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WM 2018: Tag #7 – Der Sieg des Minimalismus

Portugal : Marokko 1:0
Uruguay : Saudi Arabien 1:0
Iran : Spanien 0:1

Gedanken zu den Spielen.

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WM 2018: Tag #6 – Ein Tag voller Überraschungen

Kolumbien : Japan 1:2
Polen : Senegal 1:2
Russland : Ägypten 3:1

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Olympische Spiele 1936 im Rückblick und die historische Einseitigkeit im Kurier

1936_Kurier

Gestern stolperte ich über den Kurier-Artikel der Printausgabe: 16 Tage heile Sportwelt: Olympische Spiele 1936 – Während die Nazis der Welt Toleranz vorspielen, bereiten sie im Hintergrund den Krieg vor.

Die Autorin versucht erst gar nicht, objektiv an historische Tatsachen heranzugehen, vielmehr übt sie sich in peinlicher Schuldzuweisungsmalerei. Natürlich ist es einem Kurier oder einem anderen deutschsprachigen Medium nicht erlaubt, die Zeit zwischen 1914 und 1945 akkurat darzustellen. Ist es die große Angst, das rechte Lager zu befeuern? Was auch immer die Gründe dafür sind, Tatsachen schafft man aber nicht aus der Welt, in dem man sie ignoriert. Sagte bereits Aldous Huxley.

Da ich mich aber nicht in gefährliche Untiefen begeben möchte – die Sittenwächter schlagen unbarmherzig zu -, greife ich einen zentralen Punkt des Artikels auf, nämlich die Behauptung, die „Nazis“ hätten bereits im August 1936 im Hintergrund den Krieg vorbereitet. Gibt es dafür Beweise? Die würde ich gerne hören.

Jemand, der sich mit der Historie objektiv auseinandersetzen möchte, könnte beispielsweise beim US-Historiker John Moser und seinem Buch The Blitzkrieg Myth (Harper Collins, 2003) nachlesen, dass beispielsweise in der Zeit zwischen 1935 und 1940 die Franzosen mehr Panzer als die Deutschen produzierten. Auf der selben Seite 51 lesen wir, dass die Produktionszahlen die Behauptung, Deutschland bereite sich auf eine revolutionäre Kriegführung vor, widerlegen: „Whatever German generals later claimed, no matter how brilliant  their theories of warfare, German production statistics give the lie to the claim that the German army was preparing for some revolutionary kind of warfare or had developed the weaponry to suit their ideas.“ Auch wenn Sie es nicht glauben möchten, aber es ist eine Tatsache, dass die deutschen Panzer in den ersten Kriegsjahren den gegnerischen in jeder Hinsicht unterlegen waren. Nur für den Fall, dass Sie noch immer von der technischen Überlegenheit der Deutschen Armee phantasieren.

Wie dem auch sei, bleiben wir bei der Olympiade 1936 in Berlin und hören uns an, was der große Jesse Owens zwei Monate später, darüber zu sagen hatte:

»While at the Olympic Games, I had the opportunity to meet the King of England. I had the opportunity to wave at Hitler, and I had the opportunity to talk with the King of Sweden, and some of the greatest men in Europe. Some people say Hitler snubbed me. But I tell you, Hitler did not snub me. I am not knocking the President. Remember. I am not a politician, but remember that the President did not send me a message of congratulations because people said, he was too busy. […] Now, I will talk about athletics. The Olympic Games were the greatest thing in my life and in the lives of other athletes that went over there. As to the races, my first one was the greatest, the 100-meter. Berlin is a wonderful city. The stands at the Olympics were crowded. There were 125.000 people. They had flags of the country of every person entered in the contests. The track was of a red texture with green around it. And the starters were there on the scene, men in white caps who stood ready with the guns in their hands.« [Artikel]

Mit anderen Worten, Jesse Owens fühlte sich nicht vom Deutschen Reichskanzler, sondern von seinem eigenen (demokratisch gewählten) Präsidenten brüskiert, der es nicht der Mühe wert fand, dem überragenden Athleten seiner Zeit ein Glückwunschtelegramm zu schicken. Es sollten 18 Jahre vergehen, bis die gesetzliche Rassentrennung in den USA per Gerichtsentscheid im Jahr 1954 aufgehoben wird.

Der Kurier-Artikel, der sich als geschichtliche Darstellung der Olympiade 1936 versteht, ist in seiner Einseitigkeit und Doppelbödigkeit ein Paradebeispiel für die Politisierung der Historie. Auf fiese Weise wird die schöne Oberfläche einer Objektivität inszeniert, während im Hintergrund die orwellsche Gedankenpolizei vorbereitet wird. Ja, die ungehemmte Neigung zum Monetären, zum Schönheits- und Gewaltkult bricht in unserer westlichen Gesellschaft durch.

Übrigens, der Boykott der olympischen Spiele von Moskau im Jahr 1980 war ebenfalls eine große Propagandatat, zwar nicht mehr von Josef Goebbles, sondern von Zbigniew Brzezinski, dem nationalen Sicherheitsberater Jimmy Carters. Darüber spricht natürlich kein linientreuer Historiker. Besser, man setzt die Scheuklappen auf und blickt starr auf 1936, weil ignorance is strength.

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Text of Jesse Owen’s Adress, Afro-American, October 10, 1936

 

 

Aleksandr Puškin und sein politisch völlig unkorrekter Reisebericht, anno 1829

Puskin_Arzrum_CoverErst kürzlich wieder in das schmale Büchlein Die Reise nach Arzrum während des Feldzugs im Jahre 1829 vom russischen Dichter Aleksandr Puškin geblättert. Es ist ein nüchtern, sachlich und präzis gehaltener Reisebericht, der dem Leser auch verschiedene Völker näherzubringen versteht. Aus heutiger Sicht dürfte die eine oder andere Passage politisch nicht korrekt sein – und man kann sich gut vorstellen, wie der Mainstream über die Berichte eines modernen Puškins erzürnt wäre. Deshalb tut es gut, hin und wieder einen vorsichtigen Blick in alte Bücher und Aufzeichnungen zu tun.

Sehen Sie, würde man den Kindern und Jugendlichen und Erwachsenen im Westen im kritischen Denken unterweisen, würde man Ihnen nicht sagen, was Sie worüber zu denken haben, diese political-correctness-Wut der Sittenwächter wäre erst gar nicht nötig. So muss man gefährliche (für wen?) Publikationen unterdrücken oder, wenn dies nicht möglich ist, neu auflegen und mit einem kritischen Anmerkungstext versehen. All das ist für mich Beweis genug, dass die Aufklärung („Bediene dich deines eigenen Verstandes“) nur ein Werkzeug elitärer Machtmenschen war, um den religiösen Glauben der breiten Masse zu untergraben und die bestehende gesellschaftliche Ordnung auf den Kopf zu stellen. Und als schließlich und endlich Kirche und Königshäuser gegen eine neue Herrschaftsform abgelöst wurden, die „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ versprach, hörte die Aufklärung auf Aufklärung zu sein.

Puškin wurde 1825 auf sein Gut verbannt, da er von den russischen Behörden überführt wurde, zwei atheistische Zeilen in einem Brief verfasst zu haben. Der moderne, aufgeklärte Mensch schüttelt ob dieses religiösen Eifers, ob dieser willkürlichen Bestrafung, den Kopf und doch würde es einem Bürger um Vieles schlimmer gehen, würde er heute den historischen Status Quo in Frage stellen und die positiven Seiten eines längst untergegangenen Reiches herausstreichen. Der religiöse Fanatismus, der Atheisten und Andersgläubige verfolgt und verheizt, besteht noch immer fort, nur dass die neu geschaffene Religion nichts mit dem überlieferten Glauben zu tun hat. Kurz und gut: Kant und Voltaire hätten in unserer Generation viel zu tun, um die zweite Aufklärung voranzutreiben.

Die Tscherkessen hassen uns (Russen). Wir haben sie von ihren fetten Weiden verdrängt; ihre Aule (Dörfer) sind zerstört, ganze Stämme vernichtet. Sie ziehen sich Stunde um Stunde tiefer in die Berge zurück und verüben von dort ihre Überfälle. Die Freundschaft der „friedlichen“ Tscherkessen ist wenig verläßlich: immer sind sie bereit, ihren gewalttätigen Stammesgenossen zu Hilfe zu eilen. Der Geist ihrer wilden Ritterlichkeit ist spürbar gesunken. Nur selten greifen sie Kosaken an, die ihnen an Zahl ebenbürtig sind, Infanteriesoldaten nie, und ergreifen die Flucht, sobald sie eine Kanone sehen. Dafür lassen sie keine Gelegenheit aus, eine schwache oder schutzlose Abteilung anzugreifen. Die hiesige Gegend schwirrt nur so vor Gerüchten von ihren Greueltaten. Es gibt kaum eine Möglichkeit, sie zu befrieden, es sei denn, man entwaffnet sie, wie man die Krimtataren entwaffnet hat, was überaus schwierig durchzuführen ist in Folge der unter ihnen herrschenden Erbstreitigkeiten und der Blutrache. Dolch und Säbel sind Teile ihres Körpers, und der Säugling beginnt sie zu berherrschen, noch ehe er sein erstes Wort stammelt. Mord ist bei ihnen – nur eine Körperbewegung. Ihre Gefangenen halten sie fest in der Hoffnung auf Loskauf, behandeln sie aber mit entsetzlicher Unmenschlichkeit, zwingen sie, ihre Kräfte übersteigend zu arbeiten, geben ihnen rohen Teig zu essen, schlagen sie, wann es ihnen paßt, und stellen als Wachen ihre kleinen Bengel auf, die das Recht haben, sie für ein bloßes Wort mit ihren Kindersäbeln zu massakrieren. Unlängst hat man einen friedlichen Tscherkessen gefangen, der auf einen Soldaten geschossen hatte. Er rechtfertigte sich damit, sein Gewehr sei zu lange geladen gewesen. Was macht man mit so einem Volk? […] Der Kaukasus wartet auf christliche Missionare. Doch unsere Faulheit hat es leichter, statt des lebendigen Wortes tote Buchstaben auszugießen und stumme Bücher an Menschen zu schicken, die weder lesen noch schreiben können.

Aleksandr Puškin
Die Reise nach Arzrum während des Feldzuges im Jahre 1829
Friedenauer Presse, Berlin 1998, S. 24f.

Das schmale Büchlein ist übrigens eine exzellent gemacht Broschüre – hier sieht man, welchen Mehrwert Literatur haben kann, so sich Kompetenz und Sorgfalt die Hand reichen und der Herausgeber bereit ist, einen besonderen Augenzeugenbericht der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen, ohne Wenn und Aber. Kudos.