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EM 2021: Gedankliches Vorspiel oder Alles ist anders, aber der Fußball bleibt.

Heute beginnt also offiziell die Fußball-Europameisterschaft 2021, die eigentlich bereits letztes Jahr stattfinden hätte sollen. Aber aus Gründen, die mir nicht erklärlich sind, verschob die UEFA kurzerhand das lang geplante Event. Aber wenn die Welt auch untergehen sollte, Fußball wird bis zum bitteren Abpfiff gespielt, vorausgesetzt, es interessiert sich noch jemand dafür. In Zeiten wie diesen, wo Riesenstadien in den EM-Austragungsorten praktisch halb leer bleiben müssen (zw. 20 – 50 % Auslastung), bleibt die Faszination auf der Strecke. Fußball ohne großspurigen Fangetöse im Stadion verhält sich wie Astronautennahrung zu einem 5-Gang-Menü. In der Astronautennahrung ist alles drin, was der Körper braucht, aber Spaß und Lust auf mehr macht es nicht.

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EM 2016: Finale – POR : FRA

EM-2016-Finale

Gedanken zum Finale der Europameisterschaft in Frankreich 2016

PORTUGAL : FRANKREICH 1:0 n. V.

Kurios. Nach 13 Minuten humpelte Ronaldo nach einer ungestümen Attacke von Payet den Rasen hinauf und hinunter. Der Geist war willig, aber das geschundene Fleisch schwach – eine viertel Stunde später ließ sich der wohl beste portugiesische Spieler mit Tränen in den Augen vom Feld tragen. Armer Ronaldo, dachten die einen. Guter Payet, die anderen. Ja, Christiano polarisiert die Fans – damals wie heute.

Das Finalspiel selbst war, wie zu erwarten, eine laue, öde Partie. Die Portugiesen wollten nicht, die Franzosen trauten sich nicht. Die Nervosität der Spieler – hüben wie drüben – war ihnen im Gesicht abzulesen. Viel stand auf dem Spiel. Natürlich. Das haben Finalspiele so an sich, hier geht es um das große Ganze. Der zweite Platz ist genauso gut wie der letzte. Nur der Sieg zählt. Wir wissen es. Die Spieler dito. Deshalb beginnt und endet der Kampf im Kopf der Spieler. Wer mental die Oberhand behält, trägt gewöhnlich den Pokal nach Hause – kein Wunder also, dass es an diesem Sonntag in die Verlängerung ging und alles nach einem Elfmeterschießen aussah. Doch zehn Minuten vor dem Ende der Verlängerung nimmt sich der eingewechselte Eder ein Herz und zieht zwanzig Meter vor dem Tor ab. Der scharfe Schuss passte genau in die Ecke. Torhüter Lloris – und damit auch seine Mannschaft – war geschlagen. Dabei hätte Gignac – der für den farblosen Giroud kam – in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit die Entscheidung herbeispitzeln können – aber die Stange hielt die Portugiesen – wie bereits gegen Kroatien – auch diesmal im Spiel.

Wie gesagt, über das Spiel selbst muss man nicht viele Worte verlieren. Es war kein Fußballspiel, vielmehr ein nervöses Abtasten. Dabei hätten die Franzosen nach ihrem überraschenden Sieg gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland und mit dem Heimvorteil im Rücken allen Grund gehabt, mit Verve und élan vitale das Tor zu suchen. Statt dessen versagten Nerven und Beine der sonst so überragenden Spieler des Turniers: Payet, Pogba, Giroud, Griezman.

Man stelle sich vor, die Equipe Tricolore hätte gewonnen und würde in einem Atemzug mit den beiden außergewöhnlichen Siegermannschaften der EM 1984 und der EM 1998 genannt werden. Mon Dieu! Das hätte die besondere Aura der goldenen Generation von Platini & Co sowie Zidane & Co verpuffen lassen. Die Medien und Fans hätten Vergleiche mit der glorreichen Vergangenheit gezogen. Non! Seien wir demnach froh, dass es soweit nicht gekommen ist. Es mag schlimm genug sein, dass eine durchschnittliche portugiesische Mannschaft jenen Pokal nach Hause mitnehmen durfte, der eigentlich der goldenen Generation der EM 2004 gebührt hätte. Figo, Deco, Rui Costa, Maniche, Nuno Gomes, Boswinga usw., sie waren famose Fußballer und hatten das gewisse Etwas. Gerade dieses gewisse Etwas ist dem europäischen Fußball in den letzten Jahren abhanden gekommen. Vielleicht wird die Weltmeisterschaft 2018 das Ende der europäischen Vorherrschaft am grünen Rasen einläuten. Bereits bei der WM 2014 in Brasilien ließen die Newcomer Kolumbien, Chile und Costa Rica aufhorchen, wurde Dauerbrenner Mexiko nur durch ein umstrittenes Robben-Foul aus dem Achtelfinale gekickt, spielte die französische B-Elf der Algerier den späteren Weltmeister schwindlig und zeigten die Amerikaner (wie die Ungarn), dass sie auch bereit waren, mit wehenden Fahnen ins offene belgische Offensivmesser zu laufen. Was den nichteuropäischen Teams bisher gefehlt hat, war diese besondere Abgebrühtheit. Aus Erfahrung gut, kommt einem da in den werbeverseuchten Sinn.

Die diesjährige Europameisterschaft hat jedenfalls gezeigt, dass Einzelleistung vor Mannschaftsleistung ging. Ohne Payet hätte Frankreich die Gruppenphase wohl nicht als Sieger beendet und ohne Griezmann wäre es zu keinem Finalspiel gekommen. Im Übrigen bin ich noch immer der Meinung, dass die französische (genauso wie die englische und spanische) Nationalmannschaft kein funktionierendes Team ist. Beim amtierenden Weltmeister Deutschland liefen viele Spieler ihrer Form hinterher bzw. waren mental ausgebrannt. Gleiches gilt für den letzten Europameister Spanien.

Die beste Mannschaftsleistung gab es meiner Meinung nach von Kroatien und Italien. Hätten die Kroaten im Achtelfinale gegen Portugal nicht mit angezogener Handbremse gespielt, vielleicht würden sie nun den Pokal in Zagreb ausstellen. Und hätten die Italiener statt Zaza nur ein wenig Glück gehabt, würde ganz Italien ihren Fußballpensionisten zujubeln können. Gewiss, es ist müßig, jetzt über vergebene Elfmeter (Österreich!) oder unglückliche Stangenschüsse (Österreich!) zu sinnieren. Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht mehr zu ändern ist, wusste bereits Peter Alexander 1962 zu singen.

Diese Europameisterschaft wird man wohl alsbald vergessen. Erwähnenswerte Spiele gab es wenige. Am besten gefiel mir noch das letzte und entscheidende Gruppenspiel zwischen Albanien und Rumänien. Auf dem Papier hätte es eine müde Partie werden müssen – aber auf dem Rasen war einiges los und das Spiel ließ jedes Fußballherz höher schlagen. Sehenswert natürlich auch die übermotivierten Italiener, die den Spaniern die Grenzen ihres Ballherumgeschiebes aufzeigten. Trainer Löw dürfte so beeindruckt gewesen sein, dass er sich eine spezielle Taktik für Buffon & Co überlegte – dadurch machte er die Italiener (defensiv) stärker und die Deutschen (offensiv) schwächer. Der Schuss hätte demnach leicht nach hinten gehen können. Kurz, Löw hatte keine Eier in der Hose – auch wenn er es hin und wieder nachprüfte. Das Elfmeterschießen entwickelte sich freundlicherweise zum absoluten Thriller. Mon Dieu, was haben wir gelacht.

EM 2016: Halbfinale 2 – GER : FRA

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Gedanken zum Halbfinale 2 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

DEUTSCHLAND : FRANKREICH 0:2

Wer hätte das gedacht? Der amtierende Weltmeister muss die Koffer packen und Monsieur Griezman darf sich mit Senhor Ronaldo um den Pokal streiten. Das Spiel selbst war, nun ja, ein seltsames. In den ersten Spielminuten erinnerten die Franzosen frappant an die Österreicher in der Begegnung gegen Ungarn. Da wie dort wurde Hals über Kopf das gegnerische Tor gesucht. Wie aufgedreht wirkten die französischen Spieler, während die sonst so abgeklärten Deutschen ein wenig unschlüssig wirkten, da sie nicht wussten, ob das übermotivierte Angriffsfurioso nur ein Strohfeuer darstellte – oder einen Flächenbrand. Nach etwa fünf Minuten war das Feuer erloschen. Die Franzosen bekamen plötzlich Angst vor der eigenen Courage. Mon Dieu, dürften sie erschrocken sein, wir spielen ja gegen den amtierenden Weltmeister, der sogar Italien im Viertelfinale aus dem Turnier kickte. Von da an zogen sich die Franzosen tief in ihre Hälfte zurück und ließen die Deutschen kommen – ein taktisches Konzept, das mehr an Island als die Grande Nation erinnerte und für gewöhnlich nur in die Hose gehen kann. Warum das Defensivkonzept trotzdem aufging, wissen nur die Fußballgötter. Vielleicht hatte auch Recke Schweinsteiger bei alledem – im wahrsten Sinne des Wortes – die Hand im Spiel. Monsieur Griezman verwertete den Elfmeter – Sekunden vor dem Halbzeitpfiff – eiskalt! Eigentlich unvorstellbar, dass er keine Nerven zeigte, bedenkt man, was auf dem Spiel stand.

Die erste Halbzeit war demnach für die Deutschen gelaufen. Dabei hatten sie, wie so oft, mehr vom Spiel. Toni Kroos wird nach dem Abpfiff sagen, sie hätten das beste Spiel im Turnier abgeliefert. Man kann nicht abstreiten, dass der Weltmeister den Ball in den eigenen Reihen halten konnte und den Gegner laufen ließ. Aber Ballbesitz, wie auch Spanien bereits schmerzlich erfahren musste, schießt keine Tore – außerdem ist das nüchterne Tiki-Taka-Ballherumgeschiebe nicht sonderlich schön anzuschauen. Weiters sollte man nicht vergessen, dass eine Mannschaft nur so druckvoll spielen kann, wie es der Gegner zulässt. Frankreich hätte höher verteidigen, hätte mit Gegenpressing den Druck abfedern können – aber dazu bedarf es natürlich das Herz in der Brust, nicht in der Hose. Selten, aber doch, getrauten sich die Franzosen in die gegnerische Hälfte, übten Druck auf den Ballführer aus und stellten die Passwege zu. Siehe da, die Folge war eine deutsche Fehlerkette, die schließlich zum entscheidenden zweiten Treffer führte: Einen Querpass im Strafraum kann der junge Kimmich nicht kontrollieren, der Ball springt ihm einen Meter weit weg; Pogba schnappt sich den Ball, Mustafi – der für den verletzten Boateng ins Spiel gekommen ist – versucht Pogba den Ball abzunehmen, wird aber von ihm schulbuchmäßig verladen, die Flanke kann Neuer weder fangen noch wegfausten, sondern nur ablenken, direkt vor die Füße von Griezman, der den Ball geradewegs ins Tor rollt – Schweinsteigers Versuch, den Schuss zu blocken, kommt um den Tick zu spät – hatte er diese Situation am Ende verpennt?

War die deutsche Mannschaft an diesem Tag die bessere? Non! Wäre sie es gewesen, hätte sie den Sieg davontragen müssen. Der alles entscheidende Faktor war der Umstand, dass die Équip Tricolore einen französischen Müller in Überform auf dem Spielfeld hatte. Während der echte Müller seine Unform auch in diesem Spiel prolongierte und als ›falsche 9‹ den verletzten Stoßstürmer Gomez nicht einmal im Ansatz ersetzen konnte, löste Monsieur Griezman mit seinen beiden Treffern das Ticket fürs Finale. Das Turnier hat gezeigt, dass auch in Zukunft keine Mannschaft auf einen gelernter Stürmer verzichten wird können – Deutschland hat jetzt zwei Jahre Zeit, einen neuen Klose zu finden. Viel Glück bei der Suche.

Da fällt mir ein, dass der italienische Schiedsrichter Nicola Rizzoli auch das Finale der Weltmeisterschaft 2014 gepfiffen hatte. Apropos. Können Sie sich noch erinnern? Torhüter Neuer springt den heranstürmenden Higuain mit angezogenem Knie auf Kopfhöhe an und faustet den Ball weg? In zivilisierten Ländern würde man von Tötungsabsicht, roter Karte und Elfmeter sprechen – aber Rizzoli entscheidet auf ein Foulvergehen von Higuain. Damit hat er den Ausgang des Finales entscheidend beeinflusst. Sogar der Schweizer Ex-Schiedsrichter Urs Meier bekannte im deutschen TV, dass Rizzoli damals falsch lag. Allerhand, diese unrühmliche Aktion vor der Partie gegen Frankreich noch einmal ins Gedächtnis der deutschen Fußballfans zu rufen und so die Saat des Zweifels zu säen.

Nun steht das Finale zwischen Frankreich und Portugal an. Vieles deutet auf einen lauen Stehfußballkick hin. Die letzte Begegnung der Europameisterschaft wird wohl von Einzelaktionen eines Ronaldo bzw. eines Griezman entschieden werden. Vielleicht sollte man am Sonntag ein Nachmittagsschläfchen machen – dann fallen einem nicht bereits Minuten nach Anpfiff die Äuglein zu.

EM 2016: Halbfinale 1 – POR : WAL

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Gedanken zum Halbfinale 1 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

PORTUGAL : WALES 2:0

Es war wohl zu erwarten. Gut, das sagt sich leicht, im Nachhinein, aber der Ausfall des gesperrten walisischen Spielmachers Aaron Ramsey war dann doch nicht gut zu machen. Und mit Christiano Ronaldo hatte Portugal auch noch den torgefährlicheren Spieler auf dem Rasen, der an beiden entscheidenden Aktionen beteiligt war. Den Führungstreffer köpfte er in Ronaldo-Manier wuchtig und unhaltbar in die Maschen und dem zweiten Tor ging sein missglückter Schuss voran, den Nani schließlich ins Tor beförderte. Auf der anderen Seite bemühte sich Gareth Bale vergeblich, Torchancen zu kreieren. Zwei Weitschüsse, wenn ich mich recht entsinne, waren an diesem Abend seine einzige Ausbeute. Portugal, wie in den letzten beiden Spielen, verstand es, defensiv gut zu stehen, die Räume eng zu machen und dem Gegner Spielfluss und -freude zu nehmen. Wales machte es freilich nicht anders. Mit anderen Worten: Die erste Halbzeit artete in ein ödes Stehfußball-Rasenschach aus. Nicht zum Ansehen. Die beiden Tore, knapp nach Wiederbeginn, erlösten den Fußballfan von der längst gewohnten Pattsituation am Feld. Wales musste offensiver werden – verstand es aber nicht, den portugiesischen Abwehrriegel zu knacken. Gleichzeitig baumelte das Damoklesschwert eines Konters über den walisischen Köpfen – ein drittes Tor hätte natürlich die Vorentscheidung gebracht.

Das Finale wird sicherlich der ersten Hälfte ähneln. Ob die französischen Fans – so die Grande Nation ins Finale kommt – wieder ihrem Missvergnügen Ausdruck verleihen, wenn ihre Mannschaft abwartend und vorsichtig zu Werke geht, wird man sehen. Gegen Island hörte man bereits nach 10 Minuten die ersten Pfiffe. Aber wenn das Turnier eines gezeigt hat, dann ist es, dass eine Mannschaft Geduld und Nervenstärke an den Tag und auf den Rasen legen muss, um ein Spiel zu entscheiden. Portugal ist in diesem Metier der wahre (Europa)Meister. Und Deutschland? Deutschland wird seinen (Europa)Meister finden.