Schlagwort-Archive: fußballtaktik

EM: Resumee der Gruppenspiele

Heute beginnt also das erste Viertelfinalspiel. Zeit, die Gruppenspiele durchzudenken.

Die WM 2006 in Deutschland hat kaum attraktiven Offensiv-Fußball geboten (am besten zeigt es sich daran, dass mir die Deutsche Mannschaft gut gefallen hat – aber seit wann spielt eine deutsche Mannschaft attraktiv?), aber man konnte schon erahnen, wie das Spielsystem der Zukunft aussehen wird: der wichtigste Spieler am Feld ist nicht mehr der Stürmer, der Spielmacher, sondern der Außenverteidiger. Vor Jahren wäre es wohl nicht denkbar gewesen, dass ein Philipp Lahm als Verteidiger ein Dribbling an den gegnerischen Strafraum macht, sich ein Herz nimmt und den Ball ins Kreuzeck schlenzt. Und war es nicht Grosso, der italienische Flügelverteidiger, der die Deutschen in der Verlängerung aus allen Träumen schoss?

Holland hat mit van Bronckhorst einen Flügelverteidiger der Extraklasse. Gegen Italien wehrt er noch den Ball auf der Torlinie ab, schaltet sich in den Konter ein, sprintet etwa 80 Meter, bekommt den Ball, flankt ihn quer übers Feld zu Kuyt, der legt auf für Snejder und dieser wiederum knallt den Ball volley ins Netz. Die Russen machen es nicht anders. Die Außenverteidiger Zhirkov und Anyukov spielen die behäbige schwedische Abwehr schwindlig oder überlaufen sie. Sind die Schweden im Ballbesitz, stehen die beiden wie von Zauberhand wieder auf ihrem angestammten Platz und machen den Raum eng bzw. attackieren den gegnerischen Flügelspieler vor dem eigenen Strafraum. Beinah könnte man meinen, die Russen oder Holländer hätten immer zwei oder drei Spieler mehr am Feld („bitte durchzählen“), derweil ist es „nur“ Laufbereitschaft und Spielverständnis, gepaart mit einer sehr guten Kondition.

Aber nicht nur die Außenverteidiger können und sollen sich in den Angriff einschalten. Auch von so manchem Innenverteidiger kann eine Torgefahr ausgehen. Der Portugiese Pepe hat gegen die Türkei sein Tor gemacht. Puyol dribbelt bei der WM durchs halbe Feld und legt mustergültig für Torres auf. Vermutlich ist die Zeit der Abwehr-Dinosaurier bald Geschichte. Deutschland spielt ja mit zwei Basketballern in der Defensive, die normalerweise gegen jedes schnelle Dribbling auf verlorenen Posten stehen müssten. Die Kroaten haben es vorgezeigt. Die Portugiesen werden es wohl nachmachen. So lange sich die Abwehr um den eigenen Strafraum zusammenzieht, mit den (defensiveren) Mittelfeldspielern den Raum für den Gegner eng macht, braucht es „nur“ ein gutes Stellungsspiel, Robustheit und ein gutes Auge. Damit hat Deutschland, Italien, Frankreich bis jetzt gut leben können. Aber wehe, man gerät in Rückstand, muss plötzlich das Spiel machen. Dann merkt man die Anfälligkeit dieser Dinosaurier. Ähnlich erging es ja Griechenland. Bei der EM 2004 haben sie nie das Spiel machen müssen, weil sie (bis auf einmal) immer in Führung gingen und hinten dicht machten. Vier Jahre später kommen sie in Rückstand und plötzlich ist ihr Defensiv-Bollwerk für ihr Offensiv-Spiel nur noch ein Klotz am Bein.

Früher musste ein Verteidiger kein Techniker sein. Ein Raubein war gerade gut genug. Kondition brauchte er auch nicht. Wofür auch? Er blieb immer am Strafraum, knallte konsequent die Bälle oder die Gegenspieler weg. Pasta. Italien war berüchtigt für ihre Beton-Abwehr. Heute haben sie Probleme, gute Abwehrspieler zu rekrutieren, was wiederum zeigt, wie hoch die Anforderungen geworden sind (und wie sie diese Veränderung verschlafen haben – genauso wie Frankreich).

Im Vereinsfußball spielt Arsenal London ein holländisches System (4-2-3-1) und das gar nicht mal schlecht, wenn man bedenkt, wie jung (und unerfahren) diese Mannschaft im internationalen Geschäft ist. Was ihnen zur europäischen Spitze fehlt ist ein Spitzenstürmer, der die Dinge reinmacht. Wahrlich ein Jammer, dass Henry nach Spanien gegangen ist. Im Übrigen würde ich sagen, dass ManU und Chelsea ein ähnliches Spielsystem haben (deshalb muss ein Shevchenko zu meist auf der Bank sitzen, weil es nur Platz für einen Strafraumstürmer gibt und den Job macht Drogba wohl besser).

Es sieht also danach aus, dass immer weniger Strafraumstürmer gebraucht werden (aber wenn sie zum Einsatz kommen, hängt sehr viel an ihnen), dafür geht die Anforderung an die Verteidiger, sich in die Offensive einzuschalten und an die Mittelfeldspieler, auch den Torabschluss zu suchen, wie man bei Robben, van der Vaart, Snejder, Arshavin, Ballack, Podolski, Srna, Ronaldo usw. gut gesehen hat.

Sieht so aus, als würden viele Stürmer umlernen müssen (das Arbeitsamt bietet noch keine Umschulungen an, soweit ich weiß). Ja, wenn Luca Toni im Nationalteam weiterhin alle Torchancen vernebelt, dann wird er sich bald neben Materazzi einfinden. Ein paar Tätowierungen bräuchte er aber noch.