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Ein Schauprozess in Boston, anno 2015

Es gab mal eine Zeit, da war das Töten mit Bomben juristisch legal
Es gab mal eine Zeit, da war das Töten mit Bomben juristisch legal.

Sie kennen vermutlich die Hintergrundgeschichte, oder? Es war im September 2013 als ein tschetschenisches Brüderpaar, welches in den USA lebte, eine selbst hergestellte Druckkochtopf-Splitterbombe in den Ankunftsbereich des Boston Marathons brachte und dort zündete. Die Auswirkungen der Explosion wurden fotografisch festgehalten – und auch wenn ich kein Forensiker oder Gerichtsmediziner bin, die Fotos der Opfer wirken, nun, surreal, nicht authentisch, vielleicht sogar inszeniert. Das kann ich natürlich nicht beweisen. Es ist nur ein Bauchgefühl. Sehen Sie, eine Splitterbombe in der Menge zu zünden, das ist eine hochgradig blutige, verheerende Angelegenheit. Schauen Sie sich doch den Dokumentarfilm über den (mit vielen Fragezeichen versehenen) Anschlag beim Münchner Oktoberfest im September 1980 an und hören Sie, was die damaligen (zum Teil schwer verletzten) Überlebenden zu sagen haben. Da stellt es Ihre Nackenhaare auf. Keiner dieser bedauernswerten Menschen wäre auf die Idee gekommen, bereits nach wenigen Wochen seine „Genesung“ vor Publikum zu feiern. Das war ein traumatisches Erlebnis. Und noch Jahrzehnte später merkt man bei diesen Menschen die seelischen und körperlichen Nachwirkungen. Die ungeschönten Fotos, die kurz nach dem Anschlag in München gemacht wurden, zeugen vom Chaos, zeigen Leichen und Leichenteile, kurz, sie scheinen mir authentisch, lebensnah, lebensecht. Die Fotos aus Boston hingegen, sie wirken, wie bereits angedeutet, wie eine Hollywood-Probeaufnahme.

Zurück zu Dzhokhar Tsarnaev, der in einem Feuergefecht mit der Polizei schwer verletzt wurde, aber – im Gegensatz zu seinem älteren Bruder – überlebte und vor Gericht gestellt werden konnte. Dort plädierte seine Anwältin auf „schuldig“. Yep. Obwohl die vorgelegten Beweise des FBI das Gegenteil bezeugen. Gesucht wurde nämlich ein Mann mit einem schwarzen, schwer beladenen und ausgebeulten Rucksack (so ein Druckkochtopf, angefüllt bis zum Deckel, ist ja nicht gerade federleicht). Die vom FBI als Beweis vorgelegten Fotos einer Überwachungskamera zeigen aber den jungen Tsarnaev mit einem weißen, nicht ausgebeulten Rucksack, den er lässig über eine Schulter hängen lässt. Hm. Wie passt das jetzt zusammen? Die Verteidigung hat diesen Widerspruch ignoriert. Das Gericht genauso. Beinahe bin ich versucht zu sagen, dass wir es hier mit einem Schauprozess zu tun zu haben – da spielen Beweise und Zeugenaussagen keine Rolle und das Urteil steht bereits vor Beginn des Prozesses fest.

Auf die Sache hingewiesen hat ein amerikanischer Rechtsanwalt, der die Tante des jungen Tsarnaev in den USA vertritt. Diese Tante ist eine ausgebildete Juristin (man möchte es nicht glauben, aber auch in Tschetschenien gibt es Universitäten) und ist Magister der Rechte, verliehen durch die kanadische Universität in Manitoba. Man kann also mit gutem Recht behaupten, dass diese Dame nicht auf den juristischen Kopf gefallen ist. Sie hat sich die Beweislage angesehen und dabei, genauso wie ihr amerikanischer Kollege, diesen Widerspruch festgestellt. In einer eidesstattlichen Erklärung (Affidavit) bezeugt sie, dass ein amerikanisches Rechtsanwaltsteam, das mit der Verteidigung des jungen Tsarnaev betraut war, bei einem Gespräch mit seinen Eltern sagten, dass die Kanzlei zwar wüsste, dass der Angeklagte unschuldig sei, aber die amerikanischen Behörden enormen Druck ausübten, um den Prozess weiterzuführen:

Charlene the independent investigator stated flatly that the federal public defender’s office in Boston knew that Dzhokhar was not guilty as charged, and that their office was under enormous pressure from law enforcement agencies and high levels of the government of the United States not to resist conviction.

Sie können den Sachverhalt samt Affidavit im Detail hier nachlesen: Paul Craig Roberts – FBI Evidence Proves Innocence of Accused Boston Marathon Bomber Dzhokhar Tsarnaev

Eine äußerst detaillierte Auseinandersetzung rund um den Anschlag – samt zahlreicher Fotos – finden Sie auf der Seite des von mir hochgeschätzten Dave McGowan.

Italienische Befindlichkeiten, anno 2013

Italia FlaggeEine mir gut bekannte Freundin – nennen wir sie Lena M. oder kurz LM, die immer wieder für längere Zeit in Italien lebt und in enger Verbindung mit einer deutsch-italienischen Familie steht, antwortete mir auf die Frage, wie es denn um Italien 2013 so bestellt ist. Ich wollte wissen, was sich – pardon – am Bodensatz des Landes tut. Mainstream und Internet-Apokalyptiker sind für gewöhnlich keine Hilfe, um Licht ins Dunkel zu bringen. LMs Ansichten sind freilich nicht der letzten Weisheit Schluss. Es sind Impressionen, persönliche Eindrücke. Subjektiv durch und durch. Vergessen wir aber an dieser Stelle nicht, dass es Objektivität de facto nicht geben kann, auch wenn es Chefredakteure mancher Qualitätsblätter anders sehen wollen. In den launigen Worten des Wiener Biophysikers und Biokynetikers Prof. Heinz von Foerster hört sich das dann so an:

Die ganze Idee der Objektivität halte ich für einen stumbling-block eine Fußfalle, einen semantischen Trick, um die Sprecher und die Hörer und die gesamte Diskussion zu verwirren, von Anfang an. Denn die Objektivität verlangt ja, soweit ich die Helmholtzsche Formulierung verstehe, den locus observandi. Dort muss der Beobachter alle seine persönlichen Eigenschaften abstreifen und muss ganz objektiv locus observandi!  sehen, wie es ist. Und diese Annahme enthält schon fürchterliche Fehler. Denn wenn der Beobachter alle seine Eigenschaften abstreift, nämlich die Sprache – Griechisch, Lateinisch, Turkisch, was immer -, wenn er seine kulturellen Brillen weglegt und damit blind und stumm ist, dann kann er ja nicht ein Beobachter sein, und er kann auch uberhaupt nichts erzählen. Die Voraussetzungen seines Erzählens sind weggenommen. Auf den locus observandi hinaufzusteigen, heißt: Lege alle deine persönlichen Eigenschaften ab, inklusive des Sehens, inklusive des Sprechens, inklusive der Kultur, inklusive der Kinderstube, und jetzt berichte uns etwas. Na, was soll der berichten? Das kann der ja nicht.

entnommen: ›Im Goldenen Hecht. Über Konstruktivismus und Geschichte. Ein Gespräch zwischen Heinz von Foerster, Albert Müller und Karl H. Müller‹, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 8/1997/1, S. 130f., link zum Artikel

Warum ich überhaupt LM. die Frage nach der gegenwärtigen Befindlichkeit in Italien stellte, hat damit zu tun, dass Dirigent Riccardo Muti während einer Opernaufführung in Rom zu Verdis Nabucco eine kurze ›Rede zur Nation‹ hielt und vom italienischen Publikum mit Standing Ovations bedacht wurde. Ich wollte wissen, wie schlimm es wirklich ist. Hier nun der kurze, aber knackige gedankliche Ausflug über die Zustände in Italien anno 2013, gesehen durch die Brille von LM:

Buon giorno, Richard

Was mir tatsächlich auffällt, ist, dass mehr als früher Häuser zum Verkauf stehen oder dringend Mieter gesucht werden. In Palermo sind extrem viele Leute zum Geld-schnorren unterwegs, nächste Woche bin ich in Rom, da wird das auch nicht anders zu erwarten sein.

Wie die gesamte Lage ist, ist schwer einzuschätzen, Du musst bedenken, dass Italiener schon mehr ›DRAMA-Kings und Queens‹ sind als wir, deshalb singen sich die Opern auch so schön in italienischer Sprache 😉

Wegen eines Hochgeschwindigkeitszuges kommt es in Rom vor den Ministerien zu einem Aufstand, dass du denkst, der Krieg bricht jede Sekunde aus. Das schaukelt sich in die Höhe und alle sind dabei. Später kann man die Geschichte ja wieder umschreiben 😉

Ich denke, so schlimm kann die Lage der Nation noch nicht sein, wenn immer noch ein Viertel der gekauften Lebensmittel im Müll landet.

Großes Gejammere löste auch die IMU auf Eigentum aus (Immobiliensteuer, so was wie bei uns die seit Ewigkeit existierende Grundsteuer, die ja auch jährlich zu zahlen ist, wie mich erst kürzlich mein Herr Großvater aufklärte). Deshalb die vielen Verkäufe von Eigentum).

Es wird viel gejammert rundherum. Am meisten jammern die, die 10 Hütten von irgendwo ›zusammengeerbt‹ haben und diese  – ›steuerneutral‹ versteht sich – über Jahre vermietet haben, wovon die ganze Verwandtschaft gut gelebt hat. Jetzt gibt es halt Einbußen, weil der Tourist nicht gerne kommt, wenn sich neben seinem Häuschen der Müll stapelt und der ganze Mist in der Erde und im Meer und letztlich in ihm selber landet. Gutes Service und Leute, die wenigstens Englisch sprechen wären natürlich
auch kein Fehler … aber der Tourist soll gefälligst italienisch lernen, wo kommen wir denn sonst hin?

Im September machen hier, im Süden Italiens, die Läden die Schotten dicht, da kannst du nicht mehr erwarten, dass das Restaurant am Strand wegen so ein paar Deutschen aufsperrt. Sollten die doch auch im August kommen, wenn Halligalli ist. Aber jetzt: Aus. Schluss. Winter. War eine scheiß Saison!

Ein Herr Muti, der privilegiert ist und gänzlich in anderen Sphären (und im Norden) lebt, mag erschüttert sein über die – überraschende? – Situation: Arbeitslosigkeit, Schulden, Misswirtschaft, Mafia, Politiker, die sich benehmen wie Könige, Korruption, schlechte Infrastruktur …

Aber was ist daran neu und ist die Schuld der schön inszenierten Bankenkrise? Das wage ich zu bezweifeln, aber irgendwer muss ja den schwarzen Peter zugeschoben kriegen. Berlusconi kriegt den nur im Ausland, im Inland hat er viele Fans, weil er die IMU wieder abschaffen will, die Monti eingeführt hat. Wusstest Du, dass Berlusconi Angela Merkel eine culona inchiavabile genannt hat? (= ›eine nicht zu Fi**ende mit einem großen Arsch‹ – in der Vanity Fair Nr. 40 vom 9 Oktober 2013) –  Ja, das ist ein feiner Herr. Seine bezahlten Damen sind ja bekanntermaßen minderjährig und haben sicher ein süßes Hinterteil. Soviel zum Frauenbild der Nation, das ist die Tragödie, aber anderes Thema, sonst höre ich nicht mehr auf … Anmerkung am Rande: Dass es in der Kirche Missbrauch gibt usw. wird in Italien totgeschwiegen, das siehst du nur im deutschen Fernsehen. Wär auch eine gute Geschichte im katholischen Italien.

Das Volk lässt sich ja mit einfachen Mitteln gerne hinters Licht führen. Wir erheben die Mutterschaft zum einzig wahren Glück im Leben und dann halten die Schlampen wieder die Fresse und kochen Pasta. Und BASTA. Gut, wie war Deine Frage? Die Lage der Nation … ich würde sagen, die Kinder werden immer dicker. Hat Muti das auch erwähnt?

Tanti saluti

Eine kleine Anmerkung von meiner Seite ist der Umstand, dass ein Berlusconi, ein Monti, eine Merkel, allesamt nur Handlanger einer kleiner Clique sind, die alle Register zieht. Am ehesten könnte man ›hohe Politik‹ mit dem damaligen Catchen (moderner: Wrestling) am Heumarkt vergleichen. Alles nur Show. Gut gemacht, freilich, aber am Ende des Tages holen sich die Catcher ihren verdienten Lohn ab, gehen nach Hause und hoffen, auch am nächsten Tag wieder in den Ring steigen zu dürfen.