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EM 2016: Spieltag 10 – Entscheidung Gruppe A

EM-2016-Spieltag10

Spieltag 10 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Entscheidung Gruppe A

SCHWEIZ : FRANKREICH 0:0

Die Zusammenfassung der Begegnung zeigte, dass Frankreich über 90 Minuten die spielbestimmendere Mannschaft war. Zwei Stangenschüsse – davon ein Volley-Hammer von Payet und ein aus dem Fußgelenk geschüttelter Kracher von Pogba – und die eine oder andere gute Abwehr von Torhüter Sommer unterstreichen die französische Dominanz. Frankreich sicherte sich mit diesem Unentschieden den ersten Platz der Gruppe A, gefolgt von der Schweizer Nationalmannschaft auf Platz 2, die im Achtelfinale auf den Zweiten der Gruppe C stößt – so es keine irische oder ukrainische Überraschung gibt, dürfte die Schweiz gegen Polen bzw. Deutschland ihr Spielglück versuchen.

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RUMÄNIEN : ALBANIEN 0:1

Hui, das war ja ein ordentlicher Schlagabtausch. Beide Mannschaften, die in den bisherigen zwei Gruppenspielen mit einer starken Defensivleistung glänzten, mussten diesmal alles auf eine Karte setzen – nur ein Sieg würde den möglichen Aufstieg bedeuten. Waren es anfänglich die Rumänen, die das Spiel kontrollierten, kamen die Albaner immer besser in Schwung. Überhaupt traten die albanischen Spieler selbstbewusster und motivierter auf als ihre rumänischen Gegenspieler. Bewundernswert, wie beide Mannschaften dagegen hielten, wie beide Mannschaften den Weg zum Tor suchten – freilich ohne die Abwehr gänzlich zu entblößen. Die erste Riesenchance vergab der Albaner Ermir Lenjani – wie er es schaffte, aus wenigen Metern den Ball nicht ins, sondern über das leere Tor zu schießen, bleibt ein großes Rätsel. Aber wenn so viel auf dem Spiel steht, mag es nicht verwunderlich sein, wenn  Nerven und Beine flattern. Auf der Gegenseite war es nicht besser. Schlimmer noch, Goalie Ciprian Tatarusanu, der in der italienischen Serie A das Tor des AC Florenz hütet, schätzte eine Flanke Minuten vor dem Pausenpfiff falsch ein und Sadiku köpfte an ihm vorbei ins lange Eck. Die Albaner waren völlig aus dem Häuschen. Der Führungstreffer ließ sie nun befreit aufspielen, ja, sie zeigten sogar die eine oder andere Lässigkeit im Zusammenspiel. Vor allem aber ärgerten sie die Rumänen mit einer überaus disziplinierten Abwehrleistung und mit schnell vorgetragenen Gegenangriffen. Die rumänische Mannschaft konnte in der zweiten Halbzeit nur selten für längere Zeit den nötigen Druck erzeugen – immer wieder verschafften sich die nicht müde werdenden Albaner mit kontrolliertem Angriffsspiel Luft. Aber eine Viertelstunde vor Schluss hätte es dann doch beinahe im Tor der Albaner geklingelt – Andone konnte sich mit einem schönen Dribbling in eine gute Schussposition bringen und hämmerte den Ball an die Latte. Ja, wäre den Rumänen hier der Ausgleich gelungen, das Spiel hätte jeden Tatort an Spannung in die Tasche gesteckt. Nach dieser vergebenen Torchance merkte man, dass die Rumänen nicht mehr an einen Sieg glaubten – auch wenn sie bis zum Schlusspfiff tapfer kämpften.

Die albanische Mannschaft ist ein kleines Fußballwunder. Die Favoriten Frankreich und Schweiz taten sich schwer gegen die disziplinierte Defensivleistung der Albaner – neben Island und Rumänien gehörte sie zum Besten, was diese Europameisterschaft zu bieten hat. Neben Disziplin und Ordnung ist Technik und Zusammenspiel der albanischen Spieler hervorzuheben – alles in allem eine ausgewogene Mannschaft, deren einzige Schwäche die miserable Chancenauswertung ist. Ob am Ende die drei Punkte für den Aufstieg ins Achtelfinale reichen werden, wird sich zeigen. Ich würde es jedenfalls der Mannschaft von Trainer Giovanni De Biasi wünschen, so aufopfernd sie gespielt und dagegengehalten haben.

 

 

EM 2016: Spieltag 6

EM-2016-Spieltag6

Spieltag 6 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

RUSSLAND : SLOWAKEI 1:2

Vielleicht sollten die russischen Spieler ein Schusstraining bei Marek Hamšík absolieren. Während sein erster Schuss knapp neben das Tor strich, schlug sein zweiter ein wie ne Granate. Obwohl seine Schussposition an der linken Straufraumbegrenzungslinie gar nicht sonderlich ideal war, hämmerte er den Ball ins lange Kreuzeck. Muss man gesehen haben. Herrliche Schusstechnik. Etwa eine Viertelstunde früher setzte er Mitspieler Weiss mit einem langen Ball perfekt in Szene. Dass sich dabei die beiden russischen Innenverteidiger wie Schülerligabuben anstellten, zeigt einmal mehr, dass auch Fußballprofis nie gänzlich erwachsen werden. Weiss zirkelte jedenfalls den Ball ins lange Tormanneck. Führungstreffer. Gegen den Spielverlauf. Zwar übten sich die Russen im Verstolpern von Offensivaktionen und Torchancen, trotzdem hatten sie bis dahin mehr vom Spiel. Aber Ballbesitz kauft keinen Europameistertitel – die spanische Ausnahme bestätigt natürlich diese Regel.

In der zweiten Halbzeit – mit zwei Toren im Hintertreffen – versuchten die Russen noch mehr Offensivdrang zu entwickeln. Aber so oft sie auch in den Strafraum an den Ball kamen, irgendwie wirkte der Abschluss stümperhaft. Zwar wirkte die slowakische Abwehr zuweilen nicht gerade sattelfest, aber vor diesen Russen mussten sie sich nicht fürchten. Erst als Glushakov 10 Minuten vor Schluss doch noch der Anschlusstreffer gelang – nicht mit dem Fuß, versteht sich, sondern mit Köpfchen – gerieten die Slowaken ordentlich durcheinander. Mit angezogener Handbremse versuchten sie die Zeit runter zu spielen – ein Konzept, das bereits bei den Engländern ziemlich in die Hose ging. Dass es diesmal doch nicht mehr für den russischen Ausgleich reichte, dürfte am Ende dem schusstechnischen Unvermögen der Sbornaja zu verdanken sein. Ich gehen jetzt mal davon aus, dass sie einfach einen schlechten Tag hatten und im nächsten Spiel, gegen Wales, können sie beweisen, was in ihren Füßen steckt.

Die Slowaken überließen von Beginn an den Russen den Platz und warteten geduldig auf ihre Konterchance. Wie man sieht, ein durchaus praktikables Rezept, vorausgesetzt, man hat einen Hamšík in den eigenen Reihen. Im Großen und Ganzen haben die Slowaken nicht sonderlich überzeugt. Dass sie in der Lage sind, schnelle und flüssige Kombinationen zu spielen, haben sie hin und wieder aufblitzen lassen. Aber zumeist begnügten sie sich mit schnellen Vorstößen, ohne dabei ihr defensives Mittelfeld zu entblößen. Man darf gespannt sein, ob die Engländer in der Lage sein werden, dieses effiziente Konterspiel zu unterbinden. Spannung garantiert.

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RUMÄNIEN : SCHWEIZ 1:1

Den erhofften Schlagabtausch gab es dann doch nicht. Weil beide Mannschaften mit einem Unentschieden ganz gut leben konnten. Dabei hätte eigentlich der VFL Kosovo respektive die Eidgenossen in den ersten zwanzig Minuten alles klar machen können, aber Haris Seferovic vergab recht leichtfertig zwei Großchancen. Ein dummes Textilfoul im Strafraum – Übeltäter der sonst so erfahrene Stephan Lichtsteiner – führte zum Elfmeter und dem überraschenden Führungstreffer für die Rumänen. Alles in allem gefallen mir unsere westlichen Nachbarn recht gut – auch wenn noch nicht alles rund läuft, merkt man doch, dass die Mannschaft ein taktisches Konzept umsetzt. Zusätzlich haben sie auch noch versierte Techniker in ihren Reihen, die durchaus für eine spektakuläre Einzelleistung gut sind (siehe den seitlichen Scherenschlag von Xherdan Shaqiri: damit hätte er Schweizer Fußballgeschichte schreiben können, aber der Ball ging dann doch in die zweite Etage) und konditionell dürften sie keine Probleme haben.

So wie es aussieht, haben die Schweizer nun gute Chancen das Achtelfinale zu erreichen. Freilich, noch ist nichts in Stein gemeißelt, heißt der letzte Gegner doch Frankreich und bei diesem Namen werden in den Schweizer Köpfen mit Sicherheit unangenehme Erinnerungen wachgerufen. Eine erneut hohe Niederlage können sich die Schweizer jedenfalls nicht leisten, falls sie mit einem zweiten Platz liebäugeln, spielen doch die Rumänen ihr Finalspiel gegen Außenseiter Albanien. Spannend bleibt es allemal und das ist ja das Wichtigste, nicht wahr?

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FRANKREICH : ALBANIEN 2:0

Die Franzosen sind die neuen Türken der EM 2008. Auch diesmal konnten sie am letzten Drücker, also in den letzten Minuten der Spielzeit, den Sieg fixieren. Eine Stunde lang war es ein Spiel auf Augenhöhe. Wer hätte das gedacht? Ja, die Albaner kämpften beherzt gegen den recht ideenlos wirkenden Favoriten. Erst die Einwechselung von Pogba und Griezmann in der zweiten Hälfte brachte die Wende gegen immer müder werdende Albaner. Deren laufintensives Spielsystem zerrte an Lungen und Beinen. Aber man muss diese albanische Mannschaft gesehen haben, wie sie rackerte, wie sie lief, wie sie sich die eine oder andere Chance erspielte. Bewundernswert! Der italienische Trainer Gianni de Biasi wusste genau, mit welchem Konzept man spielstarke Teams Paroli bieten würde können. Gegen die Schweizer hatte es knapp nicht gereicht – weil der Ausschluss von Kapitän Lorik Cana durch ein dummes Handspiel nach 37 Minuten alle Pläne zunichte machte – und trotzdem, mit einem Spieler weniger, heizten sie den Schweizern immer wieder gehörig ein. Vielleicht, wer weiß, wäre Trainerfuchs de Biasi genau der Richtige für unser Nationalteam, das oftmals ohne Plan und System agiert. Ist es, weil sich einzelne freigeistige Spieler nicht an taktische Vorgaben halten wollen? Darüber wird an anderer Stelle noch zu schreiben sein. Albanien ist jedenfalls für mich eine ausgesprochen positive Überraschung bei dieser EM und erinnert mich bereits ein wenig an die vom bosnischen Trainer Vahid Halihodzic gecoachte algerische Mannschaft der WM 2014, die seinerzeit der Löw-Truppe die Stirn bieten konnte. Übrigens schrieb ich damals, dass der französische Verband Deschamps feuern und an seiner Stelle Halilhodzic engagieren sollte. Gehört hat mich leider – zum Glück? – niemand.

Die Franzosen haben sich mit dem Sieg nun einen Platz im Achtelfinale gesichert. Das nächste Spiel gegen die Schweiz könnte somit zu einem Trainingsspiel werden. Aber wie oft hat man bei Turnieren gesehen, dass jene Mannschaften, die zuvor ein unwichtiges Match herunterspielten und dabei Schlüsselspieler schonten, nicht mehr in den Realitätsmodus schalten konnten, weil die Spannkraft verloren gegangen ist? Bis jetzt haben die Franzosen jedenfalls zwei glückliche Arbeitssiege gegen defensiv ausgerichtete Teams auf ihrem Konto verbuchen können. Noch weiß aber niemand, ob die Equipe Tricolore auch gegen spielstarke und erfahrene Teams bestehen wird können. Erinnern wir uns an die WM 2012, als bereits so mancher Zuschauer die Franzosen als Geheimtipp auf den Lippen hatte, spielten sie doch in der Gruppenphase einen formidablen Fußball. Im Besonderen beeindruckten die fünf Tore gegen die Eidgenossen. Aber das deutsche Nationalteam zeigte den Franzosen im Viertelfinale die Grenzen auf – sang- und klanglos, ohne jemals wirklich ins Spiel zu kommen, mussten sie sich geschlagen geben. Ist die Mannschaft von Didier Deschamps nun reifer, abgeklärter, spielstärker? Ehrlich gesagt, als ein funktionierendes Team sehe ich sie noch immer nicht. Primär ist es die Qualität der einzelnen Spieler, die je nach Tagesverfassung im Alleingang Spiele entscheiden können. Ob es reicht, ein Turnier zu gewinnen, bezweifle ich. Aber noch haben Les Bleus zumindest zwei Spiele Zeit, um als Mannschaft zusammenzuwachsen. On y va.

 

EM 2016: Spieltag 2

EM-2016-Spieltag2

Spieltag 2 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

ALBANIEN : SCHWEIZ 0:1

Da ist sie also wieder, die schweizer Fußballtruppe, die mit Djourou, Rodriguez, Behrami, Xhaka , Shaqiri, Fernandes, Dzemaili, Mehmedi, Embolo, Seferovic usw. den Inbegriff gelebter Multikultur darstellt. Während der eine Xhaka für die Schweiz aufläuft, spielt der andere für sein Heimatland Albanien. Im Fußball hat der Schmelztiegel längst Einzug gehalten und wir sehen: Wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Hautfarbe und Religion ein gemeinsames Ziel verfolgen, können sie an einem Strang ziehen und die tollsten Leistungen erbringen. Aber am Ende gibt es einen Trainer, der bestimmt, welcher Spieler von Beginn an aufs Feld darf und wer nicht. Abseits des Rasens würden die Sittenwächter längst juristisch-politische Konsequenzen sowie verpflichtende Quotenregelungen fordern, aber im kunterbunt lukrativen Fußballgeschäft funktioniert noch der gesunde Menschenverstand. Weil jedermann davon ausgeht, dass auch der rassistischste Trainer ein Spiel unbedingt gewinnen will und deshalb die besten bzw. leistungsstärksten Spieler – unabhängig von Herkunft und Hautfarbe – nominieren würde. Aber was, wenn ein besorgter Linskhaber und gütlicher Menschenkenner trotz alledem festgestellt haben mag, dass es bei der Aufstellung zu einer Diskriminierung gekommen sei? Kann der Trainer seine (Aus)Wahl objektiv begründen? Definitiv nicht. Hat der Fußball demnach in den westlichen Kulturnationen überhaupt noch eine Zukunft? Sieht nicht so aus. Auf der anderen Seite kann das kleine, friedliche und homogene Island unbesorgt in die fußballerische Zukunft sehen. Die größte Vulkaninsel der Welt zieht nämlich keine Fußballer-Eltern aus anderen Erdteilen an. Warum das so ist, kann ich Ihnen freilich nicht sagen.

Kommen wir zum Fußball zurück. Die Schweizer, wie gewohnt, zogen das Spiel in die Breite. Sie versuchten damit an Sicherheit zu gewinnen und gleichzeitig die Albaner ins Leere laufen zu lassen. Das ist natürlich nicht zum Anschauen, diese Querpässe in der eigenen Hälfte – hat ja auch nix mit Fußball zu tun, sondern erinnert an eine lockere Trainingseinheit. Die Albaner hingegen, zum ersten Mal bei einer Europameisterschaft, gedachten Fußball zu spielen, das heißt, den Ball recht flott nach vorne, vor das gegnerische Tor, zu bringen. Wirklich dumm, dass sich der albanische Goalie Berisha bereits in der 5. Minute in der Fliegenfängerei versuchte und damit den Führungs- und späteren Siegestreffer mitverschuldete. Wer nun dachte, Berisha sei die klassische Vorgabe, der irrte gewaltig. In den restlichen 85 Minuten zeigt er, was in ihm steckte und das war ne ganze Menge. Es ist jetzt natürlich müßig darüber zu fabulieren, wer von den beiden Mannschaften die glücklichere war. So gab es die sogenannten hundertprozentigen Chancen auf beiden Seiten – es hätte also so oder so kommen können. Neben der Berishaschen Fliegenfängerei in der 5. Minute dürfte wohl die albanische Handballakrobatik von Kapitän Lorik Cana in der 37. Minute die Niederlage besiegelt haben – mit Gelb-Rot wurde Cana vom Platz gestellt. Tja. Von nun an mussten 9 Feldspieler dem Ausgleich hinterherlaufen – und das taten sie auch. Gewiss, von Außenseiter Albanien durfte man sich keine spielerischen Glanzstücke erwarten, aber sie wehrten und stemmten sich gegen die Eidgenossen (ja, jene, welche die Habsburger ordentlich versohlten, vor langer, langer Zeit) bis zum bitteren Ende. Das verdient Respekt. Die Schweizer wiederum, wollen sie ganz vorne mitspielen, werden sich wohl steigern müssen – Frankreich und Rumänien wissen nämlich, wie der Hase respektive Ball läuft.

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WALES : SLOWAKEI 2:1

Der 1. FC Bale gegen den SV Hamsik, wenn man so will. Gewiss, eine Mannschaft besteht nicht nur aus einem Superstar, trotzdem hat das Spiel gezeigt, wie wichtig Bale für die Waliser ist. So ging der Führungstreffer, erzielt mittels Freistoß, auf sein Konto und seine Antritte sorgten immer wieder für Unruhe in der slowakischen Hintermannschaft. Apropos. Routinier Skrtel hatte so manchen pogatetzesken Aussetzer: So hätte er nicht nur einen Elfmeter verschuldet – der Torlinienrichter stand zwar keine zwei Armlängen von der Rauferei entfernt, aber sah, äh, ja, kein Vergehen des Slowaken – sondern mit einem Ausschluss auch seine Mannschaft geschwächt. Das Tackling, wenige Minuten vor Schluss, grenzte nämlich an Tötungsabsicht – auch wenn die gestreckten Beine des mit beinahe Schallgeschwindigkeit herangeflogenen Skrtel dann doch noch freundlicherweise von ihm angezogen wurden. Die Slowaken waren jedenfalls kein Kind von Traurigkeit und man kann davon ausgehen, dass sie ihren nächsten beiden Gegnern nichts, aber auch gar nichts schenken werden.

War Wales die bessere Mannschaft? Die Waliser hatten jedenfalls das Glück auf ihrer Seite. Wenige Minuten nach Beginn hätte nämlich Hamsik beinahe den Führungstreffer erzielt, doch der Ball wurde noch von einem gegnerischen Verteidiger von der Torlinie gekratzt. Im Gegenzug gelang Bale das Tor: dank der Mithilfe von Torhüter Kozácik, der beim Freistoß einen Schritt auf die falsche Seite machte. Von da an hatten die Waliser alles im Griff und die Slowaken, die zuvor munter darauf los spielten, verloren ihre spielerische Balance und die Begegnung artete in ein Geplänkel aus. Erst als die Slowakei in der 60. Minute mit zwei Einwechselspieler offensiver wurde, keine Minute später der verdiente Ausgleichstreffer erzielte, zeigten die Waliser Nerven. Zwanzig Minuten dominierten die Slowaken das Geschehen am Rasen, hatten sozusagen spielerisch Oberwasser – doch ein gefährlicher Kopfball von Bale zeigte einmal mehr, dass man den Superstar nicht einen Augenblick aus den Augen verlieren darf. Zehn Minuten vor dem Ende schlossen die Waliser einen Konter mustergültig ab, will heißen, sie stolperten förmlich den Ball ins Tor. Im Gegenzug köpfelte der eingewechselte Nemec nur an die Stange. Also, war Wales die bessere Mannschaft? Ich denke nicht.

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ENGLAND : RUSSLAND 1:1

In der ersten Hälfte brannten die three lions ein ordentliches Feuerwerk auf dem Rasen ab und ließen die Sbornaja – im wahrsten Sinne des Wortes – ziemlich alt aussehen (Innenverteidiger Ignaschewitsch bringt es auf 36 Lenze). Für gewöhnlich hätten die herausgespielten Chancen für zwei oder drei Siege gereicht, doch wie so oft im Fußball, bewahrheitete sich auch hier wieder eine alte Binsenweisheit: Die Tore, die man nicht schießt, bekommt man.

Die Engländer beeindruckten in der ersten Halbzeit vor allem mit einem nahezu perfekten taktischen Pressing. Eroberten sie den Ball ging es flott vor das gegnerische Tor. Die sprintstarken Außenspieler – Lallana und Sterling – gaben dabei ordentlich Gas und wirbelten an den Seiten die russische Abwehr, die vor allem das Zentrum dicht machten, gehörig durcheinander. So waren die russischen Spieler in der ersten Hälfte zu träge, zu passiv, vielleicht auch zu eingeschüchtert, während  die englischen Kicker, technisch versiert, frisch von der Leber weg aufspielten. Dabei blitzte immer wieder ein blindes Verständnis im Zusammenspiel auf. Sehenswert, wie sie die freien Räume an der Seite nutzten. Hätten sie die eine oder andere der zahlreichen Chancen genutzt, die sie sich erspielt hatten, die Fans würden bereits mit dem Finaleinzug liebäugeln. Doch in einem Fußballspiel gibt es immer zwei Hälften, zwei Seiten und später offenbarte sich die eklatante Schwäche der Engländer: das mangelnde Selbstvertrauen in ihr Offensivspiel und die Angst vor der eigenen Courage.

In der zweiten Hälfte zogen sich die Engländer unverständlicherweise zurück, ließen die Russen kommen und lauerten auf Fehler des Gegners. Warum sie nicht – wie in den ersten 45 Minuten – aktiv und aggressiv das Spiel kontrollieren wollten, bleibt ein Rätsel. Ging den englischen Spielern die Puste aus? Wollten sie im Schongang den Sieg gegen schwache Russen nach Hause bringen? Oder bekamen sie es mit der Angst zu tun? Mysteriös, dass Sterling (und das englische Team) in der zweiten Halbzeit die freien Räume nicht mehr zu nutzen verstand. So verstolperte er die eine oder andere gute Gelegenheit oder lief sich fest. Auch mysteriös, dass Hodgson ausgerechnet seinen kopfballstarken Mittelstürmer Kane die Eckbälle treten ließ. Was er sich dabei wohl gedacht haben mag?

Der englische Führungstreffer gelang nicht aus dem Spiel heraus, sondern aus einem Freistoß. Und seltsam, auch hier (wie zuvor der slowakische Torhüter gegen Bale) vertut sich der Goalie und macht einen Schritt zur falschen Seite. Aber der Führungstreffer von Dier weckte die englische Truppe nicht auf, ganz im Gegenteil, er ließ sie noch vorsichtiger agieren. Bezeichnend, dass Hodgson mit seinen Auswechselungen die Defensive stärken wollte, obwohl die nun offensiver agierenden Russen kaum Gefahr erzeugen konnten. Und so kam wie es kommen musste: In der Nachspielzeit köpfelte Bersuzki den Ball über Torhüter Hart ins Tor. Glückliches Russland.

P.S.: Aha. Die englischen Hooligans zerlegen, wie man hört und liest, die Innenstadt von Marseille und liefern sich mit der Polizei und russischen Fans die eine oder andere Straßenschlacht. Dabei gäbe es sicherlich ein paar no go areas in der südfranzösischen Stadt (French Connection?), wo sich die Exekutive im Hintergrund hält. Eine Sightseeing Tour aggressiver und gewaltbereiter Fußballfans durch diese Viertel könnte ausgleichend für alle Beteiligten wirken.