richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Schlagwort-Archiv: EM2012

Fußball, die EM und ein E-Book für 99 Cent

Wie wir wissen ist der Ball rund und muss ins Eckige. Geschriebenes wiederum ist fließend und muss somit ins Gebundene. Deshalb werde ich meine bloggenden Nachbetrachtungen zu allen 31 EM-Spielen in ein E-Book binden und bei amazon zum Verkauf anbieten. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, warum? Nun, die Antwort ist so klar, wie gerade der Himmel über Wien: weil ich es kann.

Wer sich mit seiner Literatur, mit seiner Schreibe auseinandersetzt, stolpert unweigerlich über die Frage, ob das Geschreibsel – mühsam in vielen Stunden aus den Fingern, aus dem Herzen, aus dem Gedächtnis (vielleicht auch nur aus dem Internet) gesogen – ob diese Ansammlung an Worten und Sätzen überhaupt einen Menschen da draußen interessieren könnte. Auf diese Frage gibt es keine richtige Antwort und deshalb kann es nur eine einzige folgerichtige Schlussfolgerung geben: Man stelle sich diese eine Frage erst gar nicht – und (wichtig!) lasse sich auch gar nicht erst in langwierige Diskussionen ein. Besser, die Leutchen vor vollendeten Tatsachen stellen (Hier ist das E-Book, folks! Take it or leave it!), als eine mögliche Publikation in den Raum stellen. Punkt!

Da ich nicht zu dieser ominösen Generation Geiz zähle (auch wenn ich hie und da meine letzten Münze in der Hosentasche zähle), werde ich jedermann und jederfrau gleich vorneweg sagen, dass die Beiträge völlig kostenlos auf meinem Blog zu finden sind. Vielleicht nicht so lesefreundlich aufbereitet, vielleicht auch noch mit kleineren Fehlern behaftet, aber im Großen und Ganzen sollte es dem E-Book mit den gesammelten Beiträgen sehr, sehr nahe kommen. Meine Investitonen für dieses E-Book belaufen sich auf etwa € 4,50 – das Bild bei fotolia war nicht gerade ein Schnäppchen, aber wer ein schmuckes und vor allem passendes Cover präsentieren möchte, muss schon mal tief in die Taschen greifen. Vermutlich müssten demnach 10 Interessierte das E-Book kaufen (ob sie’s dann lesen steht ja auf einem ganz anderen Blatt geschrieben, nicht?), damit ich meine Ausgaben ausgleichen kann. Ob es mir gelingen wird, tja, das wissen nur die Fußball- und Literaturgötter, irgendwo da oben, auf dem Olymp.

Sollte sich das elektronische Büchlein regen Zuspruchs erfreuen (Was heißt heutzutage überhaupt »rege«?), so ist eine weitere Blog-Auskopplung  – EM 2008 – durchaus möglich. Und falls eine wahre Breuer-Blog-Fußball-Hysterie ausbrechen sollte, na, dann schieße ich kurzerhand die WM 2010 nach. Ja, schreibst du in der Zeit, dann hast du in der Not – auch wenn die Not nicht finanzieller, sondern eher hitziger Natur ist. War es die letzten Sommer auch so verteufelt heiß? Beinahe unmenschlich, welch brütend heiße Naturgewalt sich über den Asphalt ergießt.

Sodala. Und jetzt werde ich noch schnell ein Vorwort für das elektronische Büchlein verfassen. Das gehört sich so. Ja, ja.

 

 

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EM 2012 – Finale – SPA : ITA – A spanish train …

Spanien : Italien 4:0

Tja. Das war dann wohl gar nichts. Jedenfalls nicht für die Italiener. Nicht für die Freunde des althergebrachten Fußballs, als noch zwei Mannschaften auf dem Platz standen, die den Ball nach vorne spielten. Heute sieht es anders aus. Da haben die Spanier den Ball und die Gegner hecheln wie blöd hinterher. Das funktionierte bei der letzten EM 2008, bei der WM 2010 und nun auch bei der EM 2012. Und wenn sie nicht in Pension gehen, dann spielen sie ihr Tiki-Taka bis heute.

Bis zur 75. Minuten gab es im spanischen Team keinen gelernten Stürmer. Fernando Torres kam schließlich für Fabregas, erzielte sein Tor zum 3:0 und legte das 4:0 mustergültig auf. Ja, vielleicht ist das die Zukunft des modernen Fußballs: einfach 4 offensive Mittelfeldspieler aufstellen, die allesamt in die vorderste Spitze stoßen und die mit dem Rest der Mannschaft 90 oder 120 Minuten lang pressing, pressing, pressing spielen. Somit ist gewährleistet, dass der Gegner erst gar nicht auf die Idee kommt, hier vielleicht Fußball spielen zu wollen.

Ein Rezept gegen das spanische Tiki-Taka-Pressing hatte nur Portugal. Die hielten ordentlich dagegen, aber mehr als das spanische Spiel zu zerstören fiel auch ihnen nicht ein. Das Halbfinale war ein mäßiges Fußballspiel – und hätten die Spanier nicht Abschlusspech gehabt, sie hätten sich das Elfmeterschießen ersparen können. Sei’s drum, die Spanier sind Europameister und ganz Spanien freut sich. Der Rest hatte wohl Mitleid mit den Italienern, die gleich zu Beginn zeigen wollten, dass sie gewillt waren, mitzuspielen. Hätte es nicht schon frühzeitig in ihrem Tor eingeschlagen, wer weiß, wie die Chose gelaufen wäre. Andererseits, an diesem Abend lief alles für die Spanier, alles gegen die Italiener. Spätestens dann war es zu bemerken, als die Italiener nach 70 Minuten einen Spieler vorgeben mussten, da ihr Austauschkontingent längst erschöpft war und Thiago Motta (der nach seiner Einwechslung gerade mal 3 Minuten am Feld war) verletzt vom Feld humpelte. Zuvor erwischte es Abwehrrecke Chiellini und Stürmer Cassano. Tja. Was soll man da machen? In diesem Fall dürfte wohl auch kein Abschreiten des Jakobsweges geholfen haben. Die Götter haben entschieden.

Wer soll also die Spanier jemals besiegen können? Und – viel wichtiger – welche Schlüsse ziehen die Trainer? Dass Pressing und Raumaufteilung ohne Ball die halbe Miete ist? Bedeutet natürlich, dass die Spieler die Kondition eines Pferdes brauchen. Aber mit ein wenig Training geht das schon. Als nächstes wird sich jeder Trainer die Frage stellen, ob er nicht gleich die Spieler der »Vize-Meistermannschaft« als Team aufstellen soll. Man sehe sich hier nur die deutsche Elf an, die mit 8 Spieler von Bayern München angereist kam. Warum der gute Löw nicht auf die Spieler von Borussia Dortmund setzte? Die haben immerhin alles gewonnen, im Gegensatz zu den Bayern, die so ziemlich alles verloren haben: Meisterschaft, Pokal, Champions League. Und jetzt auch noch das Halbfinale gegen Italien. Es wird seine Zeit brauchen, bis die Spieler diese Niederlagenserie aus den Köpfen bekommen. Gut Ding braucht Weile. Ja, ja.

Apropos Löw-Truppe. Vielleicht muss die deutsche Elf ja froh sein, gegen Italien mit 2:1 ausgeschieden zu sein. Man stelle sich vor, sie wären ins Finale gekommen. Wieder dieses Sommermärchen-Gezeter in den deutschen Landen und all diese Vorfreude, all diese Jubelstimmung. Und dann die kalte Dusche (wobei, bei diesen iberischen Temperaturen, die im Land herrschen, wäre so eine kalte Dusche ja geradezu eine Wohltat). Freilich, im Fußball ist ja bekanntlich alles möglich und vielleicht hätten die Germanen die Iberer niederringen können – aber um ehrlich zu sein, daran denke ich kein Sekündchen. Gegen die Spanier ist (noch) kein Kraut (!) gewachsen.

In der WM-Qualifikation für Brasilien 2014 bekommen es die Spanier übrigens wieder mit den arg zerrütteten Franzosen zu tun, die schon im Viertelfinale keine sonderliche Gegenwehr zeigten. Der Rest – Weißrussland, Georgien, Finnland – darf als Sparing-Partner auflaufen. Vermutlich stellen sich die Spieler schon um Autogrammkarten bei Torres und Iniesta an. Wer soll also den Doppel-EM-Meister wirklich herausfordern können? Ich bitte um Ihren Einwurf!

Ich gebe zu, dass ich den Italiener zu viel zugetraut habe. Vielleicht hat mich auch die mentale Stärker der Spanier überrascht, die frech und forsch am Platz agierten und mit ihrem Auftreten zeigten, dass sie den Pott holen wollten. Die Italiener hielten diesem Psycho-Krieg stand. Aber nach den ersten beiden Toren konnte man deutlich sehen und spüren, dass der Zug Richtung Spanien abgefahren ist. Damit wird es auch weiterhin schnarchnasigen Tiki-Taka-Überfußball geben, zumal die spanische Elf sicherlich in den medialen Himmel gehoben wird. Es erinnert ein wenig an die Übermacht eines reifen Michael Schuhmachers in der Formel I. Für seine Fans war die Dominanz einfach Zeichen seines Könnens, seines Talents, für den Rest war es einfach nur öd, diese kreisenden Siegesfahrten verfolgen zu müssen.

Förderte das EM-Turnier wenigstens positive Überraschungen zutage? Freilich. Zum Beispiel, dass die Italiener offensiv und mit zwei Freigeistern in der Spitze (Cassano & Balotelli) spielten. Angriff ist die beste Verteidigung, sagte sich Trainer Prandelli, als er merkte, dass es mit der italienischen Hintermannschaft nicht mehr weit her ist. Die nächste Überraschung war das Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Italien. Ein munteres Spielchen, wie man es gerne sieht. Im Gegensatz dazu stolperten die Holländer über ihr eigenes System-Dogma und schieden ohne Punkte bereits in der Gruppenphase grandios aus. Überhaupt, all die Sterne von einst – England, Frankreich, Niederlande – kommen einfach nicht in die Gänge. Sie haben einen guten bis ausgezeichneten Kader, aber auf dem Fußballfeld sieht man kein Team agieren, sondern nur 11 Spieler, die allesamt nur eine vage Ahnung haben, von dem, was sie tun sollen.

Jetzt gehe ich ins Bett. Die Euphorie des Finalspiels hält mich einfach nicht wach.

EM 2012 – Halbfinale 2 – DEU : ITA – Gladiator Balotelli schlägt zu

Deutschland : Italien 1:2

Na, das nenn ich mal ein ordentlich offensiv geführtes Fußballspiel. Mehr Spektakel als Sport. Welch Veränderung diese italienische Mannschaft erfuhr ist mit Worten kaum zu beschreiben und wenn ich diese Zeilen gerade niederschreibe, dann, hoppla, läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken. Das hat viele Gründe. Zum einen, dass der deutschen Nationalelf die Grenzen aufgezeigt wurden. Sie ist eine sehr gute Truppe, keine Frage und hätte es weit bringen können, die Gegnerschaft voraussetzend. England hätte sie mit absoluter Sicherheit zertrümmert. Den Portugiesen hätte sie einen Sieg abgekämpft. Vielleicht wäre Russland im Offensivspiel ebenbürtig gewesen, aber die individuelle Klasse spräche eindeutig für Germania. Es gibt also nicht viele Mannschaften in Europa, die eine junge Löw-Truppe nicht schon zum Frühstück verspeist hätte. Aber genau darin liegt auch wieder das Problem. Wenn du immer nur Spanien im Fokus hast und über all die anderen Gegner drüberfährst, dann kann sich die Mannschaft nicht weiterentwickeln. Nur wer entscheidende Spiele gegen gewichtige, vielleicht übermächtige Gegner, für sich entscheiden mag (das Wie spielt – leider, leider – heutzutage ja keine Rolle mehr), mag sich steigern. So war es 1955, als dieses germanische Fußballmärchen in der Schweiz zum ersten Mal erzählt wurde – dass dabei das zweite österreichische Wunderteam aus den Augen verloren wurde, ist eigentlich eine große Demütigung. Weil sie vermutlich die beste Mannschaft des Turniers war – in spielerischer Hinsicht. Und hier sind die Grundsteine für die Zukunft gelegt worden. Die Deutschen haben aus ihrem glücklichen Endsieg (sic!) einen ersten kleinen Mythos gemacht und diesen mit Opferbereitschaft, Kameradschaft und unbändigem Siegeswillen garniert. Die Österreicher – mit hängenden Köpfen – haben ebenfalls ihren Mythos erschaffen: »des wird nie was, aber is eh wurscht!«Von da an ging es eigentlich mit dem österreichischen Fußball – auf internationaler Ebene – lange bergab, während die deutsche Nationalmannschaft sich stetig steigerte – immer im Bewusstsein 1955 das Unmögliche wahr gemacht zu haben. Wir sehen: Fußball wird vorrangig im Kopf und in der Brust entschieden. Aber das wissen Sie ja schon längst, nicht?

Aus dramaturgischer Sicht wäre es vielleicht besser gewesen, die Löw-Truppe hätte im Halbfinale – endlich, endlich – die Tiki-Taka-Spanier eliminiert und wäre dann im Finale auf Italien gestoßen. Ja, das wäre ein würdiges Finale gewesen. Weil beide Mannschaften gewillt waren, offensiv zu spielen, weil beide Mannschaften den Zug zum gegnerischen Tor suchten. Aber wenn wir beide Systeme vergleichen, die der Deutschen, die der Italiener, dann sehe ich wundersame Unterschiede. Es scheint mir, als würde Trainer Prandelli sich gedacht haben: Okay, für das neue Spielsystem fehlen mir die Ausnahmespieler, also krame ich in der Mottenkiste und hole ein System hervor, das schon ein wenig antiquiert wirkt. Aber es wirkt(e). Und wie!

Allen voran merkte Prandelli, dass er im Sturm ausgezeichnete Leute hatte, die es einzusetzen galt. Schlag nach bei den Holländern! Dort saß der Torschützenkönig der deutschen Bundesliga – Hunterlaar – nur auf der Ersatzbank. Für ihn war kein Platz im Spielsystem, das im großen und ganzen so gut wie alle Mannschaften praktizieren: Vorne ein Solo-Stürmer, dahinter ein breites Mittelfeld – je nach Courage mit offensiv ausgerichteten FlügelMITTELFELDspielern. Nicht zu verwechseln mit Flügelstürmern, die defensiv keine Aufgaben hätten. Aber das geht heutzutage nicht mehr. Jeder muss »nach hinten arbeiten«, wie es schön heißt. Damit kommt aber auch kein Druck nach vorne zustande und die Abwehrspieler – zumeist zwei oder drei Recken – haben keine Probleme, die Solo-Spitze zu entschärfen. Das bedeutet wiederum, dass du laufstarke Flügelspieler brauchst. Am besten zwei auf jeder Seite. Einmal im Mittelfeld. Einmal in der Flügelverteidigung. Aber daran scheitern die meisten Mannschaften. Solche laufstarken Spieler, die defensiv wie offensiv in der Lage sind, ein Spiel zu lesen, gibt es nicht wie Sand am Meer. An der Seite zu spielen ist viel anspruchsvoller als es vielleicht aussehen mag. Es ist schon seltsam, aber das System – nennen wir es 4 Verteidiger – 2 Abräumer im Mittelfeld – 3 Mittelfeldspieler – 1 Sturmspitze – ist gar nicht so einfach zu praktizieren. Als die Niederländer dieses System zur Perfektion brachten, hatten sie auch den dafür notwendigen Kader zur Verfügung (dunkel erinnere ich mich, wie ein van Bronkhorst, als Außenverteidiger, einen Sprint über das halbe Feld hinlegte, um eine gefährliche Spielsituation einzuleiten). Überhaupt kommt den Außenverteidigern eine zentrale Rolle zu. Hier hat Deutschland mit Lahm auf der linken Position natürlich ihren Heilsbringer. Aber auf der rechten Seite, tja, da muss ein gewisser Boateng die Lücke füllen. Hätte Löw va banque gespielt, hätte er Mut zum Risiko gehabt, er hätte längst einen Offensivspieler an dieser Position »angelernt«. Denn, jedem Trainer hinters Ohren geschrieben: du musst dich entscheiden! Entweder stellst du hier einen Offensiv-Spieler rein – mit der Gefahr, auf der Seite überrannt zu werden – oder du ziehst die Option, einen geschulten Innenverteidiger (wie Boateng) auf die Seite zu stellen – mit der Gefahr, dass nach vorne kaum Gefährliches zustande kommt.

Der italienische Trainer Pirandelli hat aus der Not eine Tugend gemacht und sieht die Stärke seiner Spieler vorrangig im Zentrum angesiedelt. Und damit kommen all jene Mannschaften, die ihr Hauptaugenmerk auf die Seiten gelegt haben, ziemlich ins Schwitzen. Spanien hingegen machte eine absolute Kehrtwendung und verzichteten gleich mal auf eine mittelmäßige Sturmspitze. Während also Italien auf zwei Sturmspitzen setzt, lässt Spanien erst gar keine auflaufen. Tja. Das ist Fußball im Jahr 2012.

Zurück zum gestrigen Spiel. Es hätte natürlich ganz anders kommen können. Wie viele Fans der deutschen Nationalelf werden sich die Haare raufen, ob der ersten Minuten, als Pirlo (schon wieder dieser Pirlo!), einer der dienstältesten des Turniers, den Ball auf der Linie abwehrte. Oder als Buffon, ja, der ganz große Buffon, einen Schuss nicht bändigen kann, den Ball nach vorne abprallen lässt, wo dieser wiederum auf einen italienischen Spieler trifft und von da zurück in Richtung Tor. Nicht ins Tor, aber so knapp daneben, dass sicherlich schon viele Zuschauer aufgesprungen sind. Ja, da hätte also bereits vieles entschieden sein können. Und es sah danach aus, als würde Italien nicht ins Spiel finden, als würde die deutsche Nationalelf wie ein D-Zug nicht zu bremsen sein. Aber so gut und druckvoll sie auch spielten, es fehlte an der Klasse, an der Routine, an der Abgebrühtheit. Man merkte ihr junges Gehabe und manchmal, da spürte man, dass ihre Ruhe und Sicherheit vielleicht doch nur (gut) gespielt war. Wie könnte es auch anders sein? Mit jugendlichem Elan kannst du (noch) kein Epos schreiben, nur kurze Erzählungen und Novellen.

Die italienische Nationalelf wirkte in der Defensive unsicher. Eigentlich standen sie in fast allen Spielen in der Defensive unsicher. Hin und wieder wirkte es unbeholfen, ja, dann und wann glaubte ich Schülerliga-Niveau zu erkennen. Andererseits, der Erfolg, wie man so schön sagt, gibt ihnen recht. Ei, wie es mich freut, dass endlich einmal ein neuer Wind in die verstaubten Gemäuer der Fußball-Systeme weht. Sollte Italien schlussendlich die Europameisterschaft gewinnen, dann werden wir über kurz oder lang herrlichere Zeiten entgegensehen. Vielleicht erinnern sich die Trainer, dass sie einmal in einem System spielten, dass auf Tore schießen ausgelegt war, nicht auf Tore vermeiden. Dahingehend muss man sich nur vor Augen führen, wie Italien, obwohl schon zwei Tore in Führung, noch immer den Weg nach vorne suchte. Damit kannst du jeder gegnerischen Mannschaft den Nerv ziehen. Weil mit jedem Pass, mit jeder Flanke die Gefahr erwächst, dass du in einen Konter läufst. Überhaupt, das Konter-Spielen mit nur einer Sturmspitze – die auch defensiv aushelfen muss –  ist ja geradezu lächerlich. Anders dagegen, wenn zwei Stoßstürmer auf einer Linie in der vordersten Reihe auf ihre Chance warten. Als Innenverteidiger muss dir da ordentlich mulmig werden. Weil du dich nicht mehr auf deinen Nebenmann verlassen kannst, da dieser ja den zweiten Stürmer im Auge behalten muss. Und damit sind Unstimmigkeiten vorprogrammiert.

Balotelli? Als ich gesehen habe, was der gute Balotelli an Chancen gegen die Engländer vergab, da wollte ich schon Di Natale an seiner Stelle wissen. Ja, man ist schnell und hart in seinen Entscheidungen. Seltsam, dass Di Natale das Tor gegen Spanien (im Gruppenspiel) machte, während Balotelli kläglich scheiterte und gestern, da war es Di Natale, der mustergültig eine Hundertprozentige daneben setzte. Wäre an dieser Stelle das dritte Tor gefallen, die deutsche Seele hätte ein Trauma erlitten. Aber ein knappes 2:1 ist akzeptabel (später liest man nur das Ergebnis und denkt sich seinen Teil). Also Balotelli! Was für ein Tor. Man muss es gesehen haben, um es zu glauben. Als er alleine auf Torhüter Neuer zulief – der kleine Lahm hechelte hinterher – und eine Granate ins Kreuzeck donnerte (120 km/h), dass einem Hören und Sehen verging. Und da riss er sich das Trikot vom Leib und stand da. Wie ein in Bronze gegossener Gladiator, der einen Löwen mit bloßen Händen erwürgte und den blutdürstenden Zuschauern signalisiert: Mich bekommt ihr nicht klein! Allein dafür, jeder deutsche Fan verzeihe es mir, hätte ich ihm, wäre ich Jupiter, den Sieg geschenkt.

Und nun? Spanien gegen Italien. Immerhin, in der Gruppenphase haben die Italiener den Spaniern bereits ein Unentschieden abgetrotzt. Aber wie mental Stärker sind die Italiener jetzt! Während die Spanier mühsamst einen Sieg gegen Portugal einfuhren, ihre Überlegenheit nicht mehr so zwingend ist, strotzen die Gladiatoren aus Rom vor Zuversicht, Selbstvertrauen und Mut. Sie wittern Blut. Und ich gehe davon aus, dass wir auch Blut sehen werden. Für Italien und der Elf steht alles auf dem Spiel. Biegen oder brechen! Die Spanier hingegen, diese hässlichen Primaballerinas des Fußballs, werden versuchen, tanzend den Schlägen und Hieben auszuweichen. Es wird grausam! Entweder wird der Tiki-Taka-Mythos endgültig ad acta gelegt und ein neues Zeitalter bricht heran – oder wir versinken wieder in die taktische Fußballhölle, wo Defensive Trumpf und Offensive ein Nice-to-have ist. Sì! Es werden also Gladiatoren sein, die um die Freiheit des Fußballs kämpfen. Wie passend, eh?

EM 2012 – Viertelfinale 3 – SPA : FRA – Merde!

Spanien : Frankreich 2:0

Voilà, damit haben wir das nächste mäßige Viertelfinalspiel gesehen. Alle guten Dinge sind ja bekanntlich drei. Jetzt kann nur noch Italien und England für Spannung sorgen. Aber ich sehe es schon vor mir, wie England hinten sicher steht und die Italiener nichts zulassen. Mit anderen Worten: gähn.

Ich möchte gerne etwas Positives zu diesem Spiel und – vor allem – zu Spanien sagen, aber da fällt mir nicht viel ein. Wieder diese Tiki-Taka-Schiefe-Ebene, wieder dieses spanische Kurzpass-Spiel, das einem den Schlaf in die Augen treibt. Und die Franzosen? Ach ja, die gab’s ja auch noch. Hatten sie eine nennenswerte Torchance im ganzen Spiel? Non! Erbärmliche Vorstellung. Da lobe ich mir die Kroaten, die aufopfernd dagegen gehalten und Spanien an den Rand eines Unentschiedens gebracht haben. Die Franzosen dürften scheinbar nichts gelernt haben – oder dachten sich: Mais non, es ist égal, wir verlieren sowieso, wozü laufén, eh? Da hätte auch kein Zidane geholfen. Apropos, er feiert heute seinen 40. Geburtstag  und ist damit um ein paar Jährchen jünger als meine Wenigkeit. Tja. So vergeht die Zeit.

Im Halbfinale bekommen es die Spanier mit Portugal zu tun. Vermutlich sollte ich es andersrum formulieren, aber ich bin dermaßen schläfrig, das mir die Augen zufallen. Sehnsüchtig blickt man auf dramatische Spiele, wo es hin und her wogt, wo Chancen im Minutentakt entstehen, wo beide Mannschaften die Entscheidung suchen. Und ist eine Elf im Rückstand, geben sich diese nicht auf, sondern rackern, kämpfen, spucken, beißen, kratzen. Ja, das wünschte ich mir. Und was bekomme ich? Brühwarme Trainingsspiele. Vielleicht geht die EM erst mit den Halbfinal-Spielen so richtig los. Ich würde es mir freilich wünschen. Bon soir.

EM 2012 – Viertelfinale 2 – DEU : GRC – Gotterdämmerung auf dem Olymp

Deutschland : Griechenland 4 : 2

Was muss sich da in den oberen Etagen der Götterburgen abgespielt haben? Da die griechischen Götter, dort die teutonischen. Als die griechische Nationalelf aus dem Nichts den Ausgleich machte, nickte ich innerlich und schielte gen Himmel. Beinahe war’s mir, als hörte ich Zeus lachen. Genau sechs Minuten hatte der Olymp alles im Griff und sorgte für Spannung. Nicht, weil die griechischen Spieler über sich hinauswuchsen und mit Mann und Maus stürmten. Nein, nein. Sie spielten weiterhin ihr Defensiv-Spiel, das aber so mäßig betrieben wurde, dass man es gleich hätte einstellen können. Die deutschen Kicker hatten kaum Schwierigkeiten, in den Strafraum zu marschieren (Seltsam! Das Wort marschieren und Deutschland lässt so manchen Linksaußen zusammenzucken), besser: die Kreativabteilung dribbelte sich durch die griechische Phalanx, die äußerst durchlässig wirkte. Hin und wieder wollte man schon die UEFA anrufen, weil man der Meinung war, die Griechen würden mit weniger Spieler, die Deutschen mit viel mehr aufgelaufen sein. Frappant, möchte ich sagen, war es, den Deutschen zuzusehen, wie sie Spanien imitierten. Wenn es so weiter geht, in der Löw-Truppe, dann reichen sie bald der Spanischen-Barcelona-Elf das Wasser. Zu mindest in der Körpergröße: Lahm, Özil, Schürrle sind dahingehend durchaus Iniesta, Xavi und Silva ebenbürtig.

Nach sechs Minuten war der Kampf entschieden. Wotan kickte Zeus in den Olymp zurück, wo er und das griechische Volk heute ihr Unglück beweinen. Was muss wohl ein arbeitsloser, hochverschuldeter Familienvater aus Athen gedacht haben, als er gnädige Frau von Merkel vier Mal auf der VIP-Tribüne in Jubelpose sehen durfte? Die Zeit, als Politiker noch Contenance und Diplomatie in den Fingerspitzen hatten, ist ja bekanntlich längst vorbei. Es ist die Amerikanisierung der politischen Sitten, wo das Recht beim Stärkeren liegt und der das auch dem Schwächeren unmissverständlich klar macht. Die Krauts hatten es ja am eigenen Leib erfahren müssen, damals in Nürnberg. Heute sind sie, leider, leider, nur noch ein Anhängsel, made in USA. Wer das nicht glaubt, sollte seine rosaroten Scheuklappen ablegen und ein wenig nachforschen.

Zurück zum Spiel. Wobei, Spiel war es ja auch keines. Analog der gestrigen mäßigen Viertelfinal-Partie, die beide auf einer schiefen Ebene abliefen. Immerhin waren die Griechen torgefährlicher als die Tschechen. Auch schon was. Zwar kamen die Griechen nur selten vor das Tor eines gewissen Neuers, aber wenn, dann stockte jedem deutschen Fan der Atem. Ja, die griechische Nationalelf war nicht deshalb gefürchtet, weil sie so gut spielten, sondern weil sie so gut mit dem Schicksal würfelten. Ein wenig enttäuscht war ich dann aber schon, als ein Eckball der Griechen sang- und klanglos viel zu weit geschlagen wurden. Ein Eckball! Im Jahre 2004 war ein griechischer Eckball so etwas wie eine gute Torchance. Davor zitterten sie alle. Der baumlange Abwehrspieler Dellas war immer für ein Tor gut. Heutzutage haben die Griechen sogar das verlernt. Traurig, traurig.

Also haken wir das Spiel der Griechen ab. Natürlich war das nichts – und noch immer fragt man sich, wie es die Polen schafften, die Götter des Olymp zu wecken. Hätten sie so weitergespielt, wie sie begonnen hätten – druckvoll und mit dem Blick nach vorne, wir würden gestern die Polen gegen die Deutschen kämpfen gesehen haben (Wenn wir mal die alte »es wird zurückgeschossen«-Sachen ruhen lassen, so gab es doch diese berühmt-berüchtigte Wasserschlacht anno 1974 zur WM in Deutschland, in der die polnische Nationalelf am Gastgeberland scheiterte. Vermutlich, weil die Deutschen im Training Wasserball trainiert hatten.)

Die junge Löw-Truppe agierte entsprechend souverän. Bis jetzt wurde sie noch nicht ernsthaft gefordert. Vielleicht die letzte Viertelstunde gegen Portugal, als diese den Rückstand aufzuholen gedachten, da wackelte die teutonische Abwehr schon ein wenig. Aber sonst? Die große Frage: Ist die Mannschaft in der Lage den Pott zu holen? Hm. England und Frankreich würden im Normalfall kein Hindernis darstellen. Anders sieht es freilich mit Portugal aus. Diese sind spielerisch nicht so einfach zu knacken, aber mental haben sie ihre Schwächen. Italien kann spielerisch nicht mithalten, hat aber eine unglaubliche mentale Stärke – noch mehr, wo sie Spanien ihre Grenzen aufgezeigt haben. Ja, Italien ist im Moment nicht zu unterschätzen. Und Spanien? Olé! Man merkt, dass es nicht mehr so rund läuft wie noch vor Jahren. Die Gegnerschaft kratzt am Mythos des Tiki-Taka. Und Kroatien hat vorgezeigt, dass auch eine weit unterlegene Mannschaft durchaus mithalten kann – freilich, Glück wie Hans und Kondition wie Pferd vorausgesetzt.

Also, wenn die Götter aus Asgard auch ihre Späße mit uns Sterblichen treiben (Hm? Eher sieht man sie mit Schwert und Pflug in der Hand, nicht?), dann würden sie die Engländer gegen die Italiener gewinnen lassen. Und schon hätten die Deutsche Nation ihr Endspiel, weil, naja, England ist ja kein würdiger Gegner. Das macht diese natürlich auch wieder gefährlich. Sei’s wie’s sei. Hoffen wir auf bessere Viertelfinal-Spiele. Sind ja nur noch zwei übrig. Mon dieu, heute kommen die Franzosen und die spanischen Räder. Stichwort: Schiefe Ebene. Merde!