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Wider der Propaganda: ORF.at und die Abschiebung Dutzender Babys

 

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Ich möchte heute einen Artikel auf ORF.at näher beleuchten. Auf der Eingangsseite ist der Beitrag wie folgt betitelt:

Australien – Weg frei für Abschiebung Dutzender Babys

Klickt man auf das Foto (es zeigt einen Mann, der zwei Kinder bei sich hat), öffnet sich die Seite mit dem Artikel, der folgende Headline aufweist:

Heftige Kritik an Internierungslagern

Im Browser wird die Seite mit Umstrittenes Urteil in Australien angezeigt. Einen Autor weist der Artikel nicht auf. Darin heißt es am Ende des ersten Absatzes:

Das Urteil sorgt weltweit für Schlagzeilen.

Wann ist die Phrase „weltweit für Schlagzeilen sorgen“ angebracht und wann nicht? Wie viele Zeitungen müssen über dieses australische Gerichtsurteil schreiben, damit für „weltweite Schlagzeilen“ gesorgt ist? Zählen dabei nur Aufmacher auf der Titelseite? Mit anderen Worten, diese Phrase ist eine gern eingeschobene Propaganda-Floskel, die den Anschein erweckt, das behandelte Thema wäre von „weltweitem Interesse“. Wenn es also „die ganze Welt“ interessiert, dann muss es auch den gewöhnlichen Leser interessieren, natürlich.

Australien steht regelmäßig wegen seiner restriktiven Flüchtlingspolitik in der Kritik.

Der letzte Satz des ersten Absatzes ist eine Behauptung, die freilich von den großen privaten und öffentlich-rechtlichen Medienhäusern nicht belegt werden muss. Es wird der Eindruck erweckt, eine globale Bevölkerungsmehrheit würde die australischen Behörden kritisieren, weil diese eine „restriktive“ Flüchtlingspolitik anwenden. Stimmt das? Ist nicht nachweisbar, wird aber dem Leser so „verkauft“.

Der Artikelschreiber benutzt das Wort „Flüchtlingspolitik„, obwohl es eine leere Worthülse ist, die sehr ungenau ist und deshalb mit allerlei hochtrabendem Brimborium gefüllt werden kann. Es ist nun mal so, dass zu einem souveränen Staat eine Grenze gehört – ohne Grenze kein souveräner Staat. Jeder Staat muss sich also mit Grenzübertritten von staatsfremden Personen auseinandersetzen. Diese Auseinandersetzung mit „Flüchtlingspolitik“ zu beschreiben, ist polemisch, weil nicht jeder Einreisewillige ein Flüchtling sein muss. Falls Sie Ihren Urlaub in Australien verbringen möchten, werden Sie für gewöhnlich nicht auf einer Insel interniert, bis Ihr Rückflugtermin gekommen ist. Genausowenig werden staatsfremde Personen, die von australischen Unternehmen oder Fußballclubs ins Land geholt werden, nach meinem Wissen nirgendwo gegen ihren Willen festgehalten. Und jene einreisewilligen staatsfremden Personen, die den Behörden nachweisen können, dass sie über ausreichend Vermögen verfügen und/oder in einem gefragten Berufsfeld Ausbildung und Erfahrung mitbringen, werden m. E. nicht abgewiesen.

Im Beitrag heißt es weiter:

Jede Mutter, so die Frau aus Bangladesch, habe das Recht auf ein gutes Leben an einem sicheren Platz für ihre Familie.

Für mich stellt sich die Frage, warum die Mutter diese Forderung nicht in ihrem Heimatland Bangladesch erhoben hat. Im allwissenden Wikipedia erfährt der interessierte Leser, dass es sich bei Bangladesch um eine demokratische Republik handelt und dort die öffentlichen Schulen kostenlos, sowohl von Mädchen als auch Buben, besucht werden können. Soweit ich weiß, ist das Land nicht im Krieg, somit ist die Frage, warum die Mutter in diesem Artikel den Status „Flüchtling“ zugesprochen bekommt.

Der ehemalige deutsche Bundesrichter Udo di Fabio schreibt in einem Gutachten: „Das Grundgesetz garantiert nicht den Schutz aller Menschen weltweit durch faktische oder rechtliche Einreiseerlaubnis. Eine solche unbegrenzte Rechtspflicht besteht auch weder europarechtlich noch völkerrechtlich.“

Eine Senatsermittlung kam unlängst zu dem Schluss, dass die Internierungsbedingungen unangemessen und unsicher sind. Auch Menschenrechtsgruppen erheben schwere Vorwürfe.

Im Artikel wird der Leser nicht darüber informiert, welche Internierungsbedingungen als angemessen und sicher angesehen werden. Denn, dass es eine Form der Unterbringung geben muss, steht ja außer Frage, meinen Sie nicht auch? Oder möchten Sie, dass traumatisierte Flüchtlinge im australischen Outback herumirren und am Ende verdursten oder von giftigen Schlangen gebissen werden? Sollte man nicht all den unbedarften Menschen, die große Reisestrapazen auf sich genommen haben, über die Gefahren in Zivilisation und Natur aufklären? Was denken Sie, wie man sich um 1900 in den USA um die Flüchtlinge aus Europa „gekümmert“ hat? Findige Kapitalisten haben die jungen Leute in Ellis Island abgeholt und sie in menschenunwürdigen Sweat Shops gesteckt, wo sie für ein paar Cent ihre Arbeiten verrichten mussten. Ist es also das, was jene Gutmeinenden unterschwellig im Kopf haben, wenn sie von unwürdigen Internierungsbedingungen sprechen und diese Sammelstellen kurzerhand aufgelöst wissen wollen?

Sogar Israel, deren Bevölkerung ja mit Sicherheit eine Abscheu gegenüber Sammellager innewohnt, lädt männliche Infiltratoren in ihr open detention center in der Wüste von Negev ein. Falls der Einreisewillige sich entschließen sollte, wieder in sein Heimatland zurückzukehren, erhält er von den Behörden USD 3.500,- auf die Hand. Ob es sich bei der Zahlung um Schmerzensgeld für die Internierung oder eine Form der Reisekostenerstattung handelt, kann ich nicht sagen.

Conclusio: Der Artikel ist – wieder einmal – nichts anderes als emotionale Propaganda. Generell gilt, immer dann, wenn in einem Medienbeitrag „Babys“ eine zentrale Rolle spielen, dann wollen die bezahlten Schreiberlinge den Leser auf ihre Seite ziehen. Gerne vergisst man die leidige Brutkastenlüge, die mit ein Grund ist, warum es im Nahe Osten so menschenunwürdig zugeht. Hören wir zu guter Letzt noch einmal den ehemaligen deutschen Bundesrichter:

Di Fabio warnte bereits seit Wochen vor einer Zersetzung des Rechts in der Migrationsfrage. Gegenüber dem Deutschlandradio sagt er: „Was wir heute teilweise erleben in der Migrationskrise, ist, dass Recht nicht mehr angewandt wird. Dafür kann es gute praktische Gründe geben, aber das muss jemanden, der an den Rechtsstaat denkt, mit Sorge erfüllen.“ Und in einem Beitrag für den „Cicero“ schreibt er: „Die Staatsgrenzen sind die tragenden Wände der Demokratien. Wer sie einreißt, sollte wissen, was er tut. Es mag schwer sein, Grenzen in einer wirksamen und zugleich humanen Weise zu schützen, aber diese Aufgabe kann keine Regierung entgehen.“ [link]

Kurz und gut, für ein Dutzend Babys – die in australischen Spitälern von australischen Ärzten zur Welt gebracht wurden – reißen wir die Grenzen nieder, hängen den souveränen Staat an den Nagel und feiern mit den anderen 6,9 Milliarden Brüdern und Schwestern die neue grenzenlose Freiheit™. Und wenn wir schon dabei sind, wer braucht dann noch Gegensprechanlagen und Wohnungstüren? Hinfort damit! Nie wieder wollen wir andere aussperren. Sollte uns jedoch jemand die Partylaune verderben, weil er meint, er wolle sich – notfalls mit Gewalt – gegen unerwünschte Besucher schützen, dann ist er ein Feind der neuen grenzenlosen Freiheit™ und solch uneinsichtigen Hassprediger sollen in Zukunft in der Hölle Wüste von Negev schmoren.

 

 

Die Furcht vor dem Flüchtling oder Masse und OhnMacht

Ein Thema, keine Lösung
Ja, hier ist der Westen.

Die sogenannte Flüchtlingskrise ist in aller Munde. Die Qualitätszeitung Der Standard hat seine Wochenendausgabe primär diesem Thema gewidmet. Recht optimistisch berichtet man über Flüchtlinge und die Flüchtlingshilfe der Österreicher. Natürlich. Wer hilft, darf sich moralisch zu den Guten zählen und stolz darauf sein. Wer möchte nicht zu den good guys gehören? Trotzdem gilt es, den Hausverstand einzuschalten. Wir haben es nämlich seit Jahren und Jahrzehnten mit Presseleuten und Politikern zu tun, die den wichtigsten Fragen ausweichen oder diese einfach ignorieren. „Augen zu und durch“, heißt deren Devise, die für gewöhnlich von Unfähigkeit oder von Verrat spricht. Scheinbar sollen die Bürger vor vollendete Tatsachen gestellt werden.

. Wer gilt als Flüchtling?

Wissen Sie es? Ich meine Osama bin Laden, Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi waren einst auch auf der Flucht. Würden diese nun als Flüchtlinge gelten? Und falls nicht, warum nicht? Wer entscheidet das? Und wie können wir – ohne Grenzkontrollen – diese Unterscheidung überhaupt treffen? Falls wir keine Grenzkontrollen einführen wollen, wann ist das Flüchtlings-Zielland-Boot „voll“? Und falls die Gefahr im Heimatland der Flüchtlinge gebannt ist, würden die Flüchtlinge wieder zurückkehren? Falls nicht, kann das so schwer zerrüttete Heimatland dann überhaupt wieder aufgebaut und sicher gemacht werden? Man sehe sich die Demokratisierung Libyens als Musterbeispiel an: chaotisch-blutige Zustände wohin man schaut. Am Ende bringen verarmte Gesellschaften, die ihre Söhne nicht mehr ernähren können, nur eines hervor: Söldner. Schlag nach bei der Schweizer Nation während der Renaissance.

. Masse und Macht

Literaturnobelpreisträger Elias Canetti hatte sich in jungen Jahren intensiv mit den Gefahren von großen Menschenansammlungen beschäftigt. Würde Canetti heutzutage den u.a. Absatz veröffentlichen, würde er dann nicht von der politisch korrekten Clique der Verhetzung für schuldig befunden werden?

Einzig in der Masse, diesem von „Affekten“ geleiteten Gebilde, verliere der Mensch seine Furcht vor der Berührung, könne es zu einem Zustand der „Entladung“ kommen, zu dem Moment, an dem alle „ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleiche fühlen“. Der Verlust jeder Individualität werde dabei als befreiender Akt betrachtet, da der Einzelne nicht mehr alleine der chaotischen Welt gegenüber stehe. Jetzt, da sich alle gleich fühlten, sei die Furcht vor dem Fremden innerhalb der Masse zwar aufgehoben, doch das Andersartige der Welt da draußen werde der Masse umso deutlicher bewusst. Das Andersartige gefährde das „Überleben“ der Masse, da es Alternativen zu dem Zustand der Gleichheit aufzeige. Und so sei die auffälligste Eigenschaft einer Masse die „Zerstörungssucht“. Um ihr eigenes Überleben zu sichern, wolle sie das Andere vernichten.

Wiki-Eintrag

. Fakt und Fiktion

Was, wenn in Zukunft negative Ereignisse stattfinden, die dem politischen und medialen Optimismus widersprechen? Werden diese negativen Ereignisse medial ignoriert und politisch abgeschwächt? Wie gehen Politiker und Medienleute mit den Opfern um? Werden am Ende die Opfer zu Tätern gemacht? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf – in einem politisch korrekten Sinne?

. Eier in der Hose

Im Der Standard-Kommentar von RAU heißt es:

Wenn tausende Syrer oder Iraker neu hinzukommen, wird man diesmal von Anfang an klar sagen müssen: Hier ist es anders, hier gelten die Werte der Aufklärung und der Moderne. Hier geben einander Frauen und Männer die Hand, hier sind arrangierte Ehen nicht in Ordnung. Hier steht der Clan nicht über dem Recht. Hier ist der Westen.

Da stellt sich für mich die Frage, ob sich Journalist RAU getraut, ohne Polizeischutz, einer Gruppe junger Männer unbekannter Herkunft persönlich zu erklären, dass „hier der Westen“ sei. Ist denn der europäische Mann nicht längst „ruhig gestellt“ worden? Ist Zivilcourage nicht bereits zu einem Fremdwort geworden?

. Demokratischer Wille?

Darf sich die Mehrheit eines Volkes für ihr (kulturelles) Überleben aussprechen? Oder ist die Sorge um das eigene (kulturelle) Wohlbefinden politisch inakzeptabel? Am Ende wird man sich fragen müssen, was eine Nation, was ein Volk, was eine Kultur überhaupt ausmacht und welche Gesellschaft der Eine oder Andere seinen Kindern vererben möchte.

Wo eigentlich geht’s hier zur Wahrheit?

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‚Und selten zuvor fragten sich so viele Menschen verunsichert: Wo eigentlich geht’s hier zur Wahrheit?‘, heißt es in einem Kommentar in der FAZ. Der Autor macht sich Sorgen, dass sich das Internet in den »vergangenen Jahren zu einer gewaltigen Empörungsmaschine, einer Gerüchteschleuder, zu einem Propagandavehikel für jede noch so obskure Theorie« entwickelt hat. [Artikel] Aha.

Kurz und gut, es dünkt mir, der gute Mann möchte die Wahrheit auf seiner bzw. auf Seiten des Mainstreams wissen. Das ist freilich nicht möglich. Weil es DIE Wahrheit nicht geben kann. Philosophisch gesprochen. Politisch sieht die Sache anders aus, weil jene, die an den Hebeln der Macht sitzen, ob im Vorder- oder Hintergrund sei mal dahingestellt, DIE Wahrheit einerseits definieren und andererseits gesetzlich verankern können. Darin liegt die Crux, darin liegt die Gefahr. Der Autor in der FAZ sieht das freilich anders. Er macht sich vielmehr Sorgen, dass ‚Zehntausende‘ glauben könnten, dass die Mondlandungen inszeniert seien. Aber er dürfte kein Problem darin sehen, dass eine Obrigkeit in der Lage ist, mit Waffengewalt eine Sichtweise, eine Erklärung, eine Geschichtsauffassung als richtig, als wahr festzulegen, der Bevölkerung aufzuzwingen und jeden Kritiker ins Gefängnis zu werfen. Soll das die »bürgerliche Freiheit« sein? Ist es am Ende so, dass die »Presse- und Meinungsfreiheit« nicht für jeden Bürger gilt, sondern nur noch für kapitalintensive Institutionen mit behördlicher Legitimation?

Ich habe [dort] über unabhängige Presse gesprochen und die These vertreten, daß der Dämon des Geldverdienens nicht nur den bürgerlichen Idealismus im allgemeinen, sondern auch die Wahrheitsliebe der Presse zu zerstören begonnen habe und sie schließlich völlig zerstören werde.

Paul Sethe (1901-1967)
Mitherausgeber der FAZ
in einem Brief, Februar 1957

 

Übrigens, wie die letzten Tage in Paris gezeigt haben, ist es für die Obrigkeit ein Leichtes, die Masse nicht nur in Bewegung zu setzen, sondern diese auch für politische Zwecke zu benutzen.

»In der Vergangenheit versprachen Politiker eine bessere Welt zu schaffen. Um dies zu erreichen schlugen sie verschiedene Wege ein, aber ihre Macht und Autorität kam von optimistischen Visionen, die sie ihrem Volk anboten. Diese Träume sind gescheitert und heutzutage hat das Volk den Glauben an Ideologien verloren. Mehr noch, Politiker werden nur noch als Manager des öffentlichen Lebens gesehen. Doch nun haben sie eine neue Rolle entdeckt, die ihre Macht und Autorität wieder herstellt. Anstatt Träume anzubieten versprechen Politiker uns nun zu beschützen: vor Alpträumen. Sie sagen, dass sie uns vor den furchtbaren Gefahren, die wir weder sehen noch verstehen können, retten werden. Und die größte Gefahr von allen ist internationaler Terrorismus, ein machtvolles und dunkles Netzwerk mit Schläfern in Ländern auf der ganzen Welt, eine Bedrohung, die durch einen Krieg [gegen den Terrorismus] bekämpft werden muss. Aber der größte Teil dieser Bedrohung ist eine Fantasie, die von Politikern übertrieben und verfälscht worden ist. Es ist eine dunkle Illusion, die weder von Regierungen und ihren Geheimdiensten, noch vom internationalen Medienapparat hinterfragt wird. […] In einem Zeitalter, in dem alle großen Visionen ihre Glaubwürdigkeit verloren haben, ist die Angst vor einem phantomhaften Schreckgespenst alles, was den Politikern noch bleibt, um ihre Macht zu erhalten.«

Adam Curtis
The Power of Nightmares: The Rise of the Politics of Fear
BBC-Dokumentarfilm, 2004
[meine Übersetzung]

 

P.S.: Ich würde jedem Demonstranten raten, auf der Hut zu sein. Gewiss, der Einzelne lässt sich nicht vereinnahmen oder vor einen politischen Karren spannen, aber die Masse sehr wohl. Kurz und gut: Nach einer Kundgebung bleiben nur Fotos in den Medien übrig, die Bildunterschrift erledigen andere.

(1) Akif Pirinccis Deutschland von Sinnen – Eine erste Auseinandersetzung

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Es ist ein Skandal, die indigene Bevölkerung als einen Haufen von Reaktionären, Nazis, ja, verhinderten Mördern zu verunglimpfen, sobald sie mitbestimmen möchte, mit welcher Sorte von Menschen sie in ihrem eigenen Land zusammenzuleben wünscht und mit welcher nicht.

Deutschland von Sinnen
Klappentext
Akif Pirinçci
[Zitierung mit freundl. Genehmigung des Verlages]

 

Wenn unter Leuten, die zusammen in demselben Hause wohnen oder sonst täglich miteinander leben müssen, Verstimmungen oder Mißverständnisse entstehen, so tut man wohl, die Erläuterung zu beschleunigen; denn nichts ist peinlicher, als mit Personen unter einem Dache zu leben, gegen die man einen Widerwillen hegt.

Über den Umgang mit Menschen
Adolph Franz Friedrich Freiherr von Knigge
link / 1788

 

Das Buch des türkischen Gastarbeiterkindes der 1. Generation und Bestsellerautors (Felidae) Akif Pirinçci ist bei mir verspätet aber doch auf dem Lesetisch gelandet: Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer. Ich habe das Buch in den letzten Tagen gelesen und möchte gleich vorweg eine Empfehlung dafür aussprechen. Einfach deshalb, weil solche Pamphlete und (im wahrsten Sinne des Wortes) politisch unkorrekte Wutreden, so gut wie gar nicht mehr das Licht der Verlagswelt erblicken. Das hat Gründe. Natürlich. Vor allem sind es die Gatekeepers, also die Sittenwächter und Moralapostel, die mit aller Macht jeden Versuch, Meinungsvielfalt und Diskurs zu leben, verhindern wollen. Auch wenn der eine oder andere Leser angewidert bzw. entsetzt ist, von Inhalt und – vor allem –  der vulgären Sprache des Buches, so muss es trotz allem möglich sein, in unserer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft, solch einen Text zuzulassen. Jene, die dieses Buch am liebsten gar nicht gedruckt gesehen haben wollten (beispielsweise ein Robert Misik in der taz), verstehen nichts von einer gesunden Diskussionskultur, aber viel von Zensur und Gleichschaltung. Tja. Wie soll die junge Generation auf das Leben da draußen vorbereitet werden, wenn es nur noch eine Meinung, eine Linie, eine Anschauung, eine Marschrichtung gibt?

They have accepted the principle that a book should be published or suppressed, praised or damned, not on its merits but according to political expediency. And others who do not actually hold this view assent to it from sheer cowardice. […] If liberty means anything at all it means the right to tell people what they do not want to hear. — Die Intellektuellen akzeptierten das Grundprinzip, dass ein Buch publiziert oder unterdrückt, gepriesen oder verdammt werden sollte, nicht wegen seines Inhalts, sondern aufgrund seiner politischen Zweckdienlichkeit. Und andere, die diese Ansicht nicht teilen, stimmen dieser aus reiner Feigheit zu. […] Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht, Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.

George Orwell
The Freedom of the Press
Vorschlag für ein Vorwort zu Die Farm der Tiere/Animal Farm

 

Es gäbe viel, sehr viel zu schreiben. Aber wollen wir an dieser Stelle nicht gleich alles Öl ins Feuer gießen. Die nächsten Tage werde ich mich mit dem Inhalt des Buches genauer auseinandersetzen. In der Zwischenzeit suchen Sie die Buchhandlung Ihres Vertrauens – sei diese real oder virtuell – oder eine Städtische Bücherei auf und werfen Sie einen (verstohlenen) Blick ins Buch. Sie werden Augen machen.

Die hohe Kunst, sich zu befreien!

Der Schriftsteller Julien Green wird von einem österreichischen Kollegen 1931 besucht. Dieser meinte, dass er nicht an die großdeutsche Gefahr glaube, wohl aber an das Ende der Welt, so wie sie die beiden noch kannten. „Sie werden sehen“, meinte der Österreicher zu Julien Green, „alles wird fabriksmäßig erzeugt werden. Es wird keine kleinen Buchbinder mehr geben, keine Porzellanflicker.“ Wenn das wahr ist, schreibt Green in sein Tagebuch, dann möchte ich nicht mehr leben.

Wer sich in seiner Wohnung oder Heimstätte oder in seinem Haus oder Zimmer oder auf seinem Schreibtisch umsieht, der wird bemerken, dass wir uns mit allerlei Sachen umgeben. Unmengen von kleineren und größeren Gegenständen. Schon alleine der Versuch, alle Sachen auf dem Schreibtisch zu zählen, scheitert. Noch vor hundert Jahren, vielleicht, konnte der (gewöhnliche) Einzelne sein Eigentum benennen, aufzählen. Heute ist es nicht mehr möglich.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass uns das System, in dem wir leben, mit einem freundlichen Lächeln einlädt, neue Sachen zu erstehen? Aber wenn es darum geht, diese einstmals neuen Sachen weiterzugeben, sei es für Geld, sei es umsonst, dann knurrt uns das System drohend ins Gesicht. Man hat sich mit viel Mühe und Ausdauer herumzuschlagen, um Gegenstände nicht einfach auf die Müllkippe zu werfen, sondern ihnen ein neues Heim zu verschaffen. Je größer, schwerer und unhandlicher der Gegenstand, umso schwieriger, jemanden zu finden, der bereit wäre, Energie und Kosten für den Abtransport aufzubringen. Verständlich, nicht?

Wir leben in einer seltsamen Epoche, meinen Sie nicht? Wir können ein hochwertiges Hightech-Gerät, das wiederum aus unzähligen Hightech-Komponenten besteht, in Südostasien fertigen lassen, nach Europa verschicken und dort in einem Ladenlokale mit hundert anderen Geräten stapeln. Aber will man dieses funktionstüchtige Gerät, das man mit viel Vorfreude kaufte, später loswerden, gibt es keinen üblichen und einfachen Weg – man kann nicht in das Ladenlokal gehen und das Gerät abliefern. Warum eigentlich nicht?

Ich würde vorschlagen, in Zeiten, in denen Ressourcen jedweder Art knapper werden – auch wenn es keiner wahrhaben will – dass die Gemeinschaft die Verpflichtung eingeht, dafür zu sorgen, dass Gegenstände nicht einfach entsorgt, sondern im Kreislauf  belassen werden.  Eine gemeinnützige Internet-Plattform zu installieren mag nur ein erster, sehr kleiner Schritt sein. Vielmehr müssen Filialen geschaffen, Handwerker und Transporteure beschäftigt werden, die in der Lage sind, die Geräte, Produkte, Sachen zu prüfen, zu reinigen und zu reparieren. Würde man damit nicht gleich notwendige und sinnvolle Arbeitsplätze schaffen?

Aber die Wirtschaftsleutchen rümpfen dahingehend natürlich die Nase. Es geht um Verkaufszahlen. Das Rad muss sich immer schneller drehen. Ja, wir haben uns ein Wirtschaftssystem ausgesucht (freilich, es war schon da, als wir das Licht der Welt erblickten), das nur dann funktioniert, wenn konsumiert und verbraucht wird. Das mag bei Lebensmittel und nachwachsenden Rohstoffen noch angehen, aber sonst? Wie kann es sein, dass wir nur mit der Schulter zucken, wenn wir hören, dass eine Firma wie Apple jedes Jahr gezwungen ist, ein yFon, ein yPat oder einen yMäk auf den Markt zu werfen? Nur um Bilanz-Kennzahlen und Umsatz- und Profitmaximierung zu erreichen?

Die Ansicht der alternativen Leutchen, wir Bürger, wir Konsumenten, müssten weniger konsumieren, um ein Zeichen zu setzen, ist ein wenig hanebüchen. Es wäre, als würde man jemanden sagen, der sich Sorgen um den CO2-Ausstoß seines Autos macht, dass er weniger Benzin tanken soll. Das besänftigt vorderhand das Gewissen, aber irgendwann steht das Auto und bewegt sich keinen Schritt vorwärts. Besser, wir steigen vom Auto auf das Rad oder in den Zug. Aber davon will keiner etwas wissen, der genug weiß. Ja, das gegenwärtige System reißt uns in eine Abwärtsspirale. Mit dem (virtuellen) Geld fängt es an. Geld, wie wir wissen, entsteht nur durch Schuld/Kredit. Würde man alle Schulden und Kredite sofort tilgen, gäb’s kein Geld mehr auf dieser Welt. Vielmehr würde man bemerken, dass die offenen Zinsen gar nicht zurückgezahlt werden können. Wenn also Griechenland im März den Bankrott anmeldet, wenn Portugal, Irland, Spanien folgen, was ist die Quintessenz dieser Misere?

Falls Sie hören oder lesen, dass die Staaten über ihre Verhältnisse gelebt haben, so ist es leider nur die halbe Lüge. Aber wenn die Menschen eines können, dann ist es, sich in einem Lügengebäude wohnlich einrichten.