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WM 2018: Tag #8 – Don’t cry for me, Argentina

Dänemark : Australien 1:1
Frankreich : Peru 1:0
Argentinien : Kroatien 0:3

Gedanken zu den Spielen.

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WM 2018: Tag #3 – Elfmeterinflation

Frankreich : Australien 2:1
Argentinien : Island 1:1
Peru : Dänemark 0:1
Kroatien : Nigeria 2:0

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EM 2016: Viertelfinale 2 – WAL : BEL

EM-2016-VF-2

Gedanken zum Viertelfinale 2 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

WALES : BELGIEN 3:1

Die erste Überraschung. Wer hätte das gedacht? Die Waliser waren gut gegen die sonst so offensiv starken Belgier eingestellt, gaben ihnen wenige freie Räume und waren im Angriff selbst immer brandgefährlich. Die belgische Verunsicherung war schon in den ersten Minuten zu bemerken – ein Grund dafür ist in den Abwehrspielern zu suchen, die allesamt jung und unerfahren waren – Trainer Wilmots musste vier Innenverteidiger vorgeben. Ärmstes Schwein war wohl Linksverteidiger Jordan Lukaku (jüngere Brüder des Stürmers Romelu), der sich nach rund zwanzig Minuten mit Gareth Bale auseinanderzusetzen hatte und bald nicht mehr wusste, wie ihm geschieht. Obwohl anfänglich alles für Belgien lief – da funktionierte das Offensivräderwerk noch wie geschmiert. Bereits nach 13 Minuten hämmerte Radja Nainggolan den Ball ins Netz. Sehenswert. Doch dieser Führungstreffer änderte nichts an der Tatsache, dass die belgische Hintermannschaft überfordert war und die Offensivspieler nur wenig zur Entlastung beitrugen. Die Waliser verstanden es, die Wege von Hazard und De Bruyne einzuschränken – überhaupt waren sie defensiv wohlgeordnet und ließen in späterer Folge nicht allzu viele Torchancen zu. Aus der gesicherten Abwehr leiteten sie ihre Angriffe ein, nutzen die Schwächen in der belgischen Verteidigung aus und schlugen bei einem Eckball eiskalt zu. Kopfball. Ausgleich. Damit drehte sich das Spiel. Die walisische Hintermannschaft wurde noch sicherer, noch abgebrühter, während die Vorderleute immer wieder gefährlich in die Spitze gingen. Der Führungstreffer von Robson-Kanu zeigt, wie leicht es ein Stürmer mit unerfahrenen Verteidigern hat – eine Körperdrehung im Strafraum reichte, um drei Belgier dumm aussehen zu lassen – darunter der eingewechselte Fellaini, baumlanger Mittelfeldherumtreiber bei Manchester United.

Die Stärke der Waliser ist einerseits in ihrer Defensivleistung zu sehen, andererseits in ihrer effizienten Torausbeute und dem Quäntchen Glück. Das erinnert bereits an die griechische Europameistermannschaft von 2004, deren Taktik man recht simpel auf den Punkt bringen kann: hinten den Laden dicht machen und vorne mit Standardsituationen das Spiel entscheiden. Dass den Belgiern ein Elfmeter sowie eine mögliche Gelb-Rote Karte für Verteidiger Davies vorenthalten wurde, sollte man fairerweise nicht unter den Teppich kehren. Aber am Ende hat sich dann doch die Mannschaft aus Wales gegen elf Einzelspieler aus Belgien durchgesetzt. Spricht das nicht für den Fußball?

Im Halbfinale bekommen es die Waliser mit Portugal zu tun, das mit Pepe einen der besten Abwehrspieler dieser EM stellt. Ich gehe davon aus, dass er sich nicht so leicht austanzen lässt. Ich erwarte mir ein 120-minütiges Rasenschach. Beide Mannschaften werden demnach versuchen, die Räume eng zu machen und das gegnerische Offensivspiel bereits im Mittelfeld zu zerstören. Auch ein früher Gegentreffer dürfte an dieser Ausrichtung nichts ändern, da beide Trainer wissen, dass man einen Bale, einen Ronaldo nicht von der Leine lassen darf, möchte man nicht in den Allerwertesten gebissen werden. Und eines ist klar: Wer ins Finale einziehen möchte, muss nicht unbedingt nach 120 Minuten gewonnen haben. Siehe Argentinien bei der WM 1990, das sowohl im Viertel- als auch im Halbfinale ins Elfmeterschießen ging und glücklich ins Finale einzog. Ach ja, Irland hat es mit keinem einzigen Sieg nach 90 Minuten geschafft, sogar bis ins Viertelfinale vorzudringen. Soll also keiner die sieglosen Portugiesen schelten.

WM2014: Tag#25 Finale Deutschland : Argentinien

Weltmeister der Fußball WM 2014: Deutschland

Deutschland : Argentinien 1:0 n. V.

Na, das letzte Spiel dieser WM hatte es wahrlich in sich. Spannend bis zum Abwinken respektive Abpfiff. Man muss beiden Mannschaften zu ihrer Einstellung gratulieren. Deutschland, gleich vorweg, hat die überzeugendste Mannschaftsleistung aller Turnierteilnehmer geboten und ist deshalb für mich ein verdienter Weltmeister. Aber es hätte auch anders kommen können, im gestrigen Finalspiel. Ein fürchterlicher Rückpass von Kroos wird zu einer Maßflanke für Higuain, der plötzlich alleine vor Torhüter Neuer auftaucht. Nach 21 Minuten hätte Argentinien in Führung gehen müssen – aber Higuain, der seiner Form seit dem ersten Spiel hinterherläuft, trifft nicht mal das Tor. Als er dann doch ins Tor traf, stand er im Abseits. Sein Ersatzmann Palacio machte es in der Verlängerung auch nicht besser, als er eine gute Einschussmöglichkeit kläglich vergab. Und Messi? Auch er hatte den Führungstreffer am Fuß und man kann davon ausgehen, dass er das Tor gemacht hätte, wäre er in Form gewesen. Einzig Lavezzi überzeugte mich mit starken Antritten und forschem Pressing – warum ihn Trainer Sabella nach der Halbzeit gegen den rekonvaleszenten Agüero ersetzte, bleibt eines der Rätsel dieses Finalspiels und kostete vielleicht sogar dem argentinischen Team den Weltmeistertitel. Für mich steht fest, dass ein Lavezzi viel mehr Unruhe und damit Unsicherheit in die deutsche Hintermannschaft gebracht hätte. Wie dem auch sei, an diesem Tag, man muss es sagen, scheiterte Argentinien an ihren formschwachen Offensivkräften. Der Ausfall des in den Vorrunden so gut aufspielenden Di Maria schmerzt deshalb doppelt und dreifach.

Das deutsche Team hätte übrigens ein weiteres Mal mit ihrer Geheimwaffe – Standardsituationen – den Weg zum Sieg ebnen können, aber Höwedes traf nach einem Eckball nur die Stange. Apropos. Höwedes hatte Glück, dass der italienische Schiedsrichter Rizzoli sein derb-brutales Grätschfoul nur mit gelb ahndete. Über rot hätte sich keiner beschweren dürfen. Ja, und dann, in der 57. Minute wurde einem wieder bewusst, wie nah spielerisches Genie und brutaler Wahnsinn bei Torhüter Neuer zusammenfallen: um einen durchbrechenden Higuain vom Ball zu trennen, springt er mit angezogenem Knie seitlich gegen den Mann und streift dabei mit seinem Knie den Kopf von Higuain. Meine Güte. Diese Aktion erinnerte frappant an die WM 1982, als der deutsche Teamtorhüter Harald ‚Toni‘ Schumachers mit einer ungestümen Sprungattacke den Franzosen Battiston von den Beinen holte. Battiston, der dabei zwei Zähne verlor, musste bewusstlos vom Feld getragen werden. Dass der Schiedsrichter aber auf ein Stürmerfoul von Higuain entschied, ist völlig unverständlich – schließlich war er es, der den Ball führte und Neuer, der ihn förmlich angesprungen ist. Da sich das Ganze im Strafraum ereignete, wäre eine rote Karte für Neuer und ein Elfmeter für Argentinien nicht falsch gewesen. Kurz und gut: die Deutschen hatten gestern das Glück an ihrer Seite – oder war es schlicht und einfach das Glück des (spielerisch) Tüchtigen?

Ja, tüchtig war es, das deutsche Team, das von der ersten Minute an frech und mutig drauf los spielte, obwohl Löw den beim Aufwärmen verletzten Khedira vorgeben und durch den noch jungen und unerfahrenen Kramer ersetzen musste. Interessant, dass Löw bereits nach einer halben Stunde gezwungen war, den offensiveren Schürrle für Kramer zu bringen, da dieser nach einem Zusammenstoß sichtlich benommen war. Wurde somit Löw ein weiteres Mal – nach Mustafi – zu seinem goldenen Händchen gezwungen? Einen Begleitservice für Messi, der nur selten in Erscheinung trat, gab es nicht. Das Spiel avancierte zu einem fröhlichen Hin und Her – die größeren Spielanteile hatten natürlich die Deutschen, die versuchten, im Mittelfeld die Kontrolle zu übernehmen und ihr Offensivspiel vor dem gegnerischen Strafraum zu zünden. Trainer Löw perfektionierte für die deutsche Nationalmannschaft die Taktik Bayerns unter Gardiola, der ein vertikales Tiki-Taka forciert und bei Ballverlust ein geordnetes Pressing in der gegnerischen Hälfte verlangt. Die Verteidigungslinie steht deshalb sehr hoch und verlangt äußerste Konzentration von allen Beteiligten. Wie man im Spiel gegen Algerien gesehen hat, läuft man bei dieser Taktik Gefahr, mit Bällen, die hinter die Verteidiger gespielt werden, ins offene Messer zu laufen. Vor Nachahmung wird deshalb gewarnt (ich kann mich an ein Spiel der österreichischen Nationalmannschaft erinnern, viele Jahre muss es jetzt her sein, wo eine hohe Verteidigungslinie versucht wurde und grässlich endete). Am besten funktioniert diese offensive Ausrichtung natürlich dann, wenn der Gegner „aufmachen“, also offensiver werden muss. Die sich dadurch ergebenden Räume können spiel- und laufstarke sowie intelligente und disziplinierte Spieler tödlich ausnutzen – gut zu sehen beim Gruppenspiel der Deutschen gegen Portugal (4:0) und beim Halbfinalspiel der Deutschen gegen Brasilien (7:1).

Der Siegestreffer im gestrigen Finale fiel schließlich in der 113. Minute! Flanke von Schürrle auf Götze, der den Ball mit der Brust annimmt und aus spitzem Winkel mit seinem schwachen linken Fuß ins lange Eck einschießt. Respekt. Eigentlich hatte ich Götze ja schon als formschwach abgestempelt, aber wie man sieht, darf man keinen Spieler der deutschen Nationalmannschaft gänzlich abschreiben (mit Ausnahme vielleicht von Özil – andererseits reichte seine in diesem Turnier wohl nur durchschnittliche Leistung allemal). Thomas Müller, die personifizierte Torgefahr, fand gestern kaum Chancen vor – zu gut war das argentinische Bollwerk rund um Mascherano eingestellt. Wenn man die Leistung des deutschen Teams veranschaulichen möchte, dann reicht ein Blick auf Schweinsteiger, der 122 Minuten lang rackerte und rackerte und rackerte. Fast schien es, als würde er den Ausfall von Khedira alleine Wett machen und für zwei spielen wollen. Beeindruckende kämpferische, aber auch spielerische Leistung! Applaus. Vorhang.

WM2014: Gedanken zum kleinen und großen Finale

Heute Abend steigt die entnervte brasilianische Nationalmannschaft ein letztes Mal in den Ring. Ihr Gegner ist ein enttäuschtes niederländisches Team, das sich für die knappe Niederlage im Halbfinale mit einem dritten Platz entschädigen möchte. Vielleicht. Aber das große Fragezeichen sind die Brasilianer selbst – seien es die Spieler auf dem Rasen, seien es die Fans auf den Rängen. Wie werden die Spieler nach der desaströsen 7:1-Schlappe auftreten? Werden sie zu Hause ein fürchterliches Auswärtsmatch bestreiten müssen? Ausgebuht und ausgepfiffen von ihren eigenen Landsleuten, die sie noch vor einer Woche in den Himmel gejubelt und als kommenden Weltmeister gefeiert haben? Ja, so schnell kann es gehen, im Fußball. Ähnliches könnte den Löw-Mannen widerfahren, wenn sie – recht unwahrscheinlich – einen so gut wie sicher scheinenden Weltmeistertitel im letzten Spiel aus der Hand geben.

Aber wie hoch sind nun die Chancen Deutschlands auf einen Sieg im Finale gegen Argentinien wirklich? Sieht man sich die letzten Ergebnisse beider Mannschaften an, dann dürften die Löw-Mannen klar im Vorteil sein. Das Juwel des deutschen Teams ist das Mittelfeld mit Schweinsteiger, Khedira, Kroos und Müller – ein Besseres wird man gegenwärtig nicht finden und es erinnert bereits an die „gute“ alte Zeit, als Xavi, Iniesta und Alonso alle Gegner (und Zuschauer) mit Tiki-Taka zermürbten und die spanische Nationalmannschaft beinahe im Alleingang zum Welt- und Europameistertitel spielten. Und im Tor der Deutschen, gibt es da nicht noch einen Neuer, der in entscheidenden Momenten goldrichtig steht und die Nerven hat, Risiko zu gehen? Seine Abwehrleistungen, innerhalb und außerhalb des Strafraums, sind beachtlich. Und dann gäbe es da noch Routinier und Strafraumknipser Klose, der immer wieder für ein Tor gut ist. Er spielt unspektakulär, aber effektiv und kommt er von der Bank ist er sofort konzentriert und fokussiert. Jeder Trainer würde sich solch einen Stürmer wünschen. Über den Ausnahmespieler Lahm, einem der besten Außenverteidiger auf der rechten Seite, muss man nicht viel Worte verlieren, er kann ein Spiel lesen, weiß, wo er zu stehen, wohin er zu laufen hat und behält bei wichtigen Tacklings die Nerven. Innenverteidiger Hummels hat gerade gegen Frankreich gezeigt, dass er das Stellungsspiel beherrscht, ansonsten ist er noch nicht ernstlich geprüft worden. Wäre Hummels im Spiel gegen Algerien die bessere Wahl als Mertesacker gewesen? Die Indizien sprechen dafür – trotzdem sollte man nicht vergessen, dass Mertesacker in der englischen Liga seine Brötchen verdient und es da mit pfeilschnellen Stürmern zu tun bekommt. Boateng ist okay, Höwedes zuweilen überfordert und Özil (nicht zentral, sondern mit Höwedes auf der linken Seite) nimmt sich bewusst unbewusst zurück. Energiebündel Schürle kann der Mannschaft nötige Offensivimpulse geben, aber in seiner Chancenverwertung pendelt er zwischen Genie und Wahnsinn. Und Götze, oftmals als Wunderkind gepriesen, nun, er bringt gegenwärtig keinen Fuß auf den Fußballplatz, trotz seines Tores gegen Ghana – das wiederum, passend zu seiner momentanen Form, recht peinlich wirkte.

Die Argentinier können mit dieser individuellen Teamstärke freilich nicht mithalten. Beinahe ist man versucht zu glauben, dass die Argentinier – wie weiland das deutsche Team – als Mannschaft funktioniert, die sich von Spiel zu Spiel steigern kann. Messi dominiert nicht mehr wie früher das argentinische Spiel, jedenfalls nicht für 90 Minuten, aber er strahlt Gefahr aus. Das alleine reicht, um das Angriffsspiel des Gegners zu zügeln. Vergessen wir dabei nicht, dass er Argentinien beinahe im Alleingang ins Halbfinale brachte. Drei Schüsse, ein genialer Pass! Braucht es im gegenwärtigen Fußball tatsächlich nicht mehr, um bis ins Finale einer Weltmeisterschaft vorzustoßen? So einfach ist es freilich nicht. Natürlich braucht es jene „Wasserträger“, die den „Laden“ hinten dicht machen können. Dafür sorgen neben Ex-Bayern-Spieler Demichelis, Garay, Zabaleta und dem junge Rojo vor allem der defensive Mittelfeldregisseur und -rackerer Javier Mascherano von Barcelona. Hätte er im Halbfinalspiel nicht in letzter Sekunde Robben den Ball vom Fuß geholt – es würden wohl die Niederländer im Finale stehen. Eine positive Entdeckung ist Ezequiel Lavezzi – der linke Flügelstürmer, der nur durch die Verletzung von Superstürmer Agüero in die Mannschaft rückte, beeindruckte durch eine ordentliche Defensiv- und Offensivleistung und passt gut in das argentinische Defensivkonzept. Auf der anderen Seite ist ein fitter Agüero – neben Higuain – natürlich Gold wert. Man kann sich gut vorstellen, wie die Offensiv-Achse Agüero – Higuain – Di Maria und Messi jeden Gegner an die Wand spielt – vorausgesetzt, die Spieler sind fit und halbwegs in Form, was bei dieser WM leider nicht der Fall war und ist. Schade, schade. Während Löw keine Ausfälle zu beklagen hat, muss Sabella mit Di Maria einen der besten Offensivakteure vorgeben und kann den rekonvaleszente Agüero nur von der Bank bringen.

Das Spiel gegen Argentinien wird für das deutsche Team jedenfalls ein Geduldsspiel werden. Im Gegensatz zu übermotivierten Brasilianern dürften die Argentinier – wie in den vorangegangenen KO-Spielen – die Pferde im Stall lassen und vorerst nur mal den Mist wegräumen, heißt defensive Drecksarbeit verrichten. Jene Mannschaft, die das erste Tor macht, wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit den Pokal abholen dürfen. Das wissen beide Trainer nur zu gut, somit ist die Marschrichtung vorgegeben: Kontrollierte Offensive der deutschen Mannschaft (immer mit einem Auge auf Messi) und kontrollierte Defensive der argentinischen Mannschaft (immer mit einem Auge auf Messi). Man wird versuchen, dem Gegner keine Räume anzubieten und auf diese Weise versuchen, das gefährliche Kombinationsspiel vor dem eigenen Strafraum zu unterbinden. So lange kein Tor fällt, dürfen wir uns auf eine Wiederholung des Halbfinalspiels zwischen Argentinien und den Niederlanden gefasst machen. Sollte ein frühes Tor fallen, wird die andere Mannschaft an ihrer Spielweise noch nichts ändern und erst in den vielleicht letzten zwanzig Minuten das Spiel offensiver gestalten. Davon gehe ich mal aus.

Ich habe mir übrigens die erste Hälfte des Spiels respektive der Demütigung zwischen Brasilien und Deutschland ein weiteres Mal in aller Ruhe angesehen. Man konnte mit freiem Auge erkennen, dass zwei brasilianische Spieler äußert übermotiviert in das Spiel starteten – zum einen der linke Außenverteidiger von Real Madrid Marcelo und zum anderen der Innenverteidiger von Chelsea David Luiz. Marcelo legte von der 1. Minute eine offensive Spielweise an den Tag. Jeder weiß – auch Trainer Scolari -, dass die Stärke von Marcelo im Agriffsspiel liegt. In Kombination mit dem linken Flügelstürmer Hulk, der träge und defensiv überfordert war, musste ein Ballverlust von Marcelo am gegnerischen Strafraum gravierende Folgen haben. Im Besonderen, wenn der Gegner Deutschland heißt, das im Umschalten von Defensive auf Offensive weltmeisterlich ist. Da weder das defensive Mittelfeld der Brasilianer noch die beiden Innenverteidiger in der Lage waren, die Löcher auf der linken Seite zu stopfen, war ein Torreigen vorprogrammiert. Wie dem auch sei, ich würde das Halbfinalspiel auf rund 30 Minuten zusammenkürzen: Bis zum 2. Treffer in der 23. Minute und dann wieder von der 85. Minute bis zum Abpfiff. Somit wäre das Spiel 2:1 ausgegangen – was dem tatsächlichen Kräfteverhältnis recht nahe kommt. Alles, was in der einen Stunde, zwischen der 24. und 84. Minute passierte, sollte man einfach ausblenden, da die Löw-Truppe in keiner Weise gefordert wurde und sie mehr oder weniger ein Trainingsspiel absolvierte. Interessant ist bei alledem, dass Marcelo in den ersten Minuten tatsächlich gefährlich in den deutschen Strafraum eindringen konnte und nur durch ein perfektes Tackling von Lahm an einen Torschuss oder Pass gehindert werden konnte. Man stelle sich vor, Lahm wäre zu spät gekommen und hätte ein Foul gemacht! Wäre dann Scolaris „alles-oder-nichts“-Taktik aufgegangen? Denn für mich steht außer Frage, dass Scolari das Heil in der Offensive sah und seine Mannschaft anwies, auf dem Feld entsprechend zu agieren. Tja. Wer hätte auch ahnen können, dass die Mannschaft nach gerade einmal 10 Minuten wieder einmal durch eine Standardsituation erfolgreich sein würde? Das ist eigentlich ihre wahre Stärke und, wenn man so will, das Geheimnis ihres Erfolges.

Zurück zum Finalspiel, wo auffällt, dass beide Mannschaften so gut wie nie einen Rückstand aufholen mussten – Ausnahme ist das Gruppenspiel Deutschlands gegen Ghana, als sie etwa 8 Minuten einem Tor nachliefen. Im Gegensatz dazu waren die Niederländer Weltmeister, wenn es darum ging, ein Spiel noch umzudrehen (gegen Spanien, Australien, Mexiko). Auch schon was, nicht?