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e-Book, Piraterie und der Mythos vom Autor, der von seinen Büchern leben kann

»Wir alle, die wir uns auf irgendeine Weise mit der Wissenschaft, die man in diesem Zusammenhang Literatur nennen kann, beschäftigen, wachsen auf in dem Gedanken, daß die Betriebsamkeit mit derselben ein Glück sei, ein Vorteil, eine ehrenvolle Auszeichnung unseres gebildeten und philosophischen Zeitalters … – aber gerade jene Betriebsamkeit des literarischen Marktes hat es ertötet, verkehrt und herabgewürdigt, so daß der Geist davon verflogen ist …«

JOHANN GOTTLIEB FICHTE
»Über das Wesen des Gelehrten und seine Erscheinungen im Gebiete der Freiheit«
10. Vorlesung (1805). Zit. nach Rietzschel: Gelehrsamkeit, S. 39f.
entnommen: »Archiv für Geschichte des Buchwesens, Band 30«
Walter de Gruyter, 1988

Zwei wunderbare Artikel gelesen, die ich nur empfehlen kann. Der eine behandelt das Thema der Urheberschaft von Texten und der mythischen Schlussfolgerung, dass die Autoren vom Verkauf  ihrer Bücher leben könnten. Der andere Artikel beschäftigt sich mit der Piraterie von ebooks und der Frage, ob man weg vom DRM und hin zu einer Flatrate für Buchdownloads gehen sollte.

Wer kann eigentlich von seinen Bücherverkäufen leben?

Können also Autoren vom Verkauf ihrer Bücher leben? Für eine Minderheit gilt das natürlich – und diese kennt man sehr gut. Die üblichen Verdächtigen, wenn man so will, die sich in den Top-Ten-Charts gut eingerichtet haben. Studien zeigen ja, dass diese Bestseller-Autoren in England rund 60 % (in Deutschland rund 40 %) der Gesamteinkünfte der Buchverkäufe einstreichen (und mit ihnen natürlich ihre Verlage). Während also die restlichen 99,9 % sich um die verbliebenen 40  % prügeln. Kurz gesagt: die Hälfte der Autoren darbt, die andere hält sich über Wasser. Trotzdem wird von der Buchindustrie die Parole ausgegeben, ebook-Piraterie würde die Existenz der Autoren gefährden. Aha. Genauso gut könnte man natürlich die Ignoranz des Lesepublikums dafür verantwortlich machen. Oder rigorose Zugangsbestimmungen am physischen Buchmarkt, der verstärkt auf Schnelldreher und Bestseller aus ist. Oder die exorbitanten Werbemaßnahmen von großen Publikumsverlagen, um Bücher „in den Markt zu drücken“ – und damit alle Aufmerksamkeit auf diese wenigen Bücher lenken. Da bleibt für andere kaum Luft zum Atmen. Blubb.

Die Piraten kommen!

Für wen ist also die Piraterie eine Gefahr? Für den darbenden Autor, der seinen Lebensunterhalt mit einem Brotjob verdient? Wohl kaum. Eher könnte es sogar – sarkastisch betrachtet – eine Chance für ihn darstellen. Würden nämlich viele illegale Kopien seines Buches im Umlauf sein, würde es dem Markt anzeigen, dass hier ein Potenzial vorhanden ist, das ausgeschöpft werden muss. Große Verlage würden dann nicht zögern, dem wenig bekannten Autor einen lukrativen Vertrag anzubieten – oder sein Buch würde stärker beworben werden. Illegal heruntergeladene Kopien sind genauso ein Indikator wie die verkauften Kopien. Das ist ja eigentlich schon wieder die Ironie der Geschichte. Weil der Markt diese Bestseller-Listen als eines der wirksamsten Verkaufsmaßnahmen adoptiert und in den Kopf des Konsumenten verpflanzt hat. Was »alle« lesen, muss jeder gelesen haben. Punkt. Durch diese Manipulation (de facto trägt der Konsument seinen eigenen Anteil daran, weil er ja einer großen Gruppe angehören will) ist der Wunsch, das Produkt zu besitzen, so stark, dass der Konsument vieles in Kauf nimmt. Dummerweise wählt er den einfachsten und schnellsten Weg. Wer erinnert sich an den Film-Klassiker Wargames?

Am Beginn des Filmes blättert der junge Matthew Broderick in einem Prospekt, das ein ultimatives Computer-Spiel anpreist, das aber nur vage angedeutet wird. Broderick ist sofort Feuer und Flamme. Er will es JETZT und nicht warten, bis das Spiel in die Läden kommt. Also versucht er sich in das System des Software-Unternehmens zu hacken, um das Spiel herunterzuladen (Telefon-Modem, you know?).

Auch dürfen wir nicht vergessen, dass nur ein Bruchteil der illegalen Kopien auch gekauft worden wären. Und wie viele am Ende überhaupt gelesen werden, auch das steht auf einem anderen Blatt Papier. Wie dem auch sei, der Artikel ist in jedem Fall lesenswert – auch wenn er vermutlich polarisiert (weil er den großen Verlagen den Schwarzen Peter zuschiebt).

Verlage fischen im Netz nach Manuskripten

Apropos Verlage. Vermehrt tauchen nun Communitys auf, die angehenden Autoren eine Plattform bieten, ihre Manuskripte einzustellen und von der Gemeinschaft bewerten zu lassen. Der Buchreport berichtet hier. Die besten Texte werden dann von Lektoren bekannter Verlage auf Publikationsfähigkeit untersucht und – wenn der Autor Glück hat – ins Programm genommen. Sowohl in Deutschland wie in den USA gibt es bereits gute Beispiele dafür. Eigentlich liegt es auf der Hand, dass hier ein Verlag seine Pluspunkte ausspielen kann. Einerseits haben große Publikumsverlage noch immer ein besonderes Flair, mit dem sich Autoren gerne brüsten, andererseits können die Verlage damit zukünftige Konsumenten an sich binden. Man wird sehen, was den Verlagen hier noch einfallen wird. Einfach wird es sicherlich nicht für sie. Weil jede Community ihr Eigenleben hat und es dadurch zu Konstellationen kommt, die nicht im Sinne des Erfinders sind. Will heißen: Neid und Eifersucht werden auf diesen Plattformen genauso eine Rolle spielen, wie Talent und Erfahrung oder Charme und Persönlichkeit. Für eine Psychologie-Studie wäre das jedenfalls ein empfehlenswertes Feld.