richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

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Was der Frauenfußball über unsere Welt verrät

Frauenfussball

Die Fußballeuropameisterschaft 2017 der Frauen stand und steht ganz im Zeichen der Underdogs. Allen voran das österreichische Team, das als Außenseiter ins Turnier gestartet ist und es – unglaublich, aber wahr – bis ins Halbfinale schaffte. Mann und Frau dürfen sehr stolz auf die Töchter der Nation sein, die sich den 3. Platz mit England teilen. Das Finale bestreiten Dänemark und die Niederlande. Top-Favorit Deutschland – Europameister in Serie – scheiterte bereits überraschend im Achtelfinale an Dänemark. Auch das kommt mal vor.

In der Euphorie dieses kleinen oder großen Fußballwunders habe ich ein wenig über das Balltreten der Damen nachgedacht. In den Spielen der Österreicherinnen gegen Island und Dänemark ist mir die Homogenität der Teams – darf man überhaupt noch Mannschaft sagen? – aufgefallen. Hervorstechend – in jeder Hinsicht – die Dänin Nadja Nadim, deren afghanische Wurzeln nicht zu verleugnen sind. Wäre es nicht verpönt, würde ich mit dem Klischee einer orientalischen Prinzessin aus 1000 und einer Nacht aufwarten. Neben ihrer verspielten Fußballtechnik und den vorhandenen äußeren Reizen dürfte sie auch noch blitzgescheit sein – studiert sie doch Medizin. Ansonsten konnte ich keine Nadims in den Teams ausmachen. Warum eigentlich nicht?

Versuchen wir doch mal den Frauenfußball dazu zu verwenden, die Welt, in der wir gerade leben, zu erklären. Nennen wir es einfach eine fabelhafte Analogie.

Stellen Sie sich vor, gewissen Kreisen ist diese Homogenität in den Nationalmannschaften der Frauen ein Dorn im Auge. Sie wollen mehr Diversität, kulturelle, geschlechtliche und religiöse Vielfalt, auf dem Rasen sehen. Auf die Frage, warum, geben sie viele und auch keine Antworten. Europa, heißt es beispielsweise, müsse lernen, multikultureller und liberaler zu werden, einfach, weil es in der globalisierten und freien Welt nicht anders ginge. Und ehe man und frau sich versieht, werden Regelungen beschlossen, Gesetze verabschiedet und Quoten festgelegt. All das, liest man, geschehe im Zeichen der Humanität und eines grenzenlosen Europas.

Jene, die diesbezüglich ihre guten wie schlechten Einwände oder Anmerkungen haben, werden kurzerhand auf die rechte Außenposition gestellt und damit zum Schweigen gebracht. Eine breite Diskussion findet deshalb de facto nicht statt. Ein Armutszeugnis für jede demokratische Gesellschaft, wenn sie dem Gesetzgeber erlaubt, Rede- und Meinungsfreiheit zu relativieren, um politische Ziele durchzusetzen und abzusichern

Um der Diskussion Anstoß zu geben, könnte man zu folgender Frage greifen: Soll das Augenmerk der Frauenfußballnationalmannschaft in Zukunft auf dem Siegen oder dem Mitspielen liegen? Ist es der olympische Gedanke („Dabeisein ist alles“), der verfolgt werden soll, dann sind Quotenregelungen in Ordnung und vielleicht sogar wünschenswert. Ist es aber die ernsthafte Absicht, Spiele und Turniere zu gewinnen, dann muss diesem Ziel alles andere untergeordnet werden und Quotenregelungen sowie Einschränkungen (!) dürfen nicht zur Anwendung kommen.

Das eine, so würde ich es beschreiben, ist eine natürliche, das andere eine künstliche Erweiterung des Spielerinnenpools. Das eine führt (vermutlich) zu Integration und Verständigung, das andere (vermutlich) zu Gruppenbildung und Misstrauen. Aber was weiß ich schon. Am besten, Sie spielen das eine und das andere Szenario im Kopf durch und machen sich selbst ein Bild. Und dann, dann heißt es: Faites vos jeux, Mesdames et Messieurs. Aber laufen Sie mir ja nicht in die Abseitsfalle!

Übrigens, die Gehaltsschere zwischen Damen- und Herrenfußball ist enorm. So verdient eine niederländischen Spitzenspielerin beim FC Barcelona gerade mal € 200.000,- pro Jahr. Das streichen andere – bei den Männern – in der Woche ein. Ist das gerecht? Sollte hier nicht politisch interveniert werden? Sagen Sie bloß, es gibt gute Gründe, warum der eine um Häuser mehr verdient als die andere, schließlich spielen beide 90 Minuten Fußball und trainieren unter der Woche ihren Muskelkater. Die Zuschauerzahlen? Die TV-Rechte? Die Sponsorgelder? Kruzitürken, warum muss alles immer so kompliziert sein, wenn man sich in Details verliert.

 

EM 2012 – Spieltag 10 – DEU : DNK und POR : NL – Revolution abgesagt

Deutschland : Dänemark 2:1           Portugal : Niederlande 2:1

Also gut. Es gab keine Überraschungen. Wobei, es dauerte ein Weilchen, bis die Sache für Deutschland und Portugal in trockene Tücher lag. Wenigstens, so viel steht fest, sind die beiden besseren Mannschaft in der Gruppe B aufgestiegen. Das ist ja nicht immer so – schlag nach bei Gruppe A.

Die Dänen sind ein ähnliches Faszinosum wie die Griechen. Hängt es damit zusammen, dass beide als Underdog eine Europameisterschaft für sich entscheiden konnten? Freilich, im Gegensatz zu den Griechen scheiterten die Dänen am Ende doch. Aber sie zogen sich recht anständig aus der, man könnte sagen: aussichtslosen Affäre und machten das Spiel gegen Deutschland noch spannend. Erst als der neue Mann, ein gewisser Bender (für den gesperrten Boateng aufgelaufen), den Konter vortrefflich abschloss, war die Sache gegessen. Dabei wäre der Stanglpass gar nicht für ihn gewesen. Hier sieht man wieder, wie wichtig es ist, wenn der Außenverteidiger nicht nur Mut und Entschlossenheit, sondern auch eine Lunge wie ein Pferd hat. Immerhin darf er die ganzen 90 Minuten rauf und runter laufen – so er gewillt ist, den Ball offensiv in die gegnerische Hälfte zu bringen. Deshalb sehe man sich bei der Aufstellung einer Mannschaft die Außenverteidiger an. Bei den Niederlanden konnte man gut erkennen, dass die zwei Spieler – einmal rechts, einmal links – nicht gerade zu den Auserwählten gehören. Kein Wunder also, wenn bei den Holländern irgendwie der Wurm drinnen steckt. Davon später mehr.

Bleiben wir bei den Deutschen, deren Spiel ich gestern livehaftig gesehen habe, während das der Portugiesen und Niederländer nur Ausschnittsweise zu bewundern war. Dass der ARD/ZDF beide Spiele live überträgt ist natürlich eine feine Sache, da man – je nach Spannungsgrad – hin und her springen kann. Welch Zufall, als in der gestrigen Fußballrunde auf das Portugalspiel gewechselt wurde und – schwupp – Ronaldo unnachahmlich nach vor sprintete und den – erlösenden – Führungstreffer machte. Das war in der 74. Minute. Damit hätte Deutschland, trotz zweier Siege, noch nach Hause fahren müssen, wäre den Dänen der Sieg gelungen. Wäre einer ihrer (wenigen) Schüsse nicht um Zentimeter am Tor vorbeigestrichen, hui, es hätte ein deutsches Tränenmeer gegeben. Na, spielerisch konnten die Dänen mit den Deutschen sowieso nicht mithalten. Was mich am meisten verblüffte, das war die dänische Abwehr, die Hühnerstall-Charakter hatte. Gerade in den Anfangsminuten, als man die Deutschen in den Strafraum kombinieren ließ und so Gomez und Müller die unglaublichsten Chancen auf den Fuß legte, die diese aber – ungeschickt – nicht zu nutzen wussten.

Im nächsten Spiel bekommen es die Deutschen mit den Griechen zu tun, die ähnliche Tugenden wie die Dänen aufweisen (immer für ein Tor gut), mit der Ausnahme einer löchrigen Abwehr (zugegeben, in den ersten beiden Spielen war sie in den Anfangsminuten zumeist indisponiert). Ich gehe davon aus, dass es ein eher verhaltenes, verkrampftes Spiel sein wird. Die Griechen, bestrebt das Spiel der Deutschen zu zerstören und in der Defensive nichts anbrennen zu lassen, werden auf ihre Chance im Konter und bei Standardsituationen warten. Die Deutschen, auch nicht blöd, werden aus einer gesicherten Abwehr spielen. Trainer Löw (ja, er trainierte einst den FC Tirol und die Wiener Austria!) hat den Mut nicht mit dem Löffel gefressen, wie man so schön sagt und wird wieder mit dem defensiveren Boateng, an Stelle von Lars Bender beginnen und diesen erst dann bringen, wenn die Kacke am Dampfen ist.

Die Portugiesen sind meines Erachtens zu recht aufgestiegen. Sie haben zwar gegen die Deutschen verloren, aber es war unglücklich und knapp. Den Portugiesen fehlt zumeist das letzte Quentchen Wille. Gegen die deutsche Nationalelf wurden sie erst munter, als sie den Treffer kassierten. Christiano Ronaldo konnte das Glück zwingen und avancierte gegen die Niederländer zum Matchwinner. Im nächsten Spiel, gegen mittelmäßige Tschechen, dürfte er wieder Gelegenheit bekommen, sich in Szene zu setzen. Es müsste schon mit dem tschechischen Teufel zugehen, sollten die Portugiesen scheitern. Wenn also alles nach Plan läuft, dann sehen wir eine dampfende portugiesische Nationalmannschaft, die sich – endlich, endlich – an den Deutschen revanchieren möchte. Da würde es mich nicht wundern, wenn sie in das teutonische Messer laufen. Aber lassen wir die Pferde besser noch im Stall.

Zu guter Letzt muss man sich natürlich über die Oranjes Gedanken machen. Schon 2010, als sie im WM Finale standen, war ich von ihrer Spielweise entsetzt. Hätte man meine damaligen Blog-Beiträge gelesen, vielleicht hätte man ein System gewählt, in der die neuen Spieler auch hineinpassen (O-Ton: »Weil sie ein Haufen von zusammengewürfelten Einzelspieler sind, die durch Einzelaktionen – Sneijders Weitschüssen sei Dank – den Sieg davontrugen.«) Tja. Warum die Niederlande vor zwei Jahren ins Finale kam, hatte damit zu tun, dass sie zumeist das glücklichere Ende für sich verbuchen konnten. Aber vorrangig war es ihre harte, destruktive Spielweise, die man ihnen zwischenzeitlich abgewöhnt hatte. Kein Wunder, dass ein sonst so heißblütiger Mark van Bommel absolut emotionslos auf dem Spielfeld dahintrabte – für mich ein sicheres Zeichen, dass es an der Zeit ist, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

EM 2012 – Spieltag 6 – DEN : POR – Christiano Chancentod

Portugal : Dänemark 3:2

Ja, es war ein durchaus munteres Spielchen, auch wenn man die Emotion auf Seiten der Dänen vermisste. Vermutlich, weil sie wussten, dass mit einer Niederlage noch nichts verloren ist, während die Portugiesen mit dem Rücken zur Wand standen. Bei einer Niederlage wäre es vorbei gewesen, mit den hochtrabenden Träumen eines Viertelfinaleinzug. Trotzdem – oder deshalb – agierten zu Beginn die Portugiesen vorsichtig. Es ist ja immer diese Gradwanderung, zwischen offensiv und defensiv, zwischen vor und zurück, wenn es eigentlich bereits um die Wurscht geht. Immer diese Befürchtung, diese Angst, man könnte ins offene Messer laufen und damit alle Chancen vertun. Andererseits, wer sich vor seiner eigenen Courage fürchtet, sollte erst gar nicht zur EM fahren dürfen. Aber ich weiß ja, dass heutzutage so viel am Spiel steht. Nicht nur die Fußballer-Ehre, nein, auch lukrative Bonuszahlungen und gehypte Medienrummelei stehen da im Vordergrund. Gerade ein Christiano Ronaldo kann davon ein Lied singen, von diesem Druck, der da auf ihn lastet. In Schlagzeilen wird er tagtäglich ermahnt, dass er der beste Spieler des Turniers sei und somit die Verantwortung für das Weiterkommen der portugiesischen Mannschaft trägt. Tja. Was kann ein Spieler schon ausrichten, ha?

Nun, im Spiel hätte es Ronaldo tatsächlich zwei Mal am Fuß gehabt, die Entscheidung herbeizuführen. Man stelle sich vor, dem eingewechselten Stürmer Varela gelingt nicht der (kuriose) Siegestreffer (zuerst tolpatschig den Ball verfehlen, dann sich um die Achse drehen und mustergültig den Ball ins Tor knallen), Ronaldo wäre der Buhmann der Nation gewesen. Aber jetzt mal ehrlich, ein Spieler von seinem Format, von seiner Klasse, war nicht in der Lage, ins Tor zu treffen, als er alleine auf den Tormann zulief. Solche Chancen darf man in einem Spiel, wo es um die Wurscht geht, einfach nicht vergeben. Aber so ist nun mal Fußball. Da ist nichts in Stein gemeißelt. Ja, deshalb lieben wir diesen Sport. Würde alles vorhersehbar sein, wozu noch so ein Spiel austragen?

Die Dänen, wieder einmal, überraschten. Weil sie kaltschnäuzig dagegen hielten. Vielleicht auch, weil sie mehr Glück als spielerische Qualitäten hatten. Aber im letzten und entscheidenden Spiel, wo es diesmal für die Dänen um die Wurscht geht, laufen sie gegen die deutsche Nationalelf auf. Und nur ein Sieg hilft ihnen da weiter – oder, wenn es die Portugiesen aus der Hand geben, ein Unentschieden. Aber wollen wir wirklich glauben, dass die Niederländer die Portugiesen ärgern können? Nach den letzten zwei Spielen zu urteilen, ist die Niederlande am Sande. Hübsches Wortspiel, nicht? Und so passend.

EM 2012 – Spieltag 2 – NL : DEN – fliegende Holländer und dänische Silvesterkracher

Niederlande : Dänemark 0 : 1

Wieder der Rückgriff auf vergangene Turniere. Damals, 1992, wurden die dänischen Nationalspieler aus dem Urlaub zurückgeholt, weil in Jugoslawien ein Bürgerkrieg ausbrach (über diesen gäb’s vermutlich auch viel zu erzählen – aber es sollte der Hinweis auf die Serbische Mafia und dem CIA genügen, um zu wissen, dass in der Politik nichts ist, wie es scheint) und die Nationalmannschaft von der damalig stattfindenden Europameisterschaft ausgeschlossen wurde. An deren Stelle rückte Dänemark nach. Hier ist wieder der Beweis, dass Fußball vorrangig im Kopf entschieden wird, nicht unbedingt in den Beinen. Die Dänen, sie hatten ja nichts zu verlieren, spielten einfach unbekümmert nach vorne und schüchterten so ihre Gegner vollends ein. Ja, die anderen, die sich den Sieg in allen Farben ausmalten, hatten viel zu verlieren. Und so agierten die Gegner der Dänen wie die Maus vor der Schlange: stehenbleiben, ja nicht bewegen. Kurz und gut: die Dänen zündeten ein Offensiv-Feuerwerk, was die Presse und die Fans mit Freude zur Kenntnis nahmen. Danish Dynamite wurde zum geflügelten Wort. Noch mehr, als die Dänen, überraschend, den Pokal mit nach Hause nahmen (nur geborgt, für vier Jahre, gell).

In der Gegenwart erinnerte nichts mehr an das dänische Dynamit, eher an einen lauten Silvesterkracher. Man sollte diesem aber bitteschön nicht achtlos begegnen. Die Warnhinweise auf der Packung hätten der holländischen Nationalmannschaft vermutlich angeraten, den Kracher nicht zu nahe am eigenen Tor zu zünden. So kam, wie es komme musste, wenn dieser – uns schon so bekannte – mäßig talentierte Drehbuchschreiber in die Tasten klopfte: Die Holländer spielten und stürmten und zauberten – die Dänen machten das entscheidende Tor. Das ist eigentlich schon das Ende der Geschichte. Gut, vielleicht wäre die Sache anders ausgegangen, hätte Robben nicht die Stange getroffen, hätte van Persie nicht vor dem dänischen Tor zwischen Schusspech und Unfähigkeit gependelt. Aber so ist das, im Fußball: Wer die Tore nicht schießt, bekommt sie (äh, ja, diese lauen Fußballweisheiten muss man immer wieder ausgraben; nur dann erweist man sich als richtiger Fußball-Experte).

Apropos Robben. Kommt es mir nur so vor, oder ist seine ego-zentrierte Überheblichkeit mehr Problem, denn Lösung für das Team? Ich meine, wenn ein Top-Spieler von zehn Spielen ein oder zwei durch seine Qualitäten entscheidet, aber dafür die anderen acht – mehr oder weniger – in den Sand setzt, dann bin ich mir nicht sicher, ob es für die Mannschaft förderlich ist, solch einen Spieler im Team zu haben. Aber was rede ich – ein Arnautovic im österreichischen Nationalteam ist da vermutlich nicht anders als Robben. Vielleicht muss man diese störrischen Einzelkämpfer akzeptieren. Hach, da fallen mir wieder die damaligen Ostblock-Mannschaften ein, die als Kollektiv aufgetreten sind und wo keiner wirklich herausragen durfte – während die Westblock-Mannschaften ihre Stars hegten und pflegten. Ja, so war das damals. Schätze, den Holländern fehlt ein wenig der Kollektiv-Gedanke. Tja. Das ist wohl der Nachteil einer liberalen (Fußball-) Politik, nicht?

Und die Dänen? Machten viel Lärm. Mehr war eigentlich nicht zu sehen. Ihre nordische Abgebrühtheit war leider nur gespielt (wie man bei dem Tormann-Abschlag zu Robben gesehen hat). Aber mit einem Sieg im Gepäck spielt es sich mental natürlich lockerer. Sagte ich schon, dass Fußball im Kopf entschieden wird?