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EM 2016: Spieltag 8

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Spieltag 8 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

ITALIEN : SCHWEDEN 1:0

Das ist sie also, die italienische efficienza – aus zwei Torchancen machten sie am Ende ein Tor und fixierten damit bereits – wie Frankreich und Spanien – den Aufstieg in das Achtelfinale. Dabei war die Azzurri im Spielaufbau weit weg von einer Normalform. Pässe in die Spitze – kurz oder lang – fanden keine Abnehmer; Abwehr- und Mittelfeldspieler übten sich über 90 Minuten lang in Fehlpässen – sogar Abwehrchef Chiellini – sonst ein Ruhepol in der Mannschaft – schenkte den Ball viele Male her. Auf der anderen Seite stand aber keine Mannschaft, die diese Fehler hätte ausnutzen können. Schweden war zu harmlos. Zwar ging die größte Gefahr von Ibrahimovic aus, aber über weite Strecken wurde er von der italienischen Abwehr entschärft und aus dem Spiel genommen. Deshalb ließ er sich oft zurückfallen und versuchte sich als Regisseur, als hängende Spitze, als Ballverteiler, aber damit fehlte wiederum der torgefährlichste Spieler im Strafraum – ein schwedisches Dilemma. Die Italiener wiederum kamen kaum ins Offensivspiel – vielleicht wollten sie es auch nicht erzwingen, konnten sie mit einem Unentschieden ganz gut leben. Aber dann, wie aus dem Nichts, setzte 8 Minuten vor Schluss Parolo einen Kopfball an die Latte. Eigentlich dachte man, das italienische Pulver wäre damit verschossen. No! Knapp vor Schluss nahm sich der gebürtige Brasilianer Eder ein Herz, ignorierte die halbe schwedische Mannschaft links und rechts, schob den Ball mit Effet in die lange Ecke und ließ ganz Italien jubeln.

Mir gefällt die italienische Mannschaft. Die jungen genauso wie die alten Spieler haben das Fußballerherz am rechten Fleck. Aber den Stiefel, den sie oftmals zusammenspielen, der geht auf keine Kuhhaut. Und trotzdem sind sie bereits nach zwei Spielen im Achtelfinale. Ist es am Ende die Europameisterschaft der abgebrühten Defensivmannschaften? Man wird sehen.

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TSCHECHIEN : KROATIEN 2:2

Ein Spiel, das vermutlich in die Geschichte der Europameisterschaftsspiele eingehen wird. Weil eine Viertelstunde vor dem Ende und beim Stand von 2:1 für die Kroaten, deren Fans Böller und Leuchtraketen auf das Spielfeld abfeuerten. Spielunterbrechung! Die kroatischen Spieler standen kopfschüttelnd und verständnislos vor dem Sektor ihrer randalierenden Fans und versuchten mit Gesten die Lage in den Griff zu bekommen. Ein Abbruch lag in der Luft. Zum Glück beruhigte sich die aufgeheizte Stimmung, konnte das Spiel fortgesetzt werden – aber zu welchem Preis! Die Tschechen – eigentlich chancenlos – schafften dann doch noch den überraschenden Ausgleich durch einen Elfmeter – Vida lenkte im Strafraum den Ball mit der Hand ab. Ein Unentschieden, das für die Tschechen nicht glücklicher hätte sein können. Weil sie über 75 Minuten lang nicht ins Offensivspiel kamen, keine einzige Torchance kreieren konnten. Im Gegensatz dazu wirbelten die Kroaten – angetrieben von Modric, Rakitic und Srna – und spielten die Tschechen im wahrsten Sinne des Wortes schwindlig. Dass die Führung der Kroaten nicht höher ausfiel, ist vermutlich ihrer Lässigkeit geschuldet. Bester Beweis dafür ist die frühe Auswechslung von Spielmacher Modric in der 62. Minute. Aber man möchte hier dem Trainer nicht die Schuld geben – niemand, nicht einmal der treuherzigste Tscheche, hätte auch nur eine böhmische Krone auf einen Anschlusstreffer gesetzt. Das 3:0 lag in der Luft, war zum Greifen nahe. Gut möglich, dass deshalb die kroatischen Spieler innerlich bereits den Aufstieg bejubelten und den Gegner nicht mehr auf der Rechnung hatten. So dürfte der Anschlusstreffer – ein perfekter Kopfball vom eingewechselten Skoda – die Kroaten völlig am falschen Fuß erwischt haben. Für die Tschechen war es ein Weckruf, aber ob dieser gereicht hätte? Ich gehe davon aus, dass die Kroaten die Führung über die Zeit gespielt und den Sieg nicht mehr aus der Hand gegeben hätten. Die Qualität dafür hatten sie allemal. Aber die Spielunterbrechung und der Anblick des Wahnsinns, den kroatische Fan-Chaoten auslösten, zeigte Wirkung. Man möchte nicht wissen, was in den Köpfen der kroatischen Spieler vor sich ging. Man stelle sich vor: Jene Menschen, die dich anfeuern, die dich um jeden Preis siegen sehen wollen, stoßen dir das Messer in den Rücken. Ob sich die Kroaten von diesem fußballerischen Dolchstoß erholen werden, bleibt abzuwarten. Im letzten Spiel geht es gegen bereits für das Achtelfinale qualifizierte Spanier, die vermutlich zeigen wollen, was in ihnen steckt, wenn man sie von der Leine lässt. Für die Europameisterschaft wäre es natürlich ein herber Verlust, sollten die Kroaten den Aufstieg verpassen, haben sie doch gezeigt, wie man Ball und Gegner mit Offensivfußball laufen lässt.

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SPANIEN : TÜRKEI 0:3

Hola. Da sind sie also wieder, die selbstbewussten Spanier, die drauf und dran sind, den dritten Europameistertitel in Folge nach Hause zu bringen. Aber haben die bisherigen zwei Spiele wirklich gezeigt, was die Mannschaft von Del Bosque kann? Im ersten Spiel ging es gegen defensivst ausgerichtete Tschechen, die nur in den Schlussminuten gefährlich vor das spanische Tor kamen, ansonsten mit Mann und Maus verteidigten. Das gestrige Match wiederum zeigte, was geschieht, wenn man einer der spielstärksten Mannschaften Raum und Platz gewährt, während man selber nicht in der Lage ist, mit aggressivem Pressing und offensiven Aktionen Gegendruck zu erzeugen. Die Türken waren zwar anfänglich gewillt, nach vorne zu spielen, aber sie wollten ihre Defensive nicht entblößen. Löblich. Aber dieses halbherzige Spiel – nicht Fisch, nicht Fleisch – bereitete der spanischen Verteidigung kein Kopfzerbrechen. Folglich konnten die Spanier ihr Kombinationsspiel aufziehen und zeigen, wie man’s richtig macht. Es hätte gestern Abend knüppeldick für die Türken kommen können, aber ich schätze, die Spanier schalteten nach dem dritten Tor gedanklich einen Gang zurück und ließen ihren Gegner am Leben.

Wahrlich, die Truppe von Fatih Terim zeigte in den beiden Spielen äußerst wenig. Überhaupt wirkten die Spieler müde und ausgelaugt. Es fehlte der Biss. Kein Vergleich zu jener Mannschaft, die bei der EM 2008 bis zur letzten Minute kämpfte, kein Spiel aufgab und deshalb die unglaublichsten Partien noch gewinnen konnte. Alles in allem gehören die Türken zu den schwächsten Teams dieser Europameisterschaft. Habe ich bereits erwähnt, dass der/die türkische Auswärtsdress Augenkrampf verursacht? Schmerz lass nach.

Ein Platzsturm, dumme Menschen und ein Lösung im Kleinen #Rapid Wien

Im TV den Spielabbruch zwischen Rapid Wien und Austria Wien im Hanappi-Stadion verfolgt. Ein Derby. Immer emotionsgeladen. Deshalb ist so ein Fußballspiel an Dramatik nicht zu überbieten, auch wenn sich am Spielfeld oftmals nicht viel tut. Diesmal tat sich viel. Ohne dass ein Fußball im Spiel gewesen wäre. Dafür mit maskierten jungen Anhängern, vulgo Fans, auf der einen und behelmte Sicherheitskräfte, vulgo Polizisten, auf der anderen Seite. Und man muss sich fragen: What the fuck?

update: Guter Artikel über die Ereignisse von Martin Blumenau auf FM4.

Wahrlich. In anderen Ländern setzen junge Menschen ihr Leben aufs Spiel, um sich von senilen Diktatoren oder  blutrünstigen Regimen zu befreien. In Spanien halten Leute zentrale Plätze friedlich besetzt. In Griechenland ist das Klima schon rauer, aber die staatlichen Repressalien genauso. Und im Hanappi Stadion? Da ging es für die Rapid Mannschaft um nichts mehr. Kein Meistertitel. Kein Europaplatz. Punkt. Für die Austria, dem Erzfeind der Rapidler, ging es um den Meistertitel. So ist das im Sport. Einmal ist der eine oben, das andere Mal unten. Wer das nicht versteht, versteht gar nichts. Nichts vom Spiel. Nichts vom Leben.

Die TV-Bilder haben mich schockiert. Ja, wie konnte das geschehen? War es das erste Mal, dass aggressive Aktionen auf den Fußballrängen durchgeführt wurden? Mitnichten. Aber man wählte bis jetzt immer die österreichische Methodik: nur nicht zu viel, nur nicht reizen. Das mag in vielen Bereichen durchaus angenehm und sinnvoll sein und ich bin froh, dass die öster. Exekutive sich in Zurückhaltung übt. Aber interessant ist, dass Vandalismus und Raufhandel im Zuge eines Fußballspiels zumeist nicht auf eine Weise geahndet werden, wie sie abseits geahndet werden würden. Man stelle sich vor, eine vermummte Truppe würde ein Einkaufszentrum stürmen oder eine Bankfiliale. Ich schätze, es würde ein anderer Ton angeschlagen werden. Period!

Aber das Schlimmste ist, dass einige hundert Leute, vermutlich geistig und seelisch derangiert, Auswirkung auf die gesamte Gesellschaft haben. Man wird wohl nun härter durchgreifen müssen. Mehr Überwachung. Mehr Kontrolle. Höhere Eintrittspreise. Mehr Sicherheitskräfte. Mehr Gesetz. Und eh man sich versieht, wirst du am helllichten Tag in der U-Bahn kontrolliert oder für ein paar Stunden (oder Tage) festgehalten, weil irgendwer irgendwo meinte, du würdest eine Gefahr für die Staatssicherheit darstellen. Tja.

Das ist das Dilemma. Deshalb müsste es im Sinne aller friedlichen Bürger sein, dass sich Gewalt nicht verbreitet. Weder auf der verbrecherischen, noch auf der gesetzlichen Seite. Und wenn man im Buch »The Tipping Point« nach einer Lösung blättert, wie zum Beispiel New York City die Kriminalität in der U-Bahn wieder in den Griff bekommen hat, nun, dann hat es mit kleinen Dingen begonnen, nicht mit großen.