richard k. breuer

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EM 2016: Finale – POR : FRA

EM-2016-Finale

Gedanken zum Finale der Europameisterschaft in Frankreich 2016

PORTUGAL : FRANKREICH 1:0 n. V.

Kurios. Nach 13 Minuten humpelte Ronaldo nach einer ungestümen Attacke von Payet den Rasen hinauf und hinunter. Der Geist war willig, aber das geschundene Fleisch schwach – eine viertel Stunde später ließ sich der wohl beste portugiesische Spieler mit Tränen in den Augen vom Feld tragen. Armer Ronaldo, dachten die einen. Guter Payet, die anderen. Ja, Christiano polarisiert die Fans – damals wie heute.

Das Finalspiel selbst war, wie zu erwarten, eine laue, öde Partie. Die Portugiesen wollten nicht, die Franzosen trauten sich nicht. Die Nervosität der Spieler – hüben wie drüben – war ihnen im Gesicht abzulesen. Viel stand auf dem Spiel. Natürlich. Das haben Finalspiele so an sich, hier geht es um das große Ganze. Der zweite Platz ist genauso gut wie der letzte. Nur der Sieg zählt. Wir wissen es. Die Spieler dito. Deshalb beginnt und endet der Kampf im Kopf der Spieler. Wer mental die Oberhand behält, trägt gewöhnlich den Pokal nach Hause – kein Wunder also, dass es an diesem Sonntag in die Verlängerung ging und alles nach einem Elfmeterschießen aussah. Doch zehn Minuten vor dem Ende der Verlängerung nimmt sich der eingewechselte Eder ein Herz und zieht zwanzig Meter vor dem Tor ab. Der scharfe Schuss passte genau in die Ecke. Torhüter Lloris – und damit auch seine Mannschaft – war geschlagen. Dabei hätte Gignac – der für den farblosen Giroud kam – in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit die Entscheidung herbeispitzeln können – aber die Stange hielt die Portugiesen – wie bereits gegen Kroatien – auch diesmal im Spiel.

Wie gesagt, über das Spiel selbst muss man nicht viele Worte verlieren. Es war kein Fußballspiel, vielmehr ein nervöses Abtasten. Dabei hätten die Franzosen nach ihrem überraschenden Sieg gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland und mit dem Heimvorteil im Rücken allen Grund gehabt, mit Verve und élan vitale das Tor zu suchen. Statt dessen versagten Nerven und Beine der sonst so überragenden Spieler des Turniers: Payet, Pogba, Giroud, Griezman.

Man stelle sich vor, die Equipe Tricolore hätte gewonnen und würde in einem Atemzug mit den beiden außergewöhnlichen Siegermannschaften der EM 1984 und der EM 1998 genannt werden. Mon Dieu! Das hätte die besondere Aura der goldenen Generation von Platini & Co sowie Zidane & Co verpuffen lassen. Die Medien und Fans hätten Vergleiche mit der glorreichen Vergangenheit gezogen. Non! Seien wir demnach froh, dass es soweit nicht gekommen ist. Es mag schlimm genug sein, dass eine durchschnittliche portugiesische Mannschaft jenen Pokal nach Hause mitnehmen durfte, der eigentlich der goldenen Generation der EM 2004 gebührt hätte. Figo, Deco, Rui Costa, Maniche, Nuno Gomes, Boswinga usw., sie waren famose Fußballer und hatten das gewisse Etwas. Gerade dieses gewisse Etwas ist dem europäischen Fußball in den letzten Jahren abhanden gekommen. Vielleicht wird die Weltmeisterschaft 2018 das Ende der europäischen Vorherrschaft am grünen Rasen einläuten. Bereits bei der WM 2014 in Brasilien ließen die Newcomer Kolumbien, Chile und Costa Rica aufhorchen, wurde Dauerbrenner Mexiko nur durch ein umstrittenes Robben-Foul aus dem Achtelfinale gekickt, spielte die französische B-Elf der Algerier den späteren Weltmeister schwindlig und zeigten die Amerikaner (wie die Ungarn), dass sie auch bereit waren, mit wehenden Fahnen ins offene belgische Offensivmesser zu laufen. Was den nichteuropäischen Teams bisher gefehlt hat, war diese besondere Abgebrühtheit. Aus Erfahrung gut, kommt einem da in den werbeverseuchten Sinn.

Die diesjährige Europameisterschaft hat jedenfalls gezeigt, dass Einzelleistung vor Mannschaftsleistung ging. Ohne Payet hätte Frankreich die Gruppenphase wohl nicht als Sieger beendet und ohne Griezmann wäre es zu keinem Finalspiel gekommen. Im Übrigen bin ich noch immer der Meinung, dass die französische (genauso wie die englische und spanische) Nationalmannschaft kein funktionierendes Team ist. Beim amtierenden Weltmeister Deutschland liefen viele Spieler ihrer Form hinterher bzw. waren mental ausgebrannt. Gleiches gilt für den letzten Europameister Spanien.

Die beste Mannschaftsleistung gab es meiner Meinung nach von Kroatien und Italien. Hätten die Kroaten im Achtelfinale gegen Portugal nicht mit angezogener Handbremse gespielt, vielleicht würden sie nun den Pokal in Zagreb ausstellen. Und hätten die Italiener statt Zaza nur ein wenig Glück gehabt, würde ganz Italien ihren Fußballpensionisten zujubeln können. Gewiss, es ist müßig, jetzt über vergebene Elfmeter (Österreich!) oder unglückliche Stangenschüsse (Österreich!) zu sinnieren. Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht mehr zu ändern ist, wusste bereits Peter Alexander 1962 zu singen.

Diese Europameisterschaft wird man wohl alsbald vergessen. Erwähnenswerte Spiele gab es wenige. Am besten gefiel mir noch das letzte und entscheidende Gruppenspiel zwischen Albanien und Rumänien. Auf dem Papier hätte es eine müde Partie werden müssen – aber auf dem Rasen war einiges los und das Spiel ließ jedes Fußballherz höher schlagen. Sehenswert natürlich auch die übermotivierten Italiener, die den Spaniern die Grenzen ihres Ballherumgeschiebes aufzeigten. Trainer Löw dürfte so beeindruckt gewesen sein, dass er sich eine spezielle Taktik für Buffon & Co überlegte – dadurch machte er die Italiener (defensiv) stärker und die Deutschen (offensiv) schwächer. Der Schuss hätte demnach leicht nach hinten gehen können. Kurz, Löw hatte keine Eier in der Hose – auch wenn er es hin und wieder nachprüfte. Das Elfmeterschießen entwickelte sich freundlicherweise zum absoluten Thriller. Mon Dieu, was haben wir gelacht.

EM 2016: Halbfinale 1 – POR : WAL

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Gedanken zum Halbfinale 1 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

PORTUGAL : WALES 2:0

Es war wohl zu erwarten. Gut, das sagt sich leicht, im Nachhinein, aber der Ausfall des gesperrten walisischen Spielmachers Aaron Ramsey war dann doch nicht gut zu machen. Und mit Christiano Ronaldo hatte Portugal auch noch den torgefährlicheren Spieler auf dem Rasen, der an beiden entscheidenden Aktionen beteiligt war. Den Führungstreffer köpfte er in Ronaldo-Manier wuchtig und unhaltbar in die Maschen und dem zweiten Tor ging sein missglückter Schuss voran, den Nani schließlich ins Tor beförderte. Auf der anderen Seite bemühte sich Gareth Bale vergeblich, Torchancen zu kreieren. Zwei Weitschüsse, wenn ich mich recht entsinne, waren an diesem Abend seine einzige Ausbeute. Portugal, wie in den letzten beiden Spielen, verstand es, defensiv gut zu stehen, die Räume eng zu machen und dem Gegner Spielfluss und -freude zu nehmen. Wales machte es freilich nicht anders. Mit anderen Worten: Die erste Halbzeit artete in ein ödes Stehfußball-Rasenschach aus. Nicht zum Ansehen. Die beiden Tore, knapp nach Wiederbeginn, erlösten den Fußballfan von der längst gewohnten Pattsituation am Feld. Wales musste offensiver werden – verstand es aber nicht, den portugiesischen Abwehrriegel zu knacken. Gleichzeitig baumelte das Damoklesschwert eines Konters über den walisischen Köpfen – ein drittes Tor hätte natürlich die Vorentscheidung gebracht.

Das Finale wird sicherlich der ersten Hälfte ähneln. Ob die französischen Fans – so die Grande Nation ins Finale kommt – wieder ihrem Missvergnügen Ausdruck verleihen, wenn ihre Mannschaft abwartend und vorsichtig zu Werke geht, wird man sehen. Gegen Island hörte man bereits nach 10 Minuten die ersten Pfiffe. Aber wenn das Turnier eines gezeigt hat, dann ist es, dass eine Mannschaft Geduld und Nervenstärke an den Tag und auf den Rasen legen muss, um ein Spiel zu entscheiden. Portugal ist in diesem Metier der wahre (Europa)Meister. Und Deutschland? Deutschland wird seinen (Europa)Meister finden.

EM 2016: Spieltag 15 – Achtelfinale

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Spieltag 15 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Achtelfinale

FRANKREICH : IRLAND 2:1
DEUTSCHLAND : SLOWAKEI 3:0
UNGARN : BELGIEN 0:4

Sieht man sich die Ergebnisse des 15. Spieltages an, sieht es danach aus, als würden die Favoriten ohne Probleme den Einzug ins Viertelfinale geschafft haben. Aber wie so oft, trügt auch hier der Schein. Frankreich lag bereits Minuten nach Anpfiff mit einem Tor im Rückstand. In der ersten Halbzeit fiel ihnen nicht viel gegen das aggressive Pressing der Iren ein. Erst in der zweiten Halbzeit, als die Kräfte der Iren merklich nachließen, fanden die Franzosen wieder ins Spiel. Der Ausgleich von Antoine Griezmann nach rund einer Stunde und sein Führungstreffer nur Minuten später besiegelten die Niederlage für Irland. Aber man hat wieder gesehen, wie nervös und zerfahren die französischen Spieler agierten, wie schwer sie sich taten, den Spielfluss in Gang zu bringen. Es erinnert bereits ein wenig an die letzte Weltmeisterschaft, als die Equipe nach dem fulminanten Sieg gegen die Schweiz bereits als Geheimfavorit galt um schließlich farb- und ideenlos gegen Deutschland im Viertelfinale auszuscheiden. Noch immer wirkt die Mannschaft von Trainer Deschamps wie ein zusammengewürfelter Haufen starker und nicht so starker Einzelspieler. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich das in den nächsten Spielen ändern wird. Was aber nicht heißen soll, dass ich Überraschungen ausschließe. An glücklichen Tagen schlägt individuelle Klasse, angetrieben von den Fans, jede eingespielte Mannschaft, aber ob das für einen Europameistertitel reicht, wage ich zu bezweifeln.

Ach, die Deutschen. Auch diesmal ergab sich der Gegner und verweigerte jeden Kampf. Deshalb ist es recht schwierig, festzustellen, wo der amtierende Weltmeister zur Zeit steht. Einzig die Polen versuchten im Gruppenspiel einigermaßen dagegenzuhalten und bescherten mit ihrem druckvollen Pressing der deutschen Hintermannschaft das eine oder andere Mal Probleme. Zugegeben, die Slowaken kamen tatsächlich dem Ausgleich kurz nahe, aber man konnte mit freiem Auge sehen, dass sie kein Feuer in sich hatten und nicht gewillt waren, den Bogen zu überspannen. Bereits gegen England haben sie nur den Bus im Strafraum geparkt, um das Remis über die Runden zu bringen. In den 90 Minuten gegen England, in den 90 Minuten gegen Deutschland versuchten sie alles, um einen Gegentreffer zu verhindern und nahmen dabei in Kauf, nicht mehr Fußball zu spielen, sondern nur noch eine Trainingseinheit zu absolvieren. Ehrlich gesagt, für mich ist es unverständlich, wie sich die Spieler solcher Mannschaften in den Spiegel schauen können. Gewiss, die Slowaken waren den Deutschen in allen Belangen unterlegen. So what? Andere, weit schwächere Mannschaften hätten sich aufgebäumt, hätten wenigstens ansatzweise versucht, spielerisch das Unmögliche möglich zu machen – auch wenn sie am Ende vom Platz geschossen werden. Die Iren waren den Franzosen in Sachen individueller Klasse natürlich unterlegen und trotzdem konnten sie eine Stunde lang mitspielen. Erst als Kraft und Konzentration nachließen, die Franzosen Blut leckten, mussten sie klein beigeben. Oder die Ungarn, die frohen Mutes ins offene belgische Messer liefen. Es ist Schade, dass so manche Mannschaft die Strapazen einer Qualifikation auf sich nimmt, nur um dann im Turnier mit dem Fußballspielen aufzuhören. Akzeptieren wir diese Fokussierung auf Ergebnisverwaltung, zerstören wir über kurz oder lang die Seele des Fußballspiels. Man möchte mich hier aber nicht falsch verstehen. Natürlich ist es ein legitimes taktisches Konzept, das Hauptaugenmerk auf die Defensive zu legen, im Besonderen wenn man es mit einer spielstarken Mannschaft zu tun bekommt. Das heißt aber noch lange nicht, dass man gleich ganz auf das Offensivspiel verzichten muss. Bestes Beispiel lieferte die algerische Nationalmannschaft bei der letzten Weltmeisterschaft ab. Sie zeigte gegen Südkorea in der ersten Halbzeit ein Angriffsforioso der Extraklasse. Muss man gesehen haben, um es zu glauben. Gegen den späteren Weltmeister Deutschland legte die »französische B-Nationalmannschaft«ihr Spiel wiederum defensiver an, erkannte aber die Schwäche einer sehr hoch stehenden Abwehrkette und versuchte mit schnell vorgetragem Flügelkonterspiel diese Schwäche auszunutzen. Warum haben es die Slowaken nicht mit einer ähnlichen taktischen Vorgabe versucht?

Die Ungarn haben gezeigt, wie man sich in die Herzen der Fußballfans spielt. Obwohl sie den Belgiern in punkto individueller und spielerischer Klasse hoffnungslos unterlegen waren, jedenfalls auf dem Papier, zeigten sie erfrischenden Angriffsfußball. Erstaunlich, wie unbekümmert sie agierten und immer wieder den Weg nach vorne suchten. Auch wenn das Resultat am Ende sehr klar ausfiel, eine Weile stand das Spiel tatsächlich auf Messers Schneide. Es hätte nicht viel zum Ausgleich gefehlt – was aber nicht heißen soll, dass der Außenseiter das Spiel hätte gewinnen können – jedenfalls nicht wenn Belgien einen Eden Hazard in Überform besitzt; seine Ballbehandlung, seine Technik, seine Sprints, sein Raumgefühl – überragend – dürften jeden Gegenspieler in Ehrfurcht erstarren lassen. Es war eine beeindruckende Galavorstellung, die der kleine Belgier gestern ablieferte. Wales wird im Viertelfinale Hazard aus dem Spiel nehmen müssen, wollen sie eine kleine Chance auf das Halbfinale haben. Ich gehe freilich davon aus, dass auch die Waliser unter die belgischen Räder kommen. Es liegt demnach ein Halbfinale zwischen Portugal und Belgien in der französischen Luft.

EM 2016: Spieltag 10 – Entscheidung Gruppe A

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Spieltag 10 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Entscheidung Gruppe A

SCHWEIZ : FRANKREICH 0:0

Die Zusammenfassung der Begegnung zeigte, dass Frankreich über 90 Minuten die spielbestimmendere Mannschaft war. Zwei Stangenschüsse – davon ein Volley-Hammer von Payet und ein aus dem Fußgelenk geschüttelter Kracher von Pogba – und die eine oder andere gute Abwehr von Torhüter Sommer unterstreichen die französische Dominanz. Frankreich sicherte sich mit diesem Unentschieden den ersten Platz der Gruppe A, gefolgt von der Schweizer Nationalmannschaft auf Platz 2, die im Achtelfinale auf den Zweiten der Gruppe C stößt – so es keine irische oder ukrainische Überraschung gibt, dürfte die Schweiz gegen Polen bzw. Deutschland ihr Spielglück versuchen.

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RUMÄNIEN : ALBANIEN 0:1

Hui, das war ja ein ordentlicher Schlagabtausch. Beide Mannschaften, die in den bisherigen zwei Gruppenspielen mit einer starken Defensivleistung glänzten, mussten diesmal alles auf eine Karte setzen – nur ein Sieg würde den möglichen Aufstieg bedeuten. Waren es anfänglich die Rumänen, die das Spiel kontrollierten, kamen die Albaner immer besser in Schwung. Überhaupt traten die albanischen Spieler selbstbewusster und motivierter auf als ihre rumänischen Gegenspieler. Bewundernswert, wie beide Mannschaften dagegen hielten, wie beide Mannschaften den Weg zum Tor suchten – freilich ohne die Abwehr gänzlich zu entblößen. Die erste Riesenchance vergab der Albaner Ermir Lenjani – wie er es schaffte, aus wenigen Metern den Ball nicht ins, sondern über das leere Tor zu schießen, bleibt ein großes Rätsel. Aber wenn so viel auf dem Spiel steht, mag es nicht verwunderlich sein, wenn  Nerven und Beine flattern. Auf der Gegenseite war es nicht besser. Schlimmer noch, Goalie Ciprian Tatarusanu, der in der italienischen Serie A das Tor des AC Florenz hütet, schätzte eine Flanke Minuten vor dem Pausenpfiff falsch ein und Sadiku köpfte an ihm vorbei ins lange Eck. Die Albaner waren völlig aus dem Häuschen. Der Führungstreffer ließ sie nun befreit aufspielen, ja, sie zeigten sogar die eine oder andere Lässigkeit im Zusammenspiel. Vor allem aber ärgerten sie die Rumänen mit einer überaus disziplinierten Abwehrleistung und mit schnell vorgetragenen Gegenangriffen. Die rumänische Mannschaft konnte in der zweiten Halbzeit nur selten für längere Zeit den nötigen Druck erzeugen – immer wieder verschafften sich die nicht müde werdenden Albaner mit kontrolliertem Angriffsspiel Luft. Aber eine Viertelstunde vor Schluss hätte es dann doch beinahe im Tor der Albaner geklingelt – Andone konnte sich mit einem schönen Dribbling in eine gute Schussposition bringen und hämmerte den Ball an die Latte. Ja, wäre den Rumänen hier der Ausgleich gelungen, das Spiel hätte jeden Tatort an Spannung in die Tasche gesteckt. Nach dieser vergebenen Torchance merkte man, dass die Rumänen nicht mehr an einen Sieg glaubten – auch wenn sie bis zum Schlusspfiff tapfer kämpften.

Die albanische Mannschaft ist ein kleines Fußballwunder. Die Favoriten Frankreich und Schweiz taten sich schwer gegen die disziplinierte Defensivleistung der Albaner – neben Island und Rumänien gehörte sie zum Besten, was diese Europameisterschaft zu bieten hat. Neben Disziplin und Ordnung ist Technik und Zusammenspiel der albanischen Spieler hervorzuheben – alles in allem eine ausgewogene Mannschaft, deren einzige Schwäche die miserable Chancenauswertung ist. Ob am Ende die drei Punkte für den Aufstieg ins Achtelfinale reichen werden, wird sich zeigen. Ich würde es jedenfalls der Mannschaft von Trainer Giovanni De Biasi wünschen, so aufopfernd sie gespielt und dagegengehalten haben.

 

 

EM 2016: Spieltag 9

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Spieltag 9 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

BELGIEN : IRLAND 3:0

Sind die Belgier jetzt endlich in Frankreich angekommen? Gehören sie jetzt wieder zum Favoritenkreis? Zugegeben, wenn man den technisch versierten belgischen Spielern den Raum lässt und sie förmlich zu Kontern einlädt, darf man sich nicht wundern, wenn es drei Mal klingelt. In der ersten Hälfte haben die Iren ihr Defensivkonzept gut zur Entfaltung gebracht, konnten die Belgier zwar das Spielgeschehen kontrollieren, fanden aber nur zu einer zwingenden Torchance. Kurz nach der Pause änderte sich das Bild. Weil im Gegenangriff De Bruyne zwei Gegenspieler stehen ließ und an der Strafraumgrenze Lukaku perfekt bediente; der Stürmer schlenzte den Ball überlegt ins lange Eck. Mit dem Führungstreffer löste sich die Verkrampfung der Belgier. Irland, man merkte es die längste Zeit, hatte nicht die spielerischen Mittel, um Belgien in Gefahr zu bringen, ja, das irische Spiel mit nur einer Spitze war generell ideenlos und vorhersehbar.

Dieses Match zeigte erneut, dass sich Mannschaften mit Defensivkonzept schwer tun, nach einem Rückstand in eine kontrollierte Offensivphase umzuschalten. Oftmals geben sie ihre Ordnung auf und geraten bei Ballverlust in arge Bedrängnis – siehe die Türkei gegen Spanien oder Belgien gegen Italien oder Österreich gegen Ungarn. Besser machten es da die Ukraine oder Albanien, die auch nach dem Führungstreffer des Gegners weiterhin bei ihrem Defensivkonzept blieben, aber kontrollierte schnelle Vorstöße unternahmen. Ein weiteres, kräfteraubendes Konzept ist den Gegner in der eigenen Hälfte durch Pressing unter Druck zu setzen und ihn somit am Spielaufbau zu hindern und Ballverluste zu erzwingen. Die Polen praktizierten, wenigstens hin und wieder, solch ein überfallsartiges Pressing gegen Deutschland und kreierten dadurch gefährliche Strafraumszenen.

Kurz und gut: Die Belgier haben mit dem Sieg wieder ein Ausrufezeichen gesetzt. Aber im letzten Spiel gegen Schweden müssen sie Nervenstärke beweisen, würde doch eine Niederlage die Heimreise bedeuten. Auf dem Papier sollten die Belgier keine Probleme gegen ungefährliche Schweden haben. Aber wie man bereits im Spiel gegen Italien gesehen hat, tun sich die Belgier schwer, eine Betonabwehr zu knacken. Es wird demnach ein Gedulds- und Glücksspiel – mit Stürmerstar Ibrahimovic als Zünglein an der Waage.

Die irische Mannschaft und ihre Fans haben gezeigt, wie sympathisch der internationale Fußball sein kann. Spielerisch können die Iren mit den großen Mannschaften freilich nicht mithalten und ein Sieg gegen Italien wäre ein Wunder. St. Patrick hilf. Amen.

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ISLAND : UNGARN 1:1

So sieht es also aus, wenn zwei Defensivmannschaften aufeinandertreffen und keine der beiden so richtig gewillt ist, das Spiel zu machen. Nun, sagen wir, die Ungarn waren von Beginn an bemühter, eine Entscheidung herbeizuführen. Aber die Isländer wissen, wie man Angriffe bereits im Ansatz unterbindet und deshalb gab es kaum gefährliche Strafraumszenen für die Ungarn. Auf der anderen Seite, es war eine halbe Stunde gespielt, vergab Gudmundsson alleinstehend vor Jogginghose-Goalie Kiraly, der den Schuss parieren konnte. Fünf Minuten vor dem Ende der ersten Halbzeit stand erneut Kiraly im Brennpunkt: Nach einer Ecke konnte er den Ball nicht festhalten – das folgende Gestocher im Strafraum führte schließlich zu einem Foul und Elfmeter. Sigurdsson behielt die Nerven und verwandelte eiskalt. So ist Fußball2.0: die eine Mannschaft macht das Spiel, die andere schießt das Tor.

In der zweiten Hälfte machten die Isländer den Laden dicht und mauerten mit Mann und Maus. Die Lust, eine Offensivaktion konsequent abzuschließen, sozusagen ein wenig Risiko zu nehmen, hatten sie freilich nicht. Es genügte ihnen, mit einem Tor in Führung zu liegen und diese Führung abzusichern. Die Ungarn waren nicht sonderlich gefährlich, fehlten ihnen doch die spielerischen Mittel, den isländischen Abwehrriegel in Verlegenheit zu bringen. Aber wie so oft, wenn sich eine Mannschaft auf ihren Vorsprung ausruht, passiert eine Unachtsamkeit mit Folgen: Ungarn kombinierte sich Minuten vor Schluss in den Strafraum – den folgenden scharfen Querpass von Nikolic konnte der isländische Verteidiger Saevarsson nur ins eigene Tor klären. Ausgleich! Die Isländer, darüber verärgert, warfen noch einmal alles nach vor – und siehe da, in der Nachspielzeit ließ sich ein Ungar zu einem dummen Foul an der Strafraumgrenze hinreißen. Der isländische Freistoß sollte – nach Herzog-Manier – unter der hochspringenden Mauer hindurch gehen – dummerweise wollte aber keiner der Ungarn hüpfen. Der von der Mauer abgeprallte Ball fiel ausgerechnet Routinier Gudjohnson vor die Füße, doch sein scharfer Schuss wurde von einer Vielzahl ungarischer Beine abgelenkt und ging nur knapp neben das Tor. Wir sehen, auch Fußballzwerge können ein Match am Ende noch äußerst spannend gestalten.

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PORTUGAL : ÖSTERREICH 0:0

Was für ein Spiel! Was für eine Abwehrschlacht! Die Nerven flattern noch Stunden nach dem Schlusspfiff, der sicherlich von 8 Millionen Österreichern sehnlichst herbeigewünscht wurde. Ja, das österreichische Team hatte ne Menge Schwein gehabt, an diesem Abend. Die Portugiesen, die alles versuchten, fast alles richtig machten, scheiterten am Ende, weil Robert Almer das beste Spiel seiner Karriere ablieferte und zwei Mal die Stange für ihn rettete. Dabei gab es mit dem Elfmeter in der 78. Minute die größte Chance für die Portugiesen, das Match zu gewinnen – aber Ronaldo knallte den Ball an die Stange und der Nachschuss eines Portugiesen ging in die Abendwolken. Fünf Minuten vor Schluss köpfte Ronaldo schließlich doch noch ins Tor – glücklicherweise stand er bei der Freistoßhereingabe im Abseits. Wie man es auch dreht und wendet, Ronaldo und seinen Kollegen klebte das Pech an den Schuhen. Nach dem verpatzten Auftakt gegen eine defensiv perfekt eingestellte isländische Mannschaft reichte es gegen Österreich wieder nicht zum Sieg. Im Finalspiel gegen Ungarn geht es dann wohl um alles oder nichts – aber ist es auch nur annähernd vorstellbar, dass die Portugiesen an Kiraly & Co scheitern könnten? Nope. Unvorstellbar.

Die Österreicher haben diesmal brav und beherzt gekämpft. Spielerisch konnten sie mit ihrem gestrigen Gegner natürlich nicht mithalten, trotzdem gab es immer wieder den einen oder anderen Lichtblick, in Ballsicherheit, Zusammenspiel und Vorwärtsbewegung – auch wenn sie an einer Hand abzuzählen sind. Aber es war eine definitive Steigerung gegenüber dem ersten Match zu bemerken. Apropos. Wie bereits gegen Ungarn, hätte das Spiel auch hier in den ersten Minuten einen ganz anderen Verlauf nehmen können: Harnik köpfte aus drei Metern eine Maßflanke von Sabitzer neben das Tor. Das wäre ein Auftakt gewesen. Aber so kam, wie es zumeist kommt: Die Österreicher zeigten Nerven, verloren aber gottlob nicht Ordnung und Orientierung. Die portugiesischen Edeltechniker zeigten ein ums andre Mal, was sie mit dem Ball am Fuß können und ließen dabei so manchen Gegenspieler alt aussehen. Zwei wunderbar schnell gespielte Kombination im Strafraum – die österreichische Abwehr wusste gar nicht, was los ist – endeten einmal bei Torhüter Almer, das andere Mal an der Stange. Überhaupt Robert Almer! Eine Weltklasseleistung. Auch wenn seine oftmals misslungenen Abschläge den Puls der Zuschauer in die Höhe trieb. Die Slapstickeinlage, als er Hinteregger aus zwei Metern über den Haufen schoss, beruhigte nicht gerade die Nerven der Spieler und der Fans. Ja, das Nervenflattern hörte bei den österreichischen Spielern eigentlich nie auf. Sogar der sonst so abgeklärte Alaba – er besetzte die für ihn ungewohnte offensive Junuzovic-Mittelfeldposition – fand nicht zur Ruhe und leistete sich eine Reihe von unnötigen Fehlpässen. Nach einer Stunde nahm ihn Trainer Koller für Alessandro Schöpf vom Feld.

War es tatsächlich die veränderte Aufstellung – mit Martin Harnik als Solospitze, Marcel Sabitzer am rechten Flügel und Alaba im offensiven Mittelfeld – die am Ende den glücklichen Punkt nach Hause holte? Zugegeben, die Leistungssteigerung von Harnik und Sabitzer überraschte mich. Auch wenn Harnik, abgesehen vom Kopfball in der 3. Spielminute, zumeist allein auf weiter Flur stand, so beschäftigte er doch die beiden altgedienten portugiesischen Innenverteidiger Pepe und Carvalho. Sabitzer am rechten Flügel leistete eine ansehnliche Defensivarbeit und war hin und wieder bereit, offensive Aktion einzuleiten. Sein Gegenüber auf der linken Seite, Marko Arnautovic, fand eigentlich nie richtig ins defensive Spiel und so musste sich Christian Fuchs immer wieder allein mit Quaresma herumschlagen, der mit ihm machte, was er wollte. Glücklicherweise waren die Hereingaben des Portugiesen zumeist ungefährlich. Alaba war mit seiner neuen Position sichtlich überfordert. Vielleicht wäre es besser gewesen, Trainer Koller hätte ihn auf die linke Abwehrseite gestellt. Fuchs hätte dann die Arnautovic-Position und Arnautovic die Alaba-Position eingenommen. Mit Alaba und Fuchs auf der linken Seite hätte Quaresma sicherlich seine Probleme gehabt und Arnautovic hätte sich offensiver betätigen können. Freilich, solch eine Umstellung – von einem Spieltag auf den anderen – ist immer ein Risiko. Da fragt man sich natürlich, warum solche Experimente nicht im Vorfeld versucht worden sind. Alaba – einer der weltbesten Linksverteidiger – in der gestrigen Abwehrschlacht frühzeitig vom Feld zu nehmen grenzte eigentlich an Wahnsinn – auch wenn er eine der schwächsten Leistungen im Nationalteam an den Tag legte.

Nun kommt es zum Finalspiel gegen Island. Wie schon gegen Ungarn sind die Österreicher gezwungen, das Spiel zu machen. Die Isländer – sie haben es in den letzten beiden Begegnungen gezeigt – sind unangenehme robuste Gegner, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzen. Die Österreicher werden sich gehörig steigern müssen, wenn sie Island in die Knie zwingen wollen. Ist Alessandro Schöpf – spielstark, technisch versiert, schnell – eine mögliche Option im offensiven Mittelfeld? Alaba zurück ins defensiv-zentrale Mittelfeld, neben Baumgartlinger? Harnik an die rechte Seite und – so er fit ist – Janko in die Spitze? Andererseits würde mir die defensive Doppel-6 mit Baugartlinger und Ilsanker gefallen – beide sind von ihrer Physis in der Lage, sich gegen die Isländer zu stemmen. Prödl würde mir dahingehend auch besser gefallen und sollte neben Dragovic spielen.

Eine weitere interessante Überlegung: Arnautovic als Solospitze – mit seiner physischen Präsenz, seinem selbstbewussten Auftreten, seiner Technik und seiner Unberechenbarkeit, wäre er ein lästiger Unruheherd im isländischen Strafraum -, Alaba und Fuchs ziehen links, Klein und Harnik rechts auf, Schöpf als zentraler Ballverteiler, während Baumgartlinger und Ilsanker aus dem Rückraum kommen und so dem österreichischen Spiel die nötige Stabilität verleihen. Sollten die Isländer nämlich in Führung gehen, würde es ganz, ganz schwer werden, das Spiel noch zu drehen. Koller sollte aus der Auftaktniederlage gegen Ungarn gelernt haben, dass ein offensiv-emotionales Hopp oder Dropp ziemlich ins Auge gehen kann. So braucht es zu allererst Ordnung und Stabilität – die spielerische Qualität kommt dann von ganz allein. Freilich, ein wenig Glück werden wir in jedem Fall brauchen, wollen wir als Sieger vom Platz gehen. Also, Daumen drücken!