richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

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EM: das war die EM 2008

Rückblicke haben immer etwas melancholisches, beinah trauriges. Die Fußballeuropameisterschaft 2008 ist nun Geschichte, ist nur noch eine Zeile in Statistiken und Auflistungen. Derweil, erinnern wir uns, gab es viele spannende, emotionsgeladene, vielleicht auch öde Momente, bangten und hofften wir, freuten uns oder gingen enttäuscht nach Hause und ins Bett.

Davon wird bald nichts mehr zu spüren sein. Erinnerungen verblassen. Der Alltag deckt uns wieder zu. Freilich, wenn in zwei Jahren die Weltmeisterschaft in Südafrika vor der Türe steht. dann beginnt es wieder von neuem: diese Anspannung, dieses Mitfiebern und die Gewissheit, dass man Zeuge eines besonderen Ereignisses sein wird.

Am schönsten hat ein kurzer Videoclip der UEFA diese einzigartige Stimmung eingefangen. Er wurde gestern im ORF ausgestrahlt, dauerte keine fünf Minuten, und ist überwältigend. Warum? Weil die EM zurück- und in einer sehr konzentrierten Form wieder abgespult wird. Weil wir Trainer und Spieler und Fans sehen, als sie in freudiger Erwartung, in glänzender Hoffnung waren. Die Zukunft war noch nicht geschrieben. Heute kennen wir diese „Zukunft“, wissen wir um die Tragödien und Komödien der EM. Das Musikstück, mit dem der Videoclip unterlegt wurde, ist eine elegische, schicksalsschwangere Hymne, die perfekt zu den Bildern passt. Herrlich. Einfach nur herrlich. Gänsehautfaktor inklusive!

Kommen wir also zum Rückblick.

Zu aller erst geht es um die Österreichische Fußballmannschaft. Immerhin hätte keiner auch nur einen Cent auf sie gesetzt. Nicht nach den äußerst schwachen Leistungen in den Vorbereitungsspielen. Aber sie haben positiv überrascht. Allesamt. Dass ein Elfmeter knapp nach Beginn die ersten Hoffnungen zu nichte machen, dass wiederum ein Elfmeter die letzten Hoffnungen wecken würde, konnte keiner ahnen. Und erst ein Ballack-Freistoß, der „V2“ Eigenheiten aufwies (ja, Wernher von Braun hätte seine Freude daran gehabt) läutete (nein, hämmerte) uns aus den Träumen. Aber wir durften träumen. Die Lieblingsbeschäftigung der österreichischen Seele. Neben dem gemütlichen Verzehr von Alkoholika.

Der Offensivfußball erfreute sich größter Beliebtheit. Nicht nur bei den Fans, sondern auch bei den Trainern und ihren Mannschaften. Nachdem die EM 2004 in Griechenland und die WM 2006 in Deutschland ja nicht gerade für ihren Angriffsfußball bekannt waren, ist diese Entwicklung vielleicht ein wenig überraschend gekommen. Aber sehr, sehr, sehr zu begrüßen! Hoffe, dass es in dieser Tonart weitergeht. Auch auf Vereinsebene.

Es gab wunderbarste Fußballspiele zu sehen, die an Spielfreude oder Dramatik nicht zu überbieten waren. Allen voran natürlich die Niederländer, die Italien und Frankreich regelrecht an die Wand spielten. Allen voran die Russen, die Schweden und die Niederlande regelrecht an die Wand spielten. Und die Spanier spielten sowieso zumeist Katz und Maus mit ihren Gegnern. Die Türken sorgten vier Mal für eine Dramatik der besonderen Art. Beim vierten Mal schlug das Pendel aber den Ball in ihr Tor, statt in jenes, des Gegners. Und genau deshalb, darf man kein Spiel versäumen. Weil, wer das nicht livehaftig gesehen hat, er würde es heute nicht glauben.

Abgedroschene Fußballerregeln feiern fröhliche Urständ:

Dass die Deutschen eine Turniermannschaft seien, die sich mit jedem Spiel steigern können, hörte man im Vorfeld immer wieder. Und es bewahrheitete sich.

Dass ein Fußballspiel 90 Minuten dauert und am Ende die Deutschen gewinnen, soll Gary Lineker gesagt haben. Hätte die Löw-Truppe auch noch das Finale gewonnen, man müsste Gary Lineker mit dem „goldenen Nostradamus“ auszeichnen.

Portugal, um Christiano Ronaldo Superstar, wird gerne als Primaballerina bezeichnet. Das Viertelfinale gegen Deutschland bestätigte es eindrücklichst: „wenn die Gegner so nah stehen, dann kriegen wir Migräne“.

Dass die Österreicher einfach nicht gewinnen können, hat sich leider auch bewahrheitet.

Wo ein Hiddink ist, da wartet zumindest ein Achtel- oder Viertelfinale. Stimmt. Nach Australien und Südkorea, waren es die Russen, die er sogar ins Halbfinale führte. Respekt.

Ein Spiel ist erst dann aus, wenn der Schiedsrichter abpfeift, heißt es. Die Türken haben es auf eine unfassbare Art und Weise bestätigt. Die Deutschen freilich auch (und noch jetzt will man es nicht so recht glauben, dass die Türken in vier aufeinanderfolgenden Spielen ihre Tore in den Schlussminuten machten).

Die Tore, die man nicht schießt, bekommt man! Dieses „ungeschriebene Gesetz“ des Fußballs schmeckt den Wenigsten. Weil damit versucht wird, eine grobe Ungerechtigkeit zu erklären. Am eindrücklichsten sah man es bei Österreicher gegen Polen. Lassen 3 todsichere Chancen aus und kassieren wenig später ein Abseitstor. Oder die Schweizer, die zu dritt auf den türkischen Torhüter laufen, den Ball nicht an diesem vorbeibringen und im Gegenstoß das Tor bekommen und ihre Niederlage besiegeln. Oder die Tschechen, die locker ein drittes Tor hätten machen können. Gegen die Türken. Haben sie aber nicht. Was folgte? Die Strafe auf dem Fuß.

Auffällig: die Sieger aus der Gruppenphase (Portugal, Kroatien, Holland, Spanien), deren Stammspieler sich beim letzten Spiel ausruhen konnten (weil sie schon sicher im Viertelfinale waren und die Trainer natürlich ihre „B-Mannschaft“ spielen ließ), versagten allesamt. Nur Spanien rettete sich durch ein Elfmeterschießen. Scheinbar tut es den Spielern nicht gut, wenn man den Spielrhythmus unterbricht. Vielleicht war es aber auch eine ungesunde Portion Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. Die Gruppensieger, die ihre Gegner in der Gruppenphase vollkommen beherrschten, dachten nicht im Traum daran, dass ihnen ein Zweitplatzierter gefährlich werden könnte. Anders gesagt: sie erwarteten sich vom Gegner keine besondere Gegenwehr. Am auffälligsten sah man es, als die Deutschen auf die ersatzgeschwächten „ich stell den dritten torhüter als stürmer auf“-Türken getroffen sind. Die Löw-Truppe, noch völlig berauscht von ihrem Kantersieg gegen die als EM-Favorit geltenden Portugiesen, wusste nicht, wie ihnen geschah: die Türken zeigten sich in keiner Weise eingeschüchtert, ja, mehr noch, sie spielten das Spiel ihres Lebens, während die Deutschen eine mäßige Figur machten.

to be continued …

EM: Finale

Sonntag, 29. Juni 2008

Finale: Viva España!

Finale, in Wien (20:45): Deutschland – Spanien 0:1

Welch eine Erleichterung. Die bessere, vielleicht sogar die beste, in jedem Fall aber die beständigste Mannschaft der EM 2008 hat den Pokal überreicht bekommen. Im Wiener Ernst Happel Stadion.

In den ersten 15 Minuten musste man schon Schlimmes befürchten. Nervös waren sie, die spanischen Kicker, machten Abspielfehler, standen zu Weit vom Gegner weg und irgendwie erinnerte man sich an die lauen Portugiesen, als sie im Viertelfinale auf die kampfstarken Deutschen (Fußball klingt manchmal nach Krieg) stießen. Ja, in den ersten 15 Minuten hätte die Löw-Truppe den Fuß in die Türe bekommen können. Aber wenig später begannen auch bei den Deutschen die Nerven zu flattern. Je länger das Spiel dauerte, je ballsicherer die Spanier wurden, umso weniger konnten die Deutschen dagegen halten. So zeigten die Iberer eindrucksvoll, wie man zu spielen hat, um Deutschland (und vermutlich jeden anderen Gegner) zu schlagen. Und hätte der Sieg nicht höher ausfallen müssen? Ein Stangenschuss. Eine Abwehr auf der Linie. Und die eine oder andere Rettungstat von Lehmann (der, wider erwarten, sicher wirkte). Auf der anderen Seite ist vielleicht noch ein mäßiger Ballack-Schuss zu verzeichnen.

Die Spanier haben also verdient gewonnen und ich mir den „Capuccino“ redlich erwettet, meine liebe Laura!

EM: Halbfinale 2

Donnerstag, 26. Juni 2008

Halbfinale 2: russische Siesta

HF 2, in Wien (20:45): Russland : Spanien 0:3

Es kommt mal wieder anders. Die Russen, die in den letzten Partien traumhaften Fußball gespielt haben, waren nicht wiederzuerkennen.  Kein Kampfgeist. Keine durchgängige Laufbereitschaft. Müde wirkten sie. Nicht unbedingt physisch, eher mental. Hat man diese mentale Müdigkeit nicht schon oft gesehen, im Turnier? Waren es nicht letztens die Holländer (gegen Russland), die genauso lethargisch wirkten und auch waren? Oder die Portugiesen (gegen Deutschland)? Oder die Deutschen (gegen Türkei)? Hm.

Wie dem auch sei. Die Russen verlieren. Die Spanier gewinnen. Beide verdienen es. Somit steht die besser spielende der beiden Mannschaften im Finale (im anderen Halbfinale ist’s nicht so gewesen) und damit bin ich schon wieder zufrieden.

Ja, die Spanier sind eine Klasse für sich, wenn sie ihr Potenzial ausspielen können. Aber erinnern wir uns, als sie gegen die Italiener ideenlos, beinah hilflos wirkten. Also, ich hoffe ja auf ein spannungsgeladenes Finale. Kein „Abtasten“, kein „taktisches Geplänkel“ und schon gar kein Elfmeterschießen. Denn, wenn ich eines weiß, dann ist es, dass die Spanier da nur verlieren können.  Und die Spanier will ich bitteschön auf der Gewinnerstraße sehen.

EM: Viertelfinale 4

Sonntag, 22. Juni 2008

Viertelfinale 4: Angsthasenfußball

VF 4, in Wien (20:45): Spanien : Italien 0:0 n.V. 4:2 i.E.

Gottlob ist der Kelch an uns vorüber gegangen. Nicht auszudenken, wenn Italien ins Halbfinale eingezogen wären. Denn Fußball haben sie eigentlich nicht gespielt. Trainer Donadoni dürfte sich die EM 2004 in Erinnerung gerufen und dabei festgestellt haben, dass Griechenland den unansehnlichsten Defensiv-Fußball der Geschichte spielte, aber dafür den Pokal gewann.

Das Spiel war wohl eines der schlechtesten Partien dieser EM. Gurkenkick auf höchstem Niveau. Entsetzlich. Die Spanier wollten, aber trauten sich nicht so richtig. Die Italiener wollten, aber trauten sich nicht so richtig. Angsthasenfußball, also. Am besten merkte man das bei den Spaniern, die mehr für die Offensive taten, denen sich auch Räume boten, die aber nicht erlaufen wurden – weil die Defensivabteilung vermutlich die Order hatte, hinten zu bleiben. Deshalb ging das meiste nur durch die Mitte. Aber wie soll man sich durch Hunderte von italienischen Beinen durchdribbeln? Genau. Zumeist war beim dritten Abwehrspieler Schluss. Dabei zeigte sich ein erschreckendes Bild bei den Spaniern. Sie haben zwar ein wunderbares Mittelfeld, aber die Spieler sind zentral ausgerichtet. Es gibt kaum Flügelspieler. Deshalb muss ein Torres oder Villa auf die Seiten ausweichen, wenn es im Strafraum zu voll wird. Aber was macht ein Mittelstürmer an der Seite? Hier zeigen uns die Russen, wie es geht. In dem sie ein Überzahlspiel an den Flanken erzeugen, aber nicht nur in den Strafraum flanken, sondern auch mal den Weg zum Tor suchen. Das geht natürlich nur dann, wenn man Defensivkräfte nach vorne beordert. Das Risiko, in einen Konter zu laufen steigt natürlich – aber wenn die Mitspieler durch Laufarbeit die Lücken schließen, so es einen Ballverlust gibt, minimieren sie die Gefahr.

Dass Spanien das Elfmeterschießen für sich behauptet, grenzt eigentlich an ein Wunder (zugegeben, das Wort „Wunder“ wird bei dieser EM ziemlich strapaziert – sagt auch Kris). Ja, alles hat gegen Spanien gesprochen – und trotzdem haben sie es gebogen. Rätselhaft, dass bei den Italienern weder ein Luca Toni noch ein Del Piero sich getrauten, einen Elfmeter zu schießen. Sei’s wie’s sei, die Italiener sind verdient draußen. Mehr durfte man sich wohl nicht erwarten.

Jetzt hoffen wir mal, dass sich die Russen für das 1:4 revanchieren werden. Ei, das wird ein Fußballfest.

EM: Viertelfinale 3

Samstag, 21. Juni 2008

Viertelfinale 3: russisches Fußballspektakel

VF 3, in Basel (20:45): Niederlande : Russland 1:3 n.V.
Sieger Gruppe C – Zweiter Gruppe D

Ich war hin und weg. Von den Russen. Fantastisch gespielt. Fantastisch gespielt. Fantastisch gespielt. Nicht gegen Unterstinkenbrunn. Nein! Gegen die Niederlande, die sich in der „Todesgruppe“ souverän an die Spitze setzten, dabei Italien, Frankreich und Rumänien vorführten. Viele, sehr viele, hatten deshalb die Oranjes auf der Rechnung für den EM-Titel. Alles sprach für sie. Und waren sie nicht ausgeruhter als die Russen? Weil sie (genauso wie die anderen Gruppensieger) das letzte Spiel mit der „B-Mannschaft“ spielten, während die Russen gegen Schweden alles aus sich herausholen mussten.

Aber erstens kommt es anders und zweitens als van Basten denkt. Natürlich hat man sich eine aggressive russische Mannschaft erwartet, die viel Laufarbeit verrichten wird. Aber die holländischen Spieler waren vermutlich von dem ganzen Hype um sie eingelullt. Vermutlich waren diese deutlichen Siege gegen den Welt- und Vizeweltmeister der Anfang vom Ende. Wer drei Spiele mit links gewinnt, muss keine Angst vor dem vierten Spiel haben. Sollte man denken.

Jetzt ist es nur eine Frage der russischen Kondition, ob sie das Halbfinale schaffen. Denn spielerisch und von ihrer Einstellung sind sie eine Wundertruppe. Arshavin sprintet nach 110 Minuten einem holländischen Verteidiger auf und davon. Wirbelt. Lässt nicht locker. Rechts und links immer wieder Sprints in den freien Raum (so, wie man es in den vorangegangenen Spiele von den Holländer sah), blitzschnelle Kombinationen und Schüsse aus allen Lagen und Distanzen. Während Snejder gegen Italien und Frankreich alles gelingt, er aus der Drehung ins Kreuzeck schießt, gelingt ihm in diesem Spiel nicht viel, vielleicht müsste man sogar sagen: rein gar nichts. Keines seiner Schüsse wirkt auch nur annähernd gefährlich. Auf der anderen Seite feuern die Russen eine Salve nach der anderen auf van der Sar ab, der alle Hände voll zu tun hat und gehörig ins Schwitzen kommt.

Ach, es ist herrlich, so einer Mannschaft auf die bodenständigen Füße schauen zu können. Wahrlich, ich bin begeistert – und das kommt selten genug vor. Aber wollen wir sie nicht über den Klee loben. Nicht, dass sie den Kopf verlieren und beim nächsten Spiel unkonzentriert sind. Das darf nicht passieren. Schließlich will ich sie am 29. Juni in Wien spielen sehen.