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EM 2016: Spieltag 7

EM-2016-Spieltag7

Spieltag 7 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

ENGLAND : WALES 2:1

Das soll also die Battle of Britain gewesen sein? Die erste Halbzeit war wohl mehr Krampf denn Kampf. Folgerichtig gelang das erste Tor des Spiels aus einer Standardsituation. Freistoß für Wales. Über 30 Meter vom englischen Tor entfernt. Bale. Natürlich Gareth Bale. Hart. Natürlich Joe Hart. Der eine mit unnachahmlicher Schusstechnik. Der andere mit eigentümlicher Bahnschrankenmentalität. ORF-Analyst Helge Payer meinte, Hart hätte alles falsch gemacht, was ein Torhüter falsch machen kann – was man mit laienhaften Auge freilich auch sehen konnte. England und seine Torhüter – eine langjährige Komödie mit tragischen Elementen.

In der ersten Halbzeit gab es jedenfalls kaum flüssige Kombinationen zu beklatschen. Spielzerstörende Fouls hüben wie drüben. Die Engländer waren bemüht, aber gegen die tief gestaffelte Abwehrreihe der Waliser fiel ihnen nicht viel ein. Außenverteidiger Walker beackerte zwar die rechte Seite und Routinier Rooney versuchte hin und wieder einen gefährlichen Pass in die Tiefe anzubringen, aber alles in allem waren die ersten 45 Minuten nur ein laues Offensivlüftchen. Das sollte sich mit der Hereinnahme von Jamie Vardy und Daniel Sturridge ändern – jene zwei Spieler, die von den Fans bereits im ersten Match gefordert, aber nicht von Trainer Roy Hodgson gebracht wurden. Zehn Minuten nach seiner Einwechselung stand Vardy genau dort, wo ein Stoßstürmer zu stehen hat und haute einen missglückten Klärungsversuch in die Maschen. Der Ausgleich beflügelte nun die Engländer und paralysierte die Waliser. Mit jeder Minute wurden die englischen Spieler selbstbewusster, ballsicherer – Sturridge konnte es sich sogar leisten, immer wieder mit (eigensinnigen) Dribblings hängen zu bleiben. Minuten vor Schluss, bereits in der Nachspielzeit, war es schließlich Sturridge, der sich im Strafraum überraschend behaupten und den Ball ins Netz spitzeln konnte. Zugegeben, die Waliser Verteidigung – mit den Kräften merklich am Ende  – dürfte mit den Gedanken bereits in der Kabine gewesen sein. Mit dem Gegentreffer war die Niederlage besiegelt, zerplatzte der walisische Traum. Nichtsdestotrotz hat es Bale & Co in der eigenen Hand, gegen Russland den Aufstieg zu fixieren.

Mit dem heutigen hart erkämpften Sieg der Three Lions dürften die Weichen endgültig für Jamie Vardy und Daniel Sturridge gefallen sein. Haben am Ende die Fans immer recht? Das  letzte Spiel gegen die Slowakei wird freilich kein Spaziergang für die Engländer werden, können Hamšík & Co nur mit einem Sieg fix ins Achtelfinale aufsteigen. Es riecht hier also nach einem Schlagabtausch. Leider verfügt das slowakische Team nicht über die notwendigen spielerischen Qualitäten um England aus dem Spiel heraus unter Druck setzen zu können. Es deutet demnach alles auf eine Kopie des Wales-Spiels hin: Die Slowaken werden tief stehen und auf eine Konterchance lauern, während die Engländer aus einer gesicherten Abwehr das Spiel zu kontrollieren versuchen. Aber eines ist klar: Fällt ein Tor, geht’s rund!

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UKRAINE : NORDIRLAND 0:2

Also, die erste Halbzeit können wir mal abhaken. Da gab es nicht viel zu sehen. Keine der beiden Mannschaften wollte aus sich herausgehen. Die Ukrainer versuchten zwar das Spiel zu machen, aber die Nordiren versperrten ihnen geschickt den Laufweg. Die zweite Halbzeit war dann schon dramatischer. Im stetig heftig werdenden Regen blühten die Nordiren förmlich auf. Keine fünf Minuten nach Wiederanpfiff köpfte der 36-jährige Gareth McAuley eine Freistoßflanke wunderbar gegen die Laufrichtung von Goalie Pyatov ins lange Eck. Der Führungstreffer weckte die Ukrainer zwar auf, aber sie taten sich dann doch recht schwer, das offensive Spiel zu machen. Die Nordiren riegelten den Strafraum konsequent ab – und die wenigen Verlegenheitsschüsse der Ukrainer trafen selten ihr Ziel. Eine kurze Spielunterbrechung – es hagelte für einige Minuten – änderte nichts am Status Quo. Das Team der Ukraine versuchte immer wieder den Ball in die gefährliche Zone zu bringen, aber die Nordiren machten die Räume eng und stellten die Räume zu. Bemerkenswert, dass sie noch gegen Ende der Spielzeit recht hoch verteidigten und so ein gegnerisches Powerplay am eigenen Strafraum gar nicht erst zuließen. In der Nachspielzeit – die Ukrainer waren mit ihren Kräften sichtlich am Ende – machten die pferdebelungten Nordiren schließlich das zweite Tor. Respekt. Ich schätze, in Nordirland wird die nächsten Tage das Bier knapp werden. Tröööt.

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DEUTSCHLAND : POLEN 0:0

Das war sie also, die erste Nullnummer bei der Europameisterschaft. Man könnte meinen, es wäre eine träge und langweilige Partie gewesen. Mitnichten. Jedes Spiel Der Mannschaft ist ein intensives, emotionsgeladenes und keine Sekunde lang darf man als Zuschauer (oder Gegner) glauben, die Löw-Truppe würde im Spiel kein Tor mehr erzielen. Ja, unsere großen Nachbarn sind immer für ein Tor gut – egal wann, egal wo, egal wer. Die Polen wussten das natürlich und stellten sich deshalb recht defensiv auf. Trotzdem war es keine ukrainische Abwehrschlacht – vielmehr waren die Polen sogar bereit, das eine oder andere Mal die Deutschen in ihrer eigenen Hälfte anzupressen, unter Druck zu setzen und sie so zu – man kennt es sonst nicht von ihnen – Abspielfehlern zu zwingen. Tatsächlich, wenn die Polen durch Pressing den Ball erkämpfen und eine Offensivaktion gegen die noch ungeordnete deutsche Hintermannschaft einleiteten konnten, waren sie brandgefährlich. Man muss jetzt kein Freund der Polen sein, aber die zwei Großchancen von Milik waren die besten im Spiel – somit hätten sich Löw & Co nicht über eine Niederlage beschweren dürfen. Ach, der gute Milik – warum er wenige Meter vor dem Tor so stümperhaft agierte, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Und Superstar Lewandowski ließ sich bei einem Schussversuch dann doch (ungewöhnlich) viel Zeit, weshalb Boateng gerade noch rechtzeitig den Schuss blocken konnte. Aber gehen wir mit den polnischen Spielern nicht zu hart ins Gericht, spielten sie doch gegen den amtierenden Weltmeister. Da können schon mal die Nerven flattern.

Das polnische Team war also perfekt auf das deutsche Spiel eingestellt und konnte die taktische Vorgabe ihres Trainers Adam Nawałka über 90 Minuten lang umsetzen. Nach den letzten beiden Gruppenspielen scheint man nun ein Rezept gegen die Deutschen gefunden zu haben: Das Zentrum mit zwei Defensivketten absichern, überfallsartige Pressingaktionen einleiten und den daraus resultierenden Ballgewinn für eine gefährliche Offensivaktion – die deutsche Defensive sollte noch in Unordnung sein – nützen. Gewiss, ein Konzept zu haben und es am Rasen umzusetzen sind zwei Paar Schussstiefel.

Für die Polen ist sogar der Gruppensieg in greifbare Nähe gerückt, geht es doch im letzten Spiel gegen die bereits ausgeschiedene Ukrainer, während die Löw-Truppe gegen unangenehm motivierte Nordiren antreten müssen, die noch alle Chancen haben, ebenfalls das Achtelfinale zu erreichen. Sollte es für den Weltmeister knüppeldick kommen, könnte es am Ende nur für den dritten Platz reichen. Aber wer mag ernsthaft glauben, dass sich Deutschland gegen Nordirland eine Blöße geben wird? Eben. Das Match – ich sehe es bereits vor mir – wird ein Geduldsspiel: Die Nordiren werden mit Mann und Maus rund um ihren Strafraum stehen und versuchen, die Räume eng zu machen, sie werden mit langen Bällen ihre wenigen Offensivaktionen einleiten und auf Standardsituation hoffen. Die Deutschen wiederum werden ein 90-minütiges Powerplay in der gegnerischen Hälfte aufziehen. Alles wie gehabt.

Zurück zum gestrigen Spiel. Man stellt sich die Frage, ob Löw nicht bereits von Anfang an mit Stoßstürmer Gomez beginnen hätte sollen? Götze war als Solospitze zwar bemüht, fand sogar eine der besseren Chancen vor (die er vermutlich vor zwei Jahren genutzt hätte), war aber – wie seine Kollegen – mit dem polnischen Abwehrbollwerk überfordert und für ein Kopfballtor zehn Zentimeter zu klein. Im Besonderen rächt es sich, dass noch immer kein adäquater Ersatz für Philipp Lahm gefunden worden ist. Höwedes strahlt auf der rechten Seite keine Torgefahr aus, kann auch – als gelernter Innenverteidiger – kaum offensive Akzente setzen. Wir sollten aber nicht vergessen, dass noch nicht alle Spieler zur Normalform gefunden haben: Khedira war anfänglich geistig abwesend, kassierte auch gleich eine gelbe Karte für ein taktisches Foul, fand aber dann doch mit Einsatz zurück ins Spiel. Hummels, nach seiner Verletzungspause, wirkte zuweilen unsicher. Özil war/ist eine schattenhafte Erscheinung – zuerst weiß man gar nicht, ob er aufgestellt wurde und dann prüft er Torhüter Fabianski mit einem prächtigen Volleyschuss. Müller müllerte noch immer nicht. Götze suchte seine Torgefährlichkeit von anno 2012. Hector spielte brav mit,  Ausnahmetalent ist er keines. Aber auch, wenn viele Spieler noch nicht die Normalform erreicht haben, den Halbfinaleinzug sehe ich nicht in Gefahr, dazu muss man sich nur all die anderen Favoriten angucken, die bei weitem noch nicht überzeugen konnten. Und wenn Die Mannschaftsmaschine schließlich und endlich ins Laufen kommt, dann ist sie für gewöhnlich nicht mehr zu stoppen: There is nothing new under the sun and on the pitch.

Moment, Italien und Spanien sind ja noch gar nicht ausgeschieden …

 

 

 

EM 2016: Spieltag 6

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Spieltag 6 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

RUSSLAND : SLOWAKEI 1:2

Vielleicht sollten die russischen Spieler ein Schusstraining bei Marek Hamšík absolieren. Während sein erster Schuss knapp neben das Tor strich, schlug sein zweiter ein wie ne Granate. Obwohl seine Schussposition an der linken Straufraumbegrenzungslinie gar nicht sonderlich ideal war, hämmerte er den Ball ins lange Kreuzeck. Muss man gesehen haben. Herrliche Schusstechnik. Etwa eine Viertelstunde früher setzte er Mitspieler Weiss mit einem langen Ball perfekt in Szene. Dass sich dabei die beiden russischen Innenverteidiger wie Schülerligabuben anstellten, zeigt einmal mehr, dass auch Fußballprofis nie gänzlich erwachsen werden. Weiss zirkelte jedenfalls den Ball ins lange Tormanneck. Führungstreffer. Gegen den Spielverlauf. Zwar übten sich die Russen im Verstolpern von Offensivaktionen und Torchancen, trotzdem hatten sie bis dahin mehr vom Spiel. Aber Ballbesitz kauft keinen Europameistertitel – die spanische Ausnahme bestätigt natürlich diese Regel.

In der zweiten Halbzeit – mit zwei Toren im Hintertreffen – versuchten die Russen noch mehr Offensivdrang zu entwickeln. Aber so oft sie auch in den Strafraum an den Ball kamen, irgendwie wirkte der Abschluss stümperhaft. Zwar wirkte die slowakische Abwehr zuweilen nicht gerade sattelfest, aber vor diesen Russen mussten sie sich nicht fürchten. Erst als Glushakov 10 Minuten vor Schluss doch noch der Anschlusstreffer gelang – nicht mit dem Fuß, versteht sich, sondern mit Köpfchen – gerieten die Slowaken ordentlich durcheinander. Mit angezogener Handbremse versuchten sie die Zeit runter zu spielen – ein Konzept, das bereits bei den Engländern ziemlich in die Hose ging. Dass es diesmal doch nicht mehr für den russischen Ausgleich reichte, dürfte am Ende dem schusstechnischen Unvermögen der Sbornaja zu verdanken sein. Ich gehen jetzt mal davon aus, dass sie einfach einen schlechten Tag hatten und im nächsten Spiel, gegen Wales, können sie beweisen, was in ihren Füßen steckt.

Die Slowaken überließen von Beginn an den Russen den Platz und warteten geduldig auf ihre Konterchance. Wie man sieht, ein durchaus praktikables Rezept, vorausgesetzt, man hat einen Hamšík in den eigenen Reihen. Im Großen und Ganzen haben die Slowaken nicht sonderlich überzeugt. Dass sie in der Lage sind, schnelle und flüssige Kombinationen zu spielen, haben sie hin und wieder aufblitzen lassen. Aber zumeist begnügten sie sich mit schnellen Vorstößen, ohne dabei ihr defensives Mittelfeld zu entblößen. Man darf gespannt sein, ob die Engländer in der Lage sein werden, dieses effiziente Konterspiel zu unterbinden. Spannung garantiert.

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RUMÄNIEN : SCHWEIZ 1:1

Den erhofften Schlagabtausch gab es dann doch nicht. Weil beide Mannschaften mit einem Unentschieden ganz gut leben konnten. Dabei hätte eigentlich der VFL Kosovo respektive die Eidgenossen in den ersten zwanzig Minuten alles klar machen können, aber Haris Seferovic vergab recht leichtfertig zwei Großchancen. Ein dummes Textilfoul im Strafraum – Übeltäter der sonst so erfahrene Stephan Lichtsteiner – führte zum Elfmeter und dem überraschenden Führungstreffer für die Rumänen. Alles in allem gefallen mir unsere westlichen Nachbarn recht gut – auch wenn noch nicht alles rund läuft, merkt man doch, dass die Mannschaft ein taktisches Konzept umsetzt. Zusätzlich haben sie auch noch versierte Techniker in ihren Reihen, die durchaus für eine spektakuläre Einzelleistung gut sind (siehe den seitlichen Scherenschlag von Xherdan Shaqiri: damit hätte er Schweizer Fußballgeschichte schreiben können, aber der Ball ging dann doch in die zweite Etage) und konditionell dürften sie keine Probleme haben.

So wie es aussieht, haben die Schweizer nun gute Chancen das Achtelfinale zu erreichen. Freilich, noch ist nichts in Stein gemeißelt, heißt der letzte Gegner doch Frankreich und bei diesem Namen werden in den Schweizer Köpfen mit Sicherheit unangenehme Erinnerungen wachgerufen. Eine erneut hohe Niederlage können sich die Schweizer jedenfalls nicht leisten, falls sie mit einem zweiten Platz liebäugeln, spielen doch die Rumänen ihr Finalspiel gegen Außenseiter Albanien. Spannend bleibt es allemal und das ist ja das Wichtigste, nicht wahr?

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FRANKREICH : ALBANIEN 2:0

Die Franzosen sind die neuen Türken der EM 2008. Auch diesmal konnten sie am letzten Drücker, also in den letzten Minuten der Spielzeit, den Sieg fixieren. Eine Stunde lang war es ein Spiel auf Augenhöhe. Wer hätte das gedacht? Ja, die Albaner kämpften beherzt gegen den recht ideenlos wirkenden Favoriten. Erst die Einwechselung von Pogba und Griezmann in der zweiten Hälfte brachte die Wende gegen immer müder werdende Albaner. Deren laufintensives Spielsystem zerrte an Lungen und Beinen. Aber man muss diese albanische Mannschaft gesehen haben, wie sie rackerte, wie sie lief, wie sie sich die eine oder andere Chance erspielte. Bewundernswert! Der italienische Trainer Gianni de Biasi wusste genau, mit welchem Konzept man spielstarke Teams Paroli bieten würde können. Gegen die Schweizer hatte es knapp nicht gereicht – weil der Ausschluss von Kapitän Lorik Cana durch ein dummes Handspiel nach 37 Minuten alle Pläne zunichte machte – und trotzdem, mit einem Spieler weniger, heizten sie den Schweizern immer wieder gehörig ein. Vielleicht, wer weiß, wäre Trainerfuchs de Biasi genau der Richtige für unser Nationalteam, das oftmals ohne Plan und System agiert. Ist es, weil sich einzelne freigeistige Spieler nicht an taktische Vorgaben halten wollen? Darüber wird an anderer Stelle noch zu schreiben sein. Albanien ist jedenfalls für mich eine ausgesprochen positive Überraschung bei dieser EM und erinnert mich bereits ein wenig an die vom bosnischen Trainer Vahid Halihodzic gecoachte algerische Mannschaft der WM 2014, die seinerzeit der Löw-Truppe die Stirn bieten konnte. Übrigens schrieb ich damals, dass der französische Verband Deschamps feuern und an seiner Stelle Halilhodzic engagieren sollte. Gehört hat mich leider – zum Glück? – niemand.

Die Franzosen haben sich mit dem Sieg nun einen Platz im Achtelfinale gesichert. Das nächste Spiel gegen die Schweiz könnte somit zu einem Trainingsspiel werden. Aber wie oft hat man bei Turnieren gesehen, dass jene Mannschaften, die zuvor ein unwichtiges Match herunterspielten und dabei Schlüsselspieler schonten, nicht mehr in den Realitätsmodus schalten konnten, weil die Spannkraft verloren gegangen ist? Bis jetzt haben die Franzosen jedenfalls zwei glückliche Arbeitssiege gegen defensiv ausgerichtete Teams auf ihrem Konto verbuchen können. Noch weiß aber niemand, ob die Equipe Tricolore auch gegen spielstarke und erfahrene Teams bestehen wird können. Erinnern wir uns an die WM 2012, als bereits so mancher Zuschauer die Franzosen als Geheimtipp auf den Lippen hatte, spielten sie doch in der Gruppenphase einen formidablen Fußball. Im Besonderen beeindruckten die fünf Tore gegen die Eidgenossen. Aber das deutsche Nationalteam zeigte den Franzosen im Viertelfinale die Grenzen auf – sang- und klanglos, ohne jemals wirklich ins Spiel zu kommen, mussten sie sich geschlagen geben. Ist die Mannschaft von Didier Deschamps nun reifer, abgeklärter, spielstärker? Ehrlich gesagt, als ein funktionierendes Team sehe ich sie noch immer nicht. Primär ist es die Qualität der einzelnen Spieler, die je nach Tagesverfassung im Alleingang Spiele entscheiden können. Ob es reicht, ein Turnier zu gewinnen, bezweifle ich. Aber noch haben Les Bleus zumindest zwei Spiele Zeit, um als Mannschaft zusammenzuwachsen. On y va.

 

EM 2016: Spieltag 2

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Spieltag 2 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

ALBANIEN : SCHWEIZ 0:1

Da ist sie also wieder, die schweizer Fußballtruppe, die mit Djourou, Rodriguez, Behrami, Xhaka , Shaqiri, Fernandes, Dzemaili, Mehmedi, Embolo, Seferovic usw. den Inbegriff gelebter Multikultur darstellt. Während der eine Xhaka für die Schweiz aufläuft, spielt der andere für sein Heimatland Albanien. Im Fußball hat der Schmelztiegel längst Einzug gehalten und wir sehen: Wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Hautfarbe und Religion ein gemeinsames Ziel verfolgen, können sie an einem Strang ziehen und die tollsten Leistungen erbringen. Aber am Ende gibt es einen Trainer, der bestimmt, welcher Spieler von Beginn an aufs Feld darf und wer nicht. Abseits des Rasens würden die Sittenwächter längst juristisch-politische Konsequenzen sowie verpflichtende Quotenregelungen fordern, aber im kunterbunt lukrativen Fußballgeschäft funktioniert noch der gesunde Menschenverstand. Weil jedermann davon ausgeht, dass auch der rassistischste Trainer ein Spiel unbedingt gewinnen will und deshalb die besten bzw. leistungsstärksten Spieler – unabhängig von Herkunft und Hautfarbe – nominieren würde. Aber was, wenn ein besorgter Linskhaber und gütlicher Menschenkenner trotz alledem festgestellt haben mag, dass es bei der Aufstellung zu einer Diskriminierung gekommen sei? Kann der Trainer seine (Aus)Wahl objektiv begründen? Definitiv nicht. Hat der Fußball demnach in den westlichen Kulturnationen überhaupt noch eine Zukunft? Sieht nicht so aus. Auf der anderen Seite kann das kleine, friedliche und homogene Island unbesorgt in die fußballerische Zukunft sehen. Die größte Vulkaninsel der Welt zieht nämlich keine Fußballer-Eltern aus anderen Erdteilen an. Warum das so ist, kann ich Ihnen freilich nicht sagen.

Kommen wir zum Fußball zurück. Die Schweizer, wie gewohnt, zogen das Spiel in die Breite. Sie versuchten damit an Sicherheit zu gewinnen und gleichzeitig die Albaner ins Leere laufen zu lassen. Das ist natürlich nicht zum Anschauen, diese Querpässe in der eigenen Hälfte – hat ja auch nix mit Fußball zu tun, sondern erinnert an eine lockere Trainingseinheit. Die Albaner hingegen, zum ersten Mal bei einer Europameisterschaft, gedachten Fußball zu spielen, das heißt, den Ball recht flott nach vorne, vor das gegnerische Tor, zu bringen. Wirklich dumm, dass sich der albanische Goalie Berisha bereits in der 5. Minute in der Fliegenfängerei versuchte und damit den Führungs- und späteren Siegestreffer mitverschuldete. Wer nun dachte, Berisha sei die klassische Vorgabe, der irrte gewaltig. In den restlichen 85 Minuten zeigt er, was in ihm steckte und das war ne ganze Menge. Es ist jetzt natürlich müßig darüber zu fabulieren, wer von den beiden Mannschaften die glücklichere war. So gab es die sogenannten hundertprozentigen Chancen auf beiden Seiten – es hätte also so oder so kommen können. Neben der Berishaschen Fliegenfängerei in der 5. Minute dürfte wohl die albanische Handballakrobatik von Kapitän Lorik Cana in der 37. Minute die Niederlage besiegelt haben – mit Gelb-Rot wurde Cana vom Platz gestellt. Tja. Von nun an mussten 9 Feldspieler dem Ausgleich hinterherlaufen – und das taten sie auch. Gewiss, von Außenseiter Albanien durfte man sich keine spielerischen Glanzstücke erwarten, aber sie wehrten und stemmten sich gegen die Eidgenossen (ja, jene, welche die Habsburger ordentlich versohlten, vor langer, langer Zeit) bis zum bitteren Ende. Das verdient Respekt. Die Schweizer wiederum, wollen sie ganz vorne mitspielen, werden sich wohl steigern müssen – Frankreich und Rumänien wissen nämlich, wie der Hase respektive Ball läuft.

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WALES : SLOWAKEI 2:1

Der 1. FC Bale gegen den SV Hamsik, wenn man so will. Gewiss, eine Mannschaft besteht nicht nur aus einem Superstar, trotzdem hat das Spiel gezeigt, wie wichtig Bale für die Waliser ist. So ging der Führungstreffer, erzielt mittels Freistoß, auf sein Konto und seine Antritte sorgten immer wieder für Unruhe in der slowakischen Hintermannschaft. Apropos. Routinier Skrtel hatte so manchen pogatetzesken Aussetzer: So hätte er nicht nur einen Elfmeter verschuldet – der Torlinienrichter stand zwar keine zwei Armlängen von der Rauferei entfernt, aber sah, äh, ja, kein Vergehen des Slowaken – sondern mit einem Ausschluss auch seine Mannschaft geschwächt. Das Tackling, wenige Minuten vor Schluss, grenzte nämlich an Tötungsabsicht – auch wenn die gestreckten Beine des mit beinahe Schallgeschwindigkeit herangeflogenen Skrtel dann doch noch freundlicherweise von ihm angezogen wurden. Die Slowaken waren jedenfalls kein Kind von Traurigkeit und man kann davon ausgehen, dass sie ihren nächsten beiden Gegnern nichts, aber auch gar nichts schenken werden.

War Wales die bessere Mannschaft? Die Waliser hatten jedenfalls das Glück auf ihrer Seite. Wenige Minuten nach Beginn hätte nämlich Hamsik beinahe den Führungstreffer erzielt, doch der Ball wurde noch von einem gegnerischen Verteidiger von der Torlinie gekratzt. Im Gegenzug gelang Bale das Tor: dank der Mithilfe von Torhüter Kozácik, der beim Freistoß einen Schritt auf die falsche Seite machte. Von da an hatten die Waliser alles im Griff und die Slowaken, die zuvor munter darauf los spielten, verloren ihre spielerische Balance und die Begegnung artete in ein Geplänkel aus. Erst als die Slowakei in der 60. Minute mit zwei Einwechselspieler offensiver wurde, keine Minute später der verdiente Ausgleichstreffer erzielte, zeigten die Waliser Nerven. Zwanzig Minuten dominierten die Slowaken das Geschehen am Rasen, hatten sozusagen spielerisch Oberwasser – doch ein gefährlicher Kopfball von Bale zeigte einmal mehr, dass man den Superstar nicht einen Augenblick aus den Augen verlieren darf. Zehn Minuten vor dem Ende schlossen die Waliser einen Konter mustergültig ab, will heißen, sie stolperten förmlich den Ball ins Tor. Im Gegenzug köpfelte der eingewechselte Nemec nur an die Stange. Also, war Wales die bessere Mannschaft? Ich denke nicht.

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ENGLAND : RUSSLAND 1:1

In der ersten Hälfte brannten die three lions ein ordentliches Feuerwerk auf dem Rasen ab und ließen die Sbornaja – im wahrsten Sinne des Wortes – ziemlich alt aussehen (Innenverteidiger Ignaschewitsch bringt es auf 36 Lenze). Für gewöhnlich hätten die herausgespielten Chancen für zwei oder drei Siege gereicht, doch wie so oft im Fußball, bewahrheitete sich auch hier wieder eine alte Binsenweisheit: Die Tore, die man nicht schießt, bekommt man.

Die Engländer beeindruckten in der ersten Halbzeit vor allem mit einem nahezu perfekten taktischen Pressing. Eroberten sie den Ball ging es flott vor das gegnerische Tor. Die sprintstarken Außenspieler – Lallana und Sterling – gaben dabei ordentlich Gas und wirbelten an den Seiten die russische Abwehr, die vor allem das Zentrum dicht machten, gehörig durcheinander. So waren die russischen Spieler in der ersten Hälfte zu träge, zu passiv, vielleicht auch zu eingeschüchtert, während  die englischen Kicker, technisch versiert, frisch von der Leber weg aufspielten. Dabei blitzte immer wieder ein blindes Verständnis im Zusammenspiel auf. Sehenswert, wie sie die freien Räume an der Seite nutzten. Hätten sie die eine oder andere der zahlreichen Chancen genutzt, die sie sich erspielt hatten, die Fans würden bereits mit dem Finaleinzug liebäugeln. Doch in einem Fußballspiel gibt es immer zwei Hälften, zwei Seiten und später offenbarte sich die eklatante Schwäche der Engländer: das mangelnde Selbstvertrauen in ihr Offensivspiel und die Angst vor der eigenen Courage.

In der zweiten Hälfte zogen sich die Engländer unverständlicherweise zurück, ließen die Russen kommen und lauerten auf Fehler des Gegners. Warum sie nicht – wie in den ersten 45 Minuten – aktiv und aggressiv das Spiel kontrollieren wollten, bleibt ein Rätsel. Ging den englischen Spielern die Puste aus? Wollten sie im Schongang den Sieg gegen schwache Russen nach Hause bringen? Oder bekamen sie es mit der Angst zu tun? Mysteriös, dass Sterling (und das englische Team) in der zweiten Halbzeit die freien Räume nicht mehr zu nutzen verstand. So verstolperte er die eine oder andere gute Gelegenheit oder lief sich fest. Auch mysteriös, dass Hodgson ausgerechnet seinen kopfballstarken Mittelstürmer Kane die Eckbälle treten ließ. Was er sich dabei wohl gedacht haben mag?

Der englische Führungstreffer gelang nicht aus dem Spiel heraus, sondern aus einem Freistoß. Und seltsam, auch hier (wie zuvor der slowakische Torhüter gegen Bale) vertut sich der Goalie und macht einen Schritt zur falschen Seite. Aber der Führungstreffer von Dier weckte die englische Truppe nicht auf, ganz im Gegenteil, er ließ sie noch vorsichtiger agieren. Bezeichnend, dass Hodgson mit seinen Auswechselungen die Defensive stärken wollte, obwohl die nun offensiver agierenden Russen kaum Gefahr erzeugen konnten. Und so kam wie es kommen musste: In der Nachspielzeit köpfelte Bersuzki den Ball über Torhüter Hart ins Tor. Glückliches Russland.

P.S.: Aha. Die englischen Hooligans zerlegen, wie man hört und liest, die Innenstadt von Marseille und liefern sich mit der Polizei und russischen Fans die eine oder andere Straßenschlacht. Dabei gäbe es sicherlich ein paar no go areas in der südfranzösischen Stadt (French Connection?), wo sich die Exekutive im Hintergrund hält. Eine Sightseeing Tour aggressiver und gewaltbereiter Fußballfans durch diese Viertel könnte ausgleichend für alle Beteiligten wirken.

EM 2016: Spieltag 1

EM-2016-Spieltag1

Spieltag 1 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

FRANKREICH : RUMÄNIEN 2:1

Das war sie also, die Eröffnung der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Man fragt sich ja klammheimlich, was wohl ein Georges Clemenceau (1841-1929) über die denkwürdige Zeremonie gesagt hätte. Einst schrieb der französische Politiker, dass Amerika, »die Entwicklung von der Barbarei zur Dekadenz ohne Umweg über die Kultur« mache. Anno 2016 können wir festhalten, dass Frankreich die Kultur links liegen lässt und geradeaus in die dekadente Barbarei, vielleicht auch barbarischen Dekadenz läuft. Ich schätze, das Enfant terrible der schreibenden Zunft Louis-Ferdinand Céline (1894-1961) hätte die passenden Worte für die Entwicklung Frankreichs (und damit der westlichen Kulturnationen) gefunden. Dank der benutzerfreundlichen Hetzparagraphen, die in all den aufgeklärten Staaten wie giftige Pilze aus dem Boden schießen, würde er heutzutage natürlich längst mit unzähligen Strafverfahren zum Schweigen gebracht worden sein. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen, dass es die französische demokratische Republik ist, nicht das Ancien Régime eines Ludwig XV. oder die präsidiale Diktatur eines Charles de Gaulle, die einen Voltaire in die Bastille werfen und dort verfaulen lassen würde. Gewiss, Voltaire kochte sein freimaurerischen Süppchen, das nicht er, sondern andere in späterer Folge auslöffeln mussten. Behalten Sie immer im Hinterkopf, dass in der Historie nichts ist, wie Sie es gelernt, gelesen oder gehört haben.

Kehren wir nun zum runden Leder zurück. Frankreich eröffnete also die Ballzauberei mit dem Spiel gegen Rumänien. Bereits nach wenigen Minuten war es auch für jeden Hobbytrainer augenscheinlich, dass es nur eine Mannschaft war, die mit Routine und Sicherheit am Rasen agierte: die Rumänen konnten die Qualifikation ohne Niederlage und nur mit zwei Gegentreffern abschließen. Während also die rumänische Elf unbeeindruckt ihr spielerisch-taktisches Konzept mustergültig umsetzte, haderte die französische mit sich und der Ausgangssituation und fand deshalb nie wirklich zu ihrem Spiel. Man stelle sich nur mal vor, was in den Köpfen gedacht, in den Bäuchen gefühlt worden wäre, hätte nach vier Minuten Bogdan Stancu den Ball aus wenigen Metern an Torhüter Lloris vorbeigeschoben. Es ist natürlich müßig darüber zu spekulieren – Lloris wehrte ab (besser: er stand goldrichtig) und die französischen Fans – nahe einem Herzinfarkt – konnten erleichtert ausatmen.

Und so wogte das Spiel hin und her. Chancen hüben wie drüben. Vielleicht zollten die Rumänen dem Hausherrn zu viel Respekt, hätten noch mehr Druck, noch konsequenter die Offensive suchen müssen. Andererseits, die Qualität der französischen Spieler, die fanatische Kulisse im Hintergrund und ein Schiedsrichter, der nichts falsch machen wollte, ließen dann doch die rumänischen Nerven flattern. Ein Unentschieden wäre alles in allem gerecht gewesen, ja, ich hätte es den Rumänen vergönnt, weil sie beherzt mitspielten und sich nicht ängstlich versteckten. Aber das Schicksal hatte andere Pläne und  wenige Minuten vor Schluss zog Dimitri Payet an der Strafraumgrenze ab und haute den Ball unhaltbar ins Kreuzeck. Für einen Fußballgourmet hätte ich mir natürlich den Führungstreffer fünfzehn oder zwanzig Minuten vor dem Ende gewünscht – weil die Rumänen dann mehr Zeit gehabt hätten, mit Mann und Maus zu stürmen und das Unentschieden zu erzwingen. Schlagabtausch in Reinkultur, das ist es, was ich sehen will. Gibt es leider viel zu selten. Sicherheit – im Leben wie am Rasen – steht hoch im Kurs.

Im nächsten Spiel bekommen es die Franzosen mit Albanien zu tun. In den beiden freundschaftlichen Qualifikationsspielen hat Albanien mit einem Sieg und einem Unentschieden gegen die Grande Nation aufgezeigt, dass sie keine Geschenke verteilt. Ein unangenehmer Gegner, natürlich.

Die Männer von Trainer Didier Deschamps, um eine abgedroschene Phrase zu verwenden, werden sich wohl steigern müssen. Was mir an Frankreich fehlt, ist die Geschlossenheit, die Kompaktheit. Ich sehe nicht eine Mannschaft, ich sehe zehn Akteure auf dem Rasen.

Für die Rumänen geht es im nächsten Spiel gegen die Schweiz. Auf dem Papier klingt diese Begegnung nach dem lauen Sommerkick zweier abgebrühter Routiniers – man erinnere sich an die Eidgenossen bei der WM 2014, deren Ziel es war, das Spiel des Gegners zu zerstören. Unansehnlich, aber effektiv. Auch im Fußball heiligt der Zweck längst die Mittel. Vorbei die Zeit, als jeder Fußballfreund auf die italienische Betonmischmaschine verächtlich herabblickte. Und doch, irgendwie, ich weiß nicht recht, spüre ich instinktiv, dass wir ein großes Spiel zu erwarten haben. Vermutlich ist der Wunsch der Alimente zahlende Papa dieses Gedankens. Aber träumen wird man ja noch dürfen, non?

Für den Fall, dass Sie wissen möchten, was denn die Franzosen im Stadion so inbrünstig schmettern, bitte sehr, hier die 3. Strophe der Marseillaise:

Was! Ausländisches Gesindel
würde über unsere Heime gebieten!
Was! Diese Söldnerscharen würden
Unsere stolzen Krieger niedermachen! (zweimal)
Großer Gott! Mit Ketten an den Händen
würden sich unsere Häupter dem Joch beugen.
Niederträchtige Despoten würden
Über unser Schicksal bestimmen!

Zu den Waffen, Bürger!
Schließt die Reihen,
Vorwärts, marschieren wir!
Das unreine Blut
tränke unserer Äcker Furchen!

EM2016 – Ein erster Ausblick

EM-2016-Intro.jpg

Morgen startet sie also, die Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich. Oui, oui. Und wie schon die letzten Male – EM 2008, WM 2010, EM 2012, WM 2014 – werde ich versuchen, alle Spiele zu verfolgen und darüber blöglich zu berichten. Experte bin ich freilich keiner. Ich sehe vielmehr jede Begegnung in einem literarisch-dramaturgischen Licht. Was ich mir wünsche ist Spannung und Dramatik bis zum Schluss(pfiff). Ich will das Unerwartete, das Unglaubliche miterleben dürfen. Erinnern Sie sich vielleicht noch, Europameisterschaft 2008 in Österreich und in der Schweiz, als die türkischen Stehaufmännchen drohende Niederlagen in last-minute Siege verwandeln konnten? Noch jetzt läuft mir ein leichter Schauer über den Rücken, wenn ich an diese beiden Spiele (Tschechien und Kroatien)* zurückdenke (gegen die deutsche Elf war freilich kein türkisches Kraut gewachsen – Unwetter und schwarzer TV-Schirm hin oder her).

*) Wie es der Zufall so haben will, kommt es wieder zu diesen Begegnungen in Gruppe D!

Keine Frage, natürlich drücke ich der österreichischen Nationalmannschaft die Daumen. Mitfiebern bis zum bitteren oder glorreichen Ende. Gehört sich so. Ob ich große Erwartungen hege? Wir haben ja den Vorteil, dass der erste Gegner der vermeintlich schwächste in der Gruppe ist. Vor langer, langer Zeit war Ungarn eine Fußballmacht am Kontinent – den Engländern konnte seinerzeit sowieso keine Mannschaft das Wasser reichen, die spielten, wenn man so will, in einer eigenen Liga. Aber dann kam das Wunderteam und sorgte für einen noch nie dagewesenen (kurzen) Erfolgslauf. Wie gesagt, das ist lange her. In der Gegenwart werden wir von Alaba & Co keine Wunder erwarten dürfen. Es würde ja reichen, wenn die Spieler konzentriert zu Werke gehen und ihr Selbstvertrauen nicht in der Kabine lassen. Die Psyche ist schon immer die Achillesferse der österreichischen Nationalmannschaft gewesen. Vermutlich hängt es mit dem Verlust des Habsburger Kaiserreiches zusammen – damals, als Österreich von einer europameisterlichen Mannschaft zu einer Provinztruppe degradiert wurde, die nur noch in der Regionalliga spielen durfte. Diese Niederlage ist Teil der Volksseele und es wird noch viele Generationen und Siege brauchen, bis das Selbstbewusstsein wieder vollkommen hergestellt ist.

Einen Favoriten habe ich bis dato noch nicht. Natürlich gibt es die üblichen Verdächtigen, allen voran unsere deutschen Freunde, die eine Turniermannschaft sind und sich noch immer mit den eigenen Fußballschuhen aus dem Sumpf gezogen haben. Sie kennen ja den Ausspruch von Lineker, nämlich dass ein Fußballspiel 90 Minuten dauere und am Ende die Deutschen gewännen. Aber bis zum Finale ist es ein weiter Weg.

Mit einem gallischen Zaubertrank könnten die Franzosen weit kommen – vorausgesetzt die Stimmung bleibt gut und es kommt zu keiner Rebellion. Die Franzosen haben ja bekanntlich einen Faible für kleinere und größere Umstürze. Bei der Weltmeisterschaft in Brasilien, vor zwei Jahren, hat die französische Elf bereits aufgezeigt. Man wird sehen, ob sie zulegen konnte.

Englands Nationalelf wiederum hat durch den überraschenden Meisterschaftssieg von Underdog Leicester City Blut geleckt und Lunte gerochen. Vorbei die Epoche, als einzig Rooneys Knöchel über Sieg oder Niederlage entschied.

So. Jetzt warten wir mal die ersten Begegnungen ab und dann, dann können wir einen realistischen Favoritenkreis bestimmen. Die Glaskugel vorab zu befragen, also, no, no, das halte ich nicht für sinnvoll. Oui, oui.