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Wien, im März 1938 #1 Helen Blank

Nun, es ist bald 80 Jahre her, dass Österreich zur Ostmark und ins damalige Deutsche Reich integriert wurde. Ob dieser sogenannte Anschluss freiwillig oder mittels Zwang erfolgte, darüber wird das eine oder andere Mal gestritten, weil damit auch die Frage nach Schuld und Komplizenschaft einhergeht. Je nach politischer Wetterlage wird der Opfermythos zum Spielball intellektueller Agitatoren.

Durch Zufall bin ich auf das Archiv des Leo Baeck Institutes in New York City gestoßen. Das Zentrum für jüdische Geschichte hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben der österreichischen Immigranten vor 1938 mittels eines Fragebogens zu dokumentieren. Im Internetarchiv können Sie einige der eingescannten Fragebögen durchsehen: link

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Antisemitismus goes wild: Lueger, Goethe, Kaiserin Maria Theresia, Luther, u. v. m.

Lueger-Goethe

Die Stadt Wien gibt bekannt: »Laut Abschlussbericht der im Auftrag der Universität Wien und der Stadt Wien eingesetzten Forschungsgruppe zur Untersuchung und Kontextualisierung der Benennung der Wiener Straßennamen seit 1860 war die politische Rhetorik von Karl Lueger (1844-1910) von aggressiver antijüdischer und deutschnationalistischer Polemik geprägt. Als maßgeblicher Politiker der damaligen Zeit verstärkte Lueger, der durchaus gute Kontakte zu Personen jüdischer Herkunft pflegte, die antisemitischen und diskriminierenden Tendenzen in der öffentlichen politischen Diskussion (etwa wenn er auf Grund der „Verjudung“ der Wiener Universität einen Numerus clausus zugunsten von „Deutschösterreichern“ forderte) und fungierte damit als Vorbild für nachfolgende Politiker

Ich hätte von diesem „Abschlussbericht“ keinerlei Kenntnis genommen, wäre ich nicht zufällig vor wenigen Wochen bei der Technischen Universität am Karlsplatz vorbeigekommen. Erstaunt musste ich feststellen, dass eine Gedenktafel übermalt wurde. Sie gab darüber Auskunft, dass der Vater des späteren Bürgermeister im damaligen Polytechnischen Institut (der heutigen TU), eine (Amts-)Wohnung bezog – Leopold Lueger hatte seinerzeit die Aufsicht über das technologische Kabinett.

Ja, und diese Gedenktafel wurde im Zuge der Fassadengestaltung übermalt – irrtümlich, heißt es von Seiten der TU-Sprecherin. Hm. Also, ich bin nicht mit den Gepflogenheiten der Maler- und Anstreicherbranche vertraut, aber ich wüsste noch von keinem Fall, dass ein Maler mit reinem Gewissen und fröhlicher Unschuld eine Gedenktafel übermalt hätte. Für gewöhnlich wird nachgefragt. Aber wollen wir uns die Sache nicht weiter ausmalen, sondern bleiben beim Faktischen. Nach Wiederherstellung der übermalten Gedenktafel soll eine zusätzliche Tafel Auskunft über „Lueger als Antisemit“ geben:

Derzeit gibt es in Absprache mit der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) an der TU einen ersten Rohentwurf für den Text der Tafel. Darin heißt es: „… Dabei hat er während seiner Amtszeit, wie schon während seines politischen Aufstiegs ab 1882, den Antisemitismus virtuos als Instrument eingesetzt und damit zur Entwicklung eines aggressiven, durch Hetze und Diskriminierung gegenüber Juden, aber auch Vertretern anderer Nationalitäten geprägten gesellschaftlichen Klimas und zur Verrohung der politischen Sprache beigetragen …“ [Quelle: orf.at]

Warum diese zusätzliche Tafel mit der ÖH abgesprochen werden muss, bleibt ein Rätsel – scheinbar soll hier universitäre Basisdemokratie gelebt werden.

Der wunde Punkt bei alledem ist aber jener, dass die Stadt Wien eine Forschungsgruppe einsetzte, die sich mit der antisemitischen Vergangenheit Wiener Straßennamen lang und breit auseinandergesetzt haben dürfte. Für mein Dafürhalten könnte dieses gut gemeinte Projekt Pandoras Kistchen öffnen und böse Geister in die Welt entlassen.

Denn, wer entscheidet schlussendlich, welche Persönlichkeiten nun antisemitisch, judenfeindlich oder antijudaistisch waren? Sind demnach nicht Hobbyhistoriker und Sittenwächter förmlich dazu aufgerufen, Nachforschungen anzustellen und mögliche Verfehlungen einstmals populärer Ehrenmänner anzuprangern? Es braucht nicht viel Phantasie, um sich eine eingeschüchterte Stadtregierung vorzustellen, die etwaigen laut vorgetragenen Forderungen Stück für Stück nachzugeben bereit ist – bis am Ende von der Größe Wiens und Österreichs nur noch belanglose Bruchstücke übrig bleiben. Glauben Sie nicht? Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele, die ich ohne große Nachforschungsarbeit bereits jetzt aus dem Ärmel schütteln kann:

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Wie erklärt man sich als aufgeweckter Literat die Esther-Geschichte im Schönbartspiel Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern? Freilich, in der ersten Version von 1773 ist nichts Verwerfliches oder Anstößiges festzustellen – man kann sich darüber auf Spiegel Online Projekt Gutenberg überzeugen. Sieht man sich jedoch die überarbeitete Fassung von 1778 an, huh, da schlackern einem die Knie. Würde man daraus zitieren, die Sittenwächter würden einen sofort in die rechteste aller rechten Ecken prügeln. Sollte nun die Stadt Wien angehalten werden, am Denkmal Goethes eine Hinweistafel anzubringen, dass es der gute Dichter sicherlich nicht so ernst gemeint hatte, bei alledem? Schließlich soll es ja eine Art von Lustspiel sein – auch wenn der Berliner Professor Max Hermann bekennen muss: „… wenn man nicht wüßte, daß es sich um einen Ulk handelt, an vielen Stellen glauben könnte, etwa ein Drama aus Gottscheds deutscher Schaubühne zu lesen.“ [Entstehungs- und Bühnengeschichte, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1900, S. 171]


Kaiserin Maria Theresia (1717-1780)
Im Jahr 1744 und 1745 erließ sie ein Edikt, dass die Juden zwang, Prag, Böhmen und Schlesien zu verlassen. Wie gehen wir nun mit dieser judenfeindlichen Entscheidung um? Sind nun in der Kapuzinergruft, neben ihrem Sarg, Hinweistafeln aufzustellen, die besagen, dass die „junge“ Kaiserin unter bösem Einfluss ihrer Berater stand? Oder dass man die Ausweisung im Kontext der Zeit sehen soll? Aber dann müsste öffentlich gemacht werden, in welchem Jahr die Linie zwischen dem Akzeptierten und dem Nicht-Akzeptieren liegt. Ich erwarte mir eine spannende Diskussion.


Martin Luther
(1483-1546)
Möchte man auf das Alterswerk des Urhebers der Reformation hinweisen, könnte einen bereits die bloße Nennung der Buchtitel in Verlegenheit bringen, deshalb verzichte ich an dieser Stelle darauf. In Wikipedia gibt es zu diesem Thema sogar einen eigenen Eintrag – vermutlich um zu retten, was noch zu retten ist. Darin heißt es, dass sich die evangelische Kirche „seit 1950 allmählich von Luthers judenfeindlichen Aussagen und deren historischen Wirkungen im Protestantismus distanziert. Ob und wie weit auch seine Theologie zu revidieren ist, wird diskutiert.“ Bedeutet das am Ende, dass an allen evangelischen Kirchentüren eine „Mea culpa“-Informationstafel angeschlagen werden muss? Und wird die katholische Kirche – in christlicher Verbundenheit – nachziehen?

Nur damit wir uns verstehen – ich stelle nicht die sogenannte Aufarbeitung vergangener Ereignisse in Frage, sondern wie mittels eines un-demokratischen „Kommisarbriefes“ ein Teil Wiener Identität sang- und klanglos geopfert und übermalt wird. Vergessen wir nicht, dass die Geschichtsschreibung immer von seiner gesellschaftlich-politischen Zeit geprägt ist. Gestern Rebell. Heute Freiheitsheld. Morgen Verräter. Das Geschichtsforscher-Ehepaar und Pulitzerpreisträger Will und Ariel Durant bringt es auf den springenden Punkt:

[meine Übersetzung:] Wissen wir denn wirklich, wie die Vergangenheit war, was tatsächlich geschah, oder ist Geschichte „eine Fabel“, auf die wir uns „geeinigt“ haben? Unser Wissen über ein vergangenes Ereignis muss immer unvollständig, womöglich fehlerhaft sein, verhüllt durch mehrdeutige Beweise und voreingenommene Historiker, und vielleicht sogar durch unsere patriotische oder religiöse Parteinahme verfälscht. […] Do we really know what the past was, what actually happend, or is history „a fable“ not quite „agreed upon“? Our knowledge of any past event is always incomplete, probably inaccurate, beclouded by ambivalent evidence and biased historians, and perhaps distorted by our own patriotic or religious partisanship.

The Lessons of History
H. Wolff, New York [E-Book]

Ich hoffe, ich habe meinen Standpunkt als Bürger der Stadt Wien klar gemacht.

 

Und der Gewinner in der Kategorie Antisemitismus geht an: Oscar So White

Facts_Huxley

Haben Sie es auch gehört, dass gerade ein Sturm der Entrüstung auf Hollywood niedergeht. Grund ist, dass die schwarzafrikanischen Kandidaten für die diesjährige Oscar-Verleihung leer ausgingen. Kein Wunder, so heißt es, sind doch von den 6300 Juroren – Mitglieder der Academy Awards – ganze 94 Prozent weiß (77 Prozent männlich und das Durchschnittsalter liegt bei 63 Jahren). Grund genug, einen Boykott der Hollywood-Beweihräucherungszeremonie mit dem Slogan Oscars So White zu fordern.

Der Aufschrei der Ignorierten – seien sie schwarz oder weiblich – klingt jetzt natürlich in Zeiten der political correctness nachvollziehbar und durchaus vernünftig. Aber einen wesentlichen und wichtigen Punkt übersehen all die politisch korrekten Leutchen in den Redaktionsstuben: Hollywoods Entscheidungsträger sind zum größten Teil jüdisch. Marlon Brando hatte 1997 keine Scheu es Larry King in einem TV-Interview zu sagen (»Hollywood is run by jews«), aber generell wird dieser Umstand verschwiegen. Warum? Aus Angst, als Antisemit abgestempelt und vom Futtertrog Hollywoods verdrängt zu werden. Mel Gibson kann darüber ein Lied singen. Genauso Charlie Sheen, Courtney Love oder John Galliano – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Auf der anderen Seite ist es Mel Brooks oder Larry David oder Woody Allen hoch anzurechnen, dass sie „ihre“ Angelegenheit auch mit Humor betrachten.

Wenn es also einen Boykott-Aufruf gegen „Hollywood“ gibt, dann schwingt meiner Meinung nach unterschwellig eine antisemitische Haltung mit. Viele sind sich dessen nicht bewusst, aber so funktioniert nun mal Manipulation auf subtiler Ebene. Ehe man sich versieht, verliert man seinen Job oder wird vor Gericht gestellt, weil man im guten Glauben 140 Zeichen für die gute Sache in die humorlose Welt entließ.

Kurz und gut, wir haben uns mit der Political Correctness gesellschaftlich ins Knie geschossen. Früher oder später wird niemand mehr wissen, welche Vorwürfe andere Vorwürfe entkräften können. Darf beispielsweise ein muslimischer Asylwerber aus Afrika einen jüdischen Beamten in den USA der Diskriminierung beschuldigen – oder macht er sich damit des Antisemitismus schuldig? Darf ein homosexueller Mann seine Vorgesetzte der Inkompetenz beschuldigen – oder wird er als sexistischer und frauenfeindlicher Mann denunziert? Kann ein syrisch-christlicher Asylwerber der Hetze und Diskriminierung gegenüber türkisch-muslimischer Österreicher belangt werden? Könnte die Jury des Amadeus-Awards 2015 des Sexismus und der Frauenfeindlichkeit bezichtigt werden, weil sie in der Kategorie „Künstlerin des Jahres“ einen Mann den anderen nominierten Frauen vorzogen? Und schließlich muss die Frage erlaubt sein, warum ich das Gefühl habe, dass ein „weißer christlicher heterosexueller Mann“ sich niemals diskriminiert fühlen darf.

Man kann es drehen und wenden wie man möchte, political correctness ist nur ein Werkzeug des Establishments um Dissidenten und Zweifler und Wahrheitssucher und investigative Journalisten und populäre Politiker und unangenehme Professoren aus dem Verkehr zu ziehen. Also passen Sie ja auf, welchen Boykott-Aufruf sie öffentlich unterstützen und welchen Teufel Sie beim wahren Namen nennen. Gut möglich, dass es ihre eigenen vom System politisch korrekt erzogenen Kinder sind, die Sie ausspionieren und verraten werdem. Aber wer weiß, vielleicht sind Sie dann sogar stolz darauf.