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WM2014: Tag #7

Der siebente (WM-)Spieltag wartet mit der ersten Sensation auf: Spanien ist draußen. Eine zweite Sensation wäre beinahe Australien gelungen, in dem sie die erfolgsverwöhnten Niederländer beinahe niedergerungen hätten. Aber am Ende hatten die Niederländer die besseren Einzelspieler. Und das Glück, tja, das war für diesmal ein holländisches Vogerl. Keine Sensation ist, dass Kamerun die Koffer packen muss. Die Kroaten zeigten ihnen, wie man Fußball spielt – Mitleid dürften die Kroaten nur vom Hörensagen kennen. Wer den amtierenden Weltmeister zu Fall bringt, muss als neuer Thronanwärter gelten. Somit darf sich Chile für kurze Zeit in der Hoffnung baden. Im letzten Gruppenspiel prallen die beiden Thronanwärter aufeinander. Aber da geht es nicht mehr um die Wurst. Gut möglich, dass in diesem Spiel das Gewinnen sogar verboten ist, falls der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass Brasilien nur den zweiten Platz in der Gruppe A belegt. Absurd, nicht?

 

Australien : Niederlande  2 : 3

Die Niederländer sind die neuen Deutschen! Mäßig gespielt, trotzdem gewonnen. Hätten die Australier einen Robben oder van Persie in ihren Reihen, das Spiel wäre anders ausgegangen. Wie dem auch sei, die Australier haben sehr guten Fußball geboten, haben jene Mannschaft, die zuvor noch den Weltmeister mit 5:1 abgefertigt hatte, schlecht aussehen lassen. Lange Zeit hat man von den Niederländern nichts gesehen. Und dann – zackprack – schlägt Robben zu. Eiskalt. Doch postwendend (im wahrsten Sinne des Wortes) gleichen die Aussies durch einen Volley-Hammer von Cahill aus (muss man gesehen haben!). Ja, die Australier liefen, arbeiteten, kämpften – als gäbe es kein morgen. Herrlich anzuschauen. Man fieberte mit dem Underdog mit. Wollte den holländischen Goliath fallen sehen. Kurz durfte man darauf hoffen. Führungstreffer der Australier durch einen (wohlwollenden) Elfmeter. Dann ein Blackout in der australischen Hintermannschaft – und van Persie schlägt Eiskalt zu. Ausgleich. Schlagabtausch. Dann ein Blackout in der niederländischen Hintermannschaft – doch statt den Ball mit dem Kopf über die Linie zu wuchten, nimmt der Australier seine Brust. Kläglich. Im Gegenzug hält einer der jungen Niederländer einfach mal drauf, zieht ab. Tja. Es kommt, wie es kommen muss. Den scharfen Aufsitzer kann der australische Torhüter nicht bändigen. Tor. Führung für Niederlande. Fünfzehn Minuten vor Schluss. Die Australier bäumen sich noch einmal auf. Vergebens. Auch müssen sie ihrem hohen Anfangstempo Tribut zollen. Unverdient verloren, die einen. Unverdient gewonnen, die anderen. So ist das Leben. So ist nun mal Fußball.

Einschub: Da Chile gewonnen hat, sind die Niederländer fix im Achtelfinale. So schnell kann es gehen.

 

Spanien : Chile 0 : 2

Die Epoche des Tiki-Taka ist offiziell zu Ende! Hipp Hipp Hurraaaa! Spanien? Müde. Unkonzentriert. Laufunwillig. Kurz und gut, die Spanier waren in zwei Spielen völlig von der Rolle. Erinnerte es nicht an die WM 2002, als Frankreich – Weltmeister von 1998 – ohne seinem Superstar Zidane in den ersten beiden Gruppenspielen so grottig und lustlos spielten, dass man schon an eine Spielerverschwörung dachte? Wahrlich, die Bilder ähneln sich: in beiden Fällen fehlten den weltmeisterlichen Maestros das innere Feuer (Rocky, anyone?). Und das ist m. E. unentschuldbar.  Hier werden wohl Köpfe rollen und ein Neuanfang gemacht werden müssen. Barcelona war gestern, Athletico bzw. Real Madrid (oder auch Bayern München) ist heute. Fein, fein.

Chile? Zum Zunge schnalzen! Weil die südamerikanischen Spieler ambitioniert und agil die große Chance nutzten. Da funktionierte so gut wie alles. Aber vor allem pressten sie – beinahe pausenlos – gegen den ballführenden Spanier. Das ist ja eigentlich die Ironie der Sache, dass man das Pressing Spaniens respektive Barcelonas kopierte und gegen den Erfinder selbst einsetzte. Warum klappte es früher nicht damit? Weil die Gegner Angst vor der eigenen Courage hatten und weil sie nicht die Physis und Konzentration hatten, dieses Pressing über 90 Minuten aufrechtzuerhalten. Während also die Gegnerschaft Spaniens respektive Barcelonas sonst immer nur in Ehrfurcht erstarrte und mit Mann und Maus brav in der eigenen Hälfte blieb, dachte Chile gar nicht daran und gab ordentlich Gas. Yeah. So gefällt uns das. Interessanter Aspekt ist vielleicht, dass Australien gegen die Niederlande ein ähnliches Konzept beinahe erfolgreich umsetzten konnte. Wir sehen: für den modernen Fußball braucht es nun eine Pferdelunge.

 

Kamerun : Kroatien 0 : 4

Kroaten machen keine Gefangenen! Hui. Die Kroaten ließen nichts anbrennen und zogen ihr offensives Spiel von der ersten bis (im wahrsten Sinne des Wortes) letzten Minute durch. Respekt. Andere Mannschaften hätten nach dem zweiten oder zu mindest dritten Tor drei Gänge runter geschalten und nur noch Stehfußball gezeigt. Nicht so die Kroaten. Sie schienen wie von der Leine gelassen. Vielleicht haben sie auch nur Blut geleckt. Wie auch immer, die Afrikaner müssen sich nun verabschieden. Die dümmste Aktion des Spiels steuerte Routinier Alex Song von Kamerun bei, in dem er den vor ihm laufenden Mandzukic mit der Faust in den Rücken schlug. Selten dämlich. Weil Faustattacken immer strenger geahndet werden als beispielsweise Beinattacken. Es heißt ja Fuß- und nicht Faustball. Der Ausschluss in der 40. Minute beim Stand von 1:0 war wohl der letzte Sargnagel für die Afrikaner, die wohl so oder so unter die kroatischen Räder gekommen wären – aber vielleicht wäre die Niederlage nicht so klar ausgefallen. Nun kommt es am Montag zum kroatisch-mexikanischen Schlagabtausch. Die Kroaten sind heiß. Die Mexikaner nach ihrem ertrotzten Unentschieden gegen Brasilien sowieso. Als Ex-Habsburger muss ich natürlich den Kroaten die Daumen halten. Dass sie einen sichtlich angezählten Gegner mit Volldampf aus dem Stadion schießen wollten, ist wohl vornehmlich ihrer Brasilien-Elfmeter-Frustration zuzurechnen. Aber wer weiß, vielleicht machen die Kroaten einfach keine Gefangenen.

WM2014: Tag #4

Der vierte Spieltag barg keine Überraschungen. Frankreich und Argentinien, genauso wie die GoalControl zeigten, dass sie ordnungsgemäß funktionierten. Einzig die Schweiz zitterte sich zu einem Sieg in letzter Sekunde. Nicht verdient, aber bei einer WM zählt nun mal nur das Ergebnis. Take it or leave it.

 

Schweiz : Ecuador  2 : 1

Das Glück ist ein Vögli! Meine Güte, was müssen die Eidgenossen auch in der letzten Sekunde der Spielzeit noch den Siegestreffer erzielen. Weil sich Ecuador gut verkauft hat, weil sie sich einen Punkt verdient hätten, so aufopfernd, so lauffreudig, wie sie sich präsentiert haben. Und sah es nicht sogar lange Zeit so aus, als würden die Schweizer noch gar nicht in Brasilien angekommen sein? Viele Abspielfehler, viel Nervosität, viel Unsicherheit. Ecuador, ganz im Gegenteil, witterte die Chance und presste gegen das schweizer Tor. Die logische Folge war der Führungstreffer – der aber dem Spiel der Südamerikaner gar nicht so gut getan haben dürfte, schalteten sie einen Gang zurück und lauerten primär auf Konter. So verging die erste Halbzeit, ohne dass die Schweiz unter Druck geriet und sich so mental aufrichten konnte. Die logische Folge – obwohl im Fußball ja bekanntlich nichts logisch ist – war der Ausgleich, knapp nach Beginn der zweiten Halbzeit. Nun waren es die Schweizer, die das Spiel in den Griff bekamen und den Gegner, der sich immer weiter zurückzog, dominierten. Spielerisch und kämpferisch war Ecuador natürlich noch immer präsent, zeigten die Spieler gute Aktionen, aber das Momentum ging lange Zeit auf die Schweizer über, die sich viele Chancen erarbeiteten. Doch gegen Ende des Spiels schlich sich bei den Eidgenossen wieder die Unsicherheit ein – nicht wissend, ob man noch einmal alles riskieren oder mit dem Unentschieden zufrieden sein sollte. Ecuador setzte nach, erkämpfte sich wieder Chancen (was die Schweizer wohl noch nervöser machte) und das Spiel stand auf Messers Schneide. Und dann, bereits in der Nachspielzeit, ein Konter von Ecuador … und um Haaresbreite wäre der Siegestreffer für die Südamerikaner gefallen; tja, dumm gelaufen, weil im Gegenzug (und der letzten Aktion im Spiel), man will es gar nicht erst glauben, die Schweizer den Ball ins gegnerische Tor beförderten. Schlapperlot. Sollten sich die Eidgenossen gegen Honduras keine Blöße erlauben, sind sie im Achtelfinale. So einfach kann es gehen.

 

Frankreich : Honduras  3 : 0

Die GoalControl funktioniert! Vive la France! Oh lala, wer hätte gedacht, dass die Franzosen so fulminant in eine WM starten würden. Zugegeben, die ersten zehn Minuten musste man das Schlimmste für die Deschamps-Mannen fürchten, da spielte Honduras frech und fröhlich nach vorne und ließ die Équipe Tricolore ziemlich alt aussehen. Aber nach zehn Minuten war die Hackordnung wieder hergestellt und die Franzosen legten einen Gang zu. Im Besonderen hat mir der kleine Valbuena gefallen, der auf der rechten Angriffsseite ordentlich wirbelte. Respect! Aber so ganz abschütteln konnten die Franzosen ihre (vermutlich in der Muttermilch aufgesogene) Undiszipliniertheit nicht – kurz gingen die Wogen hoch, als Paul Pogba, bereits am Boden liegend, nach seinem Gegenspieler trat. Der Schiedsrichter hätte hier durchaus die rote Karte zeigen können. Und wer weiß, was dann geschehen wäre. Nein, nicht das Honduras wirklich eine Chance gehabt hätte (sie mussten ihrerseits ab der 43. Minute einen Mann vorgeben), vielmehr hätte das fragile Gefüge der Franzosen ordentlich gelitten. Es wird sich im Laufe der WM zeigen, ob Trainer Deschamps, mehr Republikaner als Despot, seine multinationale Truppe im Griff haben wird. Falls ja, dann können sie weit kommen. Honduras? Ambitioniert. Ob sie, wie vor vier Jahren, den Schweizern ein Unentschieden abringen können, hm, bezweifle ich. Aber im Fußball soll ja bekanntlich alles möglich sein. Ach ja, die Torlinientechnologie, von mir ein wenig belächelt, hat in diesem Spiel gezeigt, dass sie funktioniert und in einer strittigen Situation richtig zu entscheiden weiß. Freilich, wäre das reguläre Tor nicht gegeben worden, es hätte in diesem Spiel keinen Unterschied gemacht – die Franzosen dominierten so und so. Aber gut zu wissen, dass die Technik auf der Seite der Gerechtigkeit ist. Oui, oui.

 

Argentinien : Bosnien-Herzegowina 2 : 1

Messi? Messi! Auch das zweite kakanische Team, neben Kroatien, nicht gerade vom Glück verfolgt. Ist es ein habsburgischer Fluch, der auf ihnen lastet? Nach wenigen Minuten prallt der Ball von einem Bosnier ins eigene Tor. Dumm, so ein frühes Eigentor. Noch dazu gegen Argentinien und Superstar Messi – der über weite Strecken recht lustlos wirkte, aber dann und wann seinen Turbo zündete und – äh, ja, die logische Schlussfolgerung – ein Tor erzielte. Der Anschlusstreffer, fünf Minuten vor dem Ende, ließ einen Hauch von Spannung aufkommen, aber irgendwie hatte man das Gefühl, dass die Bosnier nicht wirklich wollten (oder konnten?). Wie dem auch sei, die Vorstellung des kakanischen Teams hat mir gefallen – mehr Kollektiv, denn Einzelspieler, spielten sie in der ersten Hälfte gut mit, ließ sich Argentinien von ihnen zu sehr in die Defensive drängen. Mit dieser Leistung sollten die Bosnier ohne Probleme die Gruppenphase (gegen Iran und Nigeria) überstehen und im Achtelfinale (höchstwahrscheinlich) auf die Franzosen treffen. Die Argentinier werden es wohl mit der Schweiz zu tun bekommen. Wirklich überzeugt haben mich die Südamerikaner nicht. Ihr Prunkstück ist natürlich die Offensive und falls diese – gut geölt – funktioniert, zerlegen sie mit Sicherheit jede Mannschaft. Doch die Defensivabteilung – und da vor allem  Torhüter Romero, der nur zweite Wahl beim AS Monaco ist – mag das Zünglein an der Waage sein. Die Bosnier zeigten, wie man gegen Argentinien ein Tor macht und mit Pressing die Spiellaune der Stars vermiest. Aber wehe, du gibst einem Messi, einem Aguero, einem DiMaria oder einem Higuain zu viel Platz, dann heißt es: bitte anschnallen, Zug fährt ab. In den nächsten beiden Spielen werden sich die Argentinier natürlich noch mehr einspielen, noch mehr zeigen, was sie können. Erst wenn sie es im Viertelfinale mit Frankreich zu tun bekommen, wird man sehen, wie stark die argentinische Mannschaft wirklich ist.

EM 2012 – Spieltag 2 – NL : DEN – fliegende Holländer und dänische Silvesterkracher

Niederlande : Dänemark 0 : 1

Wieder der Rückgriff auf vergangene Turniere. Damals, 1992, wurden die dänischen Nationalspieler aus dem Urlaub zurückgeholt, weil in Jugoslawien ein Bürgerkrieg ausbrach (über diesen gäb’s vermutlich auch viel zu erzählen – aber es sollte der Hinweis auf die Serbische Mafia und dem CIA genügen, um zu wissen, dass in der Politik nichts ist, wie es scheint) und die Nationalmannschaft von der damalig stattfindenden Europameisterschaft ausgeschlossen wurde. An deren Stelle rückte Dänemark nach. Hier ist wieder der Beweis, dass Fußball vorrangig im Kopf entschieden wird, nicht unbedingt in den Beinen. Die Dänen, sie hatten ja nichts zu verlieren, spielten einfach unbekümmert nach vorne und schüchterten so ihre Gegner vollends ein. Ja, die anderen, die sich den Sieg in allen Farben ausmalten, hatten viel zu verlieren. Und so agierten die Gegner der Dänen wie die Maus vor der Schlange: stehenbleiben, ja nicht bewegen. Kurz und gut: die Dänen zündeten ein Offensiv-Feuerwerk, was die Presse und die Fans mit Freude zur Kenntnis nahmen. Danish Dynamite wurde zum geflügelten Wort. Noch mehr, als die Dänen, überraschend, den Pokal mit nach Hause nahmen (nur geborgt, für vier Jahre, gell).

In der Gegenwart erinnerte nichts mehr an das dänische Dynamit, eher an einen lauten Silvesterkracher. Man sollte diesem aber bitteschön nicht achtlos begegnen. Die Warnhinweise auf der Packung hätten der holländischen Nationalmannschaft vermutlich angeraten, den Kracher nicht zu nahe am eigenen Tor zu zünden. So kam, wie es komme musste, wenn dieser – uns schon so bekannte – mäßig talentierte Drehbuchschreiber in die Tasten klopfte: Die Holländer spielten und stürmten und zauberten – die Dänen machten das entscheidende Tor. Das ist eigentlich schon das Ende der Geschichte. Gut, vielleicht wäre die Sache anders ausgegangen, hätte Robben nicht die Stange getroffen, hätte van Persie nicht vor dem dänischen Tor zwischen Schusspech und Unfähigkeit gependelt. Aber so ist das, im Fußball: Wer die Tore nicht schießt, bekommt sie (äh, ja, diese lauen Fußballweisheiten muss man immer wieder ausgraben; nur dann erweist man sich als richtiger Fußball-Experte).

Apropos Robben. Kommt es mir nur so vor, oder ist seine ego-zentrierte Überheblichkeit mehr Problem, denn Lösung für das Team? Ich meine, wenn ein Top-Spieler von zehn Spielen ein oder zwei durch seine Qualitäten entscheidet, aber dafür die anderen acht – mehr oder weniger – in den Sand setzt, dann bin ich mir nicht sicher, ob es für die Mannschaft förderlich ist, solch einen Spieler im Team zu haben. Aber was rede ich – ein Arnautovic im österreichischen Nationalteam ist da vermutlich nicht anders als Robben. Vielleicht muss man diese störrischen Einzelkämpfer akzeptieren. Hach, da fallen mir wieder die damaligen Ostblock-Mannschaften ein, die als Kollektiv aufgetreten sind und wo keiner wirklich herausragen durfte – während die Westblock-Mannschaften ihre Stars hegten und pflegten. Ja, so war das damals. Schätze, den Holländern fehlt ein wenig der Kollektiv-Gedanke. Tja. Das ist wohl der Nachteil einer liberalen (Fußball-) Politik, nicht?

Und die Dänen? Machten viel Lärm. Mehr war eigentlich nicht zu sehen. Ihre nordische Abgebrühtheit war leider nur gespielt (wie man bei dem Tormann-Abschlag zu Robben gesehen hat). Aber mit einem Sieg im Gepäck spielt es sich mental natürlich lockerer. Sagte ich schon, dass Fußball im Kopf entschieden wird?

EM 2012 Spieltag 1 – RUS : CZK – Prager Frühling

RUSSLAND : TSCHECHIEN 4:1

Eigentlich können wir es kurz machen, erinnert das Spiel doch frappant an den Prager Frühling von 1968 in der damaligen CSSR. Zu aller erst wähnte man die Tschechen im Vorteil. Vielleicht weil man sie immer auf der Rechnung haben musste. Aber diese tschechische Mannschaft, naja, dürfte wohl schon längst ihren Zenith überschritten haben. Vermutlich passierte es bei der EM 2008 als (aha, schon wieder die Türken), als sie sich schon als Sieger sahen, um dann noch in den letzten Minuten nicht nur den Ausgleich, sondern auch den türkischen Führungstreffer zu kassieren. Der Startorhüter Chech patzte damals – und ich befürchte, die vier Jahre, die dazwischen liegen, haben ihn nicht besser gemacht. Aber so ist das. In der Vereinsmannschaft (FC Chelsea) hui, in der Nationalmannschaft pfui (wobei, was hätte er schon gegen die russische Übermacht tun können? Hätten dem russischen Stürmer Kherzakov nicht das Schusspech auf seinen Schuhen geklebt, wär’s für die Tschechen ganz, ganz bitter geworden).

Also? Wie gesagt, wir machen es kurz und bündig. Die Tschechen träumten und die Russen marschierten. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass die tschechischen Spieler einen Fußball spielten, den schon die Österreicher vor zehn Jahren ad acta gelegt haben: einfach aufs Geratewohl spielen und laufen und sich gar keine ernsthaften Gedanken über Taktik und Mannschaftsgefüge zu machen. Aber vielleicht waren sie – wie 1968 – überrascht, dass die Russen ernst machten.

Jetzt müsste ich natürlich über das russische Angriffsfuriosum Lobreden halten, aber um ehrlich zu sein, der tschechische Hühnerhaufen war keine große Herausforderung. Eher könnten die Griechen den Russen zeigen, wie man eine Flutwelle ordentlich bricht. Aber weil Fußball nun mal vorrangig im Kopf entschieden wird, also mental, werden wir wohl wieder ein polnisch-russisches Déjà-vu erleben. Ist zwar schon eine Weile her und die Deutschen halfen damals kräftigst mit, aber im nationalen Unterbewusstsein der Polen ist er noch immer präsent, dieser heimtückische Überfall aus dem Osten. Aber wollen wir besser die Kirche im Dorf und die Geschichtsbücher im verstaubten Bücherregal belassen. Sagen wir einfach: Wenn die Russen aufmarschieren, sollten sich die Gegner warm anziehen. Ein Glück, dass Griechenland reich an heroischen Abwehrkämpfen ist. Da reichen dann schon mal nur 300 Recken, um eine Armee für eine Weile aufzuhalten. Dumm, dass Persien nicht bei der EM mitspielt.

Ausblicke in eine nahe Zukunft

Heute beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Wenn alles klappt, werde ich wieder versuchen, die Spiele aus einer bloggenden Perspektive nachzubetrachten, so wie ich es schon bei der EM 2008 in Wien und der WM 2010 in Südafrika in aller Breite und Länge gemacht habe. Übrigens mit A. die Europameisterschaft am PC mittels der FIFA 2012 Erweiterung von EA gespielt. Am Ende setzte sich Tschechien klar gegen Spanien durch und wurde Europameister. Na, ist freilich nur ein Spiel. Leider kein gutes. Völlig überteuert. Und dass man zu zweit kein Turnier erstellen kann, also, was haben sich da die Spiele-Entwickler nur gedacht? Vermutlich gar nichts. Ich schätze, die Führungsriege hat ordentlich Druck gemacht, um die Software rechtzeitig fertigzustellen. Am Ende ist es wieder einmal der Konsument, der ziemlich blöd durch die Finger schaut. Freilich, man hätte es nicht kaufen müssen. Aber wenn wir immer auf diese Weise argumentieren, da wird man uns früher oder später den größten Dreck vorsetzen und dazu kühl lächelnd anmerken: Take it or leave it.

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«Es ist meine Grundthese, dass der menschliche Verstand nicht dazu geeignet ist,
menschliche Sozialsystem zu verstehen.«
Jay Forrester
Behaviour of Social System (1971)

»Die Wirkungsweise unseres Wirtschaftssystems kann man überhaupt nicht
verstehen,wenn man nicht die Eigentümlichkeiten begriffen hat,
die das Geld mit sich bringt.«
Wilhelm Röpke
Die Lehre von der Wirtschaft (1937)

Die letzten Tage begonnen, am systemkritisch-konspirativen Sachbuch herumzutun. Gar nicht einfach, altes Geschreibsel mit neuem zu Verquicken. Weil alles so dicht verwoben ist, alles mit allem interagiert, verliere ich oft den Faden und die Lust, Ausführung auf Ausführung zu stapeln. Wenn ich also postuliere, dass GELD das größte Problem darstellt, dann ist es nur bedingt richtig – weil Geld per se weder gut noch schlecht ist. Wichtiger ist vielmehr, was wer mit Geld tut bzw. anderen antut. Weiters ist die Frage, woher das Geld kommt, wer es verteilt/ausgibt und wer letztendlich davon im höchsten Maße profitiert, zu beantworten. Aber will man die Zusammenhänge erklären, muss man unweigerlich in die Wirtschaftspolitik eintauchen, die wiederum äußerst politisch ist, aber vordergründig zumeist nichts mit Politikern zu tun hat. Und dann gibt es ja noch die Eigendynamik des Systems an sich – weil es sich so verhält, dass jedes System versucht, am Leben zu bleiben. Will man das System bekämpfen, hilft es nicht, irgendwelche Köpfe abzuschlagen – die wachsen doppelt so schnell nach und sind noch giftiger als wie jene zuvor. Mein vorläufiger Lösungsansatz sieht vor, dass man der System-Hydra die Lebensgrundlage entzieht – und die ist nun mal GELD. Im Gegensatz zum Menschen, dessen Lebensgrundlage keine Münzen, keine Scheine sind (auch wenn man es uns glauben machen möchte).

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Also gut, kommen wir zu Handfesterem und zu den Breuerschen Herbstnovitäten, als da wären: Madeleine, Der Fetisch des Erik van der Rohe und Rotkäppchen 2069B.