicht endender Kitzel des Machtnervs“. Klingt das für Sie jetzt zu abstrakt, zu abgehoben? Gut, dann blenden wir von der Literatur ins wahre politische Leben und zitieren Henry Kissinger: „Macht ist das ultimative Aphrodisiakum“. Willkommen, in der Realität.

Huxleys Schöne neue Welt

update: In diesem Artikel werden Huxleys und Orwells Zukunftsszenarien gegenübergestellt: link

Zugegeben, es hat seine Zeit gebraucht, bis ich für Huxleys Klassiker Brave New World aus dem Jahr 1932 bereit war. Das Büchlein über eine Gesellschaft in ferner Zukunft hat mich letzten Endes  in keiner Weise überzeugt. Die Art und Weise, wie Huxley die Zukunft dramatisiert, ist, mit Verlaub, stümperhaft. Gewiss, die »Message« des Buches über eine moderne Kasten-Gesellschaft, die Menschen nach ihrem zukünftigen Tätigkeitsfeld formt und sie mit dem Alkohol-Drogen-Ersatz »Soma« bei Laune hält, hat etwas für sich. Aber der Leser wird sich nie sicher sein können, wie »ernst« es Huxley überhaupt meinte. Ich gehe davon aus, dass sich der Autor einfach nur an einer leichtfüßigen Parodie versuchte. Dass diese Parodie ein ernstzunehmenden Klassiker der Utopieliteratur werden würde, zumeist daherkommend im Tandem mit Orwells exzellent durchdachten Zukunftsdrama 1984, dürfte Huxley vermutlich selber nicht geglaubt haben. But who knows?

Gemein ist beiden Büchern, dass eine zukünftige Elite davon ausgeht, dass die breite Masse »gesteuert« und »gelenkt« werden müsse. Zum Wohle der Welt und – vor allem – der Elite. Diese Ansicht ist nicht neu – vermutlich gibt es sie seit Anbeginn der Zivilisation -, aber die eingesetzten Mittel, um die breite Masse zu lenken, die haben sich mit der Zeit geändert. Gewalt, Angst und Schrecken (Peitsche) sind – wenigstens kurzfristig – die effektivsten Mittel, um eine Mehrheit in Zaum zu halten. Längerfristig wählt die Elite freilich ein System, in dem Propaganda, Materialismus, Idealismus, Modernismus, Süchte bzw. Abhängigkeiten, konditionierte Wahrheiten (Zuckerbrot) für die nötige Stabilität sorgen.

Aldous Huxley, der im imperialen England Ende des 19. Jahrhunderts geboren und im elitären Eton College erzogen wurde, konnte sich unmöglich eine Zivilisation vorstellen, in der niemand mehr Shakespeare lesen würde (by the way: Der Titel ist einem Shakespeare-Stück entnommen). Das ist freilich die Paradoxie des Buches. Weil es für eine Leserschaft geschrieben wurde, die ihren Shakespeare in und auswendig kennt. Und – ich gebe es zu – zu dieser Leserschaft gehöre ich nicht. Ich gehe davon aus, dass es wohl auch seine Zeit brauchen wird, bis ich für den englischen Dichter bereit sein werde. Und wer weiß, wenn ich dann all die vielen Werke Shakespeares in- und auswendig kenne, vielleicht beginnt mir der Huxley Klassiker zu gefallen. Hm. Unwahrscheinlich, but who knows?

Zero Dark Thirty – ein unbeabsichtigtes Meisterwerk, sozusagen.

The Confession/Das Geständnis – ein Film von Costa-Gavras (1970)

Gestern Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty (imdb) gesehen und auch nicht gesehen. Gezwungenermaßen. Weil, wer sich mit konspirativen Machenschaften herumschlägt, der muss sich mit den Propaganda-Arbeiten des Establishments vertraut machen. Mehr will ich jetzt zu diesem Film gar nicht sagen. Empfehlenswert die Filmkritik von Matt Taibi im Magazin Rolling Stones mit dem bezeichnenden Titel ‚Zero Dark Thirty‘ Is Osama bin Laden’s Last Victory Over America (link). Der Film ist natürlich für den Oscar nominiert. Einen Fehler dürften die Juroren aber schon vorab gemacht haben. Zero Dark Thirty sollte eigentlich in der Kategorie Best Writing (Screenplay Based on Material Previously Produced or Published) gelistet sein. Bigelow hat nämlich George Orwells Novelle 1984 für die Leinwand mustergültig adaptiert, interpretiert und den Inhalt in die Gegenwart verlegt. Dahingehend ist Zero Dark Thirty ein Meisterwerk. Wenngleich unbeabsichtigt. Aber das kommt hin und wieder vor. Die Rolle von Emmanuel Goldstein übernahm übrigens Osama bin Laden, der von der Academy wider erwarten nicht für die beste Nebenrolle nominiert wurde. Schade.

Wer sich ernsthaft für die geopolitische Welt da draußen interessiert, dem empfehle ich die Werke von Regisseur Costa-Gavras: L’aveu (Das Geständnis/The Confession, 1970) zeigt, wie Folter wirklich funktioniert und was es mit Menschen macht. Z – Anatomie eines politischen Mordes (1969) erzählt akkurat die Hintergründe eines (tatsächlich stattgefundenen) Militärputsches in Griechenland in den 1960ern (im Film wird der Staat freilich nicht genannt). Die Filme Der unsichtbare Aufstand (1972) und Vermisst (1982) zeigen die (tatsächlich stattgefundenen) amerikanischen Interventionen in Bolivien und Chile. Nichts für schwache Nerven.