richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

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Denkverbote #4: Social Engineering

Denkverbote-4

Auf meinem Tisch liegt das Taschenbuch Die Reise von Bernward Vesper (1938-71), welches posthum im Jahr 1977 erschien und ein „bestürztes Interesse“ auslöste „wie kein anderes deutsches Buch dieses Jahrzehnts“ (Spiegel). Der Autor, Sohn des völkischen Dichters Will Vesper (1882-1962), Vater eines Sohnes und Ehemann Gudrun Ensslins, die sich der damaligen Terrororganisation RAF anschließen sollte, schreibt sich förmlich die Seele aus dem Leib. Die Gedankenströme fließen. Persönlichste Innenansichten wechseln mit politischen Weltanschauungen. Mal in Zeitlupe. Mal in Zeitraffer. Zugegeben, ich habe erst ein paar Seiten dieses Mammutwerks gelesen, aber der Sog, den die Zeilen entwickeln, ist bereits spürbar. Vorausgesetzt, man möchte mehr erfahren. Von der damaligen Welt, die in Ost und West eingeteilt war. Vom damaligen Leben. Vom damaligen Aktionismus. Vom Terror der Terroristen. Von den Ansichten der jungen Menschen. Ihren Schuldgefühlen. Ihren Hass gegenüber einer älteren Generation. Ihren Interpretationen bezüglich vergangener und gegenwärtiger Geschehnisse. Bernward Vesper tritt, wenn man so will, als unbestechlicher, zuweilen widersprüchlicher Zeuge in den Zeugenstand.

»[…] auf jeden Fall wollte ich endlich mal auspacken, abrechnen, es den Leuten zeigen, ‚Schonungslose Autobiographie etc.‘. Ich erinnere mich auch genau, daß ich ‚einflechten‘ wollte, ich wäre ein ’notorischer Lügner‘ usw.«

Im Nervenkrankenhaus Haar bei München schied er 1971 schließlich freiwillig aus dem Leben, ohne sein Werk abzuschließen. Sechs Jahre später folgt ihm seine Ehefrau Gudrun Ensslin in den Tod. Selbstmord. Im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim.

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Flüchtlingswelle 2015. Analyse einer Analyse.

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So sieht also eine Analyse zum Thema Flüchtlingswelle 2015 im Mainstream aus. Nach Lektüre des Artikels im Sonntagskurier vom 3.9.2017 ist man freilich keinen Deut klüger. Im Gegenteil. Es ist geradezu bestürzend, wenn man sieht, dass sich Autor und Redaktion gar nicht erst bemüht haben, Widersprüche in ihrem Narrativ aufzulösen. Scheinbar gehen diese klugen Leute davon aus, dass ihre Leserschaft gar nicht mehr in der Lage ist, selbstständig zu denken oder wenigstens den Hausverstand, der tagtäglich von Werbeslogans überschüttet wird, zu aktivieren. Ja, vermutlich leben diese Medienmacher auf Wolke 7 und lachen sich am Abend, an der Theke ihrer Stammkneipe, ins Fäustchen, die Leute von der Straße wieder für dumm verkauft zu haben. Gut, vielleicht tue ich den jungen Journalisten und alten Hasen in den Redaktionsräumen Unrecht und sie sind einfach nur einem gnadenlosen System ausgeliefert, das Befehlsverweigerung mit (beruflichem) Selbstmord bestraft. Faites vos jeux.

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Was der Frauenfußball über unsere Welt verrät

Frauenfussball

Die Fußballeuropameisterschaft 2017 der Frauen stand und steht ganz im Zeichen der Underdogs. Allen voran das österreichische Team, das als Außenseiter ins Turnier gestartet ist und es – unglaublich, aber wahr – bis ins Halbfinale schaffte. Mann und Frau dürfen sehr stolz auf die Töchter der Nation sein, die sich den 3. Platz mit England teilen. Das Finale bestreiten Dänemark und die Niederlande. Top-Favorit Deutschland – Europameister in Serie – scheiterte bereits überraschend im Achtelfinale an Dänemark. Auch das kommt mal vor.

In der Euphorie dieses kleinen oder großen Fußballwunders habe ich ein wenig über das Balltreten der Damen nachgedacht. In den Spielen der Österreicherinnen gegen Island und Dänemark ist mir die Homogenität der Teams – darf man überhaupt noch Mannschaft sagen? – aufgefallen. Hervorstechend – in jeder Hinsicht – die Dänin Nadja Nadim, deren afghanische Wurzeln nicht zu verleugnen sind. Wäre es nicht verpönt, würde ich mit dem Klischee einer orientalischen Prinzessin aus 1000 und einer Nacht aufwarten. Neben ihrer verspielten Fußballtechnik und den vorhandenen äußeren Reizen dürfte sie auch noch blitzgescheit sein – studiert sie doch Medizin. Ansonsten konnte ich keine Nadims in den Teams ausmachen. Warum eigentlich nicht?

Versuchen wir doch mal den Frauenfußball dazu zu verwenden, die Welt, in der wir gerade leben, zu erklären. Nennen wir es einfach eine fabelhafte Analogie.

Stellen Sie sich vor, gewissen Kreisen ist diese Homogenität in den Nationalmannschaften der Frauen ein Dorn im Auge. Sie wollen mehr Diversität, kulturelle, geschlechtliche und religiöse Vielfalt, auf dem Rasen sehen. Auf die Frage, warum, geben sie viele und auch keine Antworten. Europa, heißt es beispielsweise, müsse lernen, multikultureller und liberaler zu werden, einfach, weil es in der globalisierten und freien Welt nicht anders ginge. Und ehe man und frau sich versieht, werden Regelungen beschlossen, Gesetze verabschiedet und Quoten festgelegt. All das, liest man, geschehe im Zeichen der Humanität und eines grenzenlosen Europas.

Jene, die diesbezüglich ihre guten wie schlechten Einwände oder Anmerkungen haben, werden kurzerhand auf die rechte Außenposition gestellt und damit zum Schweigen gebracht. Eine breite Diskussion findet deshalb de facto nicht statt. Ein Armutszeugnis für jede demokratische Gesellschaft, wenn sie dem Gesetzgeber erlaubt, Rede- und Meinungsfreiheit zu relativieren, um politische Ziele durchzusetzen und abzusichern

Um der Diskussion Anstoß zu geben, könnte man zu folgender Frage greifen: Soll das Augenmerk der Frauenfußballnationalmannschaft in Zukunft auf dem Siegen oder dem Mitspielen liegen? Ist es der olympische Gedanke („Dabeisein ist alles“), der verfolgt werden soll, dann sind Quotenregelungen in Ordnung und vielleicht sogar wünschenswert. Ist es aber die ernsthafte Absicht, Spiele und Turniere zu gewinnen, dann muss diesem Ziel alles andere untergeordnet werden und Quotenregelungen sowie Einschränkungen (!) dürfen nicht zur Anwendung kommen.

Das eine, so würde ich es beschreiben, ist eine natürliche, das andere eine künstliche Erweiterung des Spielerinnenpools. Das eine führt (vermutlich) zu Integration und Verständigung, das andere (vermutlich) zu Gruppenbildung und Misstrauen. Aber was weiß ich schon. Am besten, Sie spielen das eine und das andere Szenario im Kopf durch und machen sich selbst ein Bild. Und dann, dann heißt es: Faites vos jeux, Mesdames et Messieurs. Aber laufen Sie mir ja nicht in die Abseitsfalle!

Übrigens, die Gehaltsschere zwischen Damen- und Herrenfußball ist enorm. So verdient eine niederländischen Spitzenspielerin beim FC Barcelona gerade mal € 200.000,- pro Jahr. Das streichen andere – bei den Männern – in der Woche ein. Ist das gerecht? Sollte hier nicht politisch interveniert werden? Sagen Sie bloß, es gibt gute Gründe, warum der eine um Häuser mehr verdient als die andere, schließlich spielen beide 90 Minuten Fußball und trainieren unter der Woche ihren Muskelkater. Die Zuschauerzahlen? Die TV-Rechte? Die Sponsorgelder? Kruzitürken, warum muss alles immer so kompliziert sein, wenn man sich in Details verliert.

 

Rückblick 2016: Der inszenierte Terror und die Strategie der Spannung

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Jänner 2016 und die Silvesternacht in Köln
Sieben unangenehme Aspekte
Der Blindspot der Geschichte

Februar 2016 und die grenzenlose Welt
Menasse und der feuchte Traum der Elite

März 2016 und der Flughafen von Brüssel
Der Anschlag in Brüssel und das merkwürdige Chaos im Flugverkehr

April 2016
Panama – Pentagon – Watergate (Leaks) // Gedanken dazu von Prof. Craig Murray
Wie sich ein echter Bombenanschlag in der Presse anfühlen muss

Juni 2016
– Orlando Nightclub Shooting (Pulse)

Juli 2016: Nizza, München, Ansbach
Analyse des Anschlags in Nizza
Anschlag in Ansbach
München und Ansbach
Amoklauf in München

August 2016
Dummschwätzer und Shills im Web

November 2016 und der Beginn einer Revolution
Welcome, Mr. President Donald J. Trump
Der Meltdown der westlichen Mainstream Medien

Dezember 2016 und ein Berliner Weihnachtsmarkt
Anatomie eines merkwürdigen Anschlags

Die österreichische Bundespräsidentenwahl 2016: Kafka vs. Rosegger

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Das war sie also, die (zweite) Stichwahl zwischen Alexander van der Bellen und Norbert Hofer. Ich schätze, die einen Wähler haben das Kreuzerl an der richtigen, die anderen an der falschen Stelle gemacht. Gewonnen haben die einen. Verloren die anderen. Nichts Neues unter der demokratischen Sonne, wenn man so will.

Möchte man die politischen Anschauungen der beiden Kandidaten in extremis überhöhen, dann steht der eine für USE (United States of Europe) und der andere für Öxit (Austritt Österreichs aus der EU). Möchte man die beiden Politiker in eine literarische Gussform pressen, würde ich meinen, der eine erinnert an Kafka, der andere an Rosegger. Gerade kommt mir der Gedanke, dass George Orwell von Kafka inspiriert sein muss. Beide zeichneten in ihren Büchern eine bürokratisch-pyramidale Hierarchie, die so mächtig ist, dass sie der Einzelne gar nicht mehr fassen, gar nicht mehr begreifen kann und ihr ohnmächtig ausgeliefert ist. Wenn Sie sich fragen, worauf ich hinaus will, dann versuchen Sie doch mal EU-Verordnungen durchzusehen oder die verschiedenen EU-Einrichtungen in Brüssel aufzuzählen. Wir haben es mit einem Moloch zu tun. Einem gefräßigen Monster, das keine Ruhe gibt, so lange es nicht mit Einfluss und Macht gefüttert wird. Am Ende ist Brüssel ein kafkaeskes Schloss der Bürokratie, irgendwo im Hinterland.

Im Gegensatz dazu steht Roseggers Waldheimat. Bergbauernidylle? Man kann sich wohl keine Vorstellung machen, wie „idyllisch“ das Leben der kleinen Bauern damals war. Kein Zuckerschlecken. Wahrlich nicht. Doch die Leut, die einfachen Leut, sie waren zäh, gottesfürchtig, ja, sie lebten im Einklang mit der Natur und traten in die Fußstapfen ihrer Vorväter. Die Moderne erreichte sie nur langsam und auf seltsam verschlungenen Pfaden. Werfen Sie einen Blick in das Volkskundemuseum in Wien, um zu erspüren, welch Geisteshaltung über die letzten Jahrhunderte beinahe vollständig ausradiert wurde und wie das Weltgift die letzten Hirnwinkel der Bevölkerung zersetzte. Die einen finden das freilich gut. Die anderen haben keine rechte Vorstellung. Sehen zumeist nur das Dunkle, das Schreckliche oder das Banale, Lächerliche. Vergessen Sie nicht, dass unser Leben nicht gut, nicht bös ist. Es ist einfach wie es ist. Punktum.