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Wo stand der Schreibtisch des Kaisers in der Hermesvilla? Über Macht, damals und heute.

update: Kaiser Franz Josef II. ist eine Mischung aus dem Franzl und Josef II. 😉

Gestern den ehemaligen kaiserlichen Wohnsitz, die Hermesvilla im Tiergarten Lainz aufgesucht und innwendig erkundet. Dabei auch Pläne und Fotos von einst betrachtet. Man bestaunt den kaiserlichen Mobiliarbombast (etwa das Schlafzimmer von Kaiserin Elisabeth) genauso wie das feinsinnige Kunstgespür des Ehepaars. Dann stand ich im Arbeitszimmer des Kaisers. Oft war er ja nicht in Lainz, aber trotzdem, wo ein Kaiser Franz Josef II. ist, da wird auch gearbeitet. Das Zimmer stand bis auf die Bilder leer. Ich wollte schon weitergehen, da erinnerte ich mich, im Vorraum eine Fotografie des Arbeitszimmers, aufgenommen um die Jahrhundertwende, gesehen zu haben. Auf dem Foto stand demnach alles auf seinem Platz – so, wie es der Kaiser einrichten ließ, so, wie es der Kaiser zu benutzen trachtete. Hier eine Skizze des Arbeitszimmers, die ich schnell mal mit dem empfehlenswerten Raumplaner von Icovia auf das virtuelle Papier brachte. Das Zimmer liegt im ersten Stock. Gegenüber vom mittig angebrachten Kamin war eine (schmale) doppelflügelige Tür auf den Laubengang, daneben zwei große Fenster. Was meinen Sie, wo der Kaiser seinen Schreibtisch aufstellen ließ?

Hermesvilla_Schreibtisch

Der Schreibtisch stand in der rechten unteren Ecke des Zimmers, die Längsseite des Tisches geht zur Eingangstür, die Vorderseite schließt direkt an die Wand ab. Der Kaiser saß somit nicht nur mit dem Rücken zum Fenster, sondern überhaupt mit dem Rücken zum Raum. Wie ich mir die Fotografie so ansah, wurde mir mit einem Schlag bewusst, dass die Anordnung des Tisches mehr über den Kaiser aussagt als alle Biographien.

Überlegen Sie mal, wie Generaldirektoren oder Manager oder der Präsident der Vereinigten Staaten ihre Schreib- und Arbeitstische aufstellen? Sie sind für gewöhnlich so arrangiert, dass der Besucher, der Eintritt, vor Ehrfurcht erstarrt – das heißt, der Tisch steht zentral im Raum und blickt zur Eingangstür. Die Anordnung lässt keinen Zweifel zu: Hier sitzt ein Mensch, der Macht hat und sie ausübt. Warum also ließ der mächtigste Mann einer europäischen Großmacht seinen Tisch in eine Ecke stellen?

Die Antwort liegt darin, dass ein Generaldirektor, ein Manager, ein Präsident, sie alle, nur für eine geraume Weile eine Machtposition innehalten. Ein Kaiser ist, wenn man so will, als Kaiser geboren und wird von niemandem in seine Machtposition gebracht. Gott allein ist es, der über ihm steht. Niemand sonst. Falls Sie das jetzt erschreckt, dann befürchte ich, dass Sie bereits zu sehr dem liberalen Demokratiegeschwätz ausgesetzt waren. Der springende Punkt bei alledem ist nämlich jener, dass Könige und Kaiser seit jeher für ein Gleichgewicht zwischen Adel und Bürger- bzw. Bauerntum zu sorgen hatten. Graf Mirabeau, Enfant terrible der politischen Umwälzung des späten 18. Jahrhunderts, schrieb in einem Brief, datiert mit 16. August 1788:

»Was meine private Anschauung angeht, so will ich sie Ihnen – für Sie persönlich – rund heraussagen: Krieg den Privilegierten und den Privilegien, da haben Sie meine Losung. Die Privilegien sind nützlich gegen die Könige; aber sie sind verabscheuenswert gegen die Nationen, und niemals wird unsre Nation öffentlichen Geist haben, solange sie nicht von ihnen befreit ist; da haben Sie den Grund, warum wir bleiben müssen, was ich persönlich in hohem Grade bin: monarchisch. Ah, gestehen wir’s doch ehrlich, was wäre eine Republik, die aus all den Aristokratien zusammengesetzt wäre, die an uns nagen? Der Hort der allerrührigsten Tyrannei

Setzen Sie dem Wort Aristokratie das Wort Geld hinzu und schon ist es eine akkurate Bestandsaufnahme der letzten Jahrhunderte. Mit anderen Worten, all diese Revolutionen, die im Namen des Volkes Kaiser und Könige vom Thron fegten, haben am Ende nicht dem Bauern, nicht dem Bürger das versprochene Erdenglück gebracht. Im Gegenteil. Die Geldaristokratie herrscht mit absoluter Strenge und Graumsamkeit. Diese Tyrannei kennt keine Gnade.

Falls Sie jetzt die Augen rollen und meinen, ich würde nur Blödsinn schreiben, weil jedes Kind weiß, dass die westliche Welt eine friedliebende Demokratie ist, tja, dann sollten Sie sich den Vortrag von Prof. Martin Gilens, Princeton University, angucken, in dem er seine Studie Testing Theories of American Politics: Elites, Interest Groups, and Average Citizens präsentiert und zum Schluss kommt, dass „unsere Gesellschaft nur eine Demokratie auf dem Papier ist“ [„our society is a democracy in name only.“] und dass der Durchschnittsbürger keinen politischen Einfluss hat:

»When the preferences of economic elites and the stands of organized interest groups are controlled for, the preferences of the average American appear to have only a minuscule, near-zero, statistically non-significant impact upon public policy.« [S. 575]
 .
Sollten Sie also das nächste Mal den amerikanischen Präsidenten im Oval Office – oder den Manager des Jahres – hinter seinem Schreibtisch sitzen sehen, denken Sie an die Hermesvilla und Kaiser Franz Josef II., denken Sie daran, dass die einen von Geldaristokraten in die Machtposition gehievt wurden und nur so lange dort verweilen dürfen, wie es die Fürsten Mammons wollen, während die anderen nur vor Gott und ihrem Gewissen Zeugnis ablegen mussten. Faites vos jeux.

 

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Als die Wiener Stadtmauer den Angriffen standhielt, anno 1683

Morgenland und Abendland in trauter Zweisamkeit, 1683.

Heute, vor genau 332 Jahren war es, als die kaiserlich-polnischen Entsatztruppen das türkische Belagerungsheer vor den Toren Wiens in die Flucht schlugen. Die Stadt war, wenn man so will, befreit. Und die Stadtmauer – teuer in der Entstehung, teuer in der Erhaltung – rettete das Abendland vor dem Morgenland.

Stadtmauern, Burgmauern, Grenzwälle waren lange Zeit en vogue. Weltweit. In China schuf man über viele Generationen ein imposantes Mauerwerk: Die Chinesische Mauer, mit einer Länge von über 21.000 km, sollte die Reiterhorden aus dem Norden in die Schranken weisen. Nicht unähnlich dem Hadrianswall der Römer, die sich ebenfalls vor „nordischen Barbaren“ auf der britischen Insel schützen wollten. Wohin man auch schaut, die Vergangenheit zeigt uns ein Bild der Abschottung: Hier sind wir, dort sind die anderen.

Die Frage, die sich hier stellt, ist, ob diese von oben verordnete Trennlinie mit Einverständnis der gewöhnlichen Untertanen geschah. Oder waren es immer nur die Fürsten und Könige und Kaiser, die sich gegen all die fremden Mächte „aus dem Norden“ wehrten?

In Bezug auf die Stadt und ihre Mauern, so wissen wir, dass gerade diese schützende Funktion den Ausschlag für die Gründung gab. Die Menschen der damaligen Zeit suchten Schutz. Freiheit. Geborgenheit. Nicht nur vor fremden Völkern, sondern auch vor ihren Fürsten, die kein Bisschen von ihrer Macht abgeben wollten. Mit anderen Worten: der Bürger zog Stadtmauern hoch, nicht weil er Angst vor den fremden Völkern hatte, sondern vielmehr, weil das Mauerwerk ihm die Möglichkeit gab, in seiner Entscheidung frei von Einfluss zu sein. Sehen Sie, die Fürsten hatten keinerlei Skrupel, wenn es darum ging, die Untertanen zu besteuern oder zum Kriegsdienst heranzuziehen. Gelinde gesagt war es eine hierarchische Erpressung, die da ablief. Weil jeder so viel Recht hatte, wie er Macht respektive Gewalt hatte, wusste bereits Spinoza. Kein Wunder also, dass sich der gewitzte Untertan eine „Burg“ baute um so seine Verhandlungsposition beträchtlich zu verbessern. Den Bauern und Knechten blieb dagegen nur der Griff zum Dreschflegel, um der Obrigkeit anzuzeigen, dass es reichte. Während also der Bürger mit seinem Fürsten verhandeln konnte, blieb der Bauernschaft nur der blutige Aufstand. Sie sehen also, dass so eine Mauer Blutvergießen vermeiden konnte.

Ich plädiere übrigens seit geraumer Weile dafür, die Stadtmauern wieder hochzuziehen. Nicht, weil ich an Abgrenzung und Abschottung denke, sondern vielmehr an Freiheit. Ohne Mauer sind wir all den Fürsten ausgeliefert, die mit uns tun und lassen können, was sie für richtig halten. Am Ende sollte es immer die Gemeinschaft sein, die entscheidet. Vergessen wir das nicht.