richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Schlagwort-Archiv: durant

Der 8. Mai 1945 und die verschwiegene Kehrseite der Medaille

dav

Heute, vor 72 Jahren, ist der zweite Weltkrieg (für Europa) zu Ende gegangen. Das Dritte Deutsche Reich lag in Trümmer, es war überrannt, überrollt, überfahren. Wenn wir heute die Zeitungen aufschlagen, scheint es, als würde mit dem 8. Mai ein Alptraum zu Ende gegangen sein. Doch wer sich mit dieser damaligen so dunklen Epoche unvoreingenommen auseinandersetzt, wird feststellen, dass Terror und Martyrium für deutsche Bürger noch lange nicht vorbei waren. Leider erfahren wir vom Mainstream so gut wie nichts über die realen Nachkriegs-Ereignisse. Gewiss, wir gucken uns Fotos vom Wiederaufbau an („Trümmerfrauen“), schauen Propaganda-Filme des US-Militärs (Care-Pakete) und suchen überall in den Augen der Bevölkerung diesen hoffnungsvollen Optimismus, der dem kommenden Wirtschaftswunder in den 1950er Jahren vorangegangen sein muss.

Von den damaligen leisen Gesprächen in Washington ist heutzutage freilich nichts mehr zu hören. Da dachte beispielsweise der ehemalige US-Finanzminister Morgenthau darüber nach, wie man Deutschland de-industrialisieren, also zu einem Agrarstaat machen könne – „primarily agricultural and pastoral in its character„. General Eisenhower wiederum sah keinen Grund, mit einer wahnsinnigen Bevölkerung („synthetic paranoid population“) sanft umzugehen und dass sie die Suppe, die sie (sich und anderen) eingebrockt hätten, selber auslöffeln sollten. Rund eine Million deutsche Kriegsgefangene sollen nach dem 8. Mai 1945 noch in US-Lagern ums Leben gekommen sein (siehe »Call it callousness, call it reprisal, call it a policy of hostile neglect: a million Germans taken prisoner by Eisenhower‘s armies died in captivity after the surrender«, James Bacque, The Last Dirty Secret of World War Two, in: Saturday Night, September 1989).

Dass deutsche Frauen in den Wirren der Nachkriegsunordnung oftmals unter die Räder der siegreichen und siegestrunkenen Soldaten aus Ost und West kamen, wird vom Mainstream gerne unter den historischen Teppich gekehrt, passt es doch so gar nicht zum Jubelbild der Befreiung.

Mit dem Ende des Krieges setzte auch die Kontrollphase der Siegermächte ein. Generalmajor McClure, Chef der psychologischen Kriegsführung, schrieb im Mai 1945 an seine Frau:

„Die Kampfhandlungen hier sind vorbei! Gestern ist die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterschrieben worden. Jetzt, wo die eine Phase vorbei ist, stecke ich bis zum Hals in der Kontrollphase. Wir werden alle Zeitungen, Filme, Theater, Radio, Musik, etc. in Deutschland eisern kontrollieren!“  (siehe Alfred H. Paddock Jr., U.S. Army special warfare: its origins, University Press of Kansas, Lawrence 2002; meine Übersetzung)

Es gäbe noch viel zu sagen, viel zu schreiben, über die Vor- und Nachkriegszeit, aber belassen wir es vorerst einmal damit, die Gemüter sind nämlich auch nach über 70 Jahren noch leicht erhitzt. Vergessen wir dabei aber niemals, dass uns nur eine unvoreingenommene Geschichtsforschung näher zur Wahrheit bringt, mag diese auch noch so unangenehm und fremdartig sein. Die gelebte Vergangenheit unserer Vorfahren ist Teil unseres kollektiven Bewusstseins; ob wir wollen oder nicht, die Historie formt uns Menschen. Fragt sich nur, welche Historie.

[…] do we really know what the past was, what actually happend, or is history „a fable“ not quite „agreed upon“? Our knowledge of any past event is always incomplete, probably inaccurate, beclouded by ambivalent evidence and biased historians, and perhaps distorted by our own patriotic or religious partisanship.

Will and Ariel Durant, The Lessons of History, H. Wolff, New York

Antisemitismus goes wild: Lueger, Goethe, Kaiserin Maria Theresia, Luther, u. v. m.

Lueger-Goethe

Die Stadt Wien gibt bekannt: »Laut Abschlussbericht der im Auftrag der Universität Wien und der Stadt Wien eingesetzten Forschungsgruppe zur Untersuchung und Kontextualisierung der Benennung der Wiener Straßennamen seit 1860 war die politische Rhetorik von Karl Lueger (1844-1910) von aggressiver antijüdischer und deutschnationalistischer Polemik geprägt. Als maßgeblicher Politiker der damaligen Zeit verstärkte Lueger, der durchaus gute Kontakte zu Personen jüdischer Herkunft pflegte, die antisemitischen und diskriminierenden Tendenzen in der öffentlichen politischen Diskussion (etwa wenn er auf Grund der „Verjudung“ der Wiener Universität einen Numerus clausus zugunsten von „Deutschösterreichern“ forderte) und fungierte damit als Vorbild für nachfolgende Politiker

Ich hätte von diesem „Abschlussbericht“ keinerlei Kenntnis genommen, wäre ich nicht zufällig vor wenigen Wochen bei der Technischen Universität am Karlsplatz vorbeigekommen. Erstaunt musste ich feststellen, dass eine Gedenktafel übermalt wurde. Sie gab darüber Auskunft, dass der Vater des späteren Bürgermeister im damaligen Polytechnischen Institut (der heutigen TU), eine (Amts-)Wohnung bezog – Leopold Lueger hatte seinerzeit die Aufsicht über das technologische Kabinett.

Ja, und diese Gedenktafel wurde im Zuge der Fassadengestaltung übermalt – irrtümlich, heißt es von Seiten der TU-Sprecherin. Hm. Also, ich bin nicht mit den Gepflogenheiten der Maler- und Anstreicherbranche vertraut, aber ich wüsste noch von keinem Fall, dass ein Maler mit reinem Gewissen und fröhlicher Unschuld eine Gedenktafel übermalt hätte. Für gewöhnlich wird nachgefragt. Aber wollen wir uns die Sache nicht weiter ausmalen, sondern bleiben beim Faktischen. Nach Wiederherstellung der übermalten Gedenktafel soll eine zusätzliche Tafel Auskunft über „Lueger als Antisemit“ geben:

Derzeit gibt es in Absprache mit der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) an der TU einen ersten Rohentwurf für den Text der Tafel. Darin heißt es: „… Dabei hat er während seiner Amtszeit, wie schon während seines politischen Aufstiegs ab 1882, den Antisemitismus virtuos als Instrument eingesetzt und damit zur Entwicklung eines aggressiven, durch Hetze und Diskriminierung gegenüber Juden, aber auch Vertretern anderer Nationalitäten geprägten gesellschaftlichen Klimas und zur Verrohung der politischen Sprache beigetragen …“ [Quelle: orf.at]

Warum diese zusätzliche Tafel mit der ÖH abgesprochen werden muss, bleibt ein Rätsel – scheinbar soll hier universitäre Basisdemokratie gelebt werden.

Der wunde Punkt bei alledem ist aber jener, dass die Stadt Wien eine Forschungsgruppe einsetzte, die sich mit der antisemitischen Vergangenheit Wiener Straßennamen lang und breit auseinandergesetzt haben dürfte. Für mein Dafürhalten könnte dieses gut gemeinte Projekt Pandoras Kistchen öffnen und böse Geister in die Welt entlassen.

Denn, wer entscheidet schlussendlich, welche Persönlichkeiten nun antisemitisch, judenfeindlich oder antijudaistisch waren? Sind demnach nicht Hobbyhistoriker und Sittenwächter förmlich dazu aufgerufen, Nachforschungen anzustellen und mögliche Verfehlungen einstmals populärer Ehrenmänner anzuprangern? Es braucht nicht viel Phantasie, um sich eine eingeschüchterte Stadtregierung vorzustellen, die etwaigen laut vorgetragenen Forderungen Stück für Stück nachzugeben bereit ist – bis am Ende von der Größe Wiens und Österreichs nur noch belanglose Bruchstücke übrig bleiben. Glauben Sie nicht? Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele, die ich ohne große Nachforschungsarbeit bereits jetzt aus dem Ärmel schütteln kann:

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Wie erklärt man sich als aufgeweckter Literat die Esther-Geschichte im Schönbartspiel Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern? Freilich, in der ersten Version von 1773 ist nichts Verwerfliches oder Anstößiges festzustellen – man kann sich darüber auf Spiegel Online Projekt Gutenberg überzeugen. Sieht man sich jedoch die überarbeitete Fassung von 1778 an, huh, da schlackern einem die Knie. Würde man daraus zitieren, die Sittenwächter würden einen sofort in die rechteste aller rechten Ecken prügeln. Sollte nun die Stadt Wien angehalten werden, am Denkmal Goethes eine Hinweistafel anzubringen, dass es der gute Dichter sicherlich nicht so ernst gemeint hatte, bei alledem? Schließlich soll es ja eine Art von Lustspiel sein – auch wenn der Berliner Professor Max Hermann bekennen muss: „… wenn man nicht wüßte, daß es sich um einen Ulk handelt, an vielen Stellen glauben könnte, etwa ein Drama aus Gottscheds deutscher Schaubühne zu lesen.“ [Entstehungs- und Bühnengeschichte, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1900, S. 171]


Kaiserin Maria Theresia (1717-1780)
Im Jahr 1744 und 1745 erließ sie ein Edikt, dass die Juden zwang, Prag, Böhmen und Schlesien zu verlassen. Wie gehen wir nun mit dieser judenfeindlichen Entscheidung um? Sind nun in der Kapuzinergruft, neben ihrem Sarg, Hinweistafeln aufzustellen, die besagen, dass die „junge“ Kaiserin unter bösem Einfluss ihrer Berater stand? Oder dass man die Ausweisung im Kontext der Zeit sehen soll? Aber dann müsste öffentlich gemacht werden, in welchem Jahr die Linie zwischen dem Akzeptierten und dem Nicht-Akzeptieren liegt. Ich erwarte mir eine spannende Diskussion.


Martin Luther
(1483-1546)
Möchte man auf das Alterswerk des Urhebers der Reformation hinweisen, könnte einen bereits die bloße Nennung der Buchtitel in Verlegenheit bringen, deshalb verzichte ich an dieser Stelle darauf. In Wikipedia gibt es zu diesem Thema sogar einen eigenen Eintrag – vermutlich um zu retten, was noch zu retten ist. Darin heißt es, dass sich die evangelische Kirche „seit 1950 allmählich von Luthers judenfeindlichen Aussagen und deren historischen Wirkungen im Protestantismus distanziert. Ob und wie weit auch seine Theologie zu revidieren ist, wird diskutiert.“ Bedeutet das am Ende, dass an allen evangelischen Kirchentüren eine „Mea culpa“-Informationstafel angeschlagen werden muss? Und wird die katholische Kirche – in christlicher Verbundenheit – nachziehen?

Nur damit wir uns verstehen – ich stelle nicht die sogenannte Aufarbeitung vergangener Ereignisse in Frage, sondern wie mittels eines un-demokratischen „Kommisarbriefes“ ein Teil Wiener Identität sang- und klanglos geopfert und übermalt wird. Vergessen wir nicht, dass die Geschichtsschreibung immer von seiner gesellschaftlich-politischen Zeit geprägt ist. Gestern Rebell. Heute Freiheitsheld. Morgen Verräter. Das Geschichtsforscher-Ehepaar und Pulitzerpreisträger Will und Ariel Durant bringt es auf den springenden Punkt:

[meine Übersetzung:] Wissen wir denn wirklich, wie die Vergangenheit war, was tatsächlich geschah, oder ist Geschichte „eine Fabel“, auf die wir uns „geeinigt“ haben? Unser Wissen über ein vergangenes Ereignis muss immer unvollständig, womöglich fehlerhaft sein, verhüllt durch mehrdeutige Beweise und voreingenommene Historiker, und vielleicht sogar durch unsere patriotische oder religiöse Parteinahme verfälscht. […] Do we really know what the past was, what actually happend, or is history „a fable“ not quite „agreed upon“? Our knowledge of any past event is always incomplete, probably inaccurate, beclouded by ambivalent evidence and biased historians, and perhaps distorted by our own patriotic or religious partisanship.

The Lessons of History
H. Wolff, New York [E-Book]

Ich hoffe, ich habe meinen Standpunkt als Bürger der Stadt Wien klar gemacht.

 

Die Sache mit Mayerling anno 1889

Durant

Der größte Teil der Geschichtsschreibung ist Rätselraten und der Rest eine vorgefasste Meinung.

Ich habe es im Vorbeigehen gelesen, dass die Abschiedsbriefe der damals 17-jährigen Marie Alexandrine Freiin von Vetsera, der Geliebten des österr.-ungar. Thronfolgers Kronprinz Rudolf, in einem Banksafe derPrivatbank Schoellerbank gefunden wurden. Archiv-Revision, nennt sich das. Dabei wäre der Umstand, wer im Jahr 1926 die Dokumente in einem Safe hinterlegt und warum er oder sie sich dann nicht mehr um diese gekümmert hat, ein gefundenes Fressen für investigative Journalisten und Historiker. Könnte es sein, dass dieser ominöse Deponierer die „braune Ledermappe“ bereits mit der Absicht hinterlegt hatte, diese nie wieder abzuholen? Sozusagen ein Vetsera-Mayerling-Leak auf Zeit.

Wie dem auch sei, die Ereignisse, die sich im Schloss Mayerling im Jänner 1889 zugetragen haben sollen, bleiben – für mich jedenfalls – mysteriös. Die offizielle Erklärung ist, dass der ehrgeizige, aber depressive und unglücklich verheiratete Thronfolger, der von seinem Vater Kaiser Franz Joseph ins politische Abseits gestellt und schlecht behandelt wurde, zuerst seine junge Geliebte erschoss, dann sich selber. Natürlich im beiderseitigen Einvernehmen. Selbstmorde unter Verliebten, wir wissen es, kommen vor. Nennen wir es das Romeo & Julia-Syndrom.

Sieht man jedoch genauer hin, macht die Tat des damals gerade einmal 30-Jährigen keinen Sinn. Sehen Sie, Kronprinz Rudolf schrieb sich seit seiner Jugend die Seele aus dem Leib und hatte keine Scheu, seine politisch zuweilen brisanten Texte* in Zeitungen und Journalen unter einem Pseudonym zu lancieren. Als seinerzeit der 19-jährige Rudolf einen „harmlosen Artikel“ (O-Ton der Historikerin Hamann) über die Domainen seines Onkels Erzherzog Albrecht anonym in der Wiener Zeitung publizieren ließ und er – voller Überschwang – seinen Onkel davon unterrichtete, reagierte dieser „verärgert“ und schrieb:

Dazu wird solches Lob in einer offiziellen Zeitung leicht als Sozialismus verdächtigt u. wirkt dann leicht verkehrt. Du wirst diesen Aufsatz in keinem anderen Blatte reproducirt finden. […] Du hast sehr Recht zu verlangen, daß der Name des Autors nicht in der Öffentlichkeit trete. Ein junger Prinz, am allerwenigsten ein Kronprinz darf als Zeitungskorrespondent figuriren. Der Nimbus geht zu leicht verloren, und es gibt nichts zudringlicheres und arroganteres, korrupteres als unsere Journalistiker.

Brief, datiert Weilburg, 7.11.1877
Kronprinz Rudolf: Private und politische Schriften, S. 436f.
Hrsg. Brigitte Hamann

Ich denke, der gute Erzherzog Albrecht (1817-1895) dürfte damals eine profunde Kenntnis über die weltlichen Dinge besessen haben. Vor Jahren hätte ich, wie vermutlich viele Mainstream-Historiker, die Replik als überzogen und hochnäsig abgetan. Die Wirkung, so Hamann, soll „niederschmetternd“ für den jungen Kronprinzen gewesen sein und die „einst guten Beziehungen“ zwischen den beiden „kühlten“ sich ab. Aha. Aber da ich weiß, was ich weiß, traf der Erzherzog mit seiner Jounalistiker-Schelte ins Schwarze. Wir dürfen nicht vergessen, dass es seit 1848 in Europa und da vor allem in Österreich-Ungarn und Deutschland gärte (eigentlich begann der ganze Schlamassel 1789 in Paris). Sozialismus hieß der Schlachtruf, der die Massen mobilisieren und gegen das Ancien Régime aufbringen sollte. Wenn Sie einmal wissen möchten, was in jener Zeit alles an Propaganda-Pamphleten gedruckt worden ist, kommen Sie in die Rechte Wienzeile 97, dem ehemaligen Druckereigebäude des Vorwärts-Verlages. In einem Schaukasten sind ausgewählte Schriftstücke zum Gaudium und Studium ausgestellt.

Also, hier sind meine Gedanken zu der blutigen Angelegenheit: Ein 30-jähriger Thronfolger bringt sich nicht um. Nicht freiwillig. So depressiv und unglücklich kann er gar nicht sein. Sein Kaiservater hätte – rein theoretisch – bereits am nächsten Tag sein Leben aushauchen können und damit wäre einem ambitionierten und ehrgeizigen jungen Mann, der viele politischen Visionen hatte, die Welt offen gestanden. Deshalb ist – für mich – die einzige schlüssige Erklärung jene, dass man – freiwillig unfreiwillig und absichtlich unabsichtlich – nachgeholfen hat.

Eine Theorie besagt, dass der Thronfolger – mit der Hilfe gut vernetzter Elitisten – am Stuhl seines Vaters sägte. Auf die Idee dazu hat mich der Wiener Verschwörungstheoretiker der ersten Stunde Karl Steinhauser in seinem im Eigenverlag erschienenen Buch Die legale Mafia gebracht. Dort beschreibt er die intime Nähe des jungen Kronprinz Rudolf mit dem damaligen britischen Thronfolger Albert Edward, Prince of Wales, und dessen dunklen Einfluss auf Rudolf. Über den späteren König Edward VII. heißt es beispielsweise in einem anderen Buch:

His closest friends included Lord Esher and Lord Nathanial Rothschild. He took advice from Alfred Milner, was grateful to Lord Rosebery for the trust he showed in him as Prince of Wales, and he shared the Secret Elite philosophy for world dominance by the Anglo-Saxon race.

Hidden History: The Secret Origins of the First Word War
Gerrry Docherty & Jim Macgregor, p. 66

In einer anmaßenden „wir-wissen-wie-die-Welt-funktioniert“-Spiegel-Kritik zu einem „verschwörungstheoretischen“ Hochhuth-Stück werden merkwürdigerweise die beiden Persönlichkeiten miteinander in Verbindung gebracht:

Oder hat alles Unheil damit begonnen, daß der englische König Edward VII. den österreichischen Kronprinzen Rudolf mit der schönen Marie Vetsera bekanntmachte, worauf dieser sich und sie in Mayerling erschoß?
Hanswurste im Furchtbaren
Spiegel-Redakteur Urs Jenny über
Rolf Hochhuths neues Schauspiel „Sommer 14“

Interessanterweise gibt es in Wikipedia nur einen verdächtig dürftigen Eintrag zu Kronprinz Rudolf. Und wie üblich werden alternative Sichtweisen zur Mainstream-Version als „Vernebelungstaktik“ (Hamann) abgetan. Punktum.

Im Spiegel-Nachruf zu Kaiserin Zita – der Ehefrau von Karl I, dem letzten Kaiser Österreichs, heißt es 1989 süffisant:

Historikern wollte sie in ihren letzten Lebensjahren noch weismachen, Kronprinz Rudolf und seine letzte Liebe Mary Vetsera seien 1889 in Mayerling nicht von des Prinzen eigener Hand getötet worden, sondern politischen Meuchelmördern zum Opfer gefallen. Zitas Erzählungen erschütterten jedoch keine Monarchien mehr, sondern nur noch Stammtische.

Spiegel-Artikel

Und in einem – ebenfalls hochnäsig süffisant geschriebenen Artikel von Sigrid Löffler aus dem Jahr 1983 heißt es in Der Zeit:

Ermordet von wem? Von Verschwörern, erklärt Zita. Sie hätten Rudolf umgebracht, weil er sich an einer Verschwörung zum Sturz Franz Josephs nicht beteiligen wollte.
Zeit-Artikel

Sie sehen, wie Mainstream-Historiker und Mainstream-Presse und Mainstream-Wikipedia Hand in Hand gehen. Jeder bezieht sich auf jeden. Am Ende beweist der Zirkelschluss alles. Punktum. Wer sich getraut, die offizielle Version öffentlich anzuzweifeln, ist freilich ein Verschwörungstheoretiker und wird der „Wahrheits-Verhetzung“ bezichtigt. Es gäbe noch viel mehr zu sagen, aber belassen wir es vorerst dabei. Ich möchte Ihnen mit alledem nur anzeigen, dass eine Theorie nicht wahr wird, nur weil sie pausenlos von anspruchsvollen Medien und respektablen Historikern wiederholt und ein verschollen geglaubter Abschiedsbrief wie durch Zufall gefunden wird. Was Medien und Historiker ausblenden, ist der Umstand, dass die vergangene und gegenwärtige Realität nur ein Konstrukt ist, auf dass man sich einigt bzw. auf dass man sich geeinigt hat und Kräfte am Werk sind, die ihr Süppchen kochen. Journalisten und Medien-Leute, die sich mit ihrem kläglichen Mainstream-Zirkelschluss-Wissen  über kritische Geister, die einen verjährten Sachverhalt hinterfragen, lustig machen, sind der Sargnagel einer aufgeklärten Gesellschaft. Gewiss, der gewöhnliche Bürger möchte von alledem nichts wissen und sperrt sich gegen jede Einsicht, die sein Weltbild auf den Kopf stellen könnte. Dazu bedarf es nur eines Blickes in die facebook-Timeline.

Wissen wir denn wirklich wie die Vergangenheit ausgesehen hat, was wirklich geschah oder ist Geschichte „eine Fabel/Sage“ auf die man sich nicht ganz „geeinigt hat“? [vgl. dazu ein Zitat, das Napoleon in den Mund gelegt wird: „Ist Geschichte denn nichts anderes als eine Fabel, auf die man sich geeinigt hat?/ What is history but a fable agreed upon?„] Unser Wissen eines jeden vergangenen Ereignisses ist immer unvollständig, vermutlich inakkurat, vernebelt durch ambivalente Beweise und parteiische Historiker, und vielleicht sogar verzerrt durch unsere patriotischen und religiösen Gefühle. // [d]o we really know what the past was, what actually happend, or is history „a fable“ not quite „agreed upon“? Our knowledge of any past event is always incomplete, probably inaccurate, beclouded by ambivalent evidence and biased historians, and perhaps distorted by our own patriotic or religious partisanship.

Will and Ariel Durant
The Lessons of History, H. Wolff, New York
[E-Book]

 

*) »Angeregt durch eine Reise nach England verfassten Carl Menger und [der 20-jährige] Kronprinz Rudolf 1878 das so genannte Adelspamphlet, eine anonyme Streitschrift, die sich äußerst kritisch mit der Aristokratie in Österreich auseinandersetzte«, heißt es in Wikipedia. Scheinbar hat die Wiki-Polizei übersehen, dass dieser eine Satz bei einem kritischen Geist alle Warnlampen angehen lässt. Bedenken Sie, dass Karl Marx (1818-1883) zu jener Zeit in London weilte (ja, warum ausgerechnet London, dem Herzstück der damaligen Finanzwelt?) und in Büchern, Pamphleten und Zeitungsartikel gegen den Adel, die Unternehmer und die Bourgeoisie wetterte, aber die Finanz-Kapitalisten geflissentlich übersah. Jene Finanz-Kapitalisten, die in späterer Folge – so der britische Historiker Antony Sutton – die kommunistische Revolutionsbewegung in Russland mitfinanzieren sollten. Wundert Sie das jetzt?