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Wenn die Staatsbahn Verluste schreibt

Lok-Reichenau2003
Vergangenheit und Zukunft der Bahn – Reichenau, 2003

In einem Artikel der Die Kleine Zeitung mit der Überschrift Bilanz: Deutsche Bahn vor Milliardenverlust wird dem Leser eindringlich vor Augen geführt, wie es um das deutsche Staatsunternehmen steht. Im Text heißt es:

Die schwächelnde Güterbahn DB Cargo soll saniert werden und ab 2018 wieder wachsen. Dafür könnten dort allerdings Tausende Arbeitsplätze wegfallen.

Ich gehe davon aus, dass der Artikel der Presseagentur Reuters entnommen wurde – auf der Webseite selbst finde ich hierzu keine Angaben. Aber man gut erkennen, dass es kein Journalist oder Redakteur der Mühe wert fand, dem einseitigen Artikel einige kritisch-skeptische Anmerkungen entgegenzustellen. So wird eine unabhängige Zeitung zur PR-Abteilung der Privatwirtschaft – kein Wunder also, wenn der eine oder andere Leser es bis oben hin satt hat, die ewiggleiche „Profit-ist-gut“-Beweihräucherungen zu lesen.

Der Artikel wälzt sich genüsslich in den Verlustzahlen der Deutschen Bahn – die „Lösung“ ist natürlich bereits gefunden: „massive strukturelle Umbaumaßnahmen im Konzern“. Mit anderen Worten, es müssen Arbeitsplätze gestrichen und Teilprivatisierungen vorangetrieben werden. So funktionierte ja immer schon der Beginn einer Ent-Staatlichung von all jenen Unternehmen, die private Investoren (nennen wir sie Spekulanten mit Händlergeist) auszuschlachten gedachten. Sehen Sie, jedes große Unternehmen hat einen gewinn- und einen verlustträchtigen Bereich. Das Ziel der Profiteure ist nun, den einen zu behalten und den anderen ohne großes Aufsehen abzustoßen. Dieser skrupellose Menschenschlag nennt diese Prozedur das freie Spiel der Kräfte am Kapital- und Finanzmarkt und er ist sich nicht zu schade, sich von Claqueuren in den Medien beklatschen zu lassen.

Kommen wir wieder zur DB und der „schwächelnden Güterbahn“. Warum schwächelt sie? Darauf gibt der Artikel natürlich keine Antwort. Die Güterbahn ist ein Monopol – es kann also de facto keinen Güterbahn-Konkurrenten geben. Einzig, die Straße, der LKW-Güterverkehr, ist der Konkurrent. Hat dieser im letzten Jahr zugelegt? Der Artikel schweigt sich darüber aus, wir können aber auf der kostenpflichtigen statista.com die Werte ablesen – etwa vier Mal mehr Güter wurden auf der Straße im letzten Jahr 2015 transportiert. Wer ist nun für die Erhaltung und den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur zuständig? Richtig, der Staat bzw. die Länder und Gemeinden. Wer legt Abgaben und Steuern für Transportunternehmen fest? Richtig, der Staat bzw. die Länder und Gemeinden. Wer fördert den Kauf von neuen LKWs und Zugmaschinen in Form einer Abschreibung? Richtig, der Staat. Wir sehen, der Staat kann den Transport auf der Straße verteuern oder verbilligen – für den Unternehmer ist es einerlei, er wählt jenen Transport, der für ihn am rentabelsten ist.

Auf den springenden Punkt gebracht: Die Güterbahn schwächelt, weil die Politik den Straßengüterverkehr (und die LKW-Produktion) fördert bzw. nicht hemmt. Sie werden jetzt vielleicht einwerfen, dass es besser für den Konsumenten sei, wenn die Güter günstiger transportiert werden können. Aber das ist natürlich eine Augenauswischerei. Die Euros, die Sie vielleicht beim Kauf einsparen, werden Sie über Steuern und Abgaben wieder herausrücken müssen – die Verluste der Bahn müssen ja schließlich gedeckt, die maroden Straßen für den Transitverkehr saniert, die Arbeitslosen über Wasser gehalten und die Kleinkinder von der verdieselten Umwelt kuriert werden, nicht? Am Ende profitieren immer nur die gleichen Leutchen, nämlich jene, die vom Händlergeist beseelt sind und deshalb wissen, wie das freie Spiel der Kräfte funktioniert. In den Medien werden Sie darüber nichts lesen, natürlich nicht.

Wie das System funktioniert: Wachau, die Bahn und eine Pumpe

In den beiden „Die Presse“-Artikel von Hermann Knoflacher (link), Professor emeritus am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien und Wilfried Posch (link), der bis 2008 Leiter der Lehrkanzel für Städtebau an der Universität für Gestaltung Linz. Mitglied des Österreichischen Nationalkomitees Icomos, geht es um die Einstellung der Wachaubahn und die Ersatzbedienung mit Autobussen. Die beiden Verfasser sprechen sich gegen die Einstellung der Bahn aus. Das ist gut so.

 

Wachau
Burg Dürnstein in der Wachau (Wikipedia)

Wenn man mich einmal fragen wird, wie es dazu kommen hat können, dass ein (Wirtschafts- und Gesellschafts-)System unsere kleine Welt auf den Kopf hat stellen können, dann ist die Antwort nicht leicht. Vielleicht hilft uns die Diskussion um die Wachaubahn, zu verstehen, wie das System funktioniert.

Die Bahn wurde vor Jahren vom Bund, also dem Staat Österreich, an das Land Niederösterreich „verkauft“ bzw. übergeben. Das Land Niederösterreich hat also den Rechenstift angesetzt und bemerkt, dass die „Nebenbahn“ unrentabel ist und beschlossen, diese still zu legen. An ihrer Stelle werden nun Post-Busse eingesetzt. Das klingt vernünftig, für einen wirtschaftlich denkenden Menschen, weil das Unrentable durch weniger Unrentables ersetzt wird.

Die Frage, die wir uns allesamt stellen müssen – früher oder später: Was wollen wir uns leisten? Aber weil diese Frage nicht und nicht gestellt wird, weil man sich vor den Antworten fürchtet, tut jeder, was er tun muss: er wirtschaftet nach bestem Gewissen.

Wir leben in einer Welt, in der das Zählbare, das Quantifizierbare über dem Nicht-Zählbaren, wie Qualität oder Seelenheil, gestellt wird. Eine Statistik, eine Auswertung, ein Zahlenspiel wird immer einem Bauchgefühl überlegen sein. Noch gibt es moralische, ethische Grenzen, die auch die größten Zahlenspieler nicht zu übertreten wagen (z.B. Abschaffung der Pflegeheime, die per se hohe Kosten verursachen), andererseits, in Stein gemeißelt sind diese Grenzen auch wieder nicht.

Das System, in dem wir leben, reißt und zerrt und fordert, so lange, bis es bekommt, was es will. Aber unersätlich, wie es ist, will es mehr, mehr, mehr. Es ist der „Blutpumpe“ von Verdun zu vergleichen, deren Idee ein gewisser Herr von Falkenhayn hatte. Auch er betrieb ein Zahlenspiel. Nicht mehr. Mit dieser zynischen Bemerkung soll nur gezeigt werden, in welche Richtung gewisse Rechenkünste gehen können. Und immer wird es heißen: ich musste so handeln, es blieb mir nichts anderes über, die Umstände (das System) verlangten es. Damals wie heute.

So lange wir uns also in einem System befinden, das fast zur Gänze aus einer Zahlenspielerei von Münzen besteht, so lange werden wir nicht frei sein. Ja, ja.

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