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Brechen wir eine Lanze für den Frauenfussball #WM2019

Jetzt, wo die FIFA Frauenfußballweltmeisterschaft in Frankreich in die K.O.-Phase übergegangen ist, dürfte die Zeit reif sein, eine Lanze für den Sport zu brechen. Es war das Achtelfinalspiel zwischen Norwegen und Australien, das mich schlussendlich dazu veranlasst hat, die Lanze zwischen den Arm zu klemmen und anzureiten. Als schreibender Ritter voller Gnaden ist es mir ein Anliegen, das schwache Geschlecht zu verteidigen. Falls Sie mir jetzt einen bösen Blick zuwerfen, von wegen ’schwach‘, dann verweise ich auf die Ausschüsse der Torfrauen bei dieser Weltmeisterschaft und Sie werden bemerken, verglichen mit ihren männlichen Kollegen, dass es Unterschiede gibt. Aber ist es wirklich so schlimm, auf physiologische Unterschiede hinzuweisen und sie nicht, wie es leider oft in den Medien gemacht wird, unter den Rasen zu kehren? Es ist wie es ist. Punktum. Konzentrieren wir uns besser auf das Wesentliche.

Hier die teilnehmenden Nationalmannschaften der diesjährigen WM – von Argentinien bis Thailand. Und hier meine Gedanken zur dramatischen Frauenfußball-WM 2011 in Deutschland.

Also, warum gucken wir Fußball? Geht es darum, den perfekten Spielaufbau, die begnadetsten Dribblanskis oder die augenbetörendsten Flanken zu sehen? Nicht wirklich. Es geht um das Spiel an sich, um das Hin und Her, um das Biegen und das Brechen. Kurzum, es geht um die Dramatik. Als der Höhepunkt des perfekten Fußballs in Barcelona zelebriert wurde, winkte ich ab und verzichtete darauf, diesem Tiki-Taka-Herumgeschiebe ganze 90 Minuten zusehen zu müssen. Auch wenn die Leistung der Spanier unter Trainer Pep Guardiola sicherlich sehr beeindruckend war, die Technik, die Taktik, die Ballbeherrschung, das Pressing, alles war nahezu in Perfektion auf den Rasen gebracht worden – und doch fehlte dem Ganzen die Würze, vielleicht sogar die Seele des (Fußball)Spiels.

Das diesjährige Championsleague-Finale zwischen Liverpool und Tottenham – auf dem Papier war es die Spitze des europäischen Profifußballs – packte mich nicht. Ich döste vor mich hin. Weil das Feuer fehlte und die Bereitschaft Tottenhams, die Brechstange auszupacken und „Hollywood“ zu spielen, einfach nicht vorhanden war und Liverpool – ganz untypisch unter Trainer Klopp – den Vorsprung verwaltete. So plätscherte das Spiel dahin, ja, es war einfach nur zum Gähnen. Wechseln wir nun zum zuvor erwähnten Duell zwischen Australien vs. Norwegen. K.O.-Phase. Beide Mannschaften wollten es wissen, man spürte es, ja, man konnte sehen, wie beide Teams das gegnerische Tore suchten. Selten wurde abgewartet, selten quer, oftmals tief gespielt. Dadurch, dass es den Spielerinnen an technischer Perfektion fehlte, wurden viele Fehler gemacht, die dem Ganzen eine Unberechenbarkeit gaben, die man im heutigen Profifußball nur noch selten sieht – und wenn die „Aussetzer“ tatsächlich einmal geschehen, sind sie Gesprächsstoff für viele Stammtische (beispielsweise hatte im CL-Finale 2018 der Torhüter von Liverpool zwei famose Blackouts).

Das Achtelfinalspiel zwischen Australien und Norwegen hatte alles, was das Fußballerherz höher schlagen lässt: früher Führungstreffer, später Ausgleich, Stangen- und Lattenschüsse, Verlängerung, Aufopferung bis zum letzten Wadenkrampf, Torraub und rote Karte, Elfmeterschießen und ungehemmter Siegestaumel.

Ja, das ist es, was wir sehen wollen. Während der Männerfußball bereits in eine Zweiklassengesellschaft zerbrochen ist: da die CL-Platzhirschen mit ihren Trillionenbudgets, dort die Underdogs, die sich mit Müh und Not über Wasser halten können. Ausnahmen bestätigen hier nur die Regel, wie beispielsweise das junge Team von Ajax Amsterdam, das in dieser CL-Saison einen erfrischenden Angriffsfußball mit großem Erfolg spielte und nur mit Pech nicht ins Finale kam. Wir können davon ausgehen, dass nun ein Ausverkauf der Spieler stattfinden wird und in der nächsten CL-Saison die Rangordnung wieder hergestellt ist.

Während also der Männerfußball nur noch selten überraschen kann, zeigt der Frauenfußball, welch Potenzial in diesem Sport steckt. Vielleicht war es in den Anfängen nicht unähnlich, damals, als sich der männliche Körper und sein Geist langsam, aber zielstrebig weiterentwickelte. Vom Angriffsfußball zur WM-Aufstellung und zum Catenaccio und wieder zurück. Die Fußballkinder wurden in der Straße groß, man spielte für ein Butterbrot und träumte von einem Paar richtiger lederner Fußballschuhe. Bald rückte das Training in den Vordergrund. Der Amateur wurde zum Halbprofi, dann zum Profi und schließlich zum Geschäftsmann, der seine Zukunft abzusichern hatte. Fußball wurde populär, weil die Burschen den Anreiz in die Wiege gelegt bekamen und zu Helden avancieren konnten – egal aus welcher Schicht einer stammte, egal mit welchem IQ einer gesegnet war. Heute zählt der Frauenfußball in den USA bereits zum Volkssport, weshalb es nicht wundert, wenn die Nationalmannschaft Sieg um Sieg einfährt und dadurch noch mehr Mädchen anzieht. Je größer der Pool, aus dem gefischt werden kann, umso besser für den Sport, der nach Talenten giert.

Noch ist der Frauenfußball recht unbefangen, sozusagen jungfräulich unbefleckt, der Erfolg heiligt nicht alle defensiv-taktischen Mittel, die zu einem veritablen Schnarchnasenkick führen. Einen Schwalbenkönig wie Arjen Robben, der Spiele auf die ungerechteste Art und Weise entscheiden kann, gibt es gottlob nicht (vielleicht auch dank des virtuellen Schiedsrichterassistenten VAR), brutales Einsteigen nur dann, wenn die Nerven aufs Äußerste gespannt sind; überhaupt wird das Spiel der Damen fair geführt, was dem Spielfluss sehr zugute kommt und es geschieht wahrlich selten, dass die Gefoulte lamentiert. Ganz anders der Männerfußball. Was vermutlich dem generell harten Einsteigen der Mannsbilder geschuldet ist, die oftmals keine Gefangenen machen möchten. Die Fußballerinnen wirken auf mich, als würden sie nicht mit vollem Risiko in die Zweikämpfe gehen. Gut möglich, dass sich das einmal ändern wird, je mehr sie trainiert, besser: gedrillt, werden. Schlag nach beim Militärdienst.

Ja, Frauenfußball tritt langsam aus dem Schatten ihres großen Bruders. Ich denke, dass der Sport in den nächsten Generationen zum Mainstream gehören wird. Familien können sicher sein, im Stadion eine angenehme Zeit zu verbringen, ohne von Hooligans bedrängt oder von besoffenen Randalierern belästigt zu werden. Das Budget der Klubs ist noch verhältnismäßig bescheiden, aber auch das wird sich bestimmt ändern, je populärer der ganze Zirkus wird. Es bleibt zu hoffen, dass der Sport von (erfolglosen) Ex-Männleins verschont bleibt – frei nach dem Motto: heute ein erfolgloser Provinzfußballer, morgen eine erfolgreiche SpitzenfußballerIN – Hormontherapie hin oder her.

Wie erfrischend und anders der Frauenfußball sein kann, zeigte das Spiel England vs. Kamerun. Die Afrikanerinnen fühlten sich durch Schiedsrichterentscheidungen ungerecht behandelt und waren für eine kurze Zeit nicht zum Weiterspielen bereit. Erst das gute Zureden ihrer Kapitänin und des Trainers brachte die Revolte zum Erliegen. Man musste schon Mitleid haben, mit den Spielerinnen aus Kamerun, die dem englischen Goliath beherzt die Stirn boten, aber am Ende unglücklich – zugegeben, auch tollpatschig – den Ball aus dem eigenen Tor holen mussten. Wäre den Afrikanerinnen der Anschlusstreffer gelungen, sie hätten ein emotionales Feuerwerk auf dem Rasen gezündet, das wohl heute noch brennen würde. Aber es sollte nicht sein. Schad drum.

Übrigens, wenn Sie meinen, in der Abwehr von Kamerun würden nur „g’standene Madln“ spielen, dann haben Sie noch nicht Estelle Johnson gesehen. Die gebürtige Amerikanerin mit afrikanischen Wurzeln hat mehr Ähnlichkeiten mit einem Model als mit einer Abwehrspielerin – und trotzdem steht sie ihre Frau im Abwehrzentrum. Respekt.

Frauenfußball ist durchaus schön zum Anschauen. Selbstverständlich soll es das auch. Die Brasilianerin Marta trug dem Rechnung und Lippenstift im Spiel gegen Französinnen, die gleich im Pyjama aufgelaufen sind. Süß. Apropos Fußballdressen. Der Ausstatter Nike versteht es, die Damen passend einzukleiden, während andere Textilschneider keinen Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Anatomie machen. So liefen und laufen die Norwegerinnen und Australierinnen mit übergroßen Zeltplanen auf und der grässliche Farbverlauf des norwegischen oder die abstrakte Kunst des australischen Trikots lässt einen an Augenkrebs denken. Das haben die Damen und vor allem die Zuschauer nicht verdient. Da lobe ich mir beispielsweise das englische „weiße Ballett“ – simpel, eng anliegend, ein wenig tailliert, kurz, knapp und damit ein Hingucker. Ob die Trikots der 1970er Jahre ein Revival feiern, wäre beinahe wünschenswert. Das war jene Epoche als die Fußballer mit zwei Nummern zu kleinen Shirts aufliefen. Vor allem bei den schlaksigen langen Brasilianern wirkte das Ganze ein wenig befremdlich. Aber so war das, damals, in einer Epoche, als WM-Spiele und WM-Siege mit politischen Tricks erzwungen werden konnten. Don’t cry for me Argentina, sozusagen.

Lange Haare sind noch nicht gänzlich den sportlich kurzen gewichen. So freue ich mich wie ein kleiner Junge, wenn bei einem Sprint oder Kopfball die Zöpfe der Spielerinnen fliegen. Haarvergehen konnte ich bis dato keines ausmachen. Im Gegensatz dazu erinnere ich mich an Peter Crouch, der sich am langen Rasta-Zopf eines Verteidigers von Trinidad & Tobago zum Kopfball förmlich hochzog und so das Tor machte. Ich hoffe, dem guten Crouch ist das noch heute unangenehm.

Tätowierungen, die den Körper regelrecht entstellen, sozusagen verhässlichen – im Männerfußball lange Zeit im Trend, dank eines David Backham – sind bei den Frauen noch selten anzutreffen. Ich hoffe, das bleibt so. Die Spanierin Maria Leon dürfte das sicherlich anders sehen, aber als Verteidigerin muss man vermutlich zeigen, wie tough frau sein kann. Nebenbei hatte sie im Spiel gegen die USA ihr Shirt in der Hose – hatte ich bis dato bei keiner Spielerin sonst gesehen. Glück hat es ihr und ihren Kolleginnen freilich nicht gebracht. Mit 1:2 ausgeschieden – aber ordentlich dagegen gehalten.

Also, noch ist die Frauenfußball-WM im vollen Gange, noch kann man(n) sich davon überzeugen, dass es keinen Unterschied macht, welche Gene auf dem Rasen den Ball treten, will man Spannung und Dramatik, Leidenschaft und Emotion erleben. Während sich die Fußballspiele der Männer oftmals im höchstmöglichen Mittelmaß auspendeln, schlagen die Damen nach oben und unten extrem aus. Das eine Mal werden lange Flanken geschlagen und der Ball perfekt angenommen, das andere Mal verhungert ein Schuss auf halbem Wege zum Tor und man könnte meinen, der 9-jährige Neffe hätte mehr Schmalz in den Schenkeln. Da werden Konter mustergültig im Sprint absolviert nur um beim Abschluss völlig zu schwächeln. Licht und Schatten wechseln sich ab. Apropos. Torhüterinnen haben es sicherlich am schwersten – während ihre männlichen Kollegen das Gehirn ausschalten und sich mit vollem Risiko gegen eine Menschenmauer werfen, agieren die Damen zögerlich, zaghaft und vielleicht sogar verängstigt. Verständlich, ich wollte früher auch nie ins Tor, hatte Bammel vor scharfen Schüssen („Bitte net anrauchen, ja?“) und weil ich eine Brille trug, war das eine gute Ausrede. Aber – wie gesagt – mit Training und Drill wird man die Damen vielleicht auch zu tollwütigen Torhütermaschinen machen können. Ob das gewünscht ist, sei dahingestellt. Je größer der Gewinn, desto höher die Bereitschaft, Risiko zu nehmen. Das liegt in der Natur der zivilisatorischen Sache.

Am Ende meiner Lanzenstecherei zitiere ich den französischen Autor Sacy, der über das alte Rittertum und deren Abstieg in die Bedeutungslosigkeit befand. Der Vergleich mit dem Fußballsport mag an den langen Haaren herbeigezogen sein und ein wenig krampfhaft wirken, aber die Wahrheit ist bekanntlich so weiß wie die Trikots der englischen Nationalmannschaft und liegt auf dem Platz:

„So lange ein Lorbeerkranz der Lohn der Tapferkeit war, hatte Rom Helden: sobald man ihr aber Statthalterschaften und Reichtümer versprach, fand Rom nichts als gemeine Krieger, die ihre Dienste immer nach ihrem Solde abmaßen, und sie zuweilen wohl noch in geringerem Maße leisteten.“

WM 2018: Ausblick auf das Viertelfinale

Meine weltmeisterliche Reise nach Russland ließ es nicht zu, über die Achtelfinalspiele zu bloggen – eine hübsche Zusammenfassung gibt es hier zu sehen: FIFA-Videoclip. Einerseits hatte ich keinen ständigen Internetzugang, zum anderen war ich gerade auf der Rückreise, als Brasilien und Belgien ihren Viertelfinaleinzug erspielten. Das Spiel der Kroaten gegen überraschend starke Dänen durfte ich dafür leibhaftig im Stadion von Nischni Novgorod verfolgen, das Russlandspiel gegen Spanien, Stunden zuvor, im Restaurantbereich eines Einkaufszentrums. Der Jubel der anwesenden russischen Fans war schon gewaltig.

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EM 2016: Spieltag 16 – Achtelfinale

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Spieltag 16 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Achtelfinale

ITALIEN : SPANIEN 2:0
ENGLAND : ISLAND 1:2

Hola! Das war mal ein Spieltag ganz nach meinem Geschmack. Faszinierend, dass die beiden Favoriten in den zwei Achtelfinalspielen – Spanien und England – auf eine ähnliche blamable Art und Weise in die Niederlage trabten. Beide Mannschaften wirkten müde, träge, unkonzentriert – im Vergleich dazu zeigten ihre Gegner einen unbändigen Kampfeswillen, der wiederum enorme Kräfte frei werden ließ. Ja, diese Spannkraft ist es, die über Sieg und Niederlage eines Spiels, vielleicht sogar des Turniers, entscheidet. Spielstarke Mannschaften, die nicht in der Lage sind, sich gegen einen motivierten und auf den Punkt angespannten Gegner aufzubäumen und dagegenzuhalten, brechen auseinander. Für die Experten im britischen TV – Ian Wright, Lee Dixon und Peter Crouch – war das Spiel der englischen Mannschaft beschämend, blamabel, einfach nur peinlich (›embarassing‹) und die Spieler selbst einfach nur starr vor Angst (›petrified‹). Immer wieder mokierten sie sich über (den nun zurückgetretenen) Trainer Roy Hodgson, der noch in den letzten Freundschaftsspielen vor der Endrunde der Europameisterschaft mit neuen Systemen und Taktikvorgaben die Spieler verunsicherte. Peter Crouch meinte, dass die englischen Spieler – professionelle Fußballer der teuersten Liga – mit dem Druck nicht hätten umgehen können. Auf BBC stellte Alan Shearer fest, dass Trainer Hodgson – freundlich formuliert – keinen Plan hatte, die Liste seiner Fehler lang seien und es hoffnungslos (mit ihm) wäre.

Wahrlich, die Engländer enttäuschten auf ganzer Linie. Die Isländer hingegen, sie blühten förmlich auf, ja, sie dominierten das Spiel. Der Ausgleich – nur wenige Minuten nach dem Führungstreffer der Engländer – war eine Kopie jenes Treffers, den die Österreicher im letzten Gruppenspiel hinnehmen mussten: Weiter Einwurf in den Strafraum, Kopfballverlängerung und ein Isländer, der den Ball über die Linie drückte. Das zweite und entscheidende Tor war eine wunderbar gespielte one-touche-Kombination am Strafraum mit gefühlvollem Abschluss. Joe Hart und seine Vorderleute sahen bei diesem Gegentreffer äußerst schlecht aus. Der vermeintliche Underdog spielt nun im Viertelfinale gegen Frankreich. Schätze, die Franzosen werden sich warm anziehen müssen.

Für die Engländer beginnt nun ein weiteres Mal die Suche nach einem Trainer, der in der Lage ist, aus einem ungeschliffenen Diamanten ein siegreiches Kunstwerk zu machen. Hodgson formte jedenfalls in den letzten Jahren kein Team, keine Mannschaft – er stellte vielmehr die hochkarätigsten Spieler auf den Platz, zwängte Wayne Rooney in eine neue Position und hoffte, dass deren Qualität allein ausreichen würde, um zu bestehen. Die überragende Bilanz in der EM-Qualifikation (alle Spiele gewonnen!) täuschte Mann und Maus – und so marschierten 23 Einzelspieler mit von Stolz geschwellter Brust ins Turnier und schließlich ins fußballerische Verderben. Gegen die eingeschworene, hoch motivierte und mit einem gameplan ausgestattete Mannschaft aus dem hohen Norden setzte es für die Engländern eine fürchterliche Schlappe, deren Nachwirkung sicherlich noch Jahre später zu spüren sein wird. Kurz, das Waterloo Färöer der Three Lions.

Die Spanier sind in einer ähnlich unangenehmen Lage wie die Engländer. Sie haben ausgezeichnete Spieler, die ihre Brötchen in den besten Ligen verdienen und trotzdem verpuffte dieser spielerische Vorteil in den letzten beiden Fußballturnieren. Die goldene Generation rund um Puyol, Xavi, Iniesta, Alonso, Torres und Villa hat in der Vergangenheit alle Titel geholt, die sie nur holen konnte. Aber die Zeit bleibt nicht stehen und die goldene Generation verblasst langsam vor unser aller Augen. Es wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als einen Kahlschlag zu machen und von vorne zu beginnen. Halbherzige Lösungen – wir Österreicher wissen es am besten – wirken zwar kurzfristig, aber auf lange Sicht gesehen führen sie geradewegs ins Desaster.

Das gestrige Spiel der italienischen Mannschaft hat wiederum gezeigt, was ein ambitionierter und mutiger Trainer aus Spielern jeden Alters herausholen kann. Was die Azzurri in den letzten Begegnungen zeigten, war herzerfrischender Fußball. Es ist eine Freude, diesen Spielern beim Rackern und Kämpfen, beim Schießen und Stochern, beim Laufen und Stoppen, beim Jubeln und Jauchzen zuzuschauen. Gestern überraschten sie alle Welt mit einem druckvollen Angriffsspiel. Die Spanier – zu behäbig und viel zu vorsichtig – wussten sich über das ganze Spiel nicht zu helfen und erst in der letzten Viertelstunde – als die Kondition und Konzentration der Italiener nachließen – kamen sie zu ernsthaften Torchancen. Ein verdienter Sieg der Italiener. Die vorgegebene Taktik dürfte wohl auch gegen Deutschland zur Anwendung kommen – zielt sie darauf ab, das Ballbesitzspiel bereits in der gegnerischen Hälfte mittels Pressing zu stören und bei Ballgewinn mit schnell vorgetragenen Vorstößen die Unordnung in der Hintermannschaft kaltblütig auszunützen. Deutschland, wie wir gesehen haben, spielt immer dann am besten, wenn die Spielmacher und Taktgeber das Mittelfeld beherrschen, die Verteidiger hoch stehen und so ein Kombinationsspiel vor dem gegnerischen Strafraum aufziehen können. Auf den Punkt gebracht: Deutschland spielt spanischer als die Spanier. Trainer Löw wird sich also etwas einfallen lassen müssen, gegen diese erstarkten Italiener, die Blut geleckt haben und damit auf mentaler Ebene den Deutschen überlegen sind. Wenn die Mannschaft einen Gegner im Turnier zu fürchten hat, dann ist es Italien – vielleicht auch das neue Santos-Portugal. Alle anderen sollten sie locker in die Tasche stecken.

Meiner Seel, das wird ein Spiel!

EM 2016: Spieltag 15 – Achtelfinale

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Spieltag 15 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Achtelfinale

FRANKREICH : IRLAND 2:1
DEUTSCHLAND : SLOWAKEI 3:0
UNGARN : BELGIEN 0:4

Sieht man sich die Ergebnisse des 15. Spieltages an, sieht es danach aus, als würden die Favoriten ohne Probleme den Einzug ins Viertelfinale geschafft haben. Aber wie so oft, trügt auch hier der Schein. Frankreich lag bereits Minuten nach Anpfiff mit einem Tor im Rückstand. In der ersten Halbzeit fiel ihnen nicht viel gegen das aggressive Pressing der Iren ein. Erst in der zweiten Halbzeit, als die Kräfte der Iren merklich nachließen, fanden die Franzosen wieder ins Spiel. Der Ausgleich von Antoine Griezmann nach rund einer Stunde und sein Führungstreffer nur Minuten später besiegelten die Niederlage für Irland. Aber man hat wieder gesehen, wie nervös und zerfahren die französischen Spieler agierten, wie schwer sie sich taten, den Spielfluss in Gang zu bringen. Es erinnert bereits ein wenig an die letzte Weltmeisterschaft, als die Equipe nach dem fulminanten Sieg gegen die Schweiz bereits als Geheimfavorit galt um schließlich farb- und ideenlos gegen Deutschland im Viertelfinale auszuscheiden. Noch immer wirkt die Mannschaft von Trainer Deschamps wie ein zusammengewürfelter Haufen starker und nicht so starker Einzelspieler. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich das in den nächsten Spielen ändern wird. Was aber nicht heißen soll, dass ich Überraschungen ausschließe. An glücklichen Tagen schlägt individuelle Klasse, angetrieben von den Fans, jede eingespielte Mannschaft, aber ob das für einen Europameistertitel reicht, wage ich zu bezweifeln.

Ach, die Deutschen. Auch diesmal ergab sich der Gegner und verweigerte jeden Kampf. Deshalb ist es recht schwierig, festzustellen, wo der amtierende Weltmeister zur Zeit steht. Einzig die Polen versuchten im Gruppenspiel einigermaßen dagegenzuhalten und bescherten mit ihrem druckvollen Pressing der deutschen Hintermannschaft das eine oder andere Mal Probleme. Zugegeben, die Slowaken kamen tatsächlich dem Ausgleich kurz nahe, aber man konnte mit freiem Auge sehen, dass sie kein Feuer in sich hatten und nicht gewillt waren, den Bogen zu überspannen. Bereits gegen England haben sie nur den Bus im Strafraum geparkt, um das Remis über die Runden zu bringen. In den 90 Minuten gegen England, in den 90 Minuten gegen Deutschland versuchten sie alles, um einen Gegentreffer zu verhindern und nahmen dabei in Kauf, nicht mehr Fußball zu spielen, sondern nur noch eine Trainingseinheit zu absolvieren. Ehrlich gesagt, für mich ist es unverständlich, wie sich die Spieler solcher Mannschaften in den Spiegel schauen können. Gewiss, die Slowaken waren den Deutschen in allen Belangen unterlegen. So what? Andere, weit schwächere Mannschaften hätten sich aufgebäumt, hätten wenigstens ansatzweise versucht, spielerisch das Unmögliche möglich zu machen – auch wenn sie am Ende vom Platz geschossen werden. Die Iren waren den Franzosen in Sachen individueller Klasse natürlich unterlegen und trotzdem konnten sie eine Stunde lang mitspielen. Erst als Kraft und Konzentration nachließen, die Franzosen Blut leckten, mussten sie klein beigeben. Oder die Ungarn, die frohen Mutes ins offene belgische Messer liefen. Es ist Schade, dass so manche Mannschaft die Strapazen einer Qualifikation auf sich nimmt, nur um dann im Turnier mit dem Fußballspielen aufzuhören. Akzeptieren wir diese Fokussierung auf Ergebnisverwaltung, zerstören wir über kurz oder lang die Seele des Fußballspiels. Man möchte mich hier aber nicht falsch verstehen. Natürlich ist es ein legitimes taktisches Konzept, das Hauptaugenmerk auf die Defensive zu legen, im Besonderen wenn man es mit einer spielstarken Mannschaft zu tun bekommt. Das heißt aber noch lange nicht, dass man gleich ganz auf das Offensivspiel verzichten muss. Bestes Beispiel lieferte die algerische Nationalmannschaft bei der letzten Weltmeisterschaft ab. Sie zeigte gegen Südkorea in der ersten Halbzeit ein Angriffsforioso der Extraklasse. Muss man gesehen haben, um es zu glauben. Gegen den späteren Weltmeister Deutschland legte die »französische B-Nationalmannschaft«ihr Spiel wiederum defensiver an, erkannte aber die Schwäche einer sehr hoch stehenden Abwehrkette und versuchte mit schnell vorgetragem Flügelkonterspiel diese Schwäche auszunutzen. Warum haben es die Slowaken nicht mit einer ähnlichen taktischen Vorgabe versucht?

Die Ungarn haben gezeigt, wie man sich in die Herzen der Fußballfans spielt. Obwohl sie den Belgiern in punkto individueller und spielerischer Klasse hoffnungslos unterlegen waren, jedenfalls auf dem Papier, zeigten sie erfrischenden Angriffsfußball. Erstaunlich, wie unbekümmert sie agierten und immer wieder den Weg nach vorne suchten. Auch wenn das Resultat am Ende sehr klar ausfiel, eine Weile stand das Spiel tatsächlich auf Messers Schneide. Es hätte nicht viel zum Ausgleich gefehlt – was aber nicht heißen soll, dass der Außenseiter das Spiel hätte gewinnen können – jedenfalls nicht wenn Belgien einen Eden Hazard in Überform besitzt; seine Ballbehandlung, seine Technik, seine Sprints, sein Raumgefühl – überragend – dürften jeden Gegenspieler in Ehrfurcht erstarren lassen. Es war eine beeindruckende Galavorstellung, die der kleine Belgier gestern ablieferte. Wales wird im Viertelfinale Hazard aus dem Spiel nehmen müssen, wollen sie eine kleine Chance auf das Halbfinale haben. Ich gehe freilich davon aus, dass auch die Waliser unter die belgischen Räder kommen. Es liegt demnach ein Halbfinale zwischen Portugal und Belgien in der französischen Luft.

EM 2016: Spieltag 14 – Achtelfinale

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Spieltag 14 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Achtelfinale

SCHWEIZ : POLEN 1:1  4:5 i. E.
WALES : NORDIRLAND 1:0
KROATIEN : PORTUGAL 0:1 n. V.

Gähn. Die ersten drei Achtelfinalpartien waren eine äußerst müde Angelegenheit. Fulminante Fußballspiele sehen anders aus. Der vermeintliche Kracher am Abend zwischen Kroatien und Portugal erwies sich als einschläfernder Flop. In den ganzen 120 Minuten gab es sage und schreibe zwei Schüsse, die aufs Tor gingen: in der 116. Minute köpft Peresic an die Stange, im Gegenzug köpft Quaresma ins leere Tor. Mit anderen Worten, 115 Minuten lang wurde nicht Fußball gespielt, sondern Rasenschach betrieben. Obwohl es anfänglich so aussah, als würde Kroatien eine Entscheidung im Spiel suchen, als könne Portugal dem kroatischen Kombinationsspiel nichts entgegensetzen, wurde man bald eines Besseren belehrt. Kroatien agierte vorsichtig und war stets bemüht, weder Ronaldo noch Nani die Räume zu geben. Der Respekt vor Ronaldo war scheinbar zu groß – nach den beiden Toren gegen Ungarn natürlich verständlich. Unverständlich, warum es die Kroaten nicht trotzdem probierten. War es, weil Trainer Fernando Santos den Portugiesen das Defensivspiel beibrachte? Die kroatischen Taktgeber – Modric und Rakitic – wurden jedenfalls vorbildlich aus dem Spiel genommen! Santos, wir dürfen es nicht vergessen, war 4 Jahre lang Trainer der griechischen Nationalmannschaft – dort perfektioniert bekanntlich jeder Trainer seine Baumeisterkunst im Beton anrühren. Im Viertelfinale bekommen es die Portugiesen mit Polen zu tun, die sich gegen die Schweiz im Elfmeterschießen durchsetzen konnten. Auch in diesem Spiel versuchte jede Mannschaft mit kontrollierten Vorstößen ihr Glück. Die Polen waren über lange Strecken die bestimmendere Mannschaft, aber die Schweiz zeigte, dass sie dagegenhalten konnte. Der Ausgleichstreffer Minuten vor dem Schlusspfiff von Xherdan Shaqiri war aus der Rubrik Traumtor. Mit anderen Worten: glücklich. Gottlob sind die biederen Schweizer aus dem Rennen. Mit Schaudern erinnert man sich an ihr mittelalterliches Abwehrbollwerk in den WM-Spielen von 2014 – es hätte nicht viel gefehlt und der spätere Vizeweltmeister Argentinien wäre an der eidgenössischen Zerstörungsarbeit zerschellt. In den letzten 10 Jahren hat sich abgezeichnet, dass eine geordnete Defensivleistung gegen spielstärkere Mannschaften das Maß aller Dinge, wenigstens in einem Turnier, sein kann. Griechenland hat es bei der EM 2004 als erste Mannschaft vorgezeigt, wie man mit einer Betonmauer und glücklichen Toren aus Standardsituationen Europameister werden kann. Die Holländer der WM 2014 haben die Sache sogar noch auf die Spitze getrieben, in dem sie Härte und allerlei untergriffige Tricks dem Zerstörungswerk hinzufügten. Zurück ins Jahr 2016: Ich hoffe inständig, dass in den restlichen Achtelfinalpartien Fußball gespielt wird. Schließlich ist es ja die Fußball- und nicht die Schach-Europameisterschaft, oder?