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EM 2016: Spieltag 11 – Entscheidung Gruppe B

EM-2016-Spieltag11

Spieltag 11 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Entscheidung Gruppe B

SLOWAKEI : ENGLAND 0:0

Das war dann wohl eine der unansehnlichsten Partien dieser Europameisterschaft. Zum einen wollten die Slowakei nicht spielen – sie begnügte sich mit einem Unentschieden – zum anderen hatten die Engländer keine rechte Lust, eine Entscheidung am Platz herbeizuführen, da sie mit einem zweiten Gruppenplatz ganz gut Leben konnten. Gewiss, die Engländer hatten durchaus Chancen auf den Führungstreffer. Vardy, der neue Superstar der Premier League, vergab bereits eine Viertelstunde nach Anpfiff die beste Möglichkeit im Spiel: Nach einer weiten Flanke sprintete er auf Torhüter Kozacik zu, nur verfolgt von Skrtel, der Mühe hatte, an ihm dran zu bleiben, aber sein Abschluss geriet zu zentral und konnte deshalb von Kozacik abgewehrt werden. Nach einer Stunde Spielzeit hätte der gerade eingewechselte Delle Alli beinahe alles richtig gemacht, aber sein Schuss wurde von Skrtel auf der Linie geblockt. Das waren sie, die größten Chancen im Spiel – abgesehen vielleicht von einem Patzer in der englischen Hintermannschaft, der beinahe zum Tor geführt hätte, weil sich Tormann Hart und Innenverteidiger Smalling uneins waren. Aber Mak verhaute, im wahrsten Sinne des Wortes, diese gute Möglichkeit.

Trainer Roy Hodgson schickte gleich sechs neue Spieler von Beginn an aufs Feld und wechselte Rooney erst nach einer Stunde ein. Es ist müßig zu spekulieren, ob andere Spieler die Aufgabe besser gelöst hätten. Auffällig in diesem Match war jedenfalls die erschreckende Ideenlosigkeit der Engländer. Stur und unbelehrbar wollten sie sich durch das Zentrum kombinieren, aber gerade dort gab es kein Durchkommen, parkten die Slowaken den Mourinho-Bus am eigenen Strafraum und warfen sich in jeden Schuss. Die Flankenläufe, die vielleicht ein probates Mittel gewesen wären, wurden nach einer Weile völlig eingestellt. Wayne Rooney, der Alaba der Three Lions, fand nie wirklich ins Spiel und konnte deshalb keine Akzente setzen. Beängstigend, wie viele der von den Engländern geschlagenen weiten Bälle ins Nirgendwo gingen. Fällt das englische Team wieder in alte Muster zurück, damals, als ihnen der Spielgestalter, der Ideen- und Taktgeber fehlte? Rooney ist jedenfalls kein Iniesta, kein Pogba, kein Kroos – ob er es jemals werden kann, steht in den Sternen. Unter vorgehaltener Hand munkeln manche Fußballversteher, dass Rooney – wie seinerzeit Raul bei den Spaniern – die Weiterentwicklung der englischen Nationalmannschaft hemmen würde. Kann sein, muss nicht sein. Unbestreitbar ist jedoch der Umstand, dass Rooney in den britischen Medien eine gewichtige Rolle spielt.

Was werden wir also von den Engländern noch erwarten dürfen? Wenn sie Glück haben, spielen sie im Achtelfinale gegen Ungarn, wenn sie Pech haben, gegen Island. Eines liegt jedenfalls klar auf der Hand: Gegen eine disziplinierte tief stehende Defensive können ihre sprintstarken Spieler den Geschwindigkeitsvorteil nicht ausnützen – dann ist vielmehr Technik und Kombinationsspiel genauso gefragt wie Übersicht und Kreativität. Freilich, am Ende kann es auch reichen, wenn ein Sturridge den Ball ins Tor stolpert und Vardy glücklich abstaubt. Erinnern wir uns an die letzte Weltmeisterschaft, als sich Holland mit nur einem überzeugenden Spiel bis ins Halbfinale schummeln konnte. Warum sollte es England nicht ähnlich machen?

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RUSSLAND : WALES 0:3

Wer hätte noch zu Beginn der Europameisterschaft gedacht, dass Wales die Gruppenphase an erster Stelle abschließen würde? Natürlich hatte niemand die Waliser auf der Rechnung. Vermutlich auch deshalb, weil man das russische Team stärker einschätzte. Ach, die Russen. Sie gehören wohl zu den schwächsten Mannschaften dieser Europameisterschaft. Langsam kristallisiert sich heraus, dass die EM-Qualifikation der Österreicher so beeindruckend nicht gewesen ist, spielten doch die zwei schwersten Gegner in der Gruppe – Russland und Schweden – einen antiquierten Stehfußball.

Wales hat gezeigt, dass man mit Engagement und einem fitten Superstar fast jede Partie für sich entscheiden kann. Spielerisch können sie mit den Top-Teams freilich nicht mithalten – aber im Konterspiel und bei Freistößen sind sie dank Gareth Bale eine nicht zu unterschätzende Größe. Ob es reichen wird, die Überraschungsmannschaft der EM zu werden, bezweifle ich. Andererseits, wie war das seinerzeit, mit Holland und Arjen Robben?

EM 2016: Spieltag 10 – Entscheidung Gruppe A

EM-2016-Spieltag10

Spieltag 10 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Entscheidung Gruppe A

SCHWEIZ : FRANKREICH 0:0

Die Zusammenfassung der Begegnung zeigte, dass Frankreich über 90 Minuten die spielbestimmendere Mannschaft war. Zwei Stangenschüsse – davon ein Volley-Hammer von Payet und ein aus dem Fußgelenk geschüttelter Kracher von Pogba – und die eine oder andere gute Abwehr von Torhüter Sommer unterstreichen die französische Dominanz. Frankreich sicherte sich mit diesem Unentschieden den ersten Platz der Gruppe A, gefolgt von der Schweizer Nationalmannschaft auf Platz 2, die im Achtelfinale auf den Zweiten der Gruppe C stößt – so es keine irische oder ukrainische Überraschung gibt, dürfte die Schweiz gegen Polen bzw. Deutschland ihr Spielglück versuchen.

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RUMÄNIEN : ALBANIEN 0:1

Hui, das war ja ein ordentlicher Schlagabtausch. Beide Mannschaften, die in den bisherigen zwei Gruppenspielen mit einer starken Defensivleistung glänzten, mussten diesmal alles auf eine Karte setzen – nur ein Sieg würde den möglichen Aufstieg bedeuten. Waren es anfänglich die Rumänen, die das Spiel kontrollierten, kamen die Albaner immer besser in Schwung. Überhaupt traten die albanischen Spieler selbstbewusster und motivierter auf als ihre rumänischen Gegenspieler. Bewundernswert, wie beide Mannschaften dagegen hielten, wie beide Mannschaften den Weg zum Tor suchten – freilich ohne die Abwehr gänzlich zu entblößen. Die erste Riesenchance vergab der Albaner Ermir Lenjani – wie er es schaffte, aus wenigen Metern den Ball nicht ins, sondern über das leere Tor zu schießen, bleibt ein großes Rätsel. Aber wenn so viel auf dem Spiel steht, mag es nicht verwunderlich sein, wenn  Nerven und Beine flattern. Auf der Gegenseite war es nicht besser. Schlimmer noch, Goalie Ciprian Tatarusanu, der in der italienischen Serie A das Tor des AC Florenz hütet, schätzte eine Flanke Minuten vor dem Pausenpfiff falsch ein und Sadiku köpfte an ihm vorbei ins lange Eck. Die Albaner waren völlig aus dem Häuschen. Der Führungstreffer ließ sie nun befreit aufspielen, ja, sie zeigten sogar die eine oder andere Lässigkeit im Zusammenspiel. Vor allem aber ärgerten sie die Rumänen mit einer überaus disziplinierten Abwehrleistung und mit schnell vorgetragenen Gegenangriffen. Die rumänische Mannschaft konnte in der zweiten Halbzeit nur selten für längere Zeit den nötigen Druck erzeugen – immer wieder verschafften sich die nicht müde werdenden Albaner mit kontrolliertem Angriffsspiel Luft. Aber eine Viertelstunde vor Schluss hätte es dann doch beinahe im Tor der Albaner geklingelt – Andone konnte sich mit einem schönen Dribbling in eine gute Schussposition bringen und hämmerte den Ball an die Latte. Ja, wäre den Rumänen hier der Ausgleich gelungen, das Spiel hätte jeden Tatort an Spannung in die Tasche gesteckt. Nach dieser vergebenen Torchance merkte man, dass die Rumänen nicht mehr an einen Sieg glaubten – auch wenn sie bis zum Schlusspfiff tapfer kämpften.

Die albanische Mannschaft ist ein kleines Fußballwunder. Die Favoriten Frankreich und Schweiz taten sich schwer gegen die disziplinierte Defensivleistung der Albaner – neben Island und Rumänien gehörte sie zum Besten, was diese Europameisterschaft zu bieten hat. Neben Disziplin und Ordnung ist Technik und Zusammenspiel der albanischen Spieler hervorzuheben – alles in allem eine ausgewogene Mannschaft, deren einzige Schwäche die miserable Chancenauswertung ist. Ob am Ende die drei Punkte für den Aufstieg ins Achtelfinale reichen werden, wird sich zeigen. Ich würde es jedenfalls der Mannschaft von Trainer Giovanni De Biasi wünschen, so aufopfernd sie gespielt und dagegengehalten haben.

 

 

Eine kurze Parabel über das Wählen und wie der Wähler bedrängt wird

Ich möchte Ihnen eine kurze Parabel über das Wählen erzählen und wie Sie in eine bestimmte Richtung gedrängt werden. Das hypothetische Gedankenspiel sieht so aus, dass Sie mit Ihrer jungen Cousine und deren Freundin, eine Austauschstudentin aus einem fernen Land, einen Waldspaziergang unternehmen. Da geschieht es. Ein schreckliches Ereignis. Sie werden nun vor folgende Wahl gestellt:

Wählen Sie!
Die Hoffnung auf ein menschenwürdiges Paradies in ferner Zukunft beeinflusst Ihre Entscheidung genauso wie die Angst vor der gegenwärtigen Schelte, wenn Sie diese Hoffnung anzweifeln.

Sie können Ihre Cousine (A) retten. Sie können die Freundin Ihrer Cousine (B) retten. Sie können versuchen, beide zu retten, was entweder mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % beide rettet (AB) oder niemanden (Null). Sie haben nun die Wahl.

Der springende Punkt ist dabei gar nicht so sehr das Ergebnis als die Wahl, die Sie treffen. Würden Sie für Option A plädieren – immerhin ist es Ihre Cousine – könnte man Sie der Herzlosigkeit, Egozentriertheit und Ausländerfeindlichkeit beschuldigen. Weil Sie aber annehmen können, dass Sie dieser Vorwürfe ausgesetzt werden –  Mainstream und Social Media sind voll davon -, wählen Sie Option AB und sind somit auf der „sicheren Seite“. Aber es ist die Zukunft, die zeigen wird, ob die Gesellschaft alles gewinnt oder alles verliert. Faites vos jeux – machen Sie Ihr Spiel.

Herr Ober, eine Entscheidung, bitte!

»Herr Ober, eine Entscheidung, bitte!«
»Is leider scho aus, Herr Doktor.«
»Schon aus, sagen’S? Ist ja schrecklich. Was mach ich jetzt?«
»Gar nix machen’S.«
»Nichts? Ja, würd denn das gehen tun?«
»Na freili, Herr Doktor. Wir sind ja in Wean und net bei den Preussn. Keine Entscheidung zu treffn, das hat bei uns ja Tradition, net?«
»Ja, das stimmt natürlich, Herr Franz. Alsdann, dann bringen’S mir die Tageszeitung und einen großen Mokka. Aber net so ein lauwarmes Gebräu wie das letzte Mal!«
»Bedaure, Herr Doktor, aber die Kaffeemaschin ist no immer malad.«
»Noch immer? Die war doch schon vor einer Woche halb hinüber! Habt’s ihr noch keine neue angeschafft?«
»Scho recht, Herr Doktor, der Chef will ja eine neue Maschin kaufn.«
»Aber? Wo liegt jetzt das Problem?«
»Er kann se halt gar net entscheiden.«

Der Mensch,wir wissen es ganz genau, mag sich über die Zukunft allerlei und vielerlei Gedanken machen, aber mit seinen beiden Füßen steht er im Hier und Heute. Er kann mit dem Zukünftigen nichts anfangen, es sind nur blasse Gebilde, kaum erkennbar, die da im Hinterkopf gemalt werden und ein vages Gefühl enthalten. Zeit spielt in der Ferne keine wesentliche Rolle für unsere Entscheidungen. Hier ein Beispiel, das meinen Punkt bestätigt:

Ich biete Ihnen JETZT eine Rippe Schokolade an – ODER eine Tafel Schokolade in einer Woche. Im Normalfall werden Sie sich für die Rippe Schokolade entscheiden (»Was man hat, das hat man!«). Klar. Aber es geht weiter! Ich biete Ihnen eine Rippe Schokolade in einem Jahr an – ODER eine Tafel Schokolade in einem Jahr und einer Woche. Im Normalfall werden Sie sich für die Tafel Schokolade entscheiden. Wer ein Jahr warten kann, kann auch eine zusätzliche Woche warten, heißt es. Aber das erste Beispiel und das zweite unterscheiden sich de facto nicht. In beiden Fällen warten wir eine Woche – und doch ist jene, in der weiten Zukunft, kaum der Rede wert. [Das Beispiel ist natürlich nicht auf meinem gedanklichen Mist entstanden, sondern ist dem Radio-Gespräch mit Dan Ariely entnommen, der sich mit dem menschlichen (zumeist irrationalen) Verhalten in der Wirtschaft beschäftigt – hier der youtube link]

Ich bin der Meinung, klipp und klar, dass diese Zukunftsverdrängung zum Wohle und zum Schaden der Menschheit gereicht. Würden wir heute, jetzt, die Auswirkungen unseres schädlichen Verhaltens erfahren und nicht irgendwann in einer unbestimmten Zukunft, wir würden vermutlich eine lebensbejahendere Gesellschaftsform entwickelt haben. Wenn wir eine Entscheidung JETZT treffen, deren unangenehme Auswirkungen wir aber erst in Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren zu spüren bekommen, dann bekümmert es uns nicht, mehr noch, wir sind mit uns zufrieden und rundum satt. Aber wehe, dieses Morgen wird zum Heute, zum JETZT.