richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Schlagwort-Archiv: angst

Denkverbote #2: Der inszenierte Terror

Denkverbote-2

Seit 2001 werden die Bürger der westlichen Länder immer öfter mit Terroranschlägen konfrontiert. Während Medien den Schrecken zelebrieren und die Angst in der Bevölkerung schüren, nützen Politiker und Funktionäre den Schockzustand dazu, um unpopuläre Maßnahmen durch- und umzusetzen. Auf diese Weise können neue Konflikte entfacht, Kriege weitergeführt, Zivilisten überwacht, Verdächtige interniert und der immerwährende Ausnahmezustand ausgerufen werden. Mit jedem vermeintlichen Anschlag, mit jeder hasserfüllten Schlagzeile, mit jedem Angst machenden TV-Bericht rückt die westliche Welt Orwells Oceania ein Stück näher.

Mehr von diesem Beitrag lesen

Advertisements

Die gemachte Spaltung in der österreichischen Gesellschaft

Bridge_RatzSee

Am Ende des Weges erwartet uns das Paradies, vielleicht.

Die Bundespräsidentenwahl hat – so scheint es – zu einer Spaltung in der österreichischen Gesellschaft geführt. Auf der einen, sozusagen linken Seite, Alexander van der Bellen, auf der rechten Norbert Hofer. Sieht man genauer hin, dann hat man es wohl eher mit einem Schlagabtausch zwischen neoliberaler und neokonservativer Gesinnung zu tun, aber damit kann der gewöhnliche Bürger freilich nichts anfangen. Besser ist es, in Extremen zu baden, die Hände über den Kopf zusammenzuschlagen und laut auszurufen, dass das Ende der Welt, so wie wir sie kennen, nahe ist. Deshalb wird Kandidat A gewählt. Deshalb wird Kandidat B gewählt. Ist es nicht erstaunlich, dass es vorrangig die Zukunftsangst ist, die den besorgten Wähler dazu motiviert, sein Kreuzchen an der richtigen Stelle zu machen? Im Gegensatz dazu, dürften die Nichtwähler, die keinen geringen Anteil am Wahlausgang haben, einen gesunden Optimismus haben. Vielleicht ist es auch nur der berühmt berüchtigte österreichische Fatalismus, der diese an der Wahl unbeteiligten Leutchen unbesorgt in die Zukunft sehen lässt.

Eine Spaltung in der Gesellschaft ist per se nicht problematisch. Viel problematischer ist, wie Medien, Politiker und Einpeitscher damit umgehen. Demokratie bedeutet, zynisch formuliert, die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit. Der gewöhnliche Bürger hat diese Herrschaftsform akzeptiert – dass es bis dato zu keinen gefährlichen Auswüchsen gekommen ist, heißt nicht, dass es niemals dazu kommen wird. Sehen Sie, die einen haben die Befürchtung, dass ein Wahlausgang dazu führt könnte, dass die neue Regierung Wöllersdorf reaktiviert, die anderen Mauthausen. Falls diese Befürchtung tatsächlich berechtigt ist, dann hätte die Demokratie wohl versagt und eine neue Herrschafts- bzw. Regierungsform müsste gefunden werden. Aber in diesem Fall würde sich die Katze in den Schwanz beißen, weil, um die linke Herrschaft zu verhindern, man dann eine rechte schaffen müsste und umgekehrt. So oder so führt die Weigerung, Demokratie zu leben, in eine totalitäre Sackgasse. Weil, frei nach Hemingway, gegen das Böse zu sein, macht dich nicht zu einem guten Menschen.

Auch wenn man es nicht gerne hört, aber bereits die Bibel zeigt uns, wie weit es mit der Demokratie her ist und wie einfach es für die Hohenpriester ist, die Menge zu beeinflussen und zu manipulieren:

»Die Hohenpriester aber wiegelten die Menge auf, lieber die Freilassung des Barabbas zu fordern. Pilatus wandte sich von neuem an sie und fragte: Was soll ich dann mit dem tun, den ihr den König der Juden nennt? Da schrien sie: Kreuzige ihn! Pilatus entgegnete: Was hat er denn für ein Verbrechen begangen? Sie schrien noch lauter: Kreuzige ihn! Darauf ließ Pilatus, um die Menge zufrieden zu stellen, [den Mörder] Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen.«
Das Evangelium nach Markus, Kapitel 14

Kurz und gut, Demokratie kann im Großen nicht funktionieren. Und so lange die Hohenpriester, die Ältesten und die Schriftgelehrten mittels Geld und Einfluss die Menge in die eine oder andere Richtung lenken können, so lange wird es gesellschaftliche Spannungen geben. Als Lösung scheint es nur zwei Wege zu geben: Man interniere und erziehe die eine Hälfte der Wähler zu besseren Menschen – oder die Hohenpriester. Faites vos jeux.

Eine kurze Parabel über das Wählen und wie der Wähler bedrängt wird

Ich möchte Ihnen eine kurze Parabel über das Wählen erzählen und wie Sie in eine bestimmte Richtung gedrängt werden. Das hypothetische Gedankenspiel sieht so aus, dass Sie mit Ihrer jungen Cousine und deren Freundin, eine Austauschstudentin aus einem fernen Land, einen Waldspaziergang unternehmen. Da geschieht es. Ein schreckliches Ereignis. Sie werden nun vor folgende Wahl gestellt:

Wählen Sie!

Die Hoffnung auf ein menschenwürdiges Paradies in ferner Zukunft beeinflusst Ihre Entscheidung genauso wie die Angst vor der gegenwärtigen Schelte, wenn Sie diese Hoffnung anzweifeln.

Sie können Ihre Cousine (A) retten. Sie können die Freundin Ihrer Cousine (B) retten. Sie können versuchen, beide zu retten, was entweder mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % beide rettet (AB) oder niemanden (Null). Sie haben nun die Wahl.

Der springende Punkt ist dabei gar nicht so sehr das Ergebnis als die Wahl, die Sie treffen. Würden Sie für Option A plädieren – immerhin ist es Ihre Cousine – könnte man Sie der Herzlosigkeit, Egozentriertheit und Ausländerfeindlichkeit beschuldigen. Weil Sie aber annehmen können, dass Sie dieser Vorwürfe ausgesetzt werden –  Mainstream und Social Media sind voll davon -, wählen Sie Option AB und sind somit auf der „sicheren Seite“. Aber es ist die Zukunft, die zeigen wird, ob die Gesellschaft alles gewinnt oder alles verliert. Faites vos jeux – machen Sie Ihr Spiel.

Die Angst geht um

Ich lese gerade wie versessen die Taschenbuchausgabe von Ernst von Salomon Der Fragebogen. Anfänglich, naja, brauchte es eine Weile, bis ich mit dem Geplauder warm wurde, aber dann entwickelte es eine ungeheuerliche Sogwirkung. Faszinierende Einblicke in das Leben eines deutschen Revolutionärs und Kreativen in der Zeit zwischen 1900 und 1945. In dieser Epoche, wenn man so will, zerbrach das alte Europa. In der Zwischenkriegszeit war Deutschland Schauplatz einer lärmenden und blutigen Ideenfindung in Bezug auf Staat und Gesellschaft. Alle Ehrgeizigen und Hoffnungsfrohen formierten sich. Die Tatkräftigen und Mutigen schritten voran. Die Bewahrer bewahrten. Die Revolutionäre revoltierten. Und dazwischen eine Unzahl an allerlei Menschen, die das Schicksal herausforderte.

Über 80 Jahre später leben wir in sicheren Zeiten. Es gibt soziale Netze. Es gibt die Europäische Union und damit (so heißt es) keine Grenzen innerhalb der europäischen Staaten. Das gegenseitige Misstrauen, die gegenseitige Missgunst gehören der Vergangenheit an. Der europäische Bürger hat alle Möglichkeiten, alle Freiheiten. Und doch verharrt er in einem dunklen Brüten.

Die größte Stärke des Menschen war es, das gegenwärtige Unheil zu ertragen, die Möglichkeiten abzuwägen und tatkräftig an der Zukunft zu arbeiten. Der Bauer hat gegenüber der Natur den nötigen Respekt, aber keine Angst. Nur die gesellschaftlichen und finanziellen Umstände, die machen ihm Angst. Früher: Der Bauer mag sich in schlechten Zeiten nur von kargen Wurzeln und wässrigen Suppen ernähren, aber es liegt an ihm und seiner Familie, diese schlechten Zeiten durchzustehen. Heutzutage ist es ein System, das ihn vom Hof verjagt, wenn er die Schuldenlast nicht mehr tragen kann. Verjagt von einem Stück Land, das seit Generationen im Besitz seiner Familie ist. Wie mag es diesen ausgezehrten Männern gehen, wenn Herren in dunklen Anzügen und Aktentaschen an ihre Tür klopfen und in einem nüchternen Gespräch von einer Zwangsversteigerung des Hofes drohen. Darin liegt diese gegenwärtige Unfähigkeit des Bürgers und Bauers, das eigene Leben zu meistern. Immer ist er von anderen und im Besonderen vom Markt abhängig. Immer sind es nicht fassbare, nicht greifbare Marktteilnehmer, die über seine Gegenwart und vor allem über seine Zukunft entscheiden.

Deshalb, das ist jetzt eine spekulative Vermutung von meiner Seite, deshalb ziehen sich Bürger und Bauer aus der Gesellschaft zurück. Sie nehmen nicht mehr teil. Sie leisten ihren Beitrag, gewiss, aber sie nehmen nicht mehr teil. Damit wird Politik – die Übereinkunft der Menschen, wie sie gemeinsam leben wollen – in die Hände einiger weniger Scharlatane gelegt, die nichts waren, die nichts sind. Durch die wirtschaftlichen Verschiebungen reißen die gesellschaftlichen Verbindungen ab. Die Emanzipation, als gutes Beispiel, hat Frauen in die Arbeitswelt geworfen und sie genauso abhängig gemacht wie zuvor die Männer. Das ist die Ironie der Geschichte, wenn man so will. Viele Frauen kämpften um ihre Freiheit innerhalb der Gesellschaft und wurden frei – um auf der anderen Seite, innerhalb des Systems, unfrei zu werden.

Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr dünkt mir, dass wir allesamt Stück für Stück jegliche Freiheit aufgegeben haben. Wir haben die Freiheit eingetauscht, gegen Sicherheit und Wohlstand. Aber mit diesem Tausch haben wir als ungewollte Beigabe auch die Angst in den Einkaufskorb gelegt bekommen. Und diese Angst ist es, die uns nun jegliche Freude an Sicherheit, jeglichen Genuss am Wohlstand verleidet. Mehr noch, wir tun alles, um dieser Angst auszuweichen und werden dadurch noch unfreier, noch abhängiger. Teuflischer Kreislauf, der nur in eine Katastrophe müden kann, die weder Sicherheit, noch Wohlstand kennt.

Die Ratingagenturen haben Österreich (und freilich noch anderen EU-Staaten) in der Frage der Kreditwürdigkeit herabgestuft. Damit haben nun die Politiker freie Hand, für den Bürger unangenehme Entscheidungen durchzusetzen. Wir können davon ausgehen, dass interessante Zeiten auf uns zukommen.