richard k. breuer

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Olympische Spiele 1936 im Rückblick und die historische Einseitigkeit im Kurier

1936_Kurier

Gestern stolperte ich über den Kurier-Artikel der Printausgabe: 16 Tage heile Sportwelt: Olympische Spiele 1936 – Während die Nazis der Welt Toleranz vorspielen, bereiten sie im Hintergrund den Krieg vor.

Die Autorin versucht erst gar nicht, objektiv an historische Tatsachen heranzugehen, vielmehr übt sie sich in peinlicher Schuldzuweisungsmalerei. Natürlich ist es einem Kurier oder einem anderen deutschsprachigen Medium nicht erlaubt, die Zeit zwischen 1914 und 1945 akkurat darzustellen. Ist es die große Angst, das rechte Lager zu befeuern? Was auch immer die Gründe dafür sind, Tatsachen schafft man aber nicht aus der Welt, in dem man sie ignoriert. Sagte bereits Aldous Huxley.

Da ich mich aber nicht in gefährliche Untiefen begeben möchte – die Sittenwächter schlagen unbarmherzig zu -, greife ich einen zentralen Punkt des Artikels auf, nämlich die Behauptung, die „Nazis“ hätten bereits im August 1936 im Hintergrund den Krieg vorbereitet. Gibt es dafür Beweise? Die würde ich gerne hören.

Jemand, der sich mit der Historie objektiv auseinandersetzen möchte, könnte beispielsweise beim US-Historiker John Moser und seinem Buch The Blitzkrieg Myth (Harper Collins, 2003) nachlesen, dass beispielsweise in der Zeit zwischen 1935 und 1940 die Franzosen mehr Panzer als die Deutschen produzierten. Auf der selben Seite 51 lesen wir, dass die Produktionszahlen die Behauptung, Deutschland bereite sich auf eine revolutionäre Kriegführung vor, widerlegen: „Whatever German generals later claimed, no matter how brilliant  their theories of warfare, German production statistics give the lie to the claim that the German army was preparing for some revolutionary kind of warfare or had developed the weaponry to suit their ideas.“ Auch wenn Sie es nicht glauben möchten, aber es ist eine Tatsache, dass die deutschen Panzer in den ersten Kriegsjahren den gegnerischen in jeder Hinsicht unterlegen waren. Nur für den Fall, dass Sie noch immer von der technischen Überlegenheit der Deutschen Armee phantasieren.

Wie dem auch sei, bleiben wir bei der Olympiade 1936 in Berlin und hören uns an, was der große Jesse Owens zwei Monate später, darüber zu sagen hatte:

»While at the Olympic Games, I had the opportunity to meet the King of England. I had the opportunity to wave at Hitler, and I had the opportunity to talk with the King of Sweden, and some of the greatest men in Europe. Some people say Hitler snubbed me. But I tell you, Hitler did not snub me. I am not knocking the President. Remember. I am not a politician, but remember that the President did not send me a message of congratulations because people said, he was too busy. […] Now, I will talk about athletics. The Olympic Games were the greatest thing in my life and in the lives of other athletes that went over there. As to the races, my first one was the greatest, the 100-meter. Berlin is a wonderful city. The stands at the Olympics were crowded. There were 125.000 people. They had flags of the country of every person entered in the contests. The track was of a red texture with green around it. And the starters were there on the scene, men in white caps who stood ready with the guns in their hands.« [Artikel]

Mit anderen Worten, Jesse Owens fühlte sich nicht vom Deutschen Reichskanzler, sondern von seinem eigenen (demokratisch gewählten) Präsidenten brüskiert, der es nicht der Mühe wert fand, dem überragenden Athleten seiner Zeit ein Glückwunschtelegramm zu schicken. Es sollten 18 Jahre vergehen, bis die gesetzliche Rassentrennung in den USA per Gerichtsentscheid im Jahr 1954 aufgehoben wird.

Der Kurier-Artikel, der sich als geschichtliche Darstellung der Olympiade 1936 versteht, ist in seiner Einseitigkeit und Doppelbödigkeit ein Paradebeispiel für die Politisierung der Historie. Auf fiese Weise wird die schöne Oberfläche einer Objektivität inszeniert, während im Hintergrund die orwellsche Gedankenpolizei vorbereitet wird. Ja, die ungehemmte Neigung zum Monetären, zum Schönheits- und Gewaltkult bricht in unserer westlichen Gesellschaft durch.

Übrigens, der Boykott der olympischen Spiele von Moskau im Jahr 1980 war ebenfalls eine große Propagandatat, zwar nicht mehr von Josef Goebbles, sondern von Zbigniew Brzezinski, dem nationalen Sicherheitsberater Jimmy Carters. Darüber spricht natürlich kein linientreuer Historiker. Besser, man setzt die Scheuklappen auf und blickt starr auf 1936, weil ignorance is strength.

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Text of Jesse Owen’s Adress, Afro-American, October 10, 1936

 

 

Aleksandr Puškin und sein politisch völlig unkorrekter Reisebericht, anno 1829

Puskin_Arzrum_CoverErst kürzlich wieder in das schmale Büchlein Die Reise nach Arzrum während des Feldzugs im Jahre 1829 vom russischen Dichter Aleksandr Puškin geblättert. Es ist ein nüchtern, sachlich und präzis gehaltener Reisebericht, der dem Leser auch verschiedene Völker näherzubringen versteht. Aus heutiger Sicht dürfte die eine oder andere Passage politisch nicht korrekt sein – und man kann sich gut vorstellen, wie der Mainstream über die Berichte eines modernen Puškins erzürnt wäre. Deshalb tut es gut, hin und wieder einen vorsichtigen Blick in alte Bücher und Aufzeichnungen zu tun.

Sehen Sie, würde man den Kindern und Jugendlichen und Erwachsenen im Westen im kritischen Denken unterweisen, würde man Ihnen nicht sagen, was Sie worüber zu denken haben, diese political-correctness-Wut der Sittenwächter wäre erst gar nicht nötig. So muss man gefährliche (für wen?) Publikationen unterdrücken oder, wenn dies nicht möglich ist, neu auflegen und mit einem kritischen Anmerkungstext versehen. All das ist für mich Beweis genug, dass die Aufklärung („Bediene dich deines eigenen Verstandes“) nur ein Werkzeug elitärer Machtmenschen war, um den religiösen Glauben der breiten Masse zu untergraben und die bestehende gesellschaftliche Ordnung auf den Kopf zu stellen. Und als schließlich und endlich Kirche und Königshäuser gegen eine neue Herrschaftsform abgelöst wurden, die „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ versprach, hörte die Aufklärung auf Aufklärung zu sein.

Puškin wurde 1825 auf sein Gut verbannt, da er von den russischen Behörden überführt wurde, zwei atheistische Zeilen in einem Brief verfasst zu haben. Der moderne, aufgeklärte Mensch schüttelt ob dieses religiösen Eifers, ob dieser willkürlichen Bestrafung, den Kopf und doch würde es einem Bürger um Vieles schlimmer gehen, würde er heute den historischen Status Quo in Frage stellen und die positiven Seiten eines längst untergegangenen Reiches herausstreichen. Der religiöse Fanatismus, der Atheisten und Andersgläubige verfolgt und verheizt, besteht noch immer fort, nur dass die neu geschaffene Religion nichts mit dem überlieferten Glauben zu tun hat. Kurz und gut: Kant und Voltaire hätten in unserer Generation viel zu tun, um die zweite Aufklärung voranzutreiben.

Die Tscherkessen hassen uns (Russen). Wir haben sie von ihren fetten Weiden verdrängt; ihre Aule (Dörfer) sind zerstört, ganze Stämme vernichtet. Sie ziehen sich Stunde um Stunde tiefer in die Berge zurück und verüben von dort ihre Überfälle. Die Freundschaft der „friedlichen“ Tscherkessen ist wenig verläßlich: immer sind sie bereit, ihren gewalttätigen Stammesgenossen zu Hilfe zu eilen. Der Geist ihrer wilden Ritterlichkeit ist spürbar gesunken. Nur selten greifen sie Kosaken an, die ihnen an Zahl ebenbürtig sind, Infanteriesoldaten nie, und ergreifen die Flucht, sobald sie eine Kanone sehen. Dafür lassen sie keine Gelegenheit aus, eine schwache oder schutzlose Abteilung anzugreifen. Die hiesige Gegend schwirrt nur so vor Gerüchten von ihren Greueltaten. Es gibt kaum eine Möglichkeit, sie zu befrieden, es sei denn, man entwaffnet sie, wie man die Krimtataren entwaffnet hat, was überaus schwierig durchzuführen ist in Folge der unter ihnen herrschenden Erbstreitigkeiten und der Blutrache. Dolch und Säbel sind Teile ihres Körpers, und der Säugling beginnt sie zu berherrschen, noch ehe er sein erstes Wort stammelt. Mord ist bei ihnen – nur eine Körperbewegung. Ihre Gefangenen halten sie fest in der Hoffnung auf Loskauf, behandeln sie aber mit entsetzlicher Unmenschlichkeit, zwingen sie, ihre Kräfte übersteigend zu arbeiten, geben ihnen rohen Teig zu essen, schlagen sie, wann es ihnen paßt, und stellen als Wachen ihre kleinen Bengel auf, die das Recht haben, sie für ein bloßes Wort mit ihren Kindersäbeln zu massakrieren. Unlängst hat man einen friedlichen Tscherkessen gefangen, der auf einen Soldaten geschossen hatte. Er rechtfertigte sich damit, sein Gewehr sei zu lange geladen gewesen. Was macht man mit so einem Volk? […] Der Kaukasus wartet auf christliche Missionare. Doch unsere Faulheit hat es leichter, statt des lebendigen Wortes tote Buchstaben auszugießen und stumme Bücher an Menschen zu schicken, die weder lesen noch schreiben können.

Aleksandr Puškin
Die Reise nach Arzrum während des Feldzuges im Jahre 1829
Friedenauer Presse, Berlin 1998, S. 24f.

Das schmale Büchlein ist übrigens eine exzellent gemacht Broschüre – hier sieht man, welchen Mehrwert Literatur haben kann, so sich Kompetenz und Sorgfalt die Hand reichen und der Herausgeber bereit ist, einen besonderen Augenzeugenbericht der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen, ohne Wenn und Aber. Kudos.

Der Spiegel über Ron Paul und die Macht der Medien

Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.
Paul Sethe im Der Spiegel
anno 1965

Ehrlich. Mir war das Magazin Der Spiegel schon immer suspekt. Ich habe ihn links (sic!) liegen gelassen. Aber wie der Zufall so spielt, habe ich in einem US Blog über den Spiegel-Bericht zum amerikanischen Wahlkampf der Republikaner gelesen. Also hingeklickt und den Artikel überflogen. Hm. Stimmt. Die Kandidaten, von denen einer nächstes Jahr gegen den Demokraten Barack »Ich knalle jeden über den Haufen, wenn ich es will« Obama antreten wird, sind Witzfiguren ohne gleichen. Verschwörungstheoretisch würde man vermuten, dass die Republikaner alles daransetzen, Obama eine zweite Amtszeit zu gewähren. Vermutlich, weil die beiden Parteien sowieso schon längst im Boot sitzen und gemeinsame Sache machen. Republicrats, sozusagen. Dazu muss man kein Hellseher sein, sondern sich nur anschauen, welche Beschlüsse gemeinsam beschlossen werden und welche nicht: Wenn es um die Abschaffung der Demokratie und die Verwässerung der Constitution/Bill of Rights geht (jeder amerikanische Zivilist gilt als potenzieller Kriegsverbrecher und kann aller Rechte legal beraubt und ohne Anklage für alle Ewigkeit weggesperrt werden), wenn es um die Fortführung oder Ausweitung militärischer Konflikte, das Auslösen verschuldeter Privatbanken, die Erhöhung des Verteidigungsbudgets (früher hieß das Verteidigungsministerium folgerichtig Kriegsministerium – aber Spin Doctors dachten sich, Image is everything, und änderten den Namen. Voilà, schon dienen Präventivkriege als Verteidigung), dann sind sich die beiden Parteien schnell einig. Aber wenn es um Sozialeinrichtungen, Infrastrukturmaßnahmen, Umwelt- oder Arbeiterschutz geht, äh, ja, das wird gleich mal abgelehnt oder kommt erst gar nicht zur Abstimmung.

Zurück zum Spiegel-Artikel, der sich natürlich über die Republikaner lustig macht: »Club der Lügner, Demagogen, Ignoranten«, heißt es da fast folgerichtig. Wer diese Vorausscheidung ein wenig verfolgt, muss feststellen, dass man nie genau weiß, ob es sich hier um eine Polit-Parodie handelt oder ob all das wirklich ernst gemeint ist. Beinahe möchte  man alle Hoffnung fahren lassen. Entweder wählt man nächstes Jahr einen schießwütigen Friedensnobelpreisträger, der sich mit Banksters umgibt oder einen  korrupt verblödeten Soziopathen, der George W. Bush wie eine Lichtgestalt aussehen lässt. Faîtes vos jeux. Machen Sie Ihr Spiel.

Aber es gibt tatsächlich einen Hoffnungsschimmer. Er heißt Dr. Ron Paul und wird von den US-Mainstream-Medien generell unter den Teppich gekehrt. Hm. Warum? Eventuell hat John Stewart eine Erklärung dafür?

Ja, warum? Vielleicht hat CNN eine Idee dazu. Und wer weiß, vielleicht kanditiert er als dritte Partei.

Vermutlich hat Ron Paul Ansichten und Meinungen, die einem Establishment gefährlich werden könnten. Der Spiegel titelt hier „Radikal, einfach, erfolgreich“ und spricht von einer »kruden, einer polarisierenden Mixtur, die Ron Paul da kredenzt«. Ach? Barack Obama dürfte in den Augen des Spiegels scheinbar der nette Onkel sein, der zwar Folter, politische Morde, Präventivkrieg, Pax America, Unternehmen und Wall-Street befürwortet, aber sonst alles richtig macht.

Ron Paul, auf der anderen Seite, möchte die militärischen Konflikte beenden. Er möchte die US Verfassung und damit die Rechte der Bürger wieder stärken. Er brachte den Vorschlag ein, Hanf für industrielle Zwecke anbauen zu dürfen, in einer Zeit, wo die Obama-Behörden jeden Konsum von Marihuana, auch aus gesundheitlichen Gründen, um zB. Schmerzen zu lindern, strikt verbieten. Er möchte die Auslandshilfe nicht nur für Israel einstellen, sondern auch für arabische und sonstige ausländische Staaten (die damit sowieso wieder nur Waffen kaufen und damit die Nahost-Region destabilisieren). Dass AIPAC die größte Lobby-Gruppe in Washington ist, die wiederum Einfluss auf Mainstream-Medien hat, die wiederum Wahlen beeinflussen, möchte ich an dieser Stelle herausstreichen. Ist das Anti-Semitisch? Nope. Es ist ein Faktum. Und Fakten können in keinem Falle ideologisch besetzt sein. Nur die Interpretationen sind es. Und die überlasse ich dem Leser.

Ron Paul ist meiner Meinung die einzige vernünftige Wahl. Es gibt keine Alternative. Gewiss, es ist möglich, dass er, einmal gewählt, eine despotische Art an den Tag legt – analog Barack »to make that clear« Obama, der keine Hemmungen hat, Gesetze und Erlässe zu verabschieden, die eine breite Mehrheit der Bevölkerung ablehnt und nebenbei Verbrechen der Vorgängerregierung pardonierte.  Ach, es gab keine Massenvernichtungswaffen im Irak? Alles Lügen? Okay, what the hell. By the way: ein Gericht in Malaysia hat George W. Bush und Tony Blair als Kriegsverbrecher für schuldig befunden.

Ralph Nader spricht sich für Ron Paul aus. Das ist ein gutes Zeichen und bestärkt mich in der Meinung, dass wir es hier mit einem möglichen Präsidentschaftskanditaten  zu tun haben, der weiß, worum es in Wirklichkeit geht. Zum Beispiel wollte Ron Paul die Federal Reserve Bank (FED), die (private) amerikanische Zentralbank prüfen lassen, scheiterte aber an den bestehenden Gesetzen, die das verbieten (Warum?). Yep. Billionen von Dollars werden von privaten Bankiers an private Bank- und Finanzinstitute jährlich ausgeschüttet, die wiederum dem Staat und damit den amerikanischen Bürgern angelastet werden. Nice Biz. Ron Paul würde sogar soweit gehen, die FED abzuschaffen. Yep. Richtig! Der Staat muss wieder die Gewalt über die  Geldschöpfung haben, nicht Privatleute, die Milliarden und Abermilliarden auf ihren geheimen Konten liegen haben und sich einen Dreck um das Gemeinwohl scheren. Profit rulez! John F. Kennedy wollte die FED bereits in den 1960ern entmachten und ließ Dollarnoten drucken, die durch Silber gedeckt waren. Vermutlich war das, neben seinen Friedensambitionen gegenüber der UdSSR, mit ein Grund, warum man ihm das Hirn aus dem Schädel schießen musste. Übrigens, der Zapruder-Film, den jedes Kind kennt, dürfte manipuliert worden sein und zeigt nicht, wie die Limousine abgebremst wurde, damit die Schützen besser zielen konnten. Das nur am Rande angemerkt.

Wenn wir uns den Spiegel-Artikel ansehen – zugegeben, ich habe nach ein paar Zeilen bereits aufgegeben – dann ist klar, dass wir es hier mit einer Agenda zu tun haben: Ron Paul zu diskreditieren. Warum? Fragen Sie mich das bitte nicht. Die Antwort würde Sie nur in eine sehr tiefe Verzweiflung stürzen und das ist nicht meine Absicht.

Interessant: einer der »Leser-Kommentare« im Spiegel-Artikel kritisiert die Abschaffung der FED. Haha. Jeder Bürger, der sich mit der Thematik beschäftigt, kann nur zu diesem einen Schluss kommen, nämlich dass die FED und alle privaten Zentralbanken ein legalisiertes Betrugsmodell darstellen. Ja, schlicht und einfach B-E-T-R-U-G. Falls Sie also in Zukunft einen Artikel lesen oder TV-Nachrichten gucken und darin wird freundlich über die FED/Zentralbanken gesprochen, gehen Sie davon aus, dass die Zeitung/der TV-Sender gekauft, unterwandert oder manipuliert ist. Natürlich können Sie auch davon ausgehen, dass der Journalist keine Ahnung hat. Faîtes vos jeux.

Google+ eine Woche später …

Screenshot Google+ Circles

bekanntschaftliche Einkreisungen

Vor einer Woche startete ich mit dem neuen Sozialen Netzwerk mit dem klingenden Namen Google+ [sprich: googelplass]. Der erste Tag war ziemlich aufregend. Ich habe hier darüber gebloggt. Und nun, 7 Tage später, gibt es ein weiteres Resümee.

Google+ erinnert mich dann doch an ein aufgepepptes Twitter. Jeder darf mit jedem, wenn er oder sie oder es das möchte. Primär ist alles erlaubt. Naja, fast alles. Aber während facebook ordentlich auf die Bremse steigt, wenn es darum geht, mit  jemanden ins Gespräch zu kommen, den man nicht persönlich kennt, gibt Google+ ordentlich Gas. Wie in meinem vorigen Blog-Post beschrieben, geht Google davon aus, dass die Internet-Gemeinde aus friedlichen, lieblichen und freundlichen Menschen besteht, die sich alle mögen. Hm. Naja. Wenn es nur so wäre. Am Ende bleiben wir ja doch nur Menschen, mit all unseren Stärken und Schwächen. Apropos: scheinbar dürfte die Google+-Polizei auf der Suche nach Profilen sein, die nur eines im Sinn haben: Kontakte zu knüpfen um dann ihre Kontakte zuzuspamen. Zumeist handelt es sich dabei um Social Media Experten oder selbstständige Einzelunternehmer oder Medien-Agenturen. Indie-Autorenverleger würden da natürlich auch reinfallen, aber wie ich heute auf dem wunderbaren Kramuri-Blog von Gottfried Hufnagel lesen durfte, ist die Marktschreierei nicht mein Ding. Also wird die Polizei bei mir hoffentlich nicht anklopfen. Ja, es gibt im Netz genügend Einzelkämpfer, deren einziges Ziel es ist, Kontakte über Kontakte anzuhäufen, um so in den aberwitzigsten Rankings vorne dabei zu sein. Das kann sich durchaus finanziell lohnen. Spätestens dann, wenn ein Unternehmen auf den Social Media Zug aufspringen will und sich einen »erfahrenen Experten« angelt.

Außerdem habe ich eine inoffizielle Statistik entdeckt, die besagt, dass gegenwärtig die Männer in Google+ krass in der Mehrheit sind (etwa 7:3 oder 8:2 ist das Verhältnis Männer zu Frauen). Das gefällt mir natürlich gar nicht. Weil Männer einerseits nicht sonderlich gut kommunizieren können und andererseits Bücher und Literatur nur vom Hörensagen kennen. Freilich, Ausnahmen bestätigen immer noch die Regel. Ich schätze, das Männer-Frauen-Verhältnis wird sich in Zukunft natürlich angleichen. Es sei denn, Google+ bleibt die Spielwiese der Nerds und Geeks.

Ansonsten ist das neue Netzwerk ein schlankes System, das vorwiegend auf Kommunikation abzielt. Ein wenig nervig sind die vielen animierten GIFs, die ihre Runde in Google+ machen. Das war schon zu Beginn des Webzeitalters ärgerlich. Außerdem werden Bilder, die gepostet werden, beinahe formatfüllend präsentiert. Muss auch nicht sein. Oder: weniger/kleiner wäre da viel mehr.

Ein Netzwerk ist ja sowieso nur die Hülle oder – besser: ein Kaffeehaus. Wichtiger ist, wer sich darin wie oft herumtreibt. Das Problem ist ja, dass die Leutchen, die in Google+ sind auch ihr virtuelles Unwesen in facebook und twitter treiben. Manchmal stolpert man so über die gleichen Bilder oder Beiträge oder Kommentare. Ist ein wenig, so, als hätte man ein permanentes Déjà-vu. Freilich, es mag auch daran liegen, dass man sich immer mit den gleichen Leuten umgibt. Wobei, das ist dann wirklich mal ein großes Plus bei Google+: die Hemmschwelle mit jemanden in Kontakt zu treten ist viel geringer als bei facebook. Dummerweise gibt es noch nicht viele Hemmschwellen zu übertreten. Also, für mich jedenfalls nicht. Aber schön, wenn man sich mit den Mitarbeitern des Google+ – Teams verknüpft. So erhält man alle Infos aus erster Hand und glaubt sich in einer großen Familie. In facebook ist mir noch nie ein Mitarbeiter aufgefallen. Aber auch wenn, da ich ihn nicht persönlich kenne, würde er sich mit mir auch nicht verknüpfen wollen.

By the way: gestern startete ja der Bachmannpreis-Wettbewerb in Klagenfurt. 3Sat überträgt im TV und im Web live. Da macht es natürlich Sinn, auf Twitter mit dem Hashtag #tddl den Event mitzuverfolgen. Ist schon recht spaßig, wenn die Leutchen ablästern oder ihren Senf zum Gehörten oder Gesehenen abgeben. Literaturkritik ist das freilich nicht, eher die Komödie davon. Das gilt natürlich auch für die Jury vor Ort. Ich werfe diese Anmerkung deshalb ein, weil ich damit die Stärke von Twitter noch einmal aufs Tablett bringen möchte. Ich kommuniziere nicht unbedingt mit von mir ausgewählten Leuten, sondern ich trete in eine Gesprächsrunde zu einem genau festgelegten Thema (durch den Hashtag kann ich das Thema eingrenzen). In der Kaffeehausanalogie setze ich mich zu einem Tisch und nehme an der Diskussion teil. Bei facebook oder Google+ bleibe ich zumeist an meinem Tisch sitzen und lade andere ein, Platz zu nehmen.

Ich habe übrigens meine Webseite mit dem +1 ausgestattet. Damit kann nun jeder, der ein Google-Profil hat, meine Webseite „liken“. Das wiederum schlägt sich in der Search Engine von Google nieder. Wer mir also eine Freude machen möchte, der möge doch auf www.1668.cc auf den +1 klicken. Bezeichnend ist, dass ich in facebook um Klicks betteln musste, weil man (nur meine?) Postings in Google+ nicht sonderlich wahrnimmt.

Resümee: Google+ ist im gegenwärtigen Zustand ein simples Kommunikationstool, das die Privatsphären-Einstellung intuitiver und übersichtlicher als facebook gestaltet. Gut möglich, dass dadurch viele Netzwerk-Verweigerer und Technik-Muffel bekehrt werden und Social Media eine Chance geben. Fakt ist aber, dass es primär nur Platz für ein privates Social Media Kaffeehaus gibt (schlag nach bei myspace). Über kurz oder lang wird es definitiv zu einem Showdown zwischen facebook und Google kommen müssen. In der Haut der Google-Verantwortlichen will ich nicht stecken. Sie haben nämlich genau einen Schuss im Pistolenlauf. Wenn sie den ersten Schuss danebensetzen ist es vorbei. Im Internet gibt es keine zweite Chance.