Schlagwort-Archive: ffm12

Frankfurter Buchmesse 2012 oder Big Publishing is a Schweinerei

Man beachte die Pyramide auf dem Messeturm.

Die Buchmesse in Frankfurt ist also für dieses Jahr wieder Geschichte. Für mich war bereits Freitagabend Schluss. Gottlob. In den drei Messetagen (nur für Fachbesucher) habe ich mir nämlich die Hacken abgelaufen. Mit hängender Zunge bin ich von Halle 8.0 zu Halle 3.0 und wieder zurück. Ich hätte es nicht tun müssen. Natürlich nicht.

Eigentlich hatte ich ja so gar keine rechte Motivation zur Buchmesse zu fahren. Aber die Tickets waren gebucht, die Ankündigungen gemacht, also gab es für mich kein Zurück mehr. Somit musste ich meine intensive Arbeit an Con$piracy zur Seite legen und mich auf den Weg machen. In Frankfurt, auf der Buchmesse, angekommen, wurde ich wieder mit diesem Gefühl konfrontiert, das ich um jeden Preis verhindern wollte. Es ist eine Ohnmacht gegenüber der schieren Publikationsmacht der großen und größten Verlage. Man merkt, das hier viel, sehr viel Geld im Spiel ist. Die Deals, die hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werden, können nur erahnt werden. Vordergründig darf jeder mitmachen, ist jeder eingeladen, aber werden schließlich die Zahlen offengelegt, dann dürfen nur noch die »Erwachsenen« aufbleiben, die anderen werden nach Hause und ins Bett geschickt. Manch einer soll am Daumen nuckeln und sich eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen lassen. Darin geht es zumeist um einen Kleinverleger, der einen veritablen Bestseller landet und dadurch zu einem großen Player aufsteigt. Dumm, dass den Kleinen nicht gesagt wird, dass es sich hier um ein Märchen handelt. Andererseits, vielleicht lernt man(n) ja auch mal tatsächlich Goldmarie kennen und steigt in Frau Holles Bett. Oder umgekehrt.

Gut möglich, dass die Wirklichkeit noch viel schlimmer ist. Man stelle sich vor, es gäbe unter den restlichen kleinen und mittleren Verlagen eine Rang- und Hackordnung. Dort, wo es staatliche Förderungen für Verlage gibt (man munkelt, es sei hier, bei uns in Österreich, das glücklich ist und heiratet), muss dieses gegen Eindringlinge und Neulinge verteidigt werden. Das ist eine ganz natürliche Reaktion. Kein hungriges Schwein, pardon, macht für ein anderes freiwillig Platz. Und da haben wir auch schon den Salat und das Dilemma. Weil Subventionen per se eine gute Sache sind, können doch unterstützte Verlage und Zeitungen dem marktwirtschaftlichen Druck besser stand halten. Auf der anderen Seite können Subventionen den Markt gravierend beeinflussen, weil die Produkte, wir nennen sie Bücher oder Zeitungen, gegeneinander konkurrieren. Zwar hört man immer gerne, dass sich Qualität durchsetzt, aber das mag vielleicht auch so ein tolles Märchen sein *nuckel*. Schlussendlich sind es Marketing, PR und Werbung, die Käufer anlocken (Edward Bernays, anyone? link) – und nicht selten spielt auch der Preis eines Produktes eine Rolle. Deshalb müsste sich eigentlich ein aufgeklärtes Bürgertum die Frage stellen, wie mit staatlichen Förderungen (das Geld der Bürger) generell umgegangen werden soll. Wie verteilt man den Kuchen? Durch eine »unabhängige Jury«, die letztendlich bei genauerer Nachforschung so unabhängig nicht sein kann? Durch das »Gießkannenprinzip«, also frei nach dem Motto: Jeder bekommt halt ein bisserl was? Aber ob das am Ende reicht? Da könnte nämlich jeder kommen.

Dass es tatsächlich immer wieder Diskussionen rund um die Kuchenverteilung gibt, dürfte einen Bürger des ehemaligen habsburgischen Kaiserreiches natürlich stolz machen, weil damit bewiesen ist, dass die Monarchie abgedankt und die aufgeklärte Demokratie Einzug gehalten hat. Äh, ja, die Sache hat freilich einen Haken. Diskutiert wird freilich nur über die Höhe der Subventionen, alles andere wird als gegeben abgehakt. Wie gesagt, kein hungriges Schwein, pardon, lässt sich … Der Grund, dass nicht über die Verteilungsgerechtigkeit disputiert wird, hängt freilich damit zusammen, dass die leer ausgehenden Schweine, pardon, kein Geld und damit auch keine Lobby haben. Hätten sie nämlich Geld, hätten sie eine Lobby und würden damit auch subventioniert werden. Das ist eigentlich eine recht verquere Logik, aber sie ist leider überall auf dieser Welt gültig. Global gesehen sieht es nämlich so aus, dass der (unter der Hand) subventionierte US-Mais, der nach Mexiko (dank GATT ohne Zoll-Auflagen) importiert werden kann, die regionalen mexikanischen Kleinbauern der Reihe nach aus dem marktwirtschaftlichen Rennen wirft. Schlussendlich machen die Bauern bankrott, müssen ihre Felder (an US-Konzerne) zwangsversteigern und in Großstädte ziehen, wo sie in den Slums wohnen und um ein paar Cents am Fließband einer Fabrik stehen (die wiederum einem US-Konzern gehört). So läuft das Spielchen. Im Kleinen wie im Großen. Ist das gerecht? Vermutlich nicht, aber das größte oder hinterhältigste Schwein, pardon, bekommt immer noch den größten Brocken ab. So ist das.

Ja, Frankfurt erinnert mich an diese Schweinerei. Unfreiwillig, natürlich. Manchmal, wenn ich mich auf dem Förderband treiben ließ, da fragte ich mich still und leise, woran es wohl liegen mag, dass ich armes Schwein hungrig zu Bett gehen muss.

Blamables und Konspiratives zur FFM12

Wäre ich ein Samurai, der noch ein bisschen Ehre in sich hat, dann wüsste ich, was gestern getan hätte werden müssen. Aber da wir – gottlob – im germanischen Frankfurt sind, darf ich diesen schändlichen Auftritt getrost mit einer Beichte und einem ‚Vater unser‘ abtun. Wie ich hingegen bei WL. und F., die mir eine Bühne boten, meine Ehre wieder herstellen kann, äh, ja, das weiß ich beim besten Willen nicht. Dumm, dass auch noch HS. im Zuschauerraum ausharrte und Zeugin dieser „Schandtat“ wurde. Ob sie es jemals aus dem Kopf bekommen wird, wenn ich sie das nächste Mal – real oder virtuell – treffe? Vielleicht braucht es einen Social Media Cannossa-Gang, ein digitales Mea Culpa. Vielleicht erzähle ich einfach, dass mein Geist von Außerirdischen gekidnappt wurde. Eventuell könnte ich ja noch ein Kapitel in meinem Verschwörungsbuch aufnehmen. So intergalaktische Entführungskapriolen sollen ja hin und wieder vorkommen.Oink. Sollte ich vielleicht jetzt „nach Hause telefonieren“?

Also gut, das war nichts. Wirklich. Die letzten Tage habe ich irgendwo gelesen, dass Verlierer ineressanter wären, als Gewinner. Stimmt. Weil wir alle irgendwann in eine SItuation kommen, wo wir daneben greifen, vielleicht sogar ins Volle. Peinlich, peinlich. Da ist es dann immer so wohltuend, wenn man liest, wie es andere vermasselt haben. Also gut, versuchen wir das gestrige Geschehnis, das ich eigentlich aus meinem Bewusstsein verdrängen möchte, kurz Revue passsieren zu lassen. Gar nicht einfach.

Zuerst einmal frage ich mich, welcher Teufel mich geritten hatte, dass ich dachte, ich könnte improvisieren. Auf einer Bühne. Hätte ich nur die Seiten vorgelesen, die ich vorbereitet hatte, es wäre vermutlich nur eine verständnislose Stille eingetreten und ein befreiender Applaus („‚Ah, endlich vorbei!“). Über den Inhalt eines Textes kann man ja nur schwerlich urteilen, aber über die Vorstellung, die Performance, da sieht die Sache schon ganz anders aus. Gestern wäre ich noch spät am Abend am liebsten in den Frankfurter Erdboden versunken.Schwupp.Jetzt, in Halle 8.0, (USA & Co) wo mich (noch) keiner kennt, kann ich unerkannt bei einem Kaffee abhängen. Interssanterweise wurde ich mit einer New York Review of Books beglückt, wo das Buch von Steve Coll über die Tötung von Bin Laden besprochen wird. Ich muss den werten Leser darauf aufmerksam machen, dass die Sache sich mit größter Bestimmtheit nicht so zugetragen hat, wie Mr. Coll (das Pseudonym eines Ex-Navy Seals, der bei der Aktion „dabei“ war) es lang und breit erklärt. Dass in der Rezension auch noch Bin Laden mit 9/11 in Verbindung gebracht wird, obwohl es keine Beweise dafür gibt (sogar das FBI suchte Bin Laden nicht wegen der Anschläge von 9/11), zeigt, wie Mainstream eben Mainstream bleibt. Deshalb ist es so schwer, durch die Hallen zu schlendern und Bücher bzw. Verlage zu finden, die es ernst meinen, die noch nicht gänzlich von einer Lüge vereinnahmt worden sind. Ob sie hier vertreten sind? Vielleicht. Ich werde meine Augen offen halten.

Wir sehen, meine gestrige Blamage hat eigentlich nichts zu bedeuten, wenn man es im Kontext eines weltweit agierenden Establishments sieht, das nicht das Beste für den gewöhnlichen Bürger im Sinn hat. Die Messe strahlt Zuversicht, Wohlgefallen und Bizness aus. Niemand, der – vorderhand – die Hose herunterlässt und Klartext redet, über die Gegenwart, über die Zukunft, über die Welt. Dadurch fühle ich mich hier auch so fremd. Vermutlich nicht anders wie  sich ein japanischer Samurai auf dem Münchner Oktoberfest fühlen würde. „Oans, zwo, drei, Gsuffa!“