Schlagwort-Archive: belgien

EM 2016: Viertelfinale 2 – WAL : BEL

EM-2016-VF-2

Gedanken zum Viertelfinale 2 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

WALES : BELGIEN 3:1

Die erste Überraschung. Wer hätte das gedacht? Die Waliser waren gut gegen die sonst so offensiv starken Belgier eingestellt, gaben ihnen wenige freie Räume und waren im Angriff selbst immer brandgefährlich. Die belgische Verunsicherung war schon in den ersten Minuten zu bemerken – ein Grund dafür ist in den Abwehrspielern zu suchen, die allesamt jung und unerfahren waren – Trainer Wilmots musste vier Innenverteidiger vorgeben. Ärmstes Schwein war wohl Linksverteidiger Jordan Lukaku (jüngere Brüder des Stürmers Romelu), der sich nach rund zwanzig Minuten mit Gareth Bale auseinanderzusetzen hatte und bald nicht mehr wusste, wie ihm geschieht. Obwohl anfänglich alles für Belgien lief – da funktionierte das Offensivräderwerk noch wie geschmiert. Bereits nach 13 Minuten hämmerte Radja Nainggolan den Ball ins Netz. Sehenswert. Doch dieser Führungstreffer änderte nichts an der Tatsache, dass die belgische Hintermannschaft überfordert war und die Offensivspieler nur wenig zur Entlastung beitrugen. Die Waliser verstanden es, die Wege von Hazard und De Bruyne einzuschränken – überhaupt waren sie defensiv wohlgeordnet und ließen in späterer Folge nicht allzu viele Torchancen zu. Aus der gesicherten Abwehr leiteten sie ihre Angriffe ein, nutzen die Schwächen in der belgischen Verteidigung aus und schlugen bei einem Eckball eiskalt zu. Kopfball. Ausgleich. Damit drehte sich das Spiel. Die walisische Hintermannschaft wurde noch sicherer, noch abgebrühter, während die Vorderleute immer wieder gefährlich in die Spitze gingen. Der Führungstreffer von Robson-Kanu zeigt, wie leicht es ein Stürmer mit unerfahrenen Verteidigern hat – eine Körperdrehung im Strafraum reichte, um drei Belgier dumm aussehen zu lassen – darunter der eingewechselte Fellaini, baumlanger Mittelfeldherumtreiber bei Manchester United.

Die Stärke der Waliser ist einerseits in ihrer Defensivleistung zu sehen, andererseits in ihrer effizienten Torausbeute und dem Quäntchen Glück. Das erinnert bereits an die griechische Europameistermannschaft von 2004, deren Taktik man recht simpel auf den Punkt bringen kann: hinten den Laden dicht machen und vorne mit Standardsituationen das Spiel entscheiden. Dass den Belgiern ein Elfmeter sowie eine mögliche Gelb-Rote Karte für Verteidiger Davies vorenthalten wurde, sollte man fairerweise nicht unter den Teppich kehren. Aber am Ende hat sich dann doch die Mannschaft aus Wales gegen elf Einzelspieler aus Belgien durchgesetzt. Spricht das nicht für den Fußball?

Im Halbfinale bekommen es die Waliser mit Portugal zu tun, das mit Pepe einen der besten Abwehrspieler dieser EM stellt. Ich gehe davon aus, dass er sich nicht so leicht austanzen lässt. Ich erwarte mir ein 120-minütiges Rasenschach. Beide Mannschaften werden demnach versuchen, die Räume eng zu machen und das gegnerische Offensivspiel bereits im Mittelfeld zu zerstören. Auch ein früher Gegentreffer dürfte an dieser Ausrichtung nichts ändern, da beide Trainer wissen, dass man einen Bale, einen Ronaldo nicht von der Leine lassen darf, möchte man nicht in den Allerwertesten gebissen werden. Und eines ist klar: Wer ins Finale einziehen möchte, muss nicht unbedingt nach 120 Minuten gewonnen haben. Siehe Argentinien bei der WM 1990, das sowohl im Viertel- als auch im Halbfinale ins Elfmeterschießen ging und glücklich ins Finale einzog. Ach ja, Irland hat es mit keinem einzigen Sieg nach 90 Minuten geschafft, sogar bis ins Viertelfinale vorzudringen. Soll also keiner die sieglosen Portugiesen schelten.

EM 2016: Gedanken vor den Viertelfinalspielen

EM-2016-Gedanken_VF

Gedanken zum Viertelfinale der Europameisterschaft in Frankreich 2016

POLEN : PORTUGAL
WALES : BELGIEN
DEUTSCHLAND : ITALIEN
FRANKREICH : ISLAND

Das sind sie also, die 8 besten Nationalmannschaften Europas. Durch den neuen Modus – 24 statt bisher 16 Teilnehmer – schafften es drei Underdogs ins Rampenlicht des Viertelfinales. Allen voran Island, das mit England eines der großen Fußballnationen eliminierte und sich nun daran macht, ausgerechnet Gastgeber Frankreich ein Bein zu stellen. Die Niederlage der Engländer hat enorme Wellen geschlagen. Trainer Roy Hodgson (Jahresgage: 5 Millionen Euro) nahm freiwillig den Hut – er wusste, dass man in der Heimat sowieso seinen Kopf gefordert hätte – und schert sich deshalb nicht mehr um die Sintflut, die er mitverschuldet hatte. Auf der gestrigen Pressekonferenz murrte er gleich zu Beginn ins Mikrofon: »I don’t really know, what I am doing here.« Am Ende dieser verkorksten Europameisterschaft müssen nun die englischen Nationalspieler die Krot fressen und sich mit dem wütenden Medienmob auseinandersetzen, der nicht gerade dafür bekannt ist, blamable Niederlagen – seien sie sportlich, seien sie politisch – zu verzeihen. Die englischen Fans wiederum pendeln zwischen phlegmatischem Schulterzucken und cholerischer Zerstörungswut. Während die einen es längst aufgegeben haben, vor einem Turnier Hoffnung auf ein gutes Ergebnis zu hegen, wetzen die anderen nach dem Ausscheiden die Messer und fordern einen radikalen Einschnitt in allen Bereichen des geldgierigen und seelenlosen Kommerzfußballs. Nur wenige Engländer können sich damit abfinden, dass das Geburtsland des Fußballs, mit der teuersten Liga in der Geschichte des Sports, auf nationaler Ebene nur noch eine Randfigur darstellt. Die Erinnerungen an den Weltmeistertitel von 1966 verblassen mit jeder weiteren fußballerischen Enttäuschung und werden doch immer und immer wieder aus dem hintersten Winkel des gesellschaftlichen Bewusstseins geholt, abgestaubt und auf ein verklärend sentimentales Podest gestellt. Die Parallelen zu Österreich sind unverkennbar. Auch wir zehren von der Erinnerung an das Wunderteam der 1930er Jahre, das für kurze Zeit die Fußballwelt auf den Kopf stellen und die Masse begeistern konnte. Der Einzelne sehnt sich bekanntlich, in der Gruppe oder Sippe oder Nation aufzugehen und Großes zu leisten und Sport, wenn man so will, ist die Fortsetzung des nationalen Kräftevergleichs mit fairen und friedlichen Mitteln. Gut möglich, dass die Sittenwächter deshalb bestrebt sind, dem Fußball das nationalistische auszutreiben. Der Erfolg der homogenen isländischen Mannschaft ist natürlich für die Prediger des multikulturellen und entwurzelten Einheitsmenschengebräu ein Schlag ins Gesicht. Sollte das kleine Island auch noch gegen die französische Kolonialmannschaft gewinnen, würden die politischen Folgen unabsehbar sein – jedenfalls für Island. So könnte der Druck der europäischen Gemeinschaft auf die isländische Regierung erhöht werden, mehr Asylsuchende im Land und in der Nationalmannschaft aufzunehmen. Im letzten Jahr wurden 159 der 171 Asylanträge abgelehnt.

Wales? Wird unter die belgischen Räder kommen. Eine Überraschung halte ich für ausgeschlossen. Könnte ich mich irren? Natürlich. Gegen welche starken Gegner hat Wales gleich noch mal gespielt? Russland? Haha. Slowakei? Haha. Nordirland? Haha. England? Hahaha. Sie sehen, die Waliser wissen noch nicht mal, was im Viertelfinale auf sie zukommen wird, wenn sie meinen, sie hätten bisher überzeugenden Fußball gespielt. Hahaha.

Polen? Hm. Gegen Deutschland, den amtierender Weltmeister, haben sie eine taktisch und kämpferisch überzeugende Partie abgeliefert. Gegen die Schweiz – ein zäher Brocken – haben sie sich schlussendlich im Elfmeterschießen durchgesetzt und Nervenstärke bewiesen. Sie werden Portugal sicherlich fordern – gewinnen werden sie nicht.

Frankreich? Ich sehen dunkle Wolken am Horizont auftauchen. Die erste Hälfte gegen Irland hat gezeigt, dass die Equipe von Trainer Deschamps mit einfachen, freilich kräfteraubenden Mitteln, unter Druck gesetzt und damit aus dem Spiel genommen werden kann. So wird wohl am Ende das Nervenkostüm der Franzosen über Sieg oder Niederlage entscheiden – und wenn wir eines wissen, dann gibt es bei ihnen nur Extreme. Läuft es gut, walzen sie jeden Gegner nieder. Läuft jedoch nichts zusammen, bricht die Mannschaft auseinander und reibt sich in Schuldzuweisungen auf. Siehe Weltmeisterschaft 2002, als Frankreich als amtierender Weltmeister sang-, klang- und torlos in der Gruppenphase ausschied. Oder Europameisterschaft 2008. Oder Weltmeisterschaft 2010 und der Aufstand der rebellischen Spieler gegen Trainer Domenech – das scheint lange her zu sein und doch finden sich noch drei Spieler im jetzigen Kader, die diese Blamage miterleben mussten. Kurz und gut, eine Niederlage gegen Island ist für die Grande Nation unvorstellbar. Ah, mon Dieu, man möchte sich erst gar nicht vorstellen, was der Mob alles kurz und klein schlagen wird, wenn Frankreich gegen Island ausscheidet.

Belgien? Sollten sie gegen Bale & Co wirklich straucheln? Ist es vorstellbar? Zugegeben, gegen sattelfeste Schweden, die recht konventionell zu Werke gingen, taten sie sich schwer, ein Tor aus dem Spiel zu machen – so musste ein Tausendguldenschuss die Entscheidung herbeiführen. Die belgische Mannschaft zählt mit Sicherheit zu den besten, wenn der Gegner Räume lässt und in der Defensive ungeordnet steht – sollten die Belgier demnach in einem Spiel in Führung gehen, hat die gegnerische Mannschaft so gut wie verloren – siehe Irland, siehe Ungarn. Auf der anderen Seite, wie bereits erwähnt, haben die Belgier große Probleme ihr Offensivspiel gegen eine geordnete und disziplinierte Defensive ins Laufen zu bringen – siehe Italien, siehe Schweden. Sollte es also Gareth Bale ein weiteres Mal mittels einer Einzelaktion gelingen, die Waliser in Führung zu bringen, ist eine Überraschung durchaus möglich. Vorstellbar ist es freilich nicht.

Portugal? Wenn die Mannschaft weiterhin so trocken und lustlos – aber diszipliniert und ergebnisorientiert – ihre Spiele abspult wie gegen Kroatien, dann ist der Finaleinzug sicher.Technisch und spielerisch zählten die Portugiesen zum Besten, was der Fußball zu bieten hatte, aber Disziplin und Defensivbemühungen führten ein Schattendasein im von vielen Egos getriebenen Offensivspiel. Mit Trainer Santos hat sich das geändert. Nun sind sich Ronaldo & Co nicht zu schade, die einschläferndste Partie dieser EM abzuliefern, um ein starkes Kroatien aus dem Bewerb zu werfen. Sollte das Halbfinale Portugal : Belgien heißen – was recht wahrscheinlich ist – wird Schlafwagenfußball eine neue Dimension erreichen. Warum ich nicht an einen Schlagabtausch glaube? Sehen Sie sich die beiden Superpärchen beider Mannschaften an: Ronaldo & Nani – Hazard & De Bruyne! Jeder dieser vier Spieler, so man ihm Platz und Raum gewährt, kann ein Match entscheiden. Ungarn hat versucht, das Spiel offen zu halten (Danke, dafür!), und geriet unter die Räder. Kroatien hat es gegen Portugal gar nicht erst versucht – obwohl es das Spielermaterial dazu gehabt hätte. Der Respekt vor Ronaldo & Co war wohl doch zu groß. Kurz und gut: Mit Portugal und Ronaldo ist diesmal zu rechnen. Punktum.

Deutschland? Ist bisher noch nicht ernsthaft gefordert worden. Freilich, das Spiel gegen Polen hat gezeigt, dass auch der amtierende Weltmeister unter Druck gesetzt und zu Fehlern gezwungen werden kann. Müller, Götze und Özil sind noch nicht in Form, Kimmich und Mustafi müssen sich beweisen und der rekonvaleszente Schweinsteiger scheint mehr Maskottchen als spielerische Stütze zu sein. Trotzdem ist Deutschland ein Anwärter auf den Finaleinzug – taktische Ausrichtung, Disziplin und Kämpferherz sowie die Qualität einzelner Spieler stellen jeden Gegner vor größte Probleme. Auf den spitzfindigen Punkt gebracht: Die Angst in den Köpfen der gegnerischen Spieler und Trainer ist der zwölfte Mann der deutschen Mannschaft. Bestes Beispiel dafür ist die Selbstaufgabe der Slowaken bereits nach Anpfiff des Achtelfinalspiels gegen Deutschland. Die Frage aller Fragen lautet demnach: Wer hat (keine) Angst vor the national Meister?

Italien? Die wundersame Heilung eines Todgeweihten. Längst abgeschrieben, hat die italienische Mannschaft in den letzten Spielen gezeigt, was in ihr steckt – und das ist eine ganze Menge. Mit ihren Siegen gegen Belgien, Spanien und Schweden haben sie ein lautes Ausrufezeichen gesetzt, das auch Löw und seine Spieler nicht überhören konnten. Ausgerechnet Italien!, wird sich der deutsche Fan denken und all die schmerzlichen Niederlagen, die sich längst im kollektiven Bewusstsein eingebrannt haben, ziehen wie ein Film vor dem geistigen Auge vorüber. Ausgerechnet Italien hat bei dieser EM mit Antonio Conte einen Trainerfuchs auf der Bank sitzen, der sein deutsches Gegenüber locker in die Tasche steckt – nicht nur, dass Conte besser gekleidet ist und sich in der Öffentlichkeit zu benehmen weiß, auch ist er Ausdruck gelebter Fußballleidenschaft. Seine taktischen Vorgaben gegen die beiden Schwergewichte Belgien und Spanien waren nicht nur erfolgreich, sie beeindruckten auf ganzer Linie. Können die Italiener ihren Erfolgslauf fortsetzen, auch gegen den amtierenden Weltmeister? Definitiv. Die Azurris müssen nur achtgeben, nicht übermotiviert zu Werke zu gehen und zu viel zu wollen. Bezüglich der Taktikvorgabe gehe ich davon aus, dass Conte ähnlich verfahren wird, wie im Match gegen Spanien: Da die Deutschen ihre Stärke ebenfalls im Ballbesitz-Kombinationsspiel haben, müssen die Passwege zugestellt, die ballführenden Spieler unter Druck gesetzt und bei Ballgewinn schnell in das Offensivspiel umgeschaltet werden. Diese Taktikvorgabe ist freilich kräfteraubend und fordert ein Höchstmaß an Konzentration – gegen Spanien reichten die Kräfte für etwa 70 Minuten und deshalb verwundert es nicht, dass in der letzten Viertelstunde des Spiels die Spanier zu den größten Torchancen kamen. In Sachen Kondition haben die Deutschen deshalb einen klaren Vorteil – während sie gegen die Slowaken eine Form von beweglichem Stehfußball praktizierten, mussten sich die Italiener gegen die Spanier die Hacken ablaufen. Ein Sieg gegen Deutschland, so viel ist mal sicher, wäre für ganz Italien der Anfang eines SommermärchensCredi alle fiabe e vivrai fiabe, trovando quella scritta solo per te.

EM 2016: Spieltag 15 – Achtelfinale

EM-2016-Spieltag15A

Spieltag 15 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Achtelfinale

FRANKREICH : IRLAND 2:1
DEUTSCHLAND : SLOWAKEI 3:0
UNGARN : BELGIEN 0:4

Sieht man sich die Ergebnisse des 15. Spieltages an, sieht es danach aus, als würden die Favoriten ohne Probleme den Einzug ins Viertelfinale geschafft haben. Aber wie so oft, trügt auch hier der Schein. Frankreich lag bereits Minuten nach Anpfiff mit einem Tor im Rückstand. In der ersten Halbzeit fiel ihnen nicht viel gegen das aggressive Pressing der Iren ein. Erst in der zweiten Halbzeit, als die Kräfte der Iren merklich nachließen, fanden die Franzosen wieder ins Spiel. Der Ausgleich von Antoine Griezmann nach rund einer Stunde und sein Führungstreffer nur Minuten später besiegelten die Niederlage für Irland. Aber man hat wieder gesehen, wie nervös und zerfahren die französischen Spieler agierten, wie schwer sie sich taten, den Spielfluss in Gang zu bringen. Es erinnert bereits ein wenig an die letzte Weltmeisterschaft, als die Equipe nach dem fulminanten Sieg gegen die Schweiz bereits als Geheimfavorit galt um schließlich farb- und ideenlos gegen Deutschland im Viertelfinale auszuscheiden. Noch immer wirkt die Mannschaft von Trainer Deschamps wie ein zusammengewürfelter Haufen starker und nicht so starker Einzelspieler. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich das in den nächsten Spielen ändern wird. Was aber nicht heißen soll, dass ich Überraschungen ausschließe. An glücklichen Tagen schlägt individuelle Klasse, angetrieben von den Fans, jede eingespielte Mannschaft, aber ob das für einen Europameistertitel reicht, wage ich zu bezweifeln.

Ach, die Deutschen. Auch diesmal ergab sich der Gegner und verweigerte jeden Kampf. Deshalb ist es recht schwierig, festzustellen, wo der amtierende Weltmeister zur Zeit steht. Einzig die Polen versuchten im Gruppenspiel einigermaßen dagegenzuhalten und bescherten mit ihrem druckvollen Pressing der deutschen Hintermannschaft das eine oder andere Mal Probleme. Zugegeben, die Slowaken kamen tatsächlich dem Ausgleich kurz nahe, aber man konnte mit freiem Auge sehen, dass sie kein Feuer in sich hatten und nicht gewillt waren, den Bogen zu überspannen. Bereits gegen England haben sie nur den Bus im Strafraum geparkt, um das Remis über die Runden zu bringen. In den 90 Minuten gegen England, in den 90 Minuten gegen Deutschland versuchten sie alles, um einen Gegentreffer zu verhindern und nahmen dabei in Kauf, nicht mehr Fußball zu spielen, sondern nur noch eine Trainingseinheit zu absolvieren. Ehrlich gesagt, für mich ist es unverständlich, wie sich die Spieler solcher Mannschaften in den Spiegel schauen können. Gewiss, die Slowaken waren den Deutschen in allen Belangen unterlegen. So what? Andere, weit schwächere Mannschaften hätten sich aufgebäumt, hätten wenigstens ansatzweise versucht, spielerisch das Unmögliche möglich zu machen – auch wenn sie am Ende vom Platz geschossen werden. Die Iren waren den Franzosen in Sachen individueller Klasse natürlich unterlegen und trotzdem konnten sie eine Stunde lang mitspielen. Erst als Kraft und Konzentration nachließen, die Franzosen Blut leckten, mussten sie klein beigeben. Oder die Ungarn, die frohen Mutes ins offene belgische Messer liefen. Es ist Schade, dass so manche Mannschaft die Strapazen einer Qualifikation auf sich nimmt, nur um dann im Turnier mit dem Fußballspielen aufzuhören. Akzeptieren wir diese Fokussierung auf Ergebnisverwaltung, zerstören wir über kurz oder lang die Seele des Fußballspiels. Man möchte mich hier aber nicht falsch verstehen. Natürlich ist es ein legitimes taktisches Konzept, das Hauptaugenmerk auf die Defensive zu legen, im Besonderen wenn man es mit einer spielstarken Mannschaft zu tun bekommt. Das heißt aber noch lange nicht, dass man gleich ganz auf das Offensivspiel verzichten muss. Bestes Beispiel lieferte die algerische Nationalmannschaft bei der letzten Weltmeisterschaft ab. Sie zeigte gegen Südkorea in der ersten Halbzeit ein Angriffsforioso der Extraklasse. Muss man gesehen haben, um es zu glauben. Gegen den späteren Weltmeister Deutschland legte die »französische B-Nationalmannschaft«ihr Spiel wiederum defensiver an, erkannte aber die Schwäche einer sehr hoch stehenden Abwehrkette und versuchte mit schnell vorgetragem Flügelkonterspiel diese Schwäche auszunutzen. Warum haben es die Slowaken nicht mit einer ähnlichen taktischen Vorgabe versucht?

Die Ungarn haben gezeigt, wie man sich in die Herzen der Fußballfans spielt. Obwohl sie den Belgiern in punkto individueller und spielerischer Klasse hoffnungslos unterlegen waren, jedenfalls auf dem Papier, zeigten sie erfrischenden Angriffsfußball. Erstaunlich, wie unbekümmert sie agierten und immer wieder den Weg nach vorne suchten. Auch wenn das Resultat am Ende sehr klar ausfiel, eine Weile stand das Spiel tatsächlich auf Messers Schneide. Es hätte nicht viel zum Ausgleich gefehlt – was aber nicht heißen soll, dass der Außenseiter das Spiel hätte gewinnen können – jedenfalls nicht wenn Belgien einen Eden Hazard in Überform besitzt; seine Ballbehandlung, seine Technik, seine Sprints, sein Raumgefühl – überragend – dürften jeden Gegenspieler in Ehrfurcht erstarren lassen. Es war eine beeindruckende Galavorstellung, die der kleine Belgier gestern ablieferte. Wales wird im Viertelfinale Hazard aus dem Spiel nehmen müssen, wollen sie eine kleine Chance auf das Halbfinale haben. Ich gehe freilich davon aus, dass auch die Waliser unter die belgischen Räder kommen. Es liegt demnach ein Halbfinale zwischen Portugal und Belgien in der französischen Luft.

EM 2016: Spieltag 13 – Entscheidung GruppeE und F

EM-2016-Spieltag13

Spieltag 13 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Entscheidung Gruppe E und F

ITALIEN : IRLAND 0:1
SCHWEDEN : BELGIEN 0:1

ISLAND : ÖSTERREICH 1:2
UNGARN : PORTUGAL 3:3

Tja. Das war es also, mit der EM-Teilnahme der österreichischen Nationalmannschaft. Es ist schon verblüffend, dass es Trainer Marcel Koller von Beginn an mit einer defensiven Aufstellung versuchte. Ich hatte nach dem Spiel gegen Portugal einen ähnlichen Vorschlag gemacht – und darf mir zugutehalten, dass meine Überlegung vermutlich zielführender gewesen wäre. Während Koller jeden verfügbaren Defensivspieler auf den Platz stellte und die (noch nie gespielte) Formation 3-4-3 vorgab (die auf dem Platz eher wie eine 3-7-0 daherkam), wäre ich bei der bisher üblichen 4-2-3-1 geblieben, hätte aber Arnautovic in die Spitze gegeben, Alaba auf links gestellt und Schöpf als Junuzovic-Ersatz vorgesehen. Wie man in der ersten Hälfte gesehen hat, ist das Team nicht in der Lage, die Vorgaben einer neuer Formation zu erfüllen. Als Koller in der zweiten Hälfte wieder zur üblichen Aufstellung zurückkehrte, konnte man sofort erkennen, dass sich die Spieler wohler fühlten und damit auch ballsicherer wurden. Alles in allem hat mich die zweite Hälfte des Spiels gegen Island einigermaßen versöhnt, hat man – endlich, endlich – gesehen, dass die österreichische Nationalmannschaft sehr wohl in der Lage ist, auf internationalem Niveau Fußball zu spielen. In den anderen 5 Hälften wirkte das Spiel der Österreicher oftmals wie ein Monty Python Sketch: völlig surreal.

Koller hatte also die richtige Eingebung: Mittels Defensivtaktik und Aufbietung aller Defensivspieler soll wieder zur gewohnten Sicherheit zurückgefunden werden; ist das Selbstbewusstsein der Spieler einigermaßen im grünen Bereich angelangt, würde man die Offensivkräfte einwechseln und auf Angriff setzen. Aber wie so oft, wenn man die Lösung für ein großes Problem gefunden hat, übertreibt man in der Umsetzung. Natürlich kann ich im Nachhinein überlegen schreiben, dass der Lösungsansatz richtig, die Umsetzung jedoch falsch war – wäre beispielsweise Arnautovic nicht weggerutscht, hätte Dragovic den Elfer gemacht, hätte der Schiedsrichter das Foul im Strafraum gepfiffen, wäre der Schuss von Schöpf nicht abgewehrt worden, ich müsste den Hut vor Koller ziehen. Aber Tatsache ist, dass es nicht Wagemut war, der Koller veranlasste, die neue Defensivformation zu wählen, sondern Verzweiflung und Angst.

So rächt es sich, dass man es in Freundschaftsspielen verabsäumt hatte, neue Aufstellungsvarianten auszuprobieren. Andererseits braucht jedes Team eine Reihe von Spielen in einer fixen Aufstellung, um Vertrauen und Sicherheit zu gewinnen. Ein Dilemma, wenn man so will. Kann ich die Defensivtaktik Kollers gut nachvollziehen, so ist mir absolut unverständlich, warum er ein spanisches Offensivmittelfeldspiel mit Arnautovic, Alaba und Sabitzer aufziehen wollte. Dazu braucht es nicht nur ein grandioses Spielverständnis, sondern neben Disziplin auch eine gehörige Portion Spielerintelligenz. Dass diese Taktik nur in die Hose gehen kann, war eigentlich abzusehen – zumal Alaba in all seinen Spielen immer nur aus dem Rückraum agierte, nie an vorderster Front, zumal Arnautovic das Tempo aus dem Angriffsspiel generell herausnimmt und zumal Sabitzer – wollen wir es freundlich sagen – die internationale Klasse fehlt.

Der Führungstreffer der Isländer – ein Fehler im österreichischen Stellungsspiel – erinnerte frappant an jenen der Ungarn! Die erste Hälfte war jedenfalls zum Vergessen. Die Umstellung in der zweiten Halbzeit – Janko und Schöpf ersetzten mit Ilsanker und Prödl zwei Defensivkräfte – zurück zum gewohnten 4-2-3-1 mit Alaba neben Baumgartlinger im Zentrum und Schöpf als Spielmacher, ließ das Team wieder zur gewohnten Stärke zurückkehren. Plötzlich machten sie – vor allem über links – Druck, plötzlich gelangen die eingespielten Passkombinationen, plötzlich erwachte das verloren geglaubte Selbstbewusstsein, plötzlich merkte man als Außenstehender, dass ein Ruck durch die Mannschaft ging und all das beflügelte die Hoffnung, die man nach der grauenhaften ersten Halbzeit längst begraben hatte.

So wie es aussieht, werden sich Alaba & Co an dieser zweiten Halbzeit aufrichten können. Die Qualifikation zur WM 2018 steht bekanntlich vor der Tür. Dass sich die zwei Schwergewichte in unserer Gruppe – Irland und Wales – in das Achtelfinale gespielt und damit viel Selbstbewusstsein abgeholt haben, dürfte die Ausgangslage unseres Teams nicht gerade verbessern. Sei es wie es sei. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Ach ja, bevor ich es vergesse: Natürlich sollte es Konsequenzen für das Versagen der Mannschaft geben. Wer auch immer den Job für die psychologische Betreuung der Mannschaft inne hatte, gehörte an die Luft gesetzt. Sofort!

Ungarn? Ein Fußballwunder! Bei dem Spiel gegen Portugal blieb einem der Mund vor Staunen offen. Gewiss, die Ungarn konnten befreit das Leder treten – waren sie bereits fix für das Achtelfinale qualifiziert, während die Portugiesen zumindest ein Unentschieden benötigten und bei einer Niederlage die Heimreise hätten antreten müssen. Da können die Nerven schon flattern. Sieht man sich die erste Stunde der Begegnung an, dann erkennt man sofort, dass die Ungarn die Seiten gut zustellten. Im Gegensatz zu den Österreichern, die die größten Probleme mit dem portugiesischem Flankenspiel hatten, ließen die Ungarn  nur selten Hereingaben von den Seiten zu. Den Ungarn gelang es immer wieder, den Ball laufen zu lassen und mit gutem Kombinationsspiel Offensivaktionen einzuleiten; die Portugiesen waren deshalb gezwungen, mehr für die Absicherung zu tun, weshalb sie weniger Beine für ihre Angriffsbemühungen zur Verfügung hatten. Auch waren die Ungarn im schnellen Offensivspiel gefährlich – ein Stangenschuss unterstreicht es. Gut möglich also, dass sie im Achtelfinale die Belgiern ärgern werden – so das ungarische Nervenkostüm hält. Vergessen wir aber auch nicht, dass es die Belgier sind, die in dieser Begegnung unter dem größtmöglichen Druck stehen. Der geheime Favorit soll gegen einen 40-jährigen Torhüter in Jogginghose straucheln? Unvorstellbar! Ja, das dachten sich 8 Millionen Österreicher auch.

Portugal? Es kann nur noch besser werden. Nach der blamablen Leistung in einer der schwächsten Gruppen dieser EM, könnte nun Ronaldo & Co zeigen, was sie wirklich drauf haben. Ihr Achtelfinalgegner Kroatien ist dummerweise mit allen Wässcherchen der Spielkunst gewaschen. Sollten die Portugiesen diese schwere Hürde nehmen, dann stehen sie wohl im Finale und keiner lacht mehr über den vergebenen Elfmeter von Ronaldo. Ja, so absurd kann Fußball sein.

.

Belgien tat sich im Spiel gegen die Schweden recht schwer. Seltsam. Weil das Team rund um Ibrahimovic wohl zu den schwächsten dieser EM gehörte. In zwei Spielen gaben sie keinen einzigen (!) Schuss auf das gegnerische Tor ab. Möchte man nicht glauben, aber die Statistik lügt nicht. Mit dieser beschaulichen Leistung werden die Belgier gegen die Ungarn wohl keinen Stich machen. Spannung ist demnach am Rasen, nicht auf dem Papier, garantiert.

Italien? Irland? Man wird sehen, wie sich die beiden Betonmischer im Achtelfinale aus der offensiven Affäre ziehen werden. Ihre Gegner, Spanien und Frankreich, sollten vielleicht ein Abrissunternehmen anheuern, ansonsten wird es mit dem Tore schießen sehr, sehr schwer.

EM 2016: Spieltag 9

EM-2016-Spieltag9

Spieltag 9 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

BELGIEN : IRLAND 3:0

Sind die Belgier jetzt endlich in Frankreich angekommen? Gehören sie jetzt wieder zum Favoritenkreis? Zugegeben, wenn man den technisch versierten belgischen Spielern den Raum lässt und sie förmlich zu Kontern einlädt, darf man sich nicht wundern, wenn es drei Mal klingelt. In der ersten Hälfte haben die Iren ihr Defensivkonzept gut zur Entfaltung gebracht, konnten die Belgier zwar das Spielgeschehen kontrollieren, fanden aber nur zu einer zwingenden Torchance. Kurz nach der Pause änderte sich das Bild. Weil im Gegenangriff De Bruyne zwei Gegenspieler stehen ließ und an der Strafraumgrenze Lukaku perfekt bediente; der Stürmer schlenzte den Ball überlegt ins lange Eck. Mit dem Führungstreffer löste sich die Verkrampfung der Belgier. Irland, man merkte es die längste Zeit, hatte nicht die spielerischen Mittel, um Belgien in Gefahr zu bringen, ja, das irische Spiel mit nur einer Spitze war generell ideenlos und vorhersehbar.

Dieses Match zeigte erneut, dass sich Mannschaften mit Defensivkonzept schwer tun, nach einem Rückstand in eine kontrollierte Offensivphase umzuschalten. Oftmals geben sie ihre Ordnung auf und geraten bei Ballverlust in arge Bedrängnis – siehe die Türkei gegen Spanien oder Belgien gegen Italien oder Österreich gegen Ungarn. Besser machten es da die Ukraine oder Albanien, die auch nach dem Führungstreffer des Gegners weiterhin bei ihrem Defensivkonzept blieben, aber kontrollierte schnelle Vorstöße unternahmen. Ein weiteres, kräfteraubendes Konzept ist den Gegner in der eigenen Hälfte durch Pressing unter Druck zu setzen und ihn somit am Spielaufbau zu hindern und Ballverluste zu erzwingen. Die Polen praktizierten, wenigstens hin und wieder, solch ein überfallsartiges Pressing gegen Deutschland und kreierten dadurch gefährliche Strafraumszenen.

Kurz und gut: Die Belgier haben mit dem Sieg wieder ein Ausrufezeichen gesetzt. Aber im letzten Spiel gegen Schweden müssen sie Nervenstärke beweisen, würde doch eine Niederlage die Heimreise bedeuten. Auf dem Papier sollten die Belgier keine Probleme gegen ungefährliche Schweden haben. Aber wie man bereits im Spiel gegen Italien gesehen hat, tun sich die Belgier schwer, eine Betonabwehr zu knacken. Es wird demnach ein Gedulds- und Glücksspiel – mit Stürmerstar Ibrahimovic als Zünglein an der Waage.

Die irische Mannschaft und ihre Fans haben gezeigt, wie sympathisch der internationale Fußball sein kann. Spielerisch können die Iren mit den großen Mannschaften freilich nicht mithalten und ein Sieg gegen Italien wäre ein Wunder. St. Patrick hilf. Amen.

.

ISLAND : UNGARN 1:1

So sieht es also aus, wenn zwei Defensivmannschaften aufeinandertreffen und keine der beiden so richtig gewillt ist, das Spiel zu machen. Nun, sagen wir, die Ungarn waren von Beginn an bemühter, eine Entscheidung herbeizuführen. Aber die Isländer wissen, wie man Angriffe bereits im Ansatz unterbindet und deshalb gab es kaum gefährliche Strafraumszenen für die Ungarn. Auf der anderen Seite, es war eine halbe Stunde gespielt, vergab Gudmundsson alleinstehend vor Jogginghose-Goalie Kiraly, der den Schuss parieren konnte. Fünf Minuten vor dem Ende der ersten Halbzeit stand erneut Kiraly im Brennpunkt: Nach einer Ecke konnte er den Ball nicht festhalten – das folgende Gestocher im Strafraum führte schließlich zu einem Foul und Elfmeter. Sigurdsson behielt die Nerven und verwandelte eiskalt. So ist Fußball2.0: die eine Mannschaft macht das Spiel, die andere schießt das Tor.

In der zweiten Hälfte machten die Isländer den Laden dicht und mauerten mit Mann und Maus. Die Lust, eine Offensivaktion konsequent abzuschließen, sozusagen ein wenig Risiko zu nehmen, hatten sie freilich nicht. Es genügte ihnen, mit einem Tor in Führung zu liegen und diese Führung abzusichern. Die Ungarn waren nicht sonderlich gefährlich, fehlten ihnen doch die spielerischen Mittel, den isländischen Abwehrriegel in Verlegenheit zu bringen. Aber wie so oft, wenn sich eine Mannschaft auf ihren Vorsprung ausruht, passiert eine Unachtsamkeit mit Folgen: Ungarn kombinierte sich Minuten vor Schluss in den Strafraum – den folgenden scharfen Querpass von Nikolic konnte der isländische Verteidiger Saevarsson nur ins eigene Tor klären. Ausgleich! Die Isländer, darüber verärgert, warfen noch einmal alles nach vor – und siehe da, in der Nachspielzeit ließ sich ein Ungar zu einem dummen Foul an der Strafraumgrenze hinreißen. Der isländische Freistoß sollte – nach Herzog-Manier – unter der hochspringenden Mauer hindurch gehen – dummerweise wollte aber keiner der Ungarn hüpfen. Der von der Mauer abgeprallte Ball fiel ausgerechnet Routinier Gudjohnson vor die Füße, doch sein scharfer Schuss wurde von einer Vielzahl ungarischer Beine abgelenkt und ging nur knapp neben das Tor. Wir sehen, auch Fußballzwerge können ein Match am Ende noch äußerst spannend gestalten.

.

PORTUGAL : ÖSTERREICH 0:0

Was für ein Spiel! Was für eine Abwehrschlacht! Die Nerven flattern noch Stunden nach dem Schlusspfiff, der sicherlich von 8 Millionen Österreichern sehnlichst herbeigewünscht wurde. Ja, das österreichische Team hatte ne Menge Schwein gehabt, an diesem Abend. Die Portugiesen, die alles versuchten, fast alles richtig machten, scheiterten am Ende, weil Robert Almer das beste Spiel seiner Karriere ablieferte und zwei Mal die Stange für ihn rettete. Dabei gab es mit dem Elfmeter in der 78. Minute die größte Chance für die Portugiesen, das Match zu gewinnen – aber Ronaldo knallte den Ball an die Stange und der Nachschuss eines Portugiesen ging in die Abendwolken. Fünf Minuten vor Schluss köpfte Ronaldo schließlich doch noch ins Tor – glücklicherweise stand er bei der Freistoßhereingabe im Abseits. Wie man es auch dreht und wendet, Ronaldo und seinen Kollegen klebte das Pech an den Schuhen. Nach dem verpatzten Auftakt gegen eine defensiv perfekt eingestellte isländische Mannschaft reichte es gegen Österreich wieder nicht zum Sieg. Im Finalspiel gegen Ungarn geht es dann wohl um alles oder nichts – aber ist es auch nur annähernd vorstellbar, dass die Portugiesen an Kiraly & Co scheitern könnten? Nope. Unvorstellbar.

Die Österreicher haben diesmal brav und beherzt gekämpft. Spielerisch konnten sie mit ihrem gestrigen Gegner natürlich nicht mithalten, trotzdem gab es immer wieder den einen oder anderen Lichtblick, in Ballsicherheit, Zusammenspiel und Vorwärtsbewegung – auch wenn sie an einer Hand abzuzählen sind. Aber es war eine definitive Steigerung gegenüber dem ersten Match zu bemerken. Apropos. Wie bereits gegen Ungarn, hätte das Spiel auch hier in den ersten Minuten einen ganz anderen Verlauf nehmen können: Harnik köpfte aus drei Metern eine Maßflanke von Sabitzer neben das Tor. Das wäre ein Auftakt gewesen. Aber so kam, wie es zumeist kommt: Die Österreicher zeigten Nerven, verloren aber gottlob nicht Ordnung und Orientierung. Die portugiesischen Edeltechniker zeigten ein ums andre Mal, was sie mit dem Ball am Fuß können und ließen dabei so manchen Gegenspieler alt aussehen. Zwei wunderbar schnell gespielte Kombination im Strafraum – die österreichische Abwehr wusste gar nicht, was los ist – endeten einmal bei Torhüter Almer, das andere Mal an der Stange. Überhaupt Robert Almer! Eine Weltklasseleistung. Auch wenn seine oftmals misslungenen Abschläge den Puls der Zuschauer in die Höhe trieb. Die Slapstickeinlage, als er Hinteregger aus zwei Metern über den Haufen schoss, beruhigte nicht gerade die Nerven der Spieler und der Fans. Ja, das Nervenflattern hörte bei den österreichischen Spielern eigentlich nie auf. Sogar der sonst so abgeklärte Alaba – er besetzte die für ihn ungewohnte offensive Junuzovic-Mittelfeldposition – fand nicht zur Ruhe und leistete sich eine Reihe von unnötigen Fehlpässen. Nach einer Stunde nahm ihn Trainer Koller für Alessandro Schöpf vom Feld.

War es tatsächlich die veränderte Aufstellung – mit Martin Harnik als Solospitze, Marcel Sabitzer am rechten Flügel und Alaba im offensiven Mittelfeld – die am Ende den glücklichen Punkt nach Hause holte? Zugegeben, die Leistungssteigerung von Harnik und Sabitzer überraschte mich. Auch wenn Harnik, abgesehen vom Kopfball in der 3. Spielminute, zumeist allein auf weiter Flur stand, so beschäftigte er doch die beiden altgedienten portugiesischen Innenverteidiger Pepe und Carvalho. Sabitzer am rechten Flügel leistete eine ansehnliche Defensivarbeit und war hin und wieder bereit, offensive Aktion einzuleiten. Sein Gegenüber auf der linken Seite, Marko Arnautovic, fand eigentlich nie richtig ins defensive Spiel und so musste sich Christian Fuchs immer wieder allein mit Quaresma herumschlagen, der mit ihm machte, was er wollte. Glücklicherweise waren die Hereingaben des Portugiesen zumeist ungefährlich. Alaba war mit seiner neuen Position sichtlich überfordert. Vielleicht wäre es besser gewesen, Trainer Koller hätte ihn auf die linke Abwehrseite gestellt. Fuchs hätte dann die Arnautovic-Position und Arnautovic die Alaba-Position eingenommen. Mit Alaba und Fuchs auf der linken Seite hätte Quaresma sicherlich seine Probleme gehabt und Arnautovic hätte sich offensiver betätigen können. Freilich, solch eine Umstellung – von einem Spieltag auf den anderen – ist immer ein Risiko. Da fragt man sich natürlich, warum solche Experimente nicht im Vorfeld versucht worden sind. Alaba – einer der weltbesten Linksverteidiger – in der gestrigen Abwehrschlacht frühzeitig vom Feld zu nehmen grenzte eigentlich an Wahnsinn – auch wenn er eine der schwächsten Leistungen im Nationalteam an den Tag legte.

Nun kommt es zum Finalspiel gegen Island. Wie schon gegen Ungarn sind die Österreicher gezwungen, das Spiel zu machen. Die Isländer – sie haben es in den letzten beiden Begegnungen gezeigt – sind unangenehme robuste Gegner, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzen. Die Österreicher werden sich gehörig steigern müssen, wenn sie Island in die Knie zwingen wollen. Ist Alessandro Schöpf – spielstark, technisch versiert, schnell – eine mögliche Option im offensiven Mittelfeld? Alaba zurück ins defensiv-zentrale Mittelfeld, neben Baumgartlinger? Harnik an die rechte Seite und – so er fit ist – Janko in die Spitze? Andererseits würde mir die defensive Doppel-6 mit Baugartlinger und Ilsanker gefallen – beide sind von ihrer Physis in der Lage, sich gegen die Isländer zu stemmen. Prödl würde mir dahingehend auch besser gefallen und sollte neben Dragovic spielen.

Eine weitere interessante Überlegung: Arnautovic als Solospitze – mit seiner physischen Präsenz, seinem selbstbewussten Auftreten, seiner Technik und seiner Unberechenbarkeit, wäre er ein lästiger Unruheherd im isländischen Strafraum -, Alaba und Fuchs ziehen links, Klein und Harnik rechts auf, Schöpf als zentraler Ballverteiler, während Baumgartlinger und Ilsanker aus dem Rückraum kommen und so dem österreichischen Spiel die nötige Stabilität verleihen. Sollten die Isländer nämlich in Führung gehen, würde es ganz, ganz schwer werden, das Spiel noch zu drehen. Koller sollte aus der Auftaktniederlage gegen Ungarn gelernt haben, dass ein offensiv-emotionales Hopp oder Dropp ziemlich ins Auge gehen kann. So braucht es zu allererst Ordnung und Stabilität – die spielerische Qualität kommt dann von ganz allein. Freilich, ein wenig Glück werden wir in jedem Fall brauchen, wollen wir als Sieger vom Platz gehen. Also, Daumen drücken!