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Wir brauchen einen neuen Journalismus oder Adam Curtis tells the Story

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Gestern spät Abends noch diesen sehr langen und ausführlichen Artikel What the Fluck? von BBC-Dokumentarfilmer Adam Curtis gelesen. Der Text beginnt ein wenig träge, nimmt aber schließlich Fahrt auf und trifft punktgenau ins Schwarze. Worum geht es? Nun, Curtis vergleicht unsere gegenwärtige verworrene Situation mit jener vor rund hundert Jahren, als die gesamte US-Gesellschaft in die Fänge von sogenannten Robber Barons, skrupellosen Entrepreneuren, geriet. Damals verglich man die Unternehmen dieser Robber Barons mit einem riesigen Oktopus, dessen Tentakel jede Institution fest im Griff hielt. Die Korruption zog sich wie ein roter Faden durch die amerikanische Gesellschaft – Justiz, Politik, Presse, Behörden, allesamt waren sie korrumpiert und arbeiteten gegen das Volk und für ihre Taschen – die wiederum von den »Raubtierkapitalisten« gut gefüllt wurden. Es brauchte schließlich einen Schriftsteller, der bereit war, den gewöhnlichen Bürger über die korrupten Machenschaften aufzuklären. Im Jahr 1901 wurde das Buch von Frank Harris unter dem Titel The Octopus publiziert, welches die Geschichte der kleinen Farmer im amerikanischen Westen erzählt, die sukzessive in die Abhängigkeit der Eisenbahngesellschaften gerieten und schlussendlich Land und Freiheit aufgeben mussten. Das Buch löste in der Gesellschaft ein Aha-Erlebnis aus und die Bürger begannen zum ersten Mal die großen wie kleinen Zusammenhänge zu begreifen. Der Erfolg des Buches bekräftigte schließlich einen Verleger, ebenfalls die kleinen wie großen Zusammenhänge offenzulegen. In der Ausgabe seines McClure′s Magazine aus dem Jahr 1903 wurden drei lange und ausführliche investigative Artikel abgedruckt die ganz Amerika schockierten und als Startschuss fungierten, um der Korruption den Kampf anzusagen. Einer der Artikel beschäftigte sich übrigens mit den illegalen und amoralischen Praktiken der Rockefeller-Öl-Dynastie und wurde von einer gewissen Ida Tarbell nach zweijähriger Recherche zu Papier gebracht.

update 8.12.2013: Durch Zufall auf jenes Emblem gestoßen, welches die Hülle eines Spionagesatelliten der NSA ziert. Faszinierend, nicht?

Die Robber Barons sind dank mutiger Journalisten, Autoren und Politiker längst Geschichte – aus deren Unternehmen erwuchsen »seriöse« Konzerne, deren Eigentumsverhältnisse freilich im Dunkel bleiben (und deren gesellschaftlichen Einfluss als enorm zu betrachten ist). In meinem Buch Con$piracy versuche ich nun – wie anno dazumal – , größere und kleinere Zusammenhänge aufzuzeigen. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, so leben wir in einer durch und durch korrumpierten Welt, die den Einzelnen abhängig und unfrei macht. Wir sehen es deshalb nicht klar und deutlich, weil uns ein  potemkinsche Dorf umgibt, das uns eine simple Märchenwelt vorgaukelt. Damals wie heute ist es deshalb die Aufgabe mutiger Bürger, diese Märchenwelt zu entlarven und einen Blick hinter das potemkinsche Dorf (Studiofassade) zu machen. Oder in den Worten von Adam Curtis:

[…] and we need a new journalism to explain what is really going on.

Spreeblick? Geschrieben an der Donau, um 8 Uhr 28.

update: Beitrag nun online.

Wer möchte ins Wasser?

Wer es nicht weiß, Spreeblick ist ein im Web recht bekannter Berliner Blog, auf dem sich mehrere Autoren tummeln und dabei über allerlei Themen schreiben. Im Sommer haben Sie nun die Aktion Open Spreeblick eingeführt; damit ist es jedermann und jederfrau möglich, ebenfalls einen kurzen oder langen Blog-Beitrag auf Spreeblick zu veröffentlichen. Ich konnte nicht umhin, einen langen Beitrag zu fabulieren. Natürlich wird jeder Beitrag redaktionell geprüft. Ich gehe mal nicht davon aus, dass es an meinem Artikel etwas zu beanstanden gäbe, aber wer weiß. Die Donau und die Spree sind zwar beides bekannte Gewässer, aber sie unterscheiden sich dann doch erheblich. Wie dem auch sei, ich gebe Bescheid, wenn der Beitrag online geht – und werde mein Geschreibsel natürlich auch hier einstellen. Ist ja mein Geschreibsel. Und das gehört mir. Wirklich.

Der Autor als Verleger oder Weder Fisch noch Fleisch

In gewisser Weise sind Künstler und Dichter Egoisten, zumal ihr Kriterium (gegenüber anderen Werken) nicht darin besteht, was objektiv gut oder wichtig ist, sondern nützlich.
Hans Magnus Enzensberger
zeitzug.com

Richard K. Breuer im Kaffeehaus
Foto: Laurent Ziegler - in einer Egomanischen Bearbeitung vom Künstler höchstselbst

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Vor wenigen Tagen mit meinem Vertreter SF. im Schanigarten gesessen und den Lärm der Stadt an uns vorüberziehen lassen.  Wir haben über allerlei Projekte und Perspektiven geplaudert, über die Buchbranche, die Buchhändler und die Verlage und auch über meinen virtuellen Auftritt in diesem Blog. Ja, ja.

Weder Fisch noch Fleisch, brachte es SF. auf den Punkt, als es um die Ausrichtung meines Blogs ging. Stimmt. Ich nickte. Man muss sich nur die Themenvielfalt besehen, um zum Schluss zu kommen, dass der Kerl, der hier blökt, ein seltsam verquerer Zeitgenosse sein muss. So reichen die Themen von Internationalen Fußballgroßereignissen (EM, WM, UEFA-Cup-Finale und Frauenfußball-WM) über dunkle Doomster-Szenarien (Finanzkrisen, Ressourcenausbeutung, Erdölverknappung, Werbeverblödung, Mainstream-Medien-Verdummung) zu kritischen Polit-Diskursen (Wirtschafts -und Gesellschaftssystem), weiters Social Media Erklärungsversuchen (Google+ vs. facebook vs. Diaspora*, you know?) bis hin zu intimen Einblicke in das Autoren- und Verlegerleben, nebst E-Book-Befürwortungs-Kampagnen – die Werbeeinschaltungen (»mein neues Buch gibt’s jetzt offiziell zum Kaufen«) schieben wir jetzt besser mal auf die Seite.

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Zwillingsleiden: ein Blog über erotische Literatur #Empfehlung

eine Empfehlung

Vermutlich habe ich es schon mal geschrieben, aber hin und wieder muss man sich einfach wiederholen. Wirklich. In diesem Falle geht es um den wunderbaren Blog Zwillingsleiden, der sich auf eine ernsthafte, aber gleichzeitig auch lockere Art und Weise mit erotischer Literatur beschäftigt. Die Wienerin Evi macht es wirklich ausgezeichnet. Freilich, ihr Zielpublikum darf als weiblich vorausgesetzt werden, aber als interessierter männlicher Zaungast fühlt man sich rundum wohl, in ihren zahlreichen Besprechungen und Rezensionen von Taschenbüchern und E-Books!

Dass sich Evi auch mit meiner hübschen Fiktion Die Erotik des Erik van der Rohe auseinandersetzt, freut mich besonders. Demnächst gibt es eine Besprechung. Wir dürfen gespannt sein.

das erste Mal: 20. April 2007 oder Die bloggende Unschuld

der kleine Dichter ein bisserl nervös, ein bisserl fickrig, aber sonst geht es ganz gut, mit dem wordpress.blog. Es wird freilich seine Zeit brauchen, bis ich es in meine Website einbinde und darin schreibe.

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Das war er. Der erste Eintrag auf dem wordpress.blog. Nicht gerade weltbewegend. Natürlich nicht. Die Entscheidung, dem deutschen Community.blog nach zwei Jahren den Rücken zu kehren, war wohl eine gute, eine erwachsene, eine notwendige. Hier, in meinem blog, da ist meine Welt. Komme, was wolle. Ich habe das Recht und die Pflicht, zu schreiben, was mir im Kopf herumspukt. Ja, ja.

Ich werde deshalb kein bisschen eitel sein, weil ich weiß,
dass die Publikumsgunst den schlechtesten Büchern zu teil wird.
Marcel Proust an Gaston Gallimard, 1919

Das Web2.0 und die Möglichkeit, blog-Artikel zu schreiben und (wichtig) zu kommentieren und (noch wichtiger) zu verlinken, hat die schreibende Welt näher zusammenrücken lassen. Plötzlich konnte sich jeder als Journalist oder Kinokritiker sehen. Da fällt mir ein: meine Blog-Seite mit den Kinokritiken ist irgendwo im virtuellen Äther verschwunden. Andererseits, man sagt ja, dass im Internetz nichts verschwinden kann, demnach müssen also meine Ergüsse noch irgendwo sein. Aber so wichtig sind sie auch wieder nicht. Gut. Zurück zum Web2.0. Die Blogs waren anfänglich überschaubar. Es gab sogar junge und ältere Menschen, die sich nicht getrauten, so öffentlich zu schreiben. Es war mit einmal eine seltsame Situation: Leute, die irgendwo und nirgendwo zu Hause waren, konnten sich nun Gehör verschaffen. Grenzübergreifend. Weltweit. In jeder Sprache. Vielleicht auch nur mit Fotos. Bewegend!

Aber man erkannte bald, wie es um die Euphorie bestellt war. Ein Auflodern. Kurz. Kräftig. Dann die Ernüchterung. Weil so einen blog zu machen, einen gehörigen Aufwand darstellt. Man muss konsequent sein. Darf sich nicht zu lange Zeit lassen, mit dem nächsten Eintrag, ansonsten geht man unweigerlich verloren, in der Masse der anderen aktuelleren Seiten. Und dann die Frage, was man denn schreiben soll. Vermutlich machte sich anfänglich kaum einer Gedanken darüber. Hauptsache die Möglichkeit ausschöpfen, zu publizieren. Egal was. Egal wie. Und so sahen sie auch aus, die hingerotzten Blog-Artikel. Fehlerhaft. Verstümmelt. Mäßig. Erbärmlich. Und heute? Jahre später? Ich kann nicht sagen, in letzter Zeit einen grottigen Blog angeklickt zu haben. Ist es Zufall? Oder hat sich hier einfach die Spreu vom Weizen getrennt? Hat hier tatsächlich die Gemeinschaft von selber nachgeholfen? Oder haben die Blogger bemerkt, dass es keinen Spaß macht, wenn die hingeschmierten Beiträge einerseits nicht gelesen, oder, wenn doch, nicht beachtet, nicht kommentiert werden?

Wie dem auch sei. Zu guter Letzt, da fällt mir ein, dass es heißt, dass jeder Blogger auch Journalist ist bzw. sein kann. Gewiss. Aber noch mehr wird er bemerken, dass er nun auch eine Zeitung zu stemmen hat, die nach eigenen Gesetzen und Vorgaben geführt werden muss. Leserzahlen! Einfluss! Interaktion mit anderen Journalisten/Zeitungen! Ja, der Blogger rauft sich alsbald die Haare. Soll er jenen Artikel verfassen, der ihm zwar am Herzen liegt, der aber wenige Klicks und kaum Interesse mit sich bringen wird? Hm. Bald ertappt sich der Blogger, bewusst kontroverse, absichtlich übertriebene Themen aufzugreifen und, hie und da, ein kleinwenig zu provozieren (nur die harmoniesüchtigen Wesen unter den Bloggern, die sträuben sich noch). Ja, das Web2.0 hat den Menschen die Augen geöffnet und gezeigt, was es heißt, eine Zeitung zu führen. Citizen Kane im Mikroformat. Und am Ende zählt nur eines. Rosebud.